Einführung in StealthCrime II 
"Chinese Walls"

Eines der grundlegenden Organisationsprinzipien von Geheimdiensten ist die Abschottung - nicht nur nach außen, sondern auch intern. Keine Abteilung darf wissen, was die andere tut; welche Agenten sie einsetzt und mit welchen Zielen. Sitzt in einer Abteilung ein Maulwurf, dann ist der Schaden auf diese Abteilung begrenzt und erfasst nicht den ganzen Dienst. 

 

Das Gebot der Abschottung gilt natürlich für alle Organisationen, die konspirativ arbeiten, also eigentlich auch für das Organisierte Verbrechen. Aber die Mafia - und ihre Schwesterorganisationen - war aber nie besonders gut darin, weil sie eigentlich eine Solidargemeinschaft ist und auf Familienstrukturen beruht. Statt auf Abschottung setzte sie auf bedingungslose Loyalität, die absolute Macht des Don und das Gebot der Omertá. Diese archaischen Prinzipien haben das organisierte Verbrechen lange Zeit geprägt. 

 

Seit der Jahrtausendwende ist allerdings Bewegung in die Sache gekommen. An die Stelle großer hierarchischer Strukturen sind kleinere und flexible Einheiten getreten. 

 

Vor allem aber haben die Paten von den Konzernen das Prinzip des Outsourcings übernommen. Elektronische Aufklärung, Passfälschung oder Geldwäsche werden heute von Spezialisten übernommen, die einen festen Preis oder einen Prozentsatz des Gewinns nehmen. Kriminologen nennen die Spezialisierung „Crime as a Service“ - CAAS. Der Trend ist nicht nur betriebswirtschaftlich sinnvoll, sondern auch unter dem Gesichtspunkt der Abschottung. Dienstleister, die von außen kommen, haben keine Kenntnis von den internen Strukturen der kriminellen Organisation - und können damit auch wenig verraten. Und sollten sie verhaftet werden, ist der Schaden für die eigene Organisation gering. 

 

Für unser Projekt ist „Crime as a Service“ die ideale Methode, um unsere komplexen Geschäfte durchzuziehen. Bis jetzt haben wir bereits fünf Dienstleister genutzt. Keiner von ihnen kennt das Gesamtprojekt und keiner weiß, wozu seine Dienstleistung dient. Auch untereinander kennen sich die Dienstleister nicht. Damit haben wir aber nicht nur Personen voneinander abgeschottet, sondern auch die einzelnen Phasen unseres kriminellen Projekts. Keiner kennt den Masterplan. Ohne den aber bleibt unser Verbrechen unsichtbar wie dunkle Materie - und kein Staatsanwalt kann aus dunkler Materie jemals eine Anklage formulieren. 

 

Kurzer Rückblick auf die Dienstleister. Der erste hat uns aus Leaks und aus öffentlichen und privaten Quellen die Handynummern und IP-Adressen unserer Zielgruppe besorgt; der zweite hat mit diesen Daten alle Kandidaten mit auffälligem Surfverhalten rausgefiltert. Der Dritte hat Handynummern aus der Datenbank des Mobilfunkproviders extrahiert, die zum sozialen Umfeld unseres Targets gehören. Der vierte hat die Werbekampagne gemanagt und die Algorithmen von Facebook, Instagram und LinkedIn manipuliert. 

 

Unser fünfter Dienstleister führt uns in die analoge Welt. Es ist eine Detektei. Sie sorgt dafür, dass gelbe Enten am Wegesrand liegen oder Werbeprospekte für Badewannen im Briefkasten. Dass der Kellner Kassler empfiehlt, oder Passanten im Vorübergehen von Kevin Spacey sprechen. Dass Postkarten mit der Meerjungfrau ankommen. Manchmal ziehen Kindergartengruppen laut singend am Target vorbei und gleich darauf Polizeiwagen mit Blaulicht. Häufig tragen finstere Männer bei schlechtem Wetter Sonnenbrillen, und Shopper Tüten mit der Kindermodemarke „Petit Bateau“. Andere Passanten haben die Hände auf dem Rücken verschränkt - so wie Leonardo di Caprio, als er abgeführt wird in der legendären Schlussszene von „Catch me if you can“. 

