Kreml-Connection: Windhorst & Türöffner Robert Hersov

Montage: SCR


Lars Windhorst
Catch me if you can  (Part II)

Schon früh bekommt der "Teen Tycoon" Geld und Protektion: erst vom deutschen Bundeskanzler, später von russischen Oligarchen & Mafiosi, schließlich vom organisierten Verbrechen in Asien. Betreibt Windhorst eine Geldwäsche-Anlage? Wie der Aufstieg des Finanzjongleurs begann.

 

 

In der ersten Folge habe ich unseren Helden vorgestellt - und zwar mit seinem größten Coup: der Plünderung des Hedgefonds H2O. In Teil zwei erzähle ich von seinen Lehrjahren, wie er entdeckt wurde; wie er einen deutschen Kanzler um den Finger wickelte und wer ihm die Türen zum Kreml öffnete. Im dritten Teil wird es um seine internationalen Verflechtungen gehen. Ich werde belegen, dass Windhorst kein Einzeltäter ist, sondern Teil eines länderübergreifenden Systems, an dem russische und asiatische Syndikate beteiligt sind und anonyme Fonds am Ende den Gewinn abgreifen. Eine komplexe, langfristige und abgestufte kriminelle Operation. Windhorst, so wird sich herausstellen, ist mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht der Drahtzieher, sondern der Frontmann, das Gesicht für die Öffentlichkeit, die Adresse für Medienattacken, Klagen und eventuell den Staatsanwalt. Ein Mann mit starken Nerven und unerschütterlichem Selbstbewusstsein. Einer, der vermutlich schon als Teenager gecastet wurde. Von wem? Auch dieser Frage werde ich nachgehen.

 

Ein Traumhaus in Hollywood

Ganz oben auf der Santa Monica Ridge, über dem Sunset Boulevard, da dreht Hollywood die Szenen, die unvergesslich werden sollen - mit dem ikonischen Panorama, das von Downtown LA  bis zum Pazifik reicht. Hier tanzten Ryan Gosling und Emma Stone in LaLaLand - im Hintergrund das Lichtermeer der Megastadt. Und hier knapp unter dem Gipfel stehen auch die teuersten Villen Südkaliforniens, hier wohnen Tech-Milliardäre und Stars wie Adele, Denzil Washington und Jennifer Aniston.

 

Eines der spektakulärsten Anwesen ist die Nummer 1220 in der Summit Ridge Drive: ein moderner Glas- und Betonbau mit großen Panorama-Fenstern, Infinity-Pool, Weinkeller und mehreren Gästehäusern. Die Hänge, die nach drei Seiten steil abfallen, sind terrassiert und tropisch bepflanzt. Das Haus ist ein Statement, ein Trophy-Property, wie sie hier sagen, Kaufpreis: knapp 50 Millionen Dollar. 2023 bekommen Adele, Denzil und Jennifer einen neuen Nachbarn: kurze Haare, kantiges Gesicht - es ist Lars Windhorst, der nach turbulenten Gläubigerprozessen ein wenig Ruhe unter Palmen sucht und das Haus gekauft hat. Nicht er persönlich, sondern die Summit Property LLC.1

 

Auf der Flucht vor den Gläubigern

Drei Jahre sind vergangen, seit Windhorst den berühmten H2O-Fonds ausgenommen und seine Gründer ruiniert hat. Schaden: 2,6 Mrd. Euro - zulasten von Staatsfonds, Family Offices und Kleinanlegern. Hinzukommen hunderte von Millionen, die ihm andere Investoren liehen. Insgesamt ist seine Holding mit über 3 Milliarden verschuldet, in London, Amsterdam und New York klagen Dutzende von Gläubigern gegen ihn.  

