Lars Windhorst und 

seine Opfer von H2O

 

 

Montage: SCR


Hedgefonds "H2O"
Catch me if you can  (Part I)

Bruno Crastes, einer der erfolgreichsten Hedgefonds-Manager der Welt, verliert 2,6 Mrd. Euro an einen bekannten Finanzjongleur & Straftäter - unter Verletzung der Regeln seines Fonds. Die Indizien deuten darauf hin, dass er das Opfer eines grenzüberschreitenden Systems wurde. 

 

 

Das Bloomberg-Terminal ist das Enzephalogramm der Finanzmärkte: eine Regierungskrise in Asien, eine Bankenpleite in Brasilien, Wahlen in den USA, ein Krieg im Mittleren Osten - alles schlägt sich nieder in den Kurven und Balken, den flackernden Symbolen und Diagrammen. Sie übersetzen das Geschehen auf dem Planeten Erde in Kapitalströme, Kapitalströme in Preisbewegungen. An ruhigen Tagen sehen die Charts aus wie die sanften Hügel der Toskana, aber wenn das Geld nervös wird und die Volatilität steigt, dann werden daraus die schroffen Felsen der  Dolomiten und die Abgründe des Grand Canyons; die Balken der Charts färben sich blutrot, manche aber wechseln aber genau dann ins Grün, wenn alles andere fällt. Alles ist mit allem verwoben, jeder Markt beeinflusst den anderen, jede Anleihe, jede Währung und jeder Index ist über Psychologie, Derivate und Algorithmen mit allen anderen Finanzinstrumenten verknüpft. Ein unendliches Universum von Wechselwirkungen, viel zu komplex, als dass es der menschliche Geist durchdringen oder gar vorhersagen könnte. Die Hintergrundfarbe der Bloomberg-Screens ist Schwarz, das schont das Auge, taucht die Erregungskurve der Finanzmärkte aber auch in ein düsteres Licht. 

 

Das ist die Welt von Bruno Crastes. Von seinem Handelsraum in der Nähe der Bank of England managt er einen Rentenfonds der Credit Agricole. An diesem Morgen im Oktober 2008 zeigen ihm die dunklen Bildschirme des Systems steile Abrisskanten, es dominiert die Farbe Rot. Den Banken geht gerade die Liquidität aus, die Finanzwelt taumelt auf einen Abgrund zu. In Deutschland hat Angela Merkel mit einer Garantie gerade noch einen Bankrun verhindert, in den USA berät der Kongress ein 700-Milliarden-Paket zur Rettung der Banken. Aber die Märkte glauben nicht an eine Rettung. So wie sie jahrelang die Warnzeichen ignoriert hatten, sehen sie jetzt nur noch die Apokalypse. 

 

No Risk - no Fun

Crastes ist verantwortlich für mehrere Dutzend Milliarden Euro, die er in Fixed Income investiert  - Unternehmens- und Regierungsanleihen, Put- und Call-Options, Credit Defaults Swaps. Alles zusammen ein kompliziertes Geflecht aus spekulativen Derivaten und handfesten Werten, das zwei Eigenschaften hat: es übersteigt das Eigenkapital seines Fonds deutlich, und es ist für einen Rebound positioniert - die Auferstehung der Märkte aus dem Chaos. So ist sein Investmentstil: sich eine fundierte Meinung bilden, den Fonds klar positionieren und diese Position dann hebeln. Nichts für Weicheier - kein lauwarmes Absichern in alle Richtungen, sondern Appetit auf Risiko. Crastes Investmentuniversum sind Zinsen und Währungen, das ist intellektuell anspruchsvoller als der Aktienmarkt, es ist die Oberliga der Geldbranche. Wer hier mitspielen will,  muss ein tiefes Verständnis mitbringen für Makro-Ökonomie und Geopolitik, aber auch für Mathematik und quantitative Analysen. Crastes ist 45 Jahre alt und hat in diesem Spiel mehrere Jahre zweistellige Renditen eingefahren. Die Bank hat ihn mit Preisen und Titeln überhäuft, er ist der Star der Credit Agricole in der Londoner City. 

