

Maxwells toxisches Erbe
Wie Epstein das Netzwerk des Verlegers übernahm
Als der Medien-Mogul Robert Maxwell 1991 von seiner Yacht fällt, hat seine Tochter Ghislaine gerade Jeffrey Epstein kennengelernt. Mit ihm geht sie eine Allianz ein - und sie bringt ein Erbe mit, das wertvoller ist als Geld: die Verbindungen ihres Vaters zu Geheimdiensten, organisiertem Verbrechen und einem jüdischen Milliardärsclub.
Gus Ranking schaut von der Brücke zurück auf die Lichter von Santa Cruz, die in der Ferne langsam kleiner werden. Sie haben den Hafen der Hauptstadt von Teneriffa um 22 Uhr 45 verlassen und folgen der Küstenlinie Richtung Nordosten. Ranking hat den Autopiloten mit den Way Points gefüttert: von Santa Cruz Richtung Gran Canaria, dann in einem weiten Bogen um die Insel herum und schließlich nach Westen ans Südende von Teneriffa. Ziel der zwölfstündigen Tour ist die Hafenstadt Los Cristianos in der Nähe des internationalen Flughafens. Dort soll der Privatjet des Eigners am nächsten Tag eintreffen.
Ranking arbeitet als Skipper für Robert Maxwell, milliardenschwerer Medienmogul aus London. Ein exzentrischer, zuweilen tyrannischer Mann mit der Statur eines Sumo-Ringers und einem unstillbaren Appetit auf Firmen, Frauen und Kaviar. Die britische Presse vergleicht ihn gerne mit Falstaff, der trinkfesten und übergewichtigen Shakespeare-Figur mit Neigung zur Selbstüberschätzung. Maxwell hat die Yacht von einem Neffen des saudischen Waffenhändlers Adnan Kashoggi gekauft und sie nach seiner Tochter benannt: Lady Ghislaine. Das Schiff ist 60 Meter lang, hat vier Decks, elf Mann Besatzung inklusive Küchenchef, holzgetäfelte Salons, Mastersuiten und Maxwells privates Reich - den sogenannten „Stateroom“ mit Schlafzimmer, Marmorbad, Ankleide und Arbeitszimmer. Alles entworfen von Jan Bannenberg, einem der führenden Yachtdesigner der Welt.
Die See ist ruhig in dieser Nacht. Leise wummernd schieben die beiden 1.400 PS starken Caterpillars das Schiff durch das schwarze Wasser des Atlantiks. Die beiden Radars suchen das Meer nach Hindernissen ab und würden ein Signal geben, sobald sich ein Schiff auf weniger als fünf Meilen nähert. So hat Maxwell es angeordnet. Skipper Ranking hat sich über die ungewöhnliche Maßnahme gewundert, aber keine Erklärung verlangt. Sein Blick geht prüfend über die Instrumente - Autopilot, Kompass, Radar und Motorenanzeigen. Alles im grünen Bereich. Die Yacht, die ihnen außerhalb des 5-Meilen-Radius folgt, bemerkte er nicht. Bereits in Santa Cruz ist das Schiff ohne Flagge und ohne Namen einem lokalen Fischer aufgefallen. Das gibt der später der spanischen Polizei zu Protokoll. Als der 5. November 1991 beginnt, übergibt Gus Ranking dem Ersten Offizier das Kommando und geht in seine Kabine - in dem Bewusstsein, alles Nötige für Sicherheit des Schiffs und seines Passagiers getan zu haben.
Die Yacht, die der Lady Ghislaine unbemerkt folgt, befördert ein vierköpfiges Team des israelischen Geheimdienstes. Sein Auftrag: Robert Maxwell zu eliminieren, ohne Spuren zu hinterlassen. Im Schutz der Dunkelheit besteigen drei Froschmänner der Spezialeinheit ein Schlauchboot mit schallgedämpften Außenbordern und holten die mit 13 Knoten gemächlich fahrende Lady Ghislaine ein. Vom Radar werden sie nicht bemerkt, weil sie es mit Störtechnik außer Gefecht setzen. Lautlos, mit gummibezogenen Enterhaken gehen zwei der Männer an Bord. Einer von ihnen hat eine Spritze mit Nervengift dabei.