 

Als die Financial Times die Schieflage von H2O 2019 bekannt machte, begann Windhorst, sein Firmenimperium umzustrukturieren. Aus Sapinda wurde die Tennor Holding mit Sitz in Schiphol in den Niederlanden; Beteiligungen und Verbindlichkeiten wurden zwischen den zahlreichen Tochterfirmen des verschachtelten Windhorst-Imperiums so oft verschoben, dass die Gläubiger der Spur des Geldes kaum noch folgen konnten. 

 

Inzwischen ist die Tennor Holding insolvent, zur Strecke gebracht von den niederländischen Steuerbehörden wegen einer vergleichsweise geringen 5-Millionen-Forderung. Das war im Juni ’25. Zudem droht Windhorst in den Niederlanden Verhaftung wegen Insolvenzverschleppung.  Auch in London hat er verbrannte Erde hinterlassen, aber das Büro in der Savile Row gibt es noch. Dort sitzt jetzt die Windhorst Privat Office Limited, mit 5 Mitarbeitern und 164.000 Euro Eigenkapital2. Sein neues Vehikel heißt Tennor International AG und sitzt im Zentrum von Zürich, im Hochhaus zur Palme, einer frisch renovierten Ikone der 60er-Jahre-Architektur. 

 

Nach dreißig Jahren geschäftlicher Aktivität sieht Windhorsts Bilanz so aus: vier Insolvenzen - dreimal geschäftlich, einmal privat; Verurteilung wegen Betrugs und Insolvenzverschleppung, Haftstrafe auf Bewährung; Schuldenstand drei bis vier Milliarden Euro - so eine Rechnung der Financial Times3 aus dem Jahr 2025. Im gleichen Artikel äußert die Zeitung die Hoffnung, dass das Insolvenzverfahren in Amsterdam Aufklärung bringen wird über den Verbleib des Geldes.

 

Denn der ist das große Rätsel. Das deutsche Fachblatt ManagerMagazin hat versucht, eine Übersicht zu erstellen: 300 Millionen hat Windhorst mit seinem Investment in den Fußball-Club Hertha BSC verloren, rund 50 Millionen bei Investments in die deutschen Werften Nobiskrug und Flensburger Schiffbau-Gesellschaft, 40 Millionen beim Robotik-Unternehmen Avatera; hinzukommen Verluste mit einer Kohlemine in Südafrika und dem italienischen Dessous-Hersteller LaPerla. Alles in allem vielleicht 500 Millionen Euro an nachvollziehbaren Verlusten4. Wo aber blieb der große Rest? Ein Betrag von 2,5 bis 3,5 Milliarden Euro. 

 

Der Verbleib des Geldes - das ist das eine große Rätsel. Das andere: der Umgang des Investors Windhorst mit seinen Investitionen. Als die Insolvenzverwalter die Büros Flensburger Schiffbau-Gesellschaft am 11. Dezember 2024 betreten, finden sie in einem halb geöffneten Aktenschrank über 150 gelbe ungeöffnete Briefe – Mahnungen und Vollstreckungsbescheide. Die Buchhaltung ist ungeordnet, die Werft hat noch nicht einmal ein Bankkonto.5 Windhorst hat also 25 Millionen investiert und das Geschäft gegen die Wand fahren lassen, ohne auch nur den Versuch zu unternehmen, eine ordentliche Geschäftsführung einzurichten. Warum macht einer das? 

 

Gewinne wollte er jedenfalls nicht erzielen. Möglicherweise waren spektakuläre Pleiten Teil des Plans. Die Pleiten lassen das Versickern der vielen Darlehen in einem Bermuda-Dreieck der Inkompetenz plausibel erscheinen. Die Unübersichtlichkeit, die operativen Verluste, die Insolvenzen und Konkurse der Windhorst-Beteiligungen - all das schafft eine Gemengelage, in der das Verschwinden der einen oder anderen Milliarde nicht weiter auffällt, weil sowieso niemand in der Lage ist, eine konsolidierte Gesamtbilanz zu erstellen. 