 

In diesem Oktober aber läuft der Markt gegen ihn. Bloomberg zeigt ihm in Echtzeit den Net Asset Value, den Gesamtwert seines Portfolios, und der schmilzt von Stunde zu Stunde. Milliarden haben seine Anleger bereits abgezogen. Es ist die Phase, in der die meisten Fondsmanager kapitulierten. Aber Crastes hält an seiner Strategie fest. Er weiß, dass die Wende kommen wird und strahlt eine Ruhe aus, die manche Mitarbeiter später „unheimlich“ nennen werden.⁠(1) Ähnlich verhält sich sein zweiter Mann, Vincent Chailley, sieben Jahre jünger, aber auch er überzeugt von der eigenen Strategie und in Marktturbulenzen ein Fels in der Brandung. Nur manchmal fließen ein paar Tropfen Blut aus seiner Nase, die er sich schnell wegwischt. Das ist das einzige Zeichen von Stress, das er erkennen lässt.

 

Ein paar Monate später drehen die Märkte, und die Strategie von  Crastes und Chailley geht auf. Ihre Wetten auf eine Kurserholung bringen enorme Gewinne, viele der gehebelten Positionen vervielfachen sich. Wer Crastes und Challey die Treue gehalten hat, wird reichlich belohnt.  Die Souveränität, mit der das Duo seinen Fonds durch den Sturm gesteuert hatte, macht die beiden zur Legende. 

 

Ein Jahr nach Ende der Finanzkrise gründen Crastes und Chailley in London ihren eigenen Fonds.  Den organisatorischen Rahmen stellt die französische Investmentbank Natixis. Den Fonds nennen sie H2O, was für Liquidität steht und die Investmentphilosophie beschreibt: gekauft werden nur solche Anleihen und Derivate, die einen liquiden Markt haben und jederzeit handelbar sind. Vorteil für Anleger: sie können ihre Anteile täglich zum Marktpreis zurückgeben, weil der Fonds immer liquide ist. So steht es im Fondsprospekt, und deshalb dürfen auch Kleinanleger investieren. Ein kleines Detail im Prospekt, das Crastes später zum Verhängnis wird. 

 

Mit zehn Händlern bezieht das Duo 2011 Büros am Cavendish-Square in Mayfair. Es ist ein funktionales Bürogebäude mit Starbucks und Sandwich-Store neben dem Eingang. Crastes und Chailley fahren schon bald zweistellige Renditen ein, manchmal 30% pro Jahr. Das Kapital der Anleger aus Europa, Asien und Amerika strömt in den Fonds. Bald haben sie 30 Milliarden Euro Assets under Management.

 

Beim Einwerben von Kapital hilft Crastes Auftreten. Er ist einer der wenigen Hegdefonds-Manager, die Kompetenz mit Charisma verbinden: mit seinen 50 Jahren, den silbergrauen Haare und der gesunden Gesichtsfarbe der Südfranzosen sieht er distinguiert aus - ein wenig so wie Kaliforniens Governor Gavin Newsom. Er liebt es, seine komplexen Strategien zu erklären - mit großer Überzeugung, ja Selbstgewissheit, aber ohne die typische Arroganz seiner Branche. Die Vertreter der Family Offices und Staatsfonds sind fasziniert, und der leichte französische Akzent stört sie nicht, sondern verleiht seinem ansonsten perfekten Englisch eine sympathische Note.

 

Eine verhängnisvolle Bekanntschaft

Mitte der 2010er Jahre ist Crastes also einer der angesehensten Fondsmanager seiner Generation - nicht nur in London, sondern weltweit. In den Augen der Anleger hat er den Midas-Touch. Doch dann kommt eine Begegnung, die all das zerstören wird - seinen Ruf, seinen Fonds und das Vermögen der Anleger. 

 

Mayfair, im Dreieck zwischen Soho, Hyde Park und Buckingham Palast, ist das Quartier der Luxuslabels, der 5-Sterne-Hotels und der Investment-Boutiquen. Beim Lunch im Edelitaliener oder Afterwork in den Hotelbars trifft sich die Branche, und irgendwo in diesem Kontext lernt Crastes Junior-Partner Vincent Chailley, 2014 einen Deutschen kennen, der ihn schon bald zum Lunch einlädt. Nicht ins Restaurant, sondern zu sich, ins Büro in der Savile Row. 

