Geschichte des KGB
Fishing for Secrets

Während Gorbatschow seine Perestroika proklamiert, gibt KGB-Auslands-Chef Krjutschkow den Befehl, die Eliten des Westens auf Kompromat zu durchleuchten. Eine Order, die Folgen hat bis in die Gegenwart.

 

Es war kurz nach fünf als die Signallampe des schwarzen Telefons auf dem Schreibtisch von Wladimir Krjutschkow aufleuchtete. Der Chef des Ersten Direktorats des KGB hatte diesen Anruf erwartet. Es war ein kurzes Gespräch. Nachdem er aufgelegt hatte, ging Krjutschkow zum Fenster und dachte nach. Der Generalsekretär der KPdSU war vor einer Viertelstunde im Moskauer Zentralklinikum an Nierenversagen gestorben - mit 69 nach nur zwei Jahren Amtszeit(1). Juri Andropov war seit langem Krjutschkows Mentor gewesen.

 

Sie hatten sich 1954 an der russischen Botschaft in Budapest kennengelernt und auf Anhieb gut verstanden - der Neuling im diplomatischen Dienst und der Botschafter.⁠(2) Beide waren ehrgeizig, aber immer im Dienst der Sache - der Sowjetunion und des Kommunismus. An beides glaubten sie so wahrhaft, wie gute Katholiken an Gott. Als der Aufstand losbrach und sie von der Botschaft aus beobachten konnten, wie ungarische Rebellen die Agenten der verhassten Geheimpolizei an Laternenmasten aufhängten3, bekamen sie eine Ahnung davon, wie fragil Herrschaft ist, und wie schnell ein Regime stürzen kann. Andropov überzeugte die Parteiführung umgehend, den Aufstand mit Panzern niederzuwalzen.⁠(4)

 

Als Andropov 1957 nach Moskau zurückberufen wurde und seinen Aufstieg an die Spitze von Staat und Partei begann, nahm er Krjutschkow ins Schlepptau und machte ihn später zum Chef der Auslandsspionage. Das war 1974, zehn Jahre später wurde die Dinge schwierig für die Sowjetunion. In Afghanistan, in Osteuropa und vor allem: in der Wirtschaft. 

 

Krjutschkow blickte aus dem Fenster auf den schneebedeckten Lubjanka-Platz, die Straßenbahnen, die dunklen SIL-Limousinen der Apparatschiks und die Bronzestatue von Felix Dserschinski, der die Geheimpolizei der Sowjetunion 1917 gegründet hatte. Die „Tscheka“, aus der später der KGB hervorging, war das Schwert der Partei. Vor allem gegen ihre Feinde im Inneren, gegen Abweichler, Dissidenten, Non-Konformisten. In mehreren Wellen hatte die Geheimpolizei Hunderttausende ermordet und Millionen in die Lager Sibiriens geschickt. Am grausamsten unter Stalin, der in Sichtweite der Statue das kitschige Kinderkaufhaus Detskiy Mir errichten ließ - ein Monument der Heuchelei. 

 

Krjutschkow kannte die Geschichte des Stalinismus und die Rolle seiner Organisation darin - und er verteidigte beides. Die Lockerungen, die Chruschtschow und Breschnjew durchgesetzt hatten, hielt er für einen Fehler, weil sie die Idee des Kommunismus schwächten. Krjutschkow war gebildet und höflich, aber im Herzen war er ein Stalinist.(5) 

 

Und als solcher war er beunruhigt über die Entwicklungen der letzten Zeit: in Afghanistan wurden die sowjetischen Truppen von barfüssigen Paschtunen mit amerikanischen Stinger-Raketen bedrängt; in Polen wiegelte ein charismatischer Werftarbeiter die Bevölkerung gegen Moskau auf; im Weißen Haus drohte ein ehemaliger Schauspieler, die UdSSR mittels Wettrüstens in den Bankrott zu treiben. Und auch zuhause liefen die Dinge nicht gut: die Kolchosen lieferten eine Missernte nach den anderen, die Staatsbetriebe verfehlten ihre Produktionsziele, technologisch war die Planwirtschaft hoffnungslos ins Hintertreffen geraten und in den Läden blieben immer mehr Regale leer. 

 

Keine Frage: das sowjetische Imperium befand sich in einer Krise. Moskau würde bald nicht mehr in der Lage sein, die Kosten der Besetzung Osteuropas zu tragen. Schlimmer noch: es war abzusehen, dass die Sowjetunion selbst zusammenbrechen könnte.