Am nächsten Morgen findet die Crew der Lady Ghislaine Maxwells Stateroom leer vor. Der Milliardär, so folgern sie, muss in der Nacht über Bord gegangen sein. Vielleicht bei einem seiner nächtlichen Spaziergänge an Deck. Zwölf Stunden später wird Maxwells Leiche 20 Meilen südlich von Gran Canaria gesichtet - unbekleidet und mit dem Gesicht nach oben (1). Bei der Autopsie entdecken die Pathologen einen winzigen Einstich hinter seinem rechten Ohr, ohne ihm allzu große Bedeutung beizumessen.
So schildern die britischen Investigativ-Journalisten Gordon Thomas und Martin Dillon Maxwells Ende in ihrem Buch „Israel’s Super Spy“. Die Familie Maxwells glaubt dagegen, dass er einen Herzanfall hatte, über Bord ging und im Wasser starb; andere vermuten Suizid, weil sein zusammengekauftes Imperium unter der Last von Krediten zusammenzubrechen drohte. Für jede dieser Thesen lassen sich in den Obduktionsberichten Indizien finden, denn jeder der drei beauftragten Pathologie-Experten kommt zu einem anderen Ergebnis.
So rätselhaft wie sein Tod, war auch sein Leben. Robert Maxwell ist eine der schillerndsten Unternehmerpersönlichkeiten der Thatcher-Ära, mit Zugang zu Downing Street, Weißem Haus und Kreml. Zugleich war er an Geheimdienstoperationen beteiligt, hat er Israel bei der Entwicklung seiner Bombe unterstützt und den KGB bei milliardenschwerer Geldwäsche. Maxwell stand an der Schnittstelle unterschiedlichster Mächte und seine Tochter wird sein Netzwerk erben.
Einen Tag nachdem die spanische Küstenwache die Leiche Maxwells mit einem Hubschrauber aus dem Meer gehievt hat, kommt Ghislaine Maxwell mit der Gulfstream ihres Vaters aus London. Ihre Mutter Betty und ihr Bruder Philip sind bereits vor Ort, die Familie trifft sich auf der Yacht. Für Trauer hat Ghislaine keine Zeit. Stattdessen durchsucht sie das Schiff nach Geschäftsunterlagen. Sie reißt Schränke auf, kippt Schubladen aus, bis in den Salons und Suiten Tausende von Seiten auf dem Boden liegen - Verträge, Kontoauszüge, Gründungsdokumente von Offshore-Firmen. Dann gibt sie der Crew den Befehl, alles zu schreddern, sofort.
So beschreibt es später John Jackson, ein Reporter des Mirror, den die Familie mitgenommen hat, damit er die Story von Maxwells Tod für das Boulevardblatt covert2. Jackson kann die Szene nicht so recht einordnen: für ihn ist Maxwell der erfolgreicher Verleger und Selfmade Man, dessen Zeitungen täglich 10 Millionen Menschen lesen, der für Labor stimmt und bei Empfängen mit den Royals fotografiert wird. Etwas exzentrisch vielleicht, aber eine Lichtgestalt.
Wenn seine Tochter Ghislaine aber alles Papier auf der Yacht schreddern läßt, damit es der spanischen Polizei nicht in die Hände fällt, dann musste es da noch eine andere Seite geben. Eine Seite, von der Ghislaine wusste.