 

Die Straße ist eigentlich bekannt für ihre exquisiten Herrenschneider und als SafeHouse der „Kings-Men“ in der gleichnamigen und sehr britischen Filmserie. Seit kurzem steht hier aber auch das Fortress-House, eine der teuersten Büro-Adressen Europas. Challey fährt mit dem Aufzug ins Penthouse und betritt eine Filmkulisse: der Boden aus schwarzem Marmor, tropisches Holz an den Wänden, die Beleuchtung indirekt und die Kunst teuer. Das Gastgeber führt ihn in ein Speisezimmer, wo der Küchenchef das Menu vorstellt, das er aus diesem Anlass komponiert hat. Aus dem Weinkabinett bringt er eine 1000-Pfund-Flasche aus Bordeaux oder Burgund und präsentiert sie den Herren⁠. (2) 

 

Der Gastgeber nickt routiniert. Er trägt den dunkelblauen Massanzug, der sein Markenzeichen ist, die Haar auf 6mm rasiert, deutscher Akzent, 39 Jahre alt, starke Augenbrauen, harte Gesichtszüge und gute, aber keineswegs geschliffene Umgangsformen. Sein Name: Lars Windhorst, CEO der Sapinda Holding. Geschäftszweck: Beteiligungen und Kapitalbeschaffung. Zurück im nüchternen Handelsraum von H2O schwärmt Challey von Windhorst und den Lunch-Terminen. Crastes googelt den Namen, findet die Vorgeschichte und ist entsetzt.

 

Lars Windhorst ist ein international bekannter Finanzjongleur und rechtskräftig verurteilter Straftäter, der schon mehrere Insolvenzen hinter sich und Geschäftspartner um Millionen betrogen hat. 2009 stand er in Berlin vor Gericht und entging er einer Haftstrafe durch einen Deal mit der Staatsanwaltschaft, seine Investmentgesellschaft Vatas war insolvent, sein privates Vermögen verdampft. 

 

Nach dem Urteil hat er der deutschen Hauptstadt den Rücken gekehrt und einen Neuanfang in London gewagt. Innerhalb kurzer Zeit verfügt er wieder über die exklusivsten Statussymbole des Erfolgs: Yacht und Privatjet, Privatadresse Hyde Park One und das Büro in der Savile Row. 

 

Woher das Kapital für die Wiederauferstehung kommt, ist unklar. Allerdings ist auch niemand wirklich überrascht: Windhorst hatte schon als Teenager seine erste Firma gegründet und in der elterlichen Garage Computer zusammengeschraubt. Das war in den 90er Jahren und für Deutschland so ungewöhnlich, dass der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl das Nachwuchstalent im Regierungsflieger auf eine Chinareise mitnahm⁠ (3). Windhorst galt plötzlich als der Deutsche Bill Gates, plante öffentlichkeitswirksam ein Hochhaus in Ho-Chi-Minh-Stadt, sammelt Millionen für einen Börsengang und ging im Crash der Dotcom-Blase das erste Mal pleite. Rappelte sich wieder auf, bekam neues Kapital, stürzte 2007 mit einem Privatjet in Kasachstan ab⁠ (4), überlebte die Verletzungen, ging ein zweites Mal pleite, wurde verurteilt - und ist nun wieder ganz oben. Ein Leben als Achterbahn.

 

Luxustrip ins Mittelmeer

Windhorsts Vehikel, die Sapinda Holding, ist ein undurchsichtiges Konstrukt: es gibt eine Sapinda in London, eine Sapinda Asia, zahlreiche Offshore-Firmen - alles zusammen 150 Gesellschaften⁠.(5) Sie machen Geschäfte untereinander, gewähren sich Darlehen, übernehmen Bürgschaften - mit anderen Worten: Sapinda ist konstruiert, um zu verwirren, ein Verschiebebahnhof für Kapital. Geschäftszweck des Unternehmens: Beteiligungen und Kapitalbeschaffung. Das Portfolio läßt allerdings keinerlei Fokus erkennen: Immobilien in Deutschland, landwirtschaftliche Flächen in Sambia, eine Kohlemine in Südafrika, ein Ölproduzent in Europa und das italienische Modelabel La Perla⁠6. 