 

Krjutschkow hob seinen Blick von der Statue des Tscheka-Gründers und schaute in die breite Prachtstraße, die sich dahinter anschloss, die Avenue der Theater, die Teatralniy. Sie verband den Platz des Geheimdienstes am Bolschoi-Theater vorbei mit dem anderen Machtzentrum der Hauptstadt: dem Kreml. Bis 1732 hatten dort die Zaren geherrscht; 1918 hatten die Kommunisten den verschachtelten Palast übernommen, der jetzt auf einen neuen Herrscher wartete. Und nicht zu vergessen: Napoleon. Auch er hatte dort einen Monat lang gewohnt. Das war 1812, als sich das russische Heer unter General Kutusow kampflos zurückgezogen hatte und dem Kaiser der Franzosen ein verbranntes, geplündertes Moskau hinterließ, in dem die Grand Armee sich nicht versorgen konnte. 

 

Michail Kutusow - der General des Zaren im Großen Vaterländischen Krieg - war mehr und mehr  Krjutschkows Vorbild geworden. Kutusow hatte Napoleon die offene Feldschlacht verweigert, er hatte ihn Moskau einnehmen und damit vermeintlich siegen lassen, um die 500.000 Mann starke französische Armee auszulaugen und damit ihre völlige Vernichtung vorzubereiten. Den Rest besorgte der russische Winter. 

 

Wenn der kapitalistische Westen der Sowjetunion heute so überlegen ist wie Napoleons Armee der russischen damals, musste man nicht eine ähnliche Strategie anwenden? Den Gegner siegen lassen, um ihn schlagen zu können? 

 

Krjutschkow war von diesem Gedanken fasziniert. Er erforderte Verschlagenheit, aber auch Mut und Opferbereitschaft, und wenn er gelänge, dann hätte dieser Plan etwas Grandioses. Er wäre ein Meisterwerk der Spionagekunst. An diesem 9. Januar 1984, als die Ärzte die Dialyse des Genossen Andropov gerade abgestellt hatten, und die Zukunft der Sowjetunion ungewisser denn je war, beschloss Krjutschkow, seine Vision in die Tat umzusetzen. Es ist nicht überliefert, dass Krjutschkow seinem Plan einen Namen gegeben hat, aber wir wollen „Operation Phönix“ nennen.

 

Operation Phönix

 

Der Auslandsgeheimdienst des KGB war in den 70er Jahren in einen modernen Bürokomplex im Südwesten der Hauptstadt umgezogen. Von dem 21stöckigen Hochhaus blickte man auf endlose Birkenwälder und in die Skyline Moskaus. Wegen seiner Umgebung wurde das Hauptquartier von den Mitarbeitern einfach nur „Ljes“ genannt, der Wald. Von hier koordinierten sie die 10.000 Auslandsagenten des KGB, die getarnt als Diplomaten, Techniker, Emigranten, Fahrer oder Banker im Dienst des real existierenden Sozialismus den Klassenfeind ausspähten. 

 

Krjutschkow hatte ein Büro in den oberen Stockwerken des Turms, aber er bevorzugte sein holzgetäfeltes Refugium in der Lubjanka, dem düsteren Kasten in der Innenstadt, der seit der Gründung der Sowjetunion Sitz der Geheimpolizei war. Ursprünglich ein Versicherungsgebäude im Stil der Neorenaissance, dann unter Stalin massiv erweitert, und von Andropov luxussaniert: das Foyer protzte mit  Kristalleuchtern, Marmorsäulen und turkmenischen Teppichen, während im Keller die Folterkammern aus der Stalinzeit immer noch in Begtrieb waren. Im dritten Obergeschoss lagen die Büros der Direktoren - mit schalldichten Türen, schweren Vorhängen und an den Wänden aus poliertem Nussbaumholz die obligatorischen Porträts des Generalsekretärs und der anderen kommunistischen Heiligen. Hier empfing Krjutschkow seine Besucher, bald sollte hier auch der britische Medientycoon Robert Maxwell sitzen, für Krjutschkow eine Schlüsselfigur für seine Operationen im Westen. Zunächst aber mussten grundsätzliche Weichen gestellt werden. 