Doppelleben
Maxwell wuchs in Transkarpatien auf, einer ländlichen Gegend, die damals zum östlichen Rand der Tschechoslowakei gehörte und heute zur Ukraine. Die Familie war jüdisch und lebte in großer Armut, Maxwell berichtete später, dass er seine Schuhe mit den Geschwistern teilen musste und im Winter manchmal barfuß durch den Schnee lief. Im Zweiten Weltkrieg ermordeten die Nazis fast alle Angehörigen, Maxwell ging in den Widerstand und diente später in der britischen Armee. Nach dem Krieg kaufte er den renommierten Wissenschaftsverlag Pergamon Press für 50.000 Pfund, heutiger Wert: eine Million. Woher das Geld kam, ist bis heute unklar. Die Publikation wissenschaftlicher Arbeiten ist normalerweise kein außergewöhnlich lukratives Geschäft, dennoch verdiente Maxwell so gut, dass er sich innerhalb weniger Jahrzehnte ein Imperium aus Druckereien und Zeitungen zusammenkaufen konnte, darunter das auflagenstarke Boulevardblatt „Mirror“.
Das ist die offizielle Seite der Geschichte. Die inoffizielle: Maxwell verband politische Missionen mit geschäftlichen Vorteilen. Den Israelis half er bei der Beschaffung von Nukleartechnologie; für die Russen beschaffte sein Verlag kritische Informationen aus Technologie und Wissenschaft und half bei einer milliardenschweren Geldwäsche-Operation. Sein Ansprechpartner jenseits des Eisernen Vorhang war Wladimir Kryutschkow, Chef der Auslandsspionage und ab ´88 des gesamten KGB.
Kryutschkow befand sich in den 80er Jahren in einer schwierigen Situation: Das sowjetische Imperium war an mehreren Fronten unter Druck geraten: in Afghanistan verlor die Armee Boden an die paschtunischen Rebellen; in Polen agitierte ein charismatischer Werftarbeiter gegen die kommunistische Herrschaft, in den USA forderte ein ehemaliger Westernheld zum Rüstungsduell und in der Wirtschaft fielen die Kolchosen und Kombinate immer mehr hinter die Ziele der Partei zurück. Besser als andere kannte Kryutschkow die Zahlen und ahnte, dass die mächtige Sowjetunion eines nicht allzu fernen Tages zusammenbrechen könnte. Auf diesen Tag begann er seinen Geheimdienst vorzubereiten: der KGB sollte das Ende des Kommunismus überleben können und den Gegner nach seinem Sieg unterwandern. Voraussetzung dafür war Kapital. Viel Kapital. Und so schuf Kryutschkow Ende der 80er Jahre ein System, mit dem er Milliarden von Dollar außer Landes bringen und seinen Agenten in den Ländern des Westens zuschieben konnte. Und dabei sollte Robert Maxwell ihm helfen.
KGB und Kaviar
Der Verleger fliegt in den 80er Jahren regelmäßig nach Moskau. Am Flughafen holt ihn eine schwarze Sil-Limousine ab und bringt ihn zur Lubjanka, der KGB-Zentrale aus der Stalinzeit. Wladimir Kryutschkow empfängt ihn in seiner Bürosuite im dritten Stock, die mit den Insignien des sozialistischen Luxus ausgestattet ist: kantigen Möbeln aus Walnussholz, dunklen Ledersesseln und den Porträts der Generalsekretäre. Sie sind ein ungleiches Paar: der farblose Funktionär, höflich in der Form, in der Sache ein hartgesottener Stalinist, und der barocke Lebemann, der sich wöchentlich die Haare färbt und zu Terminen eine Assistentin mitbringt, die seine buschigen Augenbrauen kämmt und ihm regelmäßig den Deostift reicht. Maxwell bringt seinem Gesprächspartner kistenweise schottischen Vintage-Whiskey mit, seltene Opernaufnahmen, Kaschmirmäntel und goldene Manschettenknöpfe in Form von Golfschlägern (3). Der Chefspion revanchiert sich mit Vodka und Kaviar, den Maxwell wie Nudelsalat löffelt. Fotos zeigen die beiden bei offiziellen Gelegenheiten, wo sie mit Breschnew oder Gorbatschow zu sehen sind (4).