 

Crastes spontane Einschätzung ist nüchtern und professionell: mit Windhorst sollte ein seriöser Fonds keine Geschäfte machen. Aber dann lernt Crastes Windhorst persönlich kennen. Und der inszeniert die große Show: lädt Crastes ein auf seine Megayacht, Anreise mit Privatjet, letzte Meile mit dem Heli. Der Fondsmanager ist beeindruckt von soviel Großzügigkeit; er schreibt dankbare Emails, in denen er von der „Schönheit“ und „Eleganz“ des Trips schwärmt.⁠(7)  Im gleichen Jahr kauft H2O die erste Unternehmensanleihe von Sapinda.

 

Es ist ein typischer Windhorst-Deal: er verkauft die Anleihe und verspricht dem Käufer, sie nach ein paar Wochen zu einem höheren Preis wieder zurückzunehmen. Für Windhorst eine kurzfristige Liquiditätshilfe, für den Fonds ein schneller Gewinn. Nur dass Windhorst sich nicht an die Absprache hält. Das Geld fließt mit vielen Wochen Verspätung. Statt dies als Warnung zu nehmen, erweitert H2O sein Engagement. Es ist jetzt Crastes, der sich für die Deals mit Windhorst einsetzt, während Chailley auf Distanz geht und mit zunehmend Eindringlichkeit warnt. Dennoch werden die Summen größer, die Verzögerungen länger. 2017 schuldet Sapinda den Franzosen 700 Millionen. 2020 sind es 2,6 Milliarden Euro⁠ (8). Dann macht die Finanzaufsicht dem Spiel ein Ende. Sie stoppt die  Auszahlungen des Fonds und verurteilt ihn zu einer Geldstrafe von 75 Millionen Euro. Crastes persönlich muss 15 Millionen zahlen und bekommt zehn Jahre Berufsverbot⁠.(9)  Einer der besten Fondsmanager Europas ist einem bekannten Bankrotteur und Betrüger auf den Leim gegangen, hat seine eigene Karriere zerstört und die Anleger um über 2 Milliarden Euro gebracht. 

 

Als Crastes schon mit dem Rücken zur Wand steht, bietet Windhorst ihm einen Deal an: Schuldenschnitt von 2,6 auf 1,25 Milliarden. Die habe er zwar nicht, aber werde eine neue Anleihe aufnehmen, bei neuen Investoren. Bald meldet das deutsche Handelsblatt, die ersten 500 Millionen seien schon zugesagt⁠. (10)  Aber das ist eine Nebelkerze. Sie dient der Beruhigung der Öffentlichkeit. 

 

Tatsächlich verläßt Windhorst  den Tatort London mit 2,6 Milliarden Euro in der Tasche. Kein Staatsanwalt stellt Nachforschungen an, kein Anleger klagt gegen Sapinda. Das Geld ist im Labyrinth der Sapinda-Beteiligungen versickert, ein klassischer Default - "Tut uns leid, manchmal geht eben was schief im Geschäftsleben".

 

Die Finanzwelt ist fassungslos. Wie konnte das passieren? Hat Crastes sich vom Luxusleben des Deutschen blenden lassen? Wurde er von seinem Charm überwältigt? Oder gab es ganz andere Gründe?

 

Tiger Kidnapping 

Crastes war selber sehr wohlhabend. H2O bekam einen festen Prozentsatz vom Anlagevolumen und eine Beteiligung am Erfolg, den sogenannten Carry, der bei Hedgefonds zwischen 10 und 20 Prozent liegt. Alles zusammen dürfte H2O bei 30 Milliarden Assets under Management jährlich 500 bis 700 Millionen Euro verdient haben, so dass auch für Crastes zweistellige Millionenbeträge übrig blieben. Ein Sommerurlaub auf der Megayacht inklusive Anreise im Privatjet - das wäre in dieser Gehaltsklasse durchaus drin gewesen. Die Yachthäfen des Mittelmeers sind im August voller Finanzleute und Fußballer, die gleiches tun. Warum also sollte Crastes seine Zukunft für einen Betriebsausflug riskieren?