 

All das ist das Werk unserer Detektei. Sie beschäftigt Profis, die ihre Botschaften mit viel KnowHow und psychologischem Feingefühl kreieren. Sie kennen nicht nur die Handbücher der Stasi, sondern die abendländische Kulturgeschichte von Aristoteles bis Justin Bieber. Und damit einen nahezu unerschöpflichen Fundus an Symbolen, die man zielgruppengerecht auswählen kann. 

 

Wo findet man einen solchen Dienstleister? Natürlich kann ich hier keine Adresse nennen. Aber ich werde die Branche mal kurz beschreiben, damit ihr wißt, auf was ihr bei der Auswahl achten müßt. Die professionellen Detekteien firmieren als Security Companies oder „Private Intelligence Agencies“ und haben oft mehrere hundert Mitarbeiter. In vielen Fällen haben sie Verbindungen zu den Sicherheitsbehörden ihrer Heimatländer und rekrutieren ihre Fachleute aus deren Personalbestand. Beispiel für einen solchen Sicherheitskonzern ist Black Cube Strategy Ltd. Mit Standorten in London, Tel Aviv und Madrid. Das Unternehmen wurde 2010 von Dan Zorella und Ali Yanus gegründet, zwei ehemaligen Agenten des israelischen Militärgeheimdienstes, IDF Intelligence Directorate. Nach eigenen Angaben helfen sie Konzernen und Oligarchen im Kampf gegen White Dollar Crime und haben für ihre Kunden Milliarden an veruntreuten Geldern wieder beschafft. Offensichtlich sind die beiden bei der Wahl ihrer Klienten und Methoden nicht zimperlich: in den USA haben sie versucht, den Sexualstraftäter Harry Weinstein rauszuboxen, indem sie diskreditierendes Material über Zeuginnen der Anklage sammelten; in Rumänien wurden zwei Mitarbeiter wegen Belästigung und Hacking verurteilt. Für uns hat Black Cube also die richtige Arbeitsmoral. Und es ist mit seinen 340 Mitarbeitern groß genug, um weltweit Aufträge auszuführen. 

 

Neben Black Cube gibt es in der Oberliga der Private Intelligence Branche eine ganze Reihe ähnlicher Firmen, die für gut zahlende Kunden arbeiten und wegen ihrer Verbindungen zu den Sicherheitsbehörden eine gewisse Bewegungsfreiheit haben. Ihnen allen ist gemeinsam, dass sie bei der operativen Arbeit bereit sind, die Gesetze großzügig auszulegen: in Großbritannien zum Beispiel Control Risk Ltd und Diligence LLC, in den USA Pinkerton, in Frankreich die DSI-Group mit Fokus Frankreich und Nordafrika.

 

In Deutschland hat sich ein Team aus Ex-BKA-Beamten und ehemaligen Geheimdienstlern einen gewissen Ruf erarbeitet. Dazu gehören der frühere Chef des BND, August Hanning, und Hans-Georg Maaßen, früher Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz. Die Creme de la Creme der deutschen Sicherheitsbehörden. Und gleichzeitig eine Hochburg der Skrupellosigkeit. 

 

In den Nuller-Jahren arbeitete die Ex-Polizisten unter dem Dach der Prevent AG. Einer ihrer größten Auftraggeber war die HSH-Nordbank, mehrheitlich im Besitz der Bundesländer Hamburg und Schleswig-Holstein. In der Finanzkrise wollte Vorstandschef Jan Dirk Nonnenmacher, eine etwas autistische Figur mit zurückgelegten Haaren, seinen New Yorker Statthalter Roland K. loswerden und dessen Millionenabfindung sparen. Nonnenmacher setzte zunächst den Wirtschaftsprüfer PWC auf K’s Spesenabrechnungen an, und als das zu keinem Ergebnis führte, die Agenten der Prevent AG. Die Ex-Polizisten inszenierten eine groß angelegte Razzia in der New Yorker Filiale und fanden versteckt im Bilderrahmen von K’s Familienfoto die Zugangsdaten für eine Kinderpornoseite, darunter das Passwort „000Robi“. Nonnenmacher bekam damit den Grund für eine fristlose Kündigung in die Hand.