Bei einem ihrer Dinner in der Geheimdienstzentrale erklärt Kryutschkow seinem Gast, dass der KGB 600 Firmen gründen werde, die er mit Kapital aus dem Volksvermögen ausstatten werde. Sie sollten von Vertrauten oder Angehörigen des KGB gemanagt werden, erfolgreich wirtschaften und dem Dienst damit eine ökonomische Basis verschaffen, wenn der Geldstrom aus Moskau eines Tages versiegen sollte. Ob Teile der Zahlungen nicht auch über Maxwells Firmenimperium fließen könnten? Über seine Holdings, Stiftungen und Offshore-Firmen? Partner Maxwells wäre nicht der sowjetische Staat, sondern ein privater Geschäftsmann. Sein Name: Simjon Mogilewitsch (5).
Die Geschäfte des Herrn Mogilewitsch konzentrieren sich auf Prostitution, Erpressung und den Handel mit Drogen, Waffen und Menschen. Er ist der Pate der Mafia-Familie „Rising Sun“ und zugleich die Schnittstelle zwischen der organisierten Kriminalität und dem KGB. Ein 300 Pfund schwerer ehemaliger Ringer mit pockennarbigem Gesicht und tellergroßen Händen. Mit der Auflösung der Sowjetunion verschwimmen die Grenzen zwischen Geheimdienst und Unterwelt immer mehr, und Mogilewitsch wird in dieser Welt einer der mächtigsten - und skrupellosesten - Player. Sein Spezialgebiet ist die Geldwäsche, weshalb sie ihn in der Moskauer Unterwelt auch „Brainy Don“ nennen (6).
Türöffner für die Unterwelt
Der amerikanische Kongreß wird zehn Jahre später eine Anhörung dazu durchführen; dort erfahren die Abgeordneten vom CIA-Chef James Woolsey und dem KGB-Überläufer Juri Schwez: „Die umfassende Infiltrierung des westlichen Finanzsystems durch die russische organisierte Kriminalität begann am Vorabend des Zusammenbruchs der Sowjetunion. (…) Die wichtigsten Akteure in dem Spiel waren hochrangige Mitglieder der sowjetischen Kommunistischen Partei, die KGB-Spitze und die obersten Unterweltbosse.(7)« Zu diesem Zeitpunkt, also Ende der 90er Jahre, steht Brainy Don bereits auf der Most-Wanted-List des FBI und gilt als einer der gefährlichsten Verbrecher der Welt. Seine Leutnants haben die russische Emigrantenquartiere von New York fest im Griff, erobern den Immobilienmarkt und manipulieren die Börse. Durch kriminelle Börsengeschäfte kommen die Behörden in den USA Mogilewitsch überhaupt erst auf die Spur (8).
Es ist Robert Maxwell, der Mogilewitsch das Tor in den Westen öffnet.(9) Der Pate stammt aus einer jüdischen Familie in der Ukraine und so ist es für Maxwell kein Problem, ihm mit Hilfe seiner Mossad-Kontakte einen israelischen Pass zu verschaffen. Damit kann sich Mogilewitsch nun frei bewegen und Offshore-Firmen gründen: in Liechtenstein, Gibraltar, Zypern und den Cayman Islands.
Schnittstelle zwischen Maxwells Osteuropageschäft und seinen Holdings im Westen ist Bulgarien. Dort gründet er Firmen für Technologieschmuggel und erwirbt wesentliche Anteile an der Bulgarian Cooperative Bank, über die auch Mogilewitsch einen Teil seiner Geldwäsche-Operationen abwickelt.
Auf den bulgarischen Konten Maxwells treffen immer wieder zweistellige Millionenbeträge ein, die aus dem Verkauf einer Software stammen. Sie heißt „Prosecutors Management Information System“, kurz PROMIS. Die Software verknüpft Daten unterschiedlichster Quellen und Formate und ist ein mächtiges Tool, um große Datenmengen zu durchforsten und verborgene Zusammenhänge aufzudecken. Ein Vorläufer von Palantir und ein Traum für Polizei und Geheimdienste.