 

Krjutschkow standen zwei strategische Instrumente für Operation Phönix zur Verfügung: Obtschak und Kompromat. Obtschak meint in der russischen Alltagssprache die Gemeinschaftskasse einer Gruppe; im Milieu der Geheimdienste ist es ein Reptilienfonds zur Finanzierung von Untergrundaktivitäten. Krjutschkows Vision von der Wiederauferstehung der Sowjetunion als Imperium erfordert einen Reptilienfonds, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hat - gefüllt mit vielen Dutzend Milliarden Dollar. Und so schafft Krjutschkow in den folgenden Jahren ein System, das einen relevanten Teil des sowjetischen Volksvermögens in die schwarzen Kassen des KGB spülen wird und das von dort aus in die Kernbereiche der kapitalistischen Wirtschaft einsickert. Ein Gift, das die Gesellschaften des Westens von innen zersetzen soll. 

 

Kompromat

 

Zunächst aber kümmert sich Krjutschkow um das andere Instrument: Kompromat. Es ist ein Klassiker der Geheimdienstarbeit: das Sammeln belastender Informationen, um eine Zielperson zur Kooperation zu bewegen. Im April ´85, ein Jahr nach Andropows Tod, verschickt Krjutschkow eine Dienstanweisung an seine Stationschefs in der westlichen Welt. Inhalt: sie sollen eine Datensammlung anlegen mit den beruflichen und persönlichen Merkmalen und Charaktereigenschaften von Entscheidungsträgern in Staat, Politik, Wirtschaft und öffentlichem Leben. Auch solchen, die noch gar nicht einflussreich sind, es aber werden könnten. Sie alle sind potentielle „Obyekti Razrabotki“ - Objekte der Operativen Bearbeitung. 

 

Ist das Objekt aufrichtig und ernsthaft, oder heuchlerisch und prinzipienlos? Hat es Disziplin und Durchhaltevermögen? Hat es die Fähigkeit, selbständig und analytisch zu denken? Welche Bildung hat es, welches Wissen? Ist es beeinflussbar und schwankend in seinen Meinungen? Ist es feige oder mutig, ein Abenteurer oder eine Marionette in der Hand anderer? Ist es ehrgeizig, geldgierig oder bestechlich? Hat es Minderwertigkeitskomplexe? Wie ist seine Ehe, sein Verhältnis zu den Eltern? In welchem Freundeskreis verkehrt es? In welchen Clubs? Welcher Religion gehört es an? Gibt es Verbindungen zu zionistischen oder arabischen Interessenvertretungen?  Gibt es kompromittierende Informationen über: Bestechung, Steuerhinterziehung, Insidergeschäfte, Drogen, Missbrauch der eigenen Position zu Erlangung von Vorteilen? Ist das Objekt alkohol- oder drogensüchtig? Gibt es Besuche im Rotlichtmilieu, Seitensprünge oder sexuelle Abweichungen? Alles, was die Zielperson unter Druck setzen könnte, und sei es nur subjektiv, sollen die Agenten sammeln.⁠(6)

 

Der Fragebogen ist in hölzerner Bürokratensprache verfasst und versteckt seine Intentionen oft hinter abstrakten Begriffen, die nur die Insider auf Anhieb verstehen. Aber er ist das Produkt jahrelanger psychologischer Forschung des KGB, zu der unter anderem das berüchtigte Serbski Institut für Forensische Psychologie beigetragen hatte. (7) Krjutschkow hatte all die Erkenntnisse des KGB zusammentragen lassen und daraus eine Waffe geformt, mit der man die Obyekti Razrabotki durchleuchten und manipulieren konnte. Ihre Stärke lag in der Kombination von geheimdienstlichen Ermittlungen mit psychologischer Analyse. Damit erfassten die KGB-Agenten Fehltritte der Zielperson in der Vergangenheit, konnten aber auch Prognosen über künftige liefern. Wer noch ohne Sünde ist, aber Talent dazu hat, genießt besondere Aufmerksamkeit. Es ist die KGB-Variante des Minority-Report. 

 

Der Befehl mit dem psychologischen Fragebogen trägt die Nummer 20-4836/PR, und er markierte eine Wende in der Auslandstrategie des KGB. (8) Waren seine Residenturen bisher darauf ausgerichtet gewesen, einzelne Agenten anzuwerben aufgrund ihrer Sympathie für den Kommunismus, begann nun eine breit angelegte Schleppnetzfahndung nach Mitgliedern der Eliten. Menschen, die Erpressungspotential boten oder aufgrund charakterlicher Schwächen manipulierbar waren. Die neue Strategie hatte großes Potential. Was Krjutschkow 1985 noch nicht wissen konnte: die Digitalisierung würde es den Erben des KGB in geradezu unvorstellbarer Weise erleichtern, das Leben der Obyekti Razrabotki zu durchleuchten. Ein Zugriff aufs Smartphone würde monatelange Observationen ersetzen. Es war der technologische Wandel, der aus der Operation Phoenix eine Waffe von strategischer Bedeutung machen sollte.