 

Und daraus ergeben sich meine Arbeitshypothesen: 

Erstens: Lars Windhorst betrieb einen Rangierbahnhof für Kapitalverschiebung, eine internationale Geldwäscheanlage. Und er betrieb sie nicht auf eigene Rechnung, sondern als Frontmann für dritte. 

 

Zweitens: seine Darlehensgeber handelten nicht aus freiem Willen, sondern wurden zu ihren Investments gezwungen. Nicht von Lars Windhorst selbst, sondern von den Netzwerken, deren Strohmann er ist. Es ist noch nicht einmal sicher, dass Windhorst über Hintergrund-Mechanismen in Kenntnis gesetzt wurde. Zellenbildung heißt das dahinterstehende Organisationsprinzip.

 

Für beide Thesen sprechen Windhorsts nachweisbare Verbindungen zur Organisierten Kriminalität in Russland und Asien und zum Epstein-Netzwerk.

 

Wie es  begann: „Das Wunderkind“

 

Im November 1995 brach der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl zu seiner großen Asientour auf. Es war eine seiner wichtigsten außenpolitischen Initiativen nach der Wiedervereinigung: Kohl wollte Deutschland als wichtigsten europäischen Wirtschaftspartner Chinas etablieren. Aber auch aufstrebende Märkte wie Vietnam oder Indonesien waren Teil des Reiseplans. Die Chefs der größten deutschen Konzerne saßen in der Kanzlermaschine und hofften auf Milliardenaufträge. Mit den grauhaarigen Herrn reiste ein 18-Jähriger aus der norddeutschen Provinz: Lars Windhorst. Der Kanzler persönlich hatte ihn eingeladen. Das war das Ergebnis eines PR-Coups. 

 

Windhorst hatte bereits 1993 angefangen, in der Garage der Eltern Computer zusammenzubauen und zu verkaufen. Zusammen mit seinem Lieferanten gründete er die Windhorst Electronics GmbH, deren Standort aus ein paar Containern in einem Gewerbegebiet in der 5.000-Seelen-Gemeinde Rahden bestand. Der Lieferant war ein Chinese: Ming Rong Zhang, damals gemeldet in Düsseldorf. Schon bald gründen sie weitere Firmen und Windhorst verkündete Millionen-Umsätze. Der Chinese verschwand allerdings bald aus Windhorsts Leben. Bis heute gibt es von ihm keine einzige digitale Spur. Abgesehen von ein paar Erwähnungen in alten Zeitungsartikeln scheint es, als habe Ming Rong Zhang nie existiert. Eine der vielen Anomalien in der Geschichte des Lars Windhorst.

 

Im Sommer 1995 beginnt der ehemalige BILD-Reporter und PR-Fachmann Stephan Vogel, Windhorst zu promoten. Storyline: der Nachwuchsunternehmer als „Wunderkind“. Es sind die Jahre, in denen der Vereinigungsboom ausläuft, die Wirtschaft schwächelt und der Traum von den blühenden Landschaften in der harten Realität endet. Deutschland sehnt sich nach Erfolgsgeschichten, und da kommt die von Windhorst gerade recht. Vogel bringt Windhorst ins Kanzleramt nach Bonn. Kohl ist von dem Jungunternehmer begeistert. Windhorst verkörpert für ihn das, was Deutschland fehlt: Mut, Pioniergeist und harte Arbeit. „Solche Leute braucht das Land“, sagt er bei einem Galadinner der Hannelore-Kohl-Stiftung im Bonner Maritim-Hotel6.

 

Die Reise im Kanzlerjet ist der Ritterschlag für Windhorst. Er verbringt fast 10 Tage mit den mächtigsten Männern der Republik, und dann schießt jemand ein Foto, das alle Zeitungen abdrucken: Kohl und Windhorst in Freizeit-Kleidung vor tropischer Kulisse. Windhorst wird schlagartig bekannt, und die Bekanntheit verschafft dem „deutschen Bill Gates7“ Zugang zu Kapital und Entscheidungsträgern. Schon bald verlegt Windhorst seinen Firmensitz nach Hong Kong und verkündet den Bau des 55 Stockwerke hohen Windhorst Towers in Vietnam.