Maxwell hat sich mit Hilfe des israelischen Geheimdienstes und des US-Justizministeriums Zugriff auf die Software verschafft - unter Umgehung des Copyrights. Mossad-Techniker haben eine Hintertür eingebaut, und Maxwell verkauft die manipulierte Software nun an Freund und Feind, Demokratien und Diktaturen in aller Welt. Bei allen hört der Mossad mit. So bezahlten die Kunden für ihre eigene Ausspähung und der Mossad teilt sich mit Maxwell den Gewinn (12).
Wie aber verträgt sich die Mossad-Kooperation mit der Geldwäsche für den KGB? Spielt Maxwell ein doppeltes Spiel? Verrät er seine Partner in Moskau und Tel Aviv? Keineswegs. Der Verleger hat Kryutschkow deutlich gemacht, dass er mit ihm zusammenarbeitet, solange es Israel nicht schadet. Dem Staat der Juden gilt seine uneingeschränkte Loyalität, das ist er seine Familie schuldig und den Opfern des Holocaust. Kryutschkow hat diese Bedingung akzeptiert. Und die Israelis? Auch sie wissen, dass bei Maxwell immer auch Moskau mit am Tisch sitzt. Aber offensichtlich stört es sie nicht. Im Gegenteil: Maxwell ist ein Mittelsmann zwischen den Geheimdiensten und ihren Regierungen. Ein ehemaliger KGB-Offizier nennt ihn sogar einen „zweiten Kissinger13“. Dank Maxwells Vermittlung erlaubt die Sowjetunion einer Gruppe hochkarätiger Nuklearwissenschaftler Anfang der 80er Jahre die Ausreise nach Israel - wo diese entscheidend zur Entwicklung der israelischen Bombe beitragen. Als Anerkennung für seiner Verdienste gewährt Israel Maxwell die Ehre eines Staatsbegräbnisses in Jerusalem.
Logenplatz beim Jüngsten Gericht
Es ist der 10. November ´91, als die dunklen Cadillacs der Regierung am Fuße des Ölbergs vorfahren. Hier liegt der prestigeträchtigste aller jüdischen Friedhöfe, denn am Tag des Jüngsten Gerichts werden die Gräber derer, die hier liegen, vor allen anderen geöffnete - so sagen es die Propheten. In der Ferne sieht man die goldene Kuppel des Felsendoms in der milden winterlichen Sonne, an dessen Stelle der Tempel stand, bis ihn die Römer 70 nach Christus zerstörten. Das letzte Geleit geben die Spitzen des Staates: Außenminister Shimon Peres, Premierminister Yitzhak Shamir und Staatspräsident Chaim Herzog. Shamir sagt am Grab: „Maxwell hat mehr für Israel getan, als öffentlich gesagt werden kann.“
Irgendwo in der Trauergesellschaft stehen auch die Vertreter der Geheimdienste, die manche im Verdacht haben, die nächtliche Operation vor Gran Canaria angeordnet zu haben. Weil der Mann, dem das Land so viel zu verdanken hat, zu einem Risiko geworden war. Robert Maxwell hatte im Geflecht seiner Firmenübernahmen, Beteiligungen und Geldwäschetransaktionen die Übersicht verloren und drohte, in einer spektakulären Milliardenpleite unterzugehen. Was viel Staub aufgewirbelt hätte.
Das Kaddish ist das alte aramäische Gebet, das den Trauernden Trost spenden soll. Es wird normalerweise von den Söhnen des Verstorbenen vorgetragen, aber da Maxwells Söhne den Glauben verlassen haben, spricht ein Freund der Familie. Er endet mit den Worten:
Der Frieden stiftet in Seinen Höhen –
Er stifte Frieden für uns
und für ganz Israel.
Sprecht: Amen.