 

Einen entscheidenden Beitrag zum künftigen Erfolg des Projekts leistet eine alte KGB-Tradition: Langfristiges Denken. Wer Schläfer in das Land des Gegners einschleust, falsche Identitäten aufbaut, Agenten in feindlichen Hierarchien aufsteigen lässt - braucht dafür Jahre und Jahrzehnte. Nicht Action ist die entscheidende Qualität eines Dienstes, sondern Geduld. Das beste Beispiel ist der Fall eines New Yorker Immobilienentwicklers, der dem KGB in den 80er als potentielles Asset auffiel: Donald Trump. Sein Bedürfnis nach Anerkennung und Schmeicheleien war so groß, dass Krjutschkows Leute darin schon früh einen Ansatzpunkt für verdeckte Einflussnahme sahen.(9) Ganz abgesehen von seinem Verhalten gegenüber Frauen.

 

Der Befehl 20-4836/PR landet auch auf dem Schreibtisch von Oleg Gordievsky, Erster Sekretär der sowjetischen Botschaft in London, und zugleich KGB-Mann für politische Aufklärung.(10) Gordievsky gilt in Moskau als Talent und ist in London für den Posten des Residentur-Chefs vorgemerkt; zugleich ist er ein Doppelagent, seine Loyalität gilt längst den Briten und so reicht er Krjutschkows Befehl an den MI6 weiter.⁠(11) Doch der Geheimdienst Ihrer Majestät verkennt das subversive Potential des Papiers, ebenso wie die Kollegen in Langley. Im Westen fühlt man sich Mitte der 80er Jahre wirtschaftlich überlegen, die Stationierung der Pershing-2-Raketen in Mitteleuropa hat den Russen ihre Grenzen gezeigt, da mag niemand glauben, dass ein paar Seiten kyrillischer Text eine Gefahr darstellen könnten.   

 

 

Die wasserdichte Metallkiste

 

Der KGB konzentrierte sich in seiner Spionagearbeit stark auf die USA und Großbritannien. Für Westdeutschland, das ebenfalls eine Schlüsselstellung in der KGB-Strategie einnahm, war das Ostberliner Ministerium für Staatssicherheit verantwortlich. An dessen Spitze stand der verknöcherte Altstalinist Erich Mielke, ein misstrauischer, ordensbehangener Hardliner, der Dissidenten unbarmherzig verfolgte und in der DDR für Friedhofsruhe sorgte. Er marschierte gewöhnlich im Gleichschritt mit Moskau, aber die Zentrale unterhielt dennoch eine große Residentur in Karlshorst bei Berlin, um Mielke, das Politbüro und überhaupt die ganze Nomenklatur der DDR zu kontrollieren. 

 

Welche Anweisungen Mielke aus Karlshorst oder Moskau erhielt, wissen wir nicht. Die entsprechenden Akten wurden entweder niemals geführt - oder rechtzeitig vernichtet. Aber es sind zwei Befehle von Mielke selbst überliefert, die nahtlos zu den Plänen Krjutschkows passen. Im Ministerbefehl 8/86 ordnet Mielke an, dass die Elite der Stasi-Offiziere im Ernstfall „alles verfügbare Vermögen unter ihre Kontrolle bringen und mit Hilfe von Partnern im In- und Ausland beiseite schaffen⁠" solle.(12) Nach den Berichten mehrerer Untersuchungsausschüsse des Bundestages flossen in den Folgejahren Milliarden von D-Mark in ein Netzwerk von Tarnfirmen und Auslandskonten ab, das über Jahrzehnte zum Zwecke des Technologieschmuggels errichtet worden war.⁠(13) Mit diesem Kapital sollten die Agenten Mielkes ihre Mission nach einem möglichen Zusammenbruch der DDR fortsetzen - ganz so wie es Krjutschkow auch für den KGB vorgegeben hatte. 