 

Doch die Erfolgsstory ist bereits zu diesem Zeitpunkt ein Märchen, Büros und Limousinen sind mit geliehenem Geld bezahlt, die Umsatzmillionen ein Fantasieprodukt. Der 18jährige hat sie alle hinters Licht geführt: den PR-Berater Vogel, den Kanzler und seinen größten Geldgeber, den Klinikunternehmer Ullrich Marseille, dem er zehn Millionen schuldet. 2003 geht die Windhorst AG bankrott. Das erste Kapitel der Windhorst-Saga ist zu Ende.

 

Der Retter aus Südafrika

 

Noch während der Insolvenzrichter in Berlin die Forderungen der Gläubiger sortiert, legt der Jungunternehmer in London den Grundstein für die internationale Expansion. Er ist inzwischen 27 Jahre alt und hat einen neuen Unterstützer gefunden: den Unternehmer Robert Hersov. Hersov stammt aus einer wohlhabenden südafrikanischen Industriellenfamilie8, geht aber eigener Wege. Er hat als Investmentbanker gearbeitet, bei GoldmanSachs in New York und Morgan Stanley in London, ist gut vernetzt in der Finanz-Szene und gründet Ende der 90er Jahre seine eigene Investmentfirma.  Schlagzeilen macht er aber auch als Gesellschaftslöwe. Hersov ist ein gutaussehender blonder Typ, hat eine gewisse Ähnlichkeit mit Robert Redfort in seinen besten Jahren und zeigt sich gerne auf gesellschaftlichen Events in London, Windsor oder an der Cote d’Azur - meist in Begleitung attraktiver Frauen. Paparazzi haben ihn abgelichtet mit Kevin Spacey und Harvey Weinstein und auf der Yacht des Oligarchen Len Blavatnik9.

 

Robert Hersov, Erbe und Investmentbanker, privilegiert aufgewachsen und gesellschaftlich gut vernetzt, fängt den bankrotten, 16 Jahre jüngeren Windhorst auf und gründet das Firmengeflecht, das zur Infrastruktur für die großen Coups der nächsten Jahre wird: die Londoner Sapinda Holding und ihre Tochtergesellschaften. Windhorst wird Geschäftsführer des Berliner Sapinda-Ablegers Vatas. 

 

Die Gesellschaft macht zwischen 2005 und 2009 eine ganze Reihe von Deals, aber wir wollen uns auf den größten konzentrieren. ein Block-Trade mit Air-Berlin-Aktien. Die Luftfahrtgesellschaft ist damals hinter Lufthansa die Nummer zwei im deutschen Markt, verfügt über wertvolle Slots und hat ihre Passagierzahlen in nur zwei Jahre verdoppelt. Weil es aber Probleme mit der Profitabilität gibt, ist das Unternehmen an der Börse nur 800 Millionen Euro wert, Investoren sehen das als Gelegenheit. Eine klassische Turn-Around-Situation. Knapp 20% der Aktien gehören einem institutionellen Investor, der aussteigen will. Ein Verkauf über den Markt würden den Kurs noch weiter belasten. 