Dann wird Maxwells Leichnam nach orthodoxer Tradition in ein schlichtes weißes Tuch gehüllt, ins Grab gelassen. Ghislaine Maxwell steht nun allein im Leben. Sie ist aufgewachsen im Luxus: Headington Hill, der Landsitz der Familie, hatte fast 30 Zimmer, dazu Bentley und Fahrer. Sie hat in Oxford studiert, galt in London als glamouröses Society Girl und war Stammgast im Annabel’s. Wenn sie übermütig war, wies sie den Hubschrauber-Piloten an, die Maschine mal kurz im freien Fall absacken zu lassen - einfach nur um einen Gast der Familie zu erschrecken. Beim 70. Geburtstag ihrer Mutter im Dorchester Hotel konnte sie miterleben, wie alle ihren Vater hofierten: die Peers aus dem Oberhaus, die Politiker und Unternehmer, die Stars und Journalisten. Auch wenn die britische Oberschicht ihn heimlich verachtete, den Emporkömmling aus Osteuropa.
Doch die Zeiten des High Life sind nun vorbei. Die Milliarden sind weg. Verloren in einem Strudel aus Unternehmensübernahmen und Selbstüberschätzung. Ghislaine Maxwell ist 29 und muss sich von nun an allein durchschlagen. Was ihr dabei helfen wird, ist ihr Zugang zu den Oberen Zehntausend und das Netzwerk ihres Vaters, dessen inoffizielle Erbin sie ist.
Ein Retter in der Not
Maxwell hatte seine Tochter in den letzten Jahren vor seinem Tod zu seiner Vertrauten gemacht, hatte sie auf Reisen und zu Meetings mitgenommen. Dadurch lernte sie die Schlüsselpersonen seines Netzwerks kennen. Als Maxwell 1990 die Übernahme der "New York Daily News vorbereitete, schickte er Ghislaine nach New York, um den Eintritt der Mirror-Group in den amerikanischen Markt auf gesellschaftlichem Parkett vorzubereiten. Es gelingt ihr schnell, sich in der New Yorker Gesellschaft zu vernetzen. Als Robert die Übernahme der „New York Daily News“ auf seiner Yacht im New Yorker Hafen feiert, strömen die Reichen und Mächtigen an Bord - inklusive des Immobilienentwickler Donald Trump.
In diesem Milieu begegnet Ghislaine 1991 einem Mann, der es in den vergangenen 15 Jahren vom Mathelehrer zum Multimillionär gebracht hat: Jeffrey Epstein. Die beiden werden ein Paar. Es ist viel darüber spekuliert worden, dass Epstein im Kontext dieser Liaison Millionen aus dem Vermögen des Verlegers beiseitegeschafft und dem Zugriff der Gläubiger entzogen haben könnte. Epstein als Erbe des Super-Spions. Das behauptet unter anderem Craig Unger, der Autor des Investigativ-Bestsellers „American Kompromat“. (14)
Doch die Dinge sind kompliziert. Maxwell kannte Epstein kaum, er hatte bei dessen altem Arbeitgeber Bear Stearns Erkundigung über ihn eingezogen, aber eine persönliche Begegnung ist nicht belegt. Außerdem hatte Maxwell seine eigene Infrastruktur an Tarnfirmen, Stiftungen und vor allem den mysteriösen deutsche Buchhalter Dr. R., der das ganze Geflecht verwaltete.(15) Wieso hätte Maxwell also plötzlich die Pferde wechseln sollen?
Eine Kontinuität zwischen den Operationen Maxwells und Epsteins findet sich eher in den Netzwerken, die beide nutzten.
Als Maxwell in die USA expandiert, nimmt er Kontakt auf mit der Mega-Group, einem Club jüdischer Milliardäre, die sich alle als Philanthropen bezeichnen. Mitglieder dieser Gruppe sind unter anderen Les Wexner, Leon Black, Edgar Bronfman und Laurence Tisch. Sie alle gehören laut Forbes-Liste zu den reichsten Familien der USA, und wie Maxwell vertreten sie israelische Interessen in Politik und Gesellschaft. Aus einem abgehörten Telefonat zwischen einem Mossad-Agenten in Washington und der Zentrale in Tel Aviv lässt sich folgern, dass die Mega Group vom Geheimdienst gesteuert wurde. Darüber berichtet die Washington Post am 7. Mai 1997.(16) Zwei aus der Gruppe, Wexner und Black, sind die wichtigsten Finanziers von Epstein und seines pädophilen Netzwerks. Beide im dreistelligen Millionenbereich. Und fast alle tauchen hundert und tausendfach in den Epstein-Files auf.