 

Miele erließ einen weiteren Befehl, der möglicherweise noch brisanter war als der erste. In den Aktenbeständen des MfS befanden sich die Akten der sogenannten „Operativen Personenkontrolle“, OPK. Sie enthielten kompromittierendes Material zu westdeutschen Politikern, Wirtschaftsführern und Journalisten - Protokolle abgehörter Telefongespräche⁠ (14), Beweise für Steuersünden, Fotos von Seitensprüngen. Alles, was die Betroffenen nicht in der Zeitung lesen wollen. 1988 ordnete Mielke an, die entsprechenden Karteien auf Mikrofilm abzulichten und wasserdicht in Metallkisten zu verpacken, um sie im Ernstfall schnell in Sicherheit bringen zu können. Das betraf die Akten der Operativen Personenkontrolle, aber auch alle Dokumente, die Rückschlüsse auf Agenten und auf Staatsgeheimnisse zulassen würden.(15) 

 

Inhalt der Metallkisten war also die Sorte von Daten, die der KGB in den USA und Großbritannien sammelte, um mittels Kompromat Einfluss auf die Eliten zu gewinnen. Vergleicht man Krjutschkows Befehl 20-4836 mit Mielkes Vorkehrungen für den Untergang der DDR, dann wird deutlich, dass sie beide dem gleichen strategischen Ziel dienten: der Bewahrung von Geheimdienststrukturen unabhängig vom politischen Umfeld.  

 

Die Bundesregierung ließ die Originalakten der Operativen Personenkontrolle 1992 ungelesen vernichten, um die ausgespähten Bürger zu schützen. Doch dieser Schutz galt nur vor Öffentlichkeit und Medien - nicht vor dem KGB. Das MfS hatte jahrzehntelang alle wichtigen Erkenntnisse an die Kollegen in Moskau weitergegeben, und die konnten ihre Archive - und damit die Geheimnisse der westdeutschen Elite - unversehrt durch die Zeitenwende bringen. Von Mielkes Metallkisten wurden wurde keine einzige gefunden.

 

Obwohl Mielke ideologisch auf Krjutschkows Linie lag, wollte der den Kollegen in Ostberlin keineswegs in seinen geheimsten Plan einweihen: Operation Sonnenstrahl - das trojanische Pferd, das der KGB im wiedervereinigten Deutschland zurückzulassen gedachte. Davon erfuhr nur einer: Markus Wolf, Chef der Auslandsspionage der DDR und Vertrauter Moskaus in der zweiten Generation. Seine Eltern, links und jüdisch, waren bereits in den 30er Jahren nach Russland emigriert und hatten sofort Funktionen in der Kommunistischen Partei übernommen. Markus war unweit des Kreml zur Schule gegangen und hatte russische Kultur und kommunistische Ideologie schon als Jugendlicher in sich aufgenommen. Nach dem Krieg hatte ihn die Partei als Journalisten, Diplomaten und schon bald als Spionage-Chef eingesetzt. Markus Wolf galt in Moskau als extrem loyal und zugleich als analytisch brilliant (Full Story).

 

Diese Eigenschaften wusste Vladimir Krjutschkow zu schätzen. Die beiden Chefspione waren sich ideologisch nahe, sahen aber zugleich, dass das System, dem sie ihr ganzes Berufsleben gewidmet hatten, auseinanderbrechen könnte. Sie wussten von der zunehmenden Unzufriedenheit der Bevölkerung in der DDR, der Sehnsucht nach Freiheit und der Hoffnung auf eine Wiedervereinigung mit der wohlhabenden BRD. Für Krjutschkow der Worst Case, aber genau auf den bereitete er sich vor. Falls es tatsächlich zu einer Wiedervereinigung kommen sollte, würden die westdeutschen Dienste die Stasi auseinandernehmen, ihre Agenten enttarnen und ihre informellen Mitarbeiter an den Pranger stellen. Das gesamte 100.000 Mann starke System der Überwachung und Spionage wäre nutzlos. Wollte Moskau also Einfluss behalten in einem wiedervereinigten Deutschland, dann musste der KGB Strukturen schaffen, die keine Verbindung mit dem alten Apparat hatten. Das war der Grundgedanke der Operation „Sonnenstrahl“, auf Russisch „Lutsch“.  Im August ´88 schickte das Erste Direktorat den KGB-Offizier Boris Laptjew nach Ostberlin mit der Mission, an der Stasi vorbei Mitarbeiter anzuwerben und ein Netzwerk aufzubauen, das auch unter einer gesamtdeutschen Regierung funktionsfähig sein würde.(16) Die Führung der DDR erfuhr davon nichts. 