 

Oder war Windhorst besonders überzeugend? Tatsächlich beherrschte Windhorst die Terminologie der Finanzwelt und konnte Investmentideen selbstbewusst und im Staccato eines Maschinengewehrs runterrattern. Manche Beobachter attestierten ihm zudem einen jungenhaften Charm, den er sich bis weit in die Dreißiger bewahrt haben soll. Aber Crastes ist ein Zahlenmensch, er beurteilt Investments auf der Grundlage von Fakten und Algorithmen, das hat ihn so erfolgreich gemacht. 

Und bei Sapinda sprechen alle Zahlen gegen ein Investment: die Bilanzen sind veraltet und intransparent; die Bewertungen der Assets fragwürdig. Vor allem aber gibt es für die Anleihen keinen liquiden Markt. H2O darf solche Papiere gar nicht kaufen - so steht es im Fondsprospekt. Crastes hat seinen Anlegern versprochen, dass sie jederzeit alle ihre Fondsanteile gegen Cash zurückgeben können, weil der Fonds seine Papiere ebenfalls jederzeit zu Geld machen kann. Für die Unternehmensanleihen von Sapinda aber gibt es keinen Markt. Sie sind unverkäuflich, weil der Markt ihren tatsächlichen Wert nicht einschätzen kann. Indem Crastes diese Papiere trotzdem kauft, verstößt er gegen das Kernversprechen seines Fonds und gegen die Regeln der Finanzaufsicht in London und Paris. Das aber heißt: er riskiert seinen Fonds, seine millionenschwere Erfolgsbeteiligung und seine gesamte Karriere. 

 

Was konnte er dafür gewinnen? Nicht viel, denn Sapinda hatte überhaupt nicht die bilanzielle Stärke, den Cashflow und überhaupt das Geschäftsmodell, das dem Multimilliarden-Fonds H2O substantielle Erträge ermöglicht hätte. Dem hohen Risiko, das Crastes einging, stand also keine entsprechende Gewinnchance gegenüber. Richtig ist: Crastes hat seine großen Erfolge immer mit hohen Risiken erkauft - aber es waren kalkulierbare Risiken, und fast immer gab es gute makro-ökonomische Gründe, sie einzugehen. Im Fall Windhorst war die Risk-Reward-Ratio von vornherein völlig verzerrt - und zwar zuungunsten von H2O. Unmöglich, dass Bruno Crastes das nicht erkannt hat. 

 

Wenn es aber nicht die Gewinnaussichten gewesen sein können, nicht die Verführungskraft von Luxusreisen und auch nicht die rhetorischen Fähigkeiten des Finanzjongleurs Windhorst, die Crastes zu seiner Serie von Fehlentscheidungen gebracht hat - was war es dann?

 

Wenn ein Entscheidungsträger in exponierter Position gegen seine eigenen Interessen und die seiner Organisation handelt, dann folgt er in der Regel nicht der inneren Logik seines Jobs, sondern ist externem Druck ausgesetzt. Das bedeutet, er muss abwägen zwischen einem beruflichen und einem privaten Risiko, das zumindest subjektiv schwerer wiegt als ein Karriere-Ende. Zu den privaten Risiken gehören strafrechtliche und Reputations-Risiken, aber auch die Sicherheit der eigenen Person und der Familie. 

Ob solche Risiken im Fall H2O eine Rolle spielten, kann nur Crastes selbst  wissen. Der Ablauf der Transaktionen bei H2O trägt allerdings alle Merkmale eines "Tiger Kidnappings". So nennen das Ermittler, wenn ein Täter den kritischen Teil eines Verbrechens nicht selber begeht, sondern an Dritte auslagert. Bekannt wurde der Begriff durch die frühere Praxis der IRA, Banken nicht mehr selber auszurauben, sondern die Tat von Bankangestellten erledigen zu lassen. Deren Kooperationsbereitschaft wurde durch die Entführung von Ehefrauen oder Kindern erheblich gestärkt. 