Und es gibt noch ein irritierendes Element, das Maxwell und die Mega Group teilen: die Nähe zur organisierten Kriminalität. Maxwell hat in der letzten Phase seines Lebens mit dem russischen Paten Mogilewitsch zusammenbearbeitet und geholfen, eine Maschinerie aufzubauen, um Hunderte von Milliarden an Schwarzgeld aus Russland in den Westen zu pumpen.
Wexner, der den Unterwäsche-Konzern Viktoria Secret groß gemacht hat, steht im Verdacht, Verbindungen zur Cosa Nostra zu haben. Darauf stieß das FBI, als es einen Mord im Umfeld des Milliardärs untersuchte.(17) Tisch und Bronfman verdanken entscheidende wirtschaftliche Erfolge ihren Verbindungen zu kriminellen Milieus - so die Recherchen der US-Journalistin Whitney Webb. (18)
Die Gemeinsamkeiten - oder auch: Kontinuitäten - zwischen Maxwell und den Mitgliedern der Mega Group sind drei: die Loyalität zu Israel, die Kooperation mit Geheimdiensten und die Nähe zum organisierten Verbrechen. Aus diesem Milieu kommt also die stärkste Unterstützung für Epstein. Es sind Mitglieder der Mega Group, die den Mädchenhändler mit so viel Kapital ausstatten, dass er sein Geschäft in geradezu industriellem Maßstab betreiben - und Schlüsselfiguren aus Wirtschaft und Politik in Abhängigkeit bringen kann.
Und es gibt weitere Kontinuitäten: Nach Maxwells Tod nehmen seine Kinder Kontakt mit dem russischen Geldwäschesalon auf, den sein Vater mit dem KGB betrieb: 1994 werden Ian und Kevin Maxwell von einem Team der ARD dabei gefilmt, wie sie den russischen Mafiosi Gregori Lutschanski in Wien treffen(10). Er leitet inzwischen Nordex, eine der Tarnfirmen des KGB, die mit dem Export von Rohstoffen Milliarden beiseite schaffen (11). Es ist das Milieu, das zehn später den Nachschub an Mädchen liefert, den Epstein für seine Operation so dringend benötigt.
All dies geschieht in einer Umbruchphase der Weltpolitik. In Moskau ist im August ´91 Kryutschkows Putschversuch gegen Gorbatschow gescheitert. Der neue starke Mann Russlands heißt Jelzin, er hat den Panzern der Putschisten die Stirn geboten und will nun aufräumen mit den geheimen Konten und der Plünderung des Volksvermögens. Seine Staatsanwälte schwärmen aus in die Büros von Partei und KGB, sie finden Hinweise auf das System der 600 Firmen, auch Maxwell Pergamon Press ist darunter, aber tatsächlich kommen sie zu spät: die meisten Beweise sind geschreddert, Geheimnisträger stürzen in den Tod - und die Spur der Gelder scheint für immer verloren. In diese Zeit fällt auch die letzte Fahrt von Robert Maxwell. Der nicht nur die Geheimnisse Israels kannte, sondern auch des KGB und der russischen Mafia.
1 https://www.theguardian.com/fromthearchive/story/0,,1078193,00.html&q=Maxwell's_body_found_in_sea
2 Mirror, https://www.mirror.co.uk/news/ghislaine-maxwell-ordered-shredding-crooked-22455837
Unger, Craig. American Kompromat: How the KGB Cultivated Donald Trump, and Related Tales of Sex, Greed, Power, and Treachery (English Edition) (p. 146). (Function). Kindle Edition.