 

Vermutlich sollte Wolf sein Netzwerk ohne Wissen der DDR-Führung in den Dienst der Operation Lutsch stellen. Das konnte aber nur außerhalb des MfS geschehen. Wolf betrieb deshalb seine Pensionierung und wurde im Herbst 1986, drei Jahre vor dem Ende der DDR, in allen Ehren verabschiedet. Dann zog er sich in seine großzügige Wohnung im Berliner Nicolai-Viertel zurück und begann, Entscheidungsträger aus der zweiten Reihe einzuladen, die eine demokratische Alternative zum erstarrten DDR-System darstellen konnten. Das war die Lesart, die Wolf in seinen Memoiren beschreibt. Inwieweit er darüber hinaus half, Agenten für den KGB anzuwerben, die später, in einem wiedervereinigten Deutschland, subversiv im Sinne Krjutschkows tätig sein würden, ist nicht überliefert. 

 

Was wir aber wissen ist, dass Wolf dem KGB auch nach dem Ende der DDR nahestand. 1990 suchte er nach einer Flucht über Wien Hilfe bei Krjutschkow und blieb fast ein Jahr in Moskau - bis sich der Sturm in Deutschland gelegt hatte. Sein Sohn Franz setzte die Familientradition fort und begann in der 90er Jahren für einen Mann zu arbeiten, dessen Startkapital mutmasslich vom KGB beschafft wurde: Michail Fridman, Gründer der Alpha Group und einer der reichsten Oligarchen Russlands. Seit Ende der 90er Jahre steuert Wolf Fridmans CTF-Holding von Gibraltar aus.(17) Moskau-Treue in der dritten Generation.  

 

 

Im Rücken des Reformers

 

 

Als Krjutschkow seinen Befehl 20-4836 verschickt, kommt gerade das Boxer-Drama Rocky IV in die Kinos. Plot: Rockys Kumpel wird in einem Schaukampf von seinem russischen Gegner Ivan Drago schwer getroffen und stirbt im Ring. Rocky reist daraufhin in die Sowjetunion, um Drago zu besiegen. Was dann - nach einem brutalen Kampf - auch geschieht. Aber statt sich im Triumph zu sonnen, hält der Amerikaner Rocky, alias Sylvester Stallone, eine Versöhnungsrede. Die beiden Gegner hätten sich im Kampf verändert, zum besseren: „If I can change and you can change, everybody can change.“ Eine Anspielung auf das politische Tauwetter, das in der Luft liegt. Im März ´85 ist Gorbatschow Generalsekretär der Partei geworden, sein Programm heißt Perestroika, und nicht mehr Konfrontation. Zwei Jahre später wird Billy Joel in Moskau auftreten und „Leningrad“ singen - ein Lied über das Leid der russischen Bevölkerung im Zweiten Weltkrieg und eine Verneigung vor seinen Gastgebern. 

 

Wie passt es in diese Zeit, Operation Phoenix anzuschieben? Und wie kann sich ein Mann in einer Schlüsselposition des KGB halten, der so ganz andere Grundüberzeugungen als der neue Mann an der Spitze hat? Nun, Krjutschkow arbeitet zu diesem Zeitpunkt seit Jahrzehnten im Geheimdienst, er weiß, dass Politiker kommen und gehen, der KGB aber bleibt. Deshalb verstellt er sich. Gegenüber Gorbatschows Berater Alexander Yakovlev läßt er durchblicken, dass er inzwischen mit dem Reformkurs sympathisiert und eine Veränderung des System notwendig sei.(18) Gorbatschow, der sich noch daran erinnern kann, wie wohlwollend Andropov im Politbüro über seinen Schützling gesprochen hatte, glaubt ihm gerne und macht ihn 1988 zum Chef des KGB. Krjutschkow ist damit der erste Auslandschef, der es an die Spitze des Dienstes geschafft hat. 

 

In ihrer Zentrale im Wald hat die Auslandsabteilung des KGB in den 80er Jahren ein Computersystem eingerichtet, das alle weltweit gesammelten Erkenntnisse aller Geheimdienste des Ostblocks speichert und verarbeitet. Projektname:  SOUD.(19)  Die Technologie hat die Stasi von westlichen Unternehmen gestohlen und eingeschmuggelt. In das System fließen die Daten der Operativen Personenkontrolle und der 100.000 abgehörten Telefonanschlüssen in Westdeutschland; die psychologischen Profile und Sündenregister, die Krjutschkow mit seiner Schleppnetzfahndung einfängt; die Rendezvous des westdeutschen Ministerpräsidenten Uwe Barschel im Hotel Neptun bei Rostock;(20) die verdeckten Zahlungen deutscher Konzerne an politische Parteien; die Privatgeschäfte eines Franz-Joseph Strauß mit Flugzeugherstellern und Waffenhändlern. Und irgendwo in den Files finden sich auch die Dates eines tschechischen Models mit einem Immobilien-Tycoon aus New York. 