Wenn man das Druckmittel "Entführung" durch elegantere Methoden ersetzt, zum Beispiel die Sammlung von Kompromat, sind wir schon dicht am perfekten Verbrechen: die Extraktion großer Vermögenswerte ohne strafrechtliches Risiko für die Hintermänner. Als Operation erfolgreich kann Tiger Kidnapping allerdings nur sein, wenn es sehr langfristig und mit geradezu geheimdienstlicher Präzision vorbereitet wird.

 

Für eine solche Operation sprechen neben dem Verhalten von Crastes weitere Indizien - vor allem das Versagen der Kontrollmechanismen auf allen Ebenen. Crastes Fonds arbeitete unter dem Dach von Natixis, der Investmentbank der französischen Sparkassen und Genossenschaftsbanken. Mit  800 Milliarden unter Management einer der 20 größten Vermögensverwalter der Welt. Der Compliance dieses Giganten fiel über Jahre nicht auf, dass H2O illiquide Papiere anhäufte und damit eklatant gegen den Fondsprospekt verstieß. Ebensowenig den Prüfern von KPMG, die jährlich die Abschlüsse testierten. Auch die Londoner Finanzmarktaufsicht⁠ FCA (11) schritt nicht ein, nicht einmal, als die Financial Times von den toxischen Papieren berichtete. Das war im Juni 2019. Zu diesem Zeitpunkt machten sie nicht einmal 10% des Fondsvolumens aus. Ein Eingreifen der Behörden hätte den prozentualen Verlust der Anleger massiv begrenzt. Schließlich die französische Aufsicht AMF, zuständig für Natixis und deren Fonds - sie ließ Crastes solange gewähren, bis die Anleger in Panik Milliarden aus dem Fonds abzogen und die wertlosen Windhorst-Anleihen den größten Teil des Portfolios ausmachten. 

 

Geldwäsche über die Schweiz

Das synchrone Stillhalten der Kontrolleure war die Voraussetzung dafür, dass die Plünderung von H2O so lange fortgesetzt und der Schaden auf 2,6 Milliarden Euro ansteigen konnte. Dass gleich vier Institutionen über mehrere Jahre an ihrer Aufgabe scheiterten, ist eine der vielen Auffälligkeiten des Skandals. Eine weitere: keine einzige Behörde, weder Finanzmarkt-Aufsicht noch Staatsanwaltschaft, hat jemals systematisch untersucht, wohin das Geld der Anleger geflossen ist. 

 

Es ist genau das Muster, das seit 1990 immer wieder im Kontext von großen Wirtschaftsstraftaten auftaucht: die Untätigkeit der Behörden, das kooperative Verhalten der Verantwortungsträger, die Milliardenschäden sowie ein komplexes Geflecht von Transaktionen und Beteiligungen, das eine spurlose Verschiebung von Vermögen erlaubt - nicht selten in anonyme Offshore-Strukturen.

 

Der Fall H2O hat wegen der Schadenshöhe und der Prominenz von Crastes internationales Aufsehen erregt. Er ist aber möglicherweise nur die Spitze des Eisbergs im Track Record von Lars Windhorst. Der Finanzjongleur ist nämlich mit zwei der spektakulärsten Straftatkomplexe der Gegenwart verknüpft. Über den britischen Ex-Minister Peter Mendelson mit dem Epstein-Skandal und über die Schweizer Falcon Private Bank mit der Plünderung des malayischen Staatsfonds 1MDB. Aus der 11-Milliarden schweren Beute flossen nach einem Bericht von KPMG Millionen in das Windhorst-Imperium.

 

Als die Schulden der Sapinda-Holding die Milliardenschwelle überschritten, beobachteten H2O-Mitarbeiter Vincent Chailley an seinem Bloomberg-Terminal. Er schien trotz allem äußerlich ruhig, aber aus seiner Nase fielen Tropfen von Blut. Manche im Handelsraum fühlten sich an den Bond-Film aus dem Jahr 2006 erinnert. In „Casino Royal“ spielt 007 Daniel Craig in einem Poker-Turnier gegen LeChiffre, den Finanzier des Terrorismus. Es geht um 100 Millionen. Als LeChiffre das entscheidende Blatt in der Hand hält, scheint er eiskalt und undurchschaubar, aber aus seinem Tränenkanal rinnt ein schmaler Steifen Blut. Der Banker des Bösen hat sich verraten.