 

Aber Prevent hatte nicht professionell genug gearbeitet: die New Yorker Polizei fand keinerlei Beweise für eine Schuld des Bankmanagers, sondern Indizien für das Gegenteil: dass er Opfer einer Intrige geworden und die Beweise gegen ihn gefälscht waren. Und so kehrten sich die New Yorker Ermittlungen gegen die mutmaßlichen Drahtzieher: den Vorstand der Prevent AG und Bankchef Nonnenmacher. In Deutschland eröffnete die Staatsanwaltschaft Kiel ein Verfahren. Am Ende kommen alle ohne Prozess davon - so wie es sein soll. 

 

Der Name „Prevent“ ist allerdings verbrannt und deshalb tauchen dieselben Leute bald unter anderer Firmierung wieder auf: System 360 AG eingetragen ins Handelsregister Luzern. Ein Neuanfang, doch nicht für lange.

 

Im März 2018 wird auf Bernhard Günther, den Finanzvorstand des Energiekonzern Innogy, ein Säureattentat verübt, das er nur knapp überlebt. Die Täter entkommen unerkannt, und das Opfer beauftragt System 360 mit der Suche. Innogy setzt 80.000 Euro als Kopfgeld aus. Schon bald präsentieren die Detektive einen Verdächtigen und informieren die Presse über von ihrem Erfolg. Den Schlagzeilen folgt Ernüchterung: die DNA paßt nicht zum Täter, System 360 hat unsauber gearbeitet. 

 

In der Silvesternacht 23/24 werden die Enkel des bekannten Hamburger Unternehmers Eugen Block, Gründer der Block-Haus-Kette, im Zusammenhang mit einer häßlichen Scheidungsgeschichte aus Dänemark entführt und tauchen kurze Zeit später wohlbehalten bei Blocks Tochter Christina wieder auf. Die Hamburger Staatsanwaltschaft nimmt Ermittlungen wegen Kindesentführung auf, und es stellt sich heraus, dass System 360 den Auftrag zur Entführung an eine Firma mit ähnlichem Namen durchgeleitet hat. 

 

Bereits vorher war das Firmenkonstrukt selbst ins Visier der Öffentlichkeit geraten. Der STERN deckt 2020 auf, dass die Schweizer System 360 AG nur eine Briefkastenfirma ist, das operative Geschäft finde in der deutschen Tochtergesellschaft statt - in der Berliner Schlüterstraße. Rechtlicher Hintergrund: Schweizer Aktiengesellschaften müssen ihre Aktionärsliste nicht offenlegen, und so dient die Konstruktion mutmaßlich dazu, die Identität der Hintermänner zu schützen. Die Spuren weisen nicht nur zu den deutschen Geheimdienstlern Maaßen und Hanning, es gibt auch personelle Verbindungen ins Oligarchen-Milieu von London, Berlin und Moskau. Ex-BND-Chef Hanning ist zudem in eine Geldwäsche-Affäre um eine lettische Bank verwickelt, an eine russischer Oligarch wesentliche Anteile hält.

 

Warum beschreibe ich das so genau? Wir erkennen an der Geschichte von System 360, dass es auch in Deutschland ein Ökosystem von Dienstleistern gibt, die für Geld fast alles machen. Und die in der Grauzone zwischen offizieller Wirtschaft, Sicherheitsbehörden und Unterwelt arbeiten.

 

 Das gibt uns das Vertrauen, auch mit ungewöhnlichen Anliegen an solche Firmen herantreten zu können. Die Geschichte zeigt außerdem, dass diese Netzwerke weitreichende Allianzen mit den Mächtigen dieser Welt bilden und selbst dann davonkommen, wenn sie Fehler machen. Das schützt natürlich auch die Auftraggeber. 

 

Die letzte Lehre, die uns die Geschichte von System 360 gibt, ist aber auch eine Warnung: hüte dich vor Dilettanten. Die Tatsache, dass diese Firma so oft Negativ-Schlagzeilen gemacht hat und wiederholt in den Fokus der Staatsanwälte geriet, ist keine Empfehlung. Man muß schon genau hinschauen, mit wem man sich einläßt. Am besten sind solche Dienstleister, von denen die Öffentlichkeit noch nicht einmal ahnt, dass sie existieren. 

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