 

Es ist eine gewaltige Datensammlung. Sie wird dabei helfen, Entscheidungsträger im Westen zu beeinflussen, wenn es drauf ankommt. In der Politik. Der Wirtschaft. Und in Justiz und Medien. Die Erfolge dieses Systems wird Kryutschkow allerdings nicht mehr in der Chefetage erleben. Als Gorbatschow im August 1991 kurz davor steht, einen Vertrag zu unterzeichnen, der den einzelnen Sowjetrepubliken mehr Autonomie sichern soll, beschließt der KGB-Chef zusammen mit anderen Hardlinern, den Reformkurs zu stoppen und Gorbatschow zu entmachten. Doch der Putsch scheitert - am Mut Jelzins und am Widerstand der Moskauer Bevölkerung, aber auch an der mangelnden Entschlossenheit der Putschisten. Anders als die Machthaber in Beijing auf dem Tiananmen-Platz wagen sie es nicht, militärische Gewalt gegen Zivilisten einzusetzen. Krjutschkow wird inhaftiert und verliert seine Macht.

 

Doch zu diesem Zeitpunkt hat Operation Phönix schon soviel Dynamik gewonnen, dass sie nicht mehr zu stoppen ist. Das liegt auch an Obtschak, dem Finanzierungsmodel, das Krjutschkow geschaffen hat, und das sich als bemerkenswert effizient erweist. 

 

 

1 https://en.wikipedia.org/wiki/Yuri_Andropov

Obituary Vladimir Kryuchkov, The Guardian, 1.12.2007

https://www.theguardian.com/news/2007/nov/30/guardianobituaries.russia

Der Überläufer & ehemalige Archivar des KGB, Vasili Mitrokhin berichtet von dieser Szene in einem Buch, das er gemeinsam mit dem Historiker Christopher Andrew veröffentlichte. Er spricht davon, dass die beiden geradezu traumatisierte gewesen seien und Andropow einen „Ungarn-Komplex“ davongetragen hätte. 

Andrew, Christopher; Mitrokhin, Vasili. The Mitrokhin Archive: The KGB in Europe and the West (Penguin press history) (English Edition) (p. 7). (Function). Kindle Edition.

4 Christopher Andrew and Vasili Mitrokhin, The Mitrokhin Archive: The KGB in Europe and the West, Gardners Books (2000), ISBN 0-14-028487-7.

In his post-Soviet books Kryuchkov wrote aectionately of Stalin and blamed Nikita Khrushchev, Gorbachev and Boris Yeltsin for undermining the state machinery Stalin had built up.“  Guardian, 1.12.2007,  https://www.theguardian.com/news/2007/nov/30/guardianobituaries.russia

Der Befehl Krjutschkows ist immer Wortlaut überliefert, weil einer der Adressaten, der KGB-Offizier Oleg Gordievsky, zum MI6 übergelaufen war und seine Erfahrungen später in einem gemeinsamen Buch mit dem Historiker Christopher Andrew verarbeitete;  Comrade Kryuchkov’s Instructions, Top Secret Files on KGB Foreign Operations, 1975- 1985; Edited by Christopher Andrew and Oleg Gordievsky; Stanford 1993

7 https://de.wikipedia.org/wiki/Serbski-Wissenschaftszentrum_für_Sozial-_und_Gerichtspsychiatrie

Comrade Kryuchkov’s Instructions, Top Secret Files on KGB Foreign Operations, 1975- 1985; Edited by Christopher Andrew and Oleg Gordievsky; Stanford 1993; S. 25

Unger, Craig. American Kompromat: How the KGB Cultivated Donald Trump, and Related Tales of Sex, Greed, Power, and Treachery (English Edition) (p. 38). (Function). Kindle Edition. 