3 Gordon Thomas, Martin Dillon, Robert Maxwell - Israel’s Superspy. The life and murder of a media mogul, Caroll & Graf Publishers, New York, 2002, S. 85
4 Wladimir A. Krjutschkow: Persönliche Sache. Drei Tage und das ganze Leben. Moskau: Olimp, 2001.
5 Thomas/Dillon, Superspy, S. 173
6 Belton, Catherine. Putins Netz. Wie sich der KGB Russland zurückholte und dann den Westen ins Auge fasste, p.. 500). (Function). Kindle Edition.
7 Belton, Catherine. Putins Netz. Wie sich der KGB Russland zurückholte und dann den Westen ins Auge fasste, (p. 498). (Function). Kindle Edition.
8 Belton, Catherine. Putins Netz, (p. 410). (Function). Kindle Edition.
9 Thomas/Dillon, Superspy, S. 173
10 Der Inhalt der MDR-Doku aus dem Jahr 1994 wurde in einer Rezension der Website „LarouchPub“ wiedergegeben: https://larouchepub.com/eiw/public/1994/eirv21n32-19940812/eirv21n32-19940812_054-kgb_boss_says_robert_maxwell_was.pdf
11 Catherine Belton, Autorin der Financial Times schreibt dazu:
„Birstein und der Inhaber von Nordex, Grigori Lutschanski, waren sowjetische Emigranten, die vom KGB angeworben worden waren, um kurz vor dem Zusammenbruch der Sowjetunion Staats- und Parteigelder ins Ausland zu schaffen, wie der Schweizer Geheimdienst später erklärte. Birstein und Kislin schlossen sich mit der Zeit einem Netzwerk an, das Geld aus der Sowjetunion in die USA verschob, auch – indirekt – in das Firmenimperium von Donald Trump.
Belton, Catherine. Putins Netz. Wie sich der KGB Russland zurückholte und dann den Westen ins Auge fasste; (p. 91). (Function). Kindle Edition.
12 https://archive.nytimes.com/www.nytimes.com/library/cyber/week/062097loeil.html
14 Die Theorie beruht auf Aussagen, die der amerikanische Geschäftsmann James Hatt gegenüber dem FBI machte, und deren Protokolle Teil der am 30.1.26 freigegebenen Epstein-Files sind.
15 Die Rolle des anonymen deutschen Buchhalters Dr. R. wird detailliert beschrieben in: Thomas/Dillon, Super Spy, S. 154-59
16 „According to a source who viewed a copy of the NSA transcript of the conversation, the intelligence officer, speaking in Hebrew, said, “The ambassador wants me to go to Mega to get a copy of this letter.” The source said the supervisor in Tel Aviv rejected the request, saying, “This is not something we use Mega for.” Webb, Whitney. One Nation Under Blackmail – Vol. 2: (p. 204). (Function). Kindle Edition.
17 „The most important part of the Shapiro Murder File, from the perspective of this book, is related to the report’s discussion of Wexner associates with ties to organized crime, specifically the Genovese crime family.“ Webb, Whitney Alyse . One Nation Under Blackmail – Vol. 2: The Sordid Union Between Intelligence and Organized Crime that Gave Rise to Jeffrey Epstein Vol. 2 (English Edition) (p. 152). (Function). Kindle Edition.
There is reason to speculate as to whether the sole intention of the Mega Group was focused on philanthropy. The main reason to suspect that ulterior motives may hide behind the group’s “philanthropic” mission is because many of the group’s members, including its founders Wexner and Bronfman, have direct and indirect ties to organized crime and/or intelligence networks that have been explored in this book. Ebda. (p. 200). (Function). Kindle Edition.
18 „In the case of Laurence Tisch, his ties to the networks discussed at length in this book are a bit less direct. He began his career in the OSS, before building a massive hotel chain. Tisch would subsequently become intimately involved with Drexel Burnham Lambert and convicted felon Michael Milken. Their relationship would enable Tisch’s takeover of Columbia Broadcasting System (CBS).“ Ebda. (pp. 200-201). (Function). Kindle Edition.