 

Im zweiten Teil der Windhorst-Folge beschäftige ich mich mit den Hintergründen der Figur Windhorst. Wer stellte die Verbindung zum Bundeskanzler her? Über wen floss das Geld aus Malaysia? Wohin flossen die Milliarden? Und: welche Rolle spielen Chinesen in der Operation Windhorst?

 

 

1 Financial Times, 17.01.2024, The Ballad of Bruno and Lars 

https://www.ft.com/content/ba70c927-ff16-4977-942f-897cfd1349af

2 FT, 17.1.2024

3 DER SPIEGEL, „Windiges Wunderkind“, 7.7.1996

https://www.spiegel.de/politik/windiges-wunderkind-a-348eecb6-0002-0001-0000-000008946387

4 DIE WELT, „Windhorst überlebt Flugzeugabsturz“, 26.12.2007;

https://www.welt.de/wirtschaft/article1494161/Kasachstan-Lars-Windhorst-ueberlebt-Flugzeugabsturz.html

5 Das Investigativ-Magazin „Panorama“ des deutschen öffentlich-rechtlichen Sender-Verbunds ARD hat das Firmen-Netzwerk rekonstruiert und eine Gesamtzahl von 150 Unternehmen ermittelt. Zitiert werden die Zahl und ihre Quelle in mehreren deutschen Zeitungen, darunter BILD und TAZ.

https://taz.de/Kritik-an-Investor/!6042566/

6 Wikipedia

https://en.wikipedia.org/wiki/Lars_Windhorst

DER SPIEGEL, 16.09.2022

„Hertha-Investor, Milliarden-Jongleur, Stehaufmännchen: die Masche Windhorst“

https://www.spiegel.de/wirtschaft/lars-windhorst-hertha-investor-milliarden-jongleur-stehaufmaennchen-a-aeec848d-488d-44dd-9b23-08473c02ff8b

7 Die FT konnte Einsicht in den Emailverkehr der Beteiligten nehmen und so den Verlauf ihrer Beziehungen und Transaktionen rekonstruieren. 

FT, 17.01.2024

8 Der Gesamtschaden in Höhe von 2,6 Mrd. Euro wurde vom Prozessfinanzierer Deminor festgestellt, der insgesamt 9000 Anleger vertritt. Deren Sammelklage richtet sich gegen H2O, Natixis und KPMG.

https://www.deminor.com/en/case/h2o

9 Anfang 2023 fällt die Pariser Finanzaufsicht AMF dieses Urteil. Es bedeutet für Crastes, dass er keine Investmententscheidungen in Fondsstrukturen treffen darf.

https://www.bloomberg.com/news/articles/2022-11-25/h2o-and-founders-risk-record-93-million-fine-on-windhorst-bet

10 Am 31.8.2020 meldet das Handelsblatt, das deutsche Investoren Windhorst 500 Mio. für eine Anleihe mit einem Volumen von 1,25 Mrd. Euro zugesagt haben, die der Finanzierung des Haircut-Deals mit H2O dienen soll. Ein Vollzug der Transaktion wird nicht gemeldet. 

https://www.handelsblatt.com/finanzen/anlagestrategie/trends/nach-aufsichts-bedenken-windhorst-gewinnt-deutsche-unternehmer-fuer-h2o-bondrueckkauf/26143708.html

11 Zuständig war die  Financial Conduct Authority (FCA) in London und - weil Natixis ein französischer Finanzdienstleister war, auch die Autorité de Matches Financiers in Paris

 

https://de.wikipedia.org/wiki/Financial_Services_Authority#:~:text=Die%20Financial%20Services%20Authority%20(FSA,weitere%20Geschäftsstelle%20war%20in%20Edinburgh.

 

https://www.amf-france.org/en

Wir benötigen Ihre Zustimmung zum Laden der Übersetzungen

Wir nutzen einen Drittanbieter-Service, um den Inhalt der Website zu übersetzen, der möglicherweise Daten über Ihre Aktivitäten sammelt. Bitte überprüfen Sie die Details in der Datenschutzerklärung und akzeptieren Sie den Dienst, um die Übersetzungen zu sehen.