DER SPIEGEL, 29.11.2021, „war Trump jahrzehntelang auf dem Radar des KGB?“; https://www.spiegel.de/ausland/donald-trump-war-offenbar-jahrzehntelang-auf-dem-radar-des-kgb-a-c3f252ff-4d14-4e17-9335-3048c353d900

10 Comrade Kryuchkov’s Instructions, Top Secret Files on KGB Foreign Operations, 1975- 1985; Edited by Christopher Andrew and Oleg Gordievsky; Stanford 1993; S. 25

11 Durch Gordievskis Verrat wissen wir heute überhaupt von Krjutschkows Befehl. Gordievski lief 1985 offiziell über und veröffentlichte mit gemeinsam mit dem Historiker Christopher Andrew das Buch „Conrad Kryuchkovs Instructions“, s.o.

12 Der Befehl wurde auf der Grundlage von Befragungen ehemaliger Mitarbeiter des MfS rekonstruiert, die gegenüber den Vertretern deutscher Behörden aussagten. Er richtet sich an die „Offiziere im besonderen Einsatz“ (OibE).; Förster, Spur der Stasi-Millionen, S. 26

13 Der Schlussbericht der Unabhängigen Kommission zur Überprüfung des Vermögens der Parteien und Massenorganisationen der DDR vom 24.8.2006 schätzt, dass vor und während der Wende SED- und Volksvermögen in Höhe von 1,6 Mrd. D-Mark abgeflossen ist, und zwar mit Hilfe von Strukturen des MfS und der Kommerziellen Koordinierung unter Führung von Alexander Schalck-Golodkowsik. https://dserver.bundestag.de/btd/16/024/1602466.pdf?utm_source=chatgpt.com

Klaus-Peter Wild, Generalbevollmächtigter für den Bereich Sondervermögen in der Bundesanstalt für den Bereich vereinigungsbedingte Sonderaufgaben (BvS) schätzt, dass „Milliardenbeträge unrechtmässig beiseite geschafft wurden“.;  Förster, Stasi-Millionen, S. 10

14 Das MfS hörte rund 100.000 Telefonanschlüsse in der BRD und Westberlin rund um die Uhr ab. Dafür waren 2.000 Geheimdienstmitarbeiter abgestellt;  Koehler, John O.. Stasi: The Untold Story Of The East German Secret Police (English Edition) (p. 9). (Function). Kindle Edition.

15 Mielke gab diese Order in einer internen Sitzung der Führungsebene des MfS;   Förster, Stasi-Millionen, S.26/27

16 Förster, Spur der Stasi-Millionen, S. 29;  Nach einem Dossier des Bundesamtes für Verfassungsschutz von 1992 war es das Ziel der Operation „Lutsch“, Bürger der ehemaligen DDR in Leitungsfunktionen von Wissenschaft, Technik und Politik zur Zusammenarbeit mit dem KGB zu verpflichten, um auf diese Weise gesellschaftlich relevante Prozesse zu beeinflussen.“ Förster, S. 30; 

Bundesamt für Verfassungsschutz, „Erkenntnisse über eine geheime KGB-Struktur in Deutschland“, VS-Vertraulich, Köln 1992

17 https://www.stern.de/politik/ausland/franz-wolf-in-den-offshore-leaks-der-russische-milliardaer-und-sein-deutsches-phantom-3025482.html

18 In diesem Gespräch krisitisert er seinen Vorgesetzten, den KGB-Chef Viktor Chebrikov als Hardliner und empfiehlt sich damit für eine Beförderung;  Obituary Vladimir Kryuchkov, The Guardian, 1.12.2007;  https://www.theguardian.com/news/2007/nov/30/guardianobituaries.russia

19 Koehler, John O.. Stasi: The Untold Story Of The East German Secret Police (English Edition) (p. 79). (Function). Kindle Edition.

20 „Im Neptun erhielt Barschel das verwanzte Apartment Nr. 1217. Die Observierer hielten fest, dass Barschel und seine Begleiter dem Alkohol und sexuellen Kontakten nicht abgeneigt seien, und bereiteten für weitere Reisen den Einsatz weiblicher inoffizieller Mitarbeiter vor.;  Baab, Patrik; Harkavy, Robert E.. Im Spinnennetz der Geheimdienste: Warum wurden Olof Palme, Uwe Barschel und William Colby ermordet? (p. 298). (Function). Kindle Edition.

Wir benötigen Ihre Zustimmung zum Laden der Übersetzungen

Wir nutzen einen Drittanbieter-Service, um den Inhalt der Website zu übersetzen, der möglicherweise Daten über Ihre Aktivitäten sammelt. Bitte überprüfen Sie die Details in der Datenschutzerklärung und akzeptieren Sie den Dienst, um die Übersetzungen zu sehen.