 

Das ist der Moment, in dem Lars Windhorst ins Spiel kommt. Das Kapital für das Paket hat er nicht, aber er beauftragt die Norddeutsche Landesbank, die Aktien in seinem Namen zu kaufen und den Kauf vorzufinanzieren. Damit beginnt die erste große Transaktion des Lars Windhorst. Die Nord LB gehört im wesentlichen dem Land Niedersachsen und den öffentlich-rechtlichen Sparkassenverbänden mehrerer Bundesländer. Der Struktur nach ein zutiefst konservatives Institut, das keine Risiken eingehen soll, weil die am Ende vom Steuerzahler getragen werden. Risiko-Aversion gehört zur DNA dieser Bank, aber bei Windhorst läßt sie alle Vorsicht fahren: für rund 180 Millionen kauft die NordLB die Aktien der schlingernden Air Berlin, ohne von Windhorst eine Sicherheit zu verlangen. Dies ist nicht die Entscheidung eines einzelnen Mitarbeiters: beteiligt sind ein Aktienhändler, ein Bereichsleiter und der Konzernvorstand Jürgen Kösters - die ganze Befehlskette; und alle verlieren später ihren Job10. Die Kooperation von Entscheidungsträgern zum Schaden ihrer Arbeitgeber und ihrer eigenen Karriere - das ist das entscheidende Merkmal des Modus Operandi von Windhorst. Eine geradezu magische Fähigkeit, Geschäftspartner und Kontrollinstanzen zu manipulieren. Sie wird auch in anderen Fällen erkennbar: bei der Plünderung des H2O-Fonds (siehe Teil 1 der Windhorst-Serie) und bei den zahlreichen Privatkrediten, die ihm wohlhabende Investoren immer wieder geben. 

 

Verbindungen zum Kreml

 

Nachdem die willfährigen Angestellten der Nord LB das Aktienpaket gekauft haben, fällt der Kurs, besonders stark im März 2008.  Am 31. des Monats veröffentlicht das Unternehmen eine Gewinnwarnung. Die deutsche Börsenaufsicht BaFin vermutet Insiderhandel und leitet eine Untersuchung ein. Einen Tag nach der schlechten Nachricht präsentiert Windhorst einen Käufer: die Investmentfirma Access Industries.11 Sie bietet nicht mehr als den aktuellen und niedrigen Marktpreis und die Nord LB muss zähneknirschend akzeptieren, weil der eigentliche Auftraggeber, Windhorsts Vatas GmbH, nicht in der Lage ist, den vertraglich fixierten Preis zu zahlen. 

 

Betrachtet man die gesamte Transaktionskette, dann ist Access Industries der Hauptprofiteur: Das Unternehmen konnte sich über Windhorst den Zugriff auf das Aktienpaket zu einem Zeitpunkt sichern, als der Kurs noch hoch, aber die Verschlechterung der Geschäftszahlen für Eingeweihte schon absehbar war. Damit waren Konkurrenten geblockt; Access Industries konnte in Ruhe abwarten, bis die schlechten Zahlen den Kurs drücken und sich zum Discountpreis als Retter in der Not anbieten12. 

 

Der neue Großaktionär von Air Berlin ist eine Investmentholding. Sie gehört dem russischen Oligarchen Len Blavatnik, geschätztes Vermögen: 30 Milliarden Dollar. Blavatnik lebt in New York und London, sein Vermögen aber hat er in Russland gemacht, und zwar mit einem Mann, der zum innersten Kreis um Vladimir Putin gehört: Viktor Vekselberg. Die USA haben ihn 2018 sanktioniert als „Kreml-Insider“ und „Geldgeber eines Kriegsverbrechers13“. 

 

Tatsächlich gehört Vekselberg zum engsten Kreis um Vladimir Putin - gemeinsam mit den Oligarchen Oleg Deripaska, Roman Abramowitsch, Mikhail Fridman und German Khan. Sie alle sind im Spannungsfeld von Politik, Geheimdiensten und organisierter Kriminalität zu Milliardären geworden.14 Der Preis ihres Reichtums ist, dass ihr Kapital und ihr Netzwerk immer auch im Dienst des Kremls stehen.  Einen Teil ihrer Milliardengewinne müssen sie für strategische Investments in Interesse Russlands verwenden: Medien, Energie, Technologie, Schiffbau und Infrastruktur. Spenden an Universitäten und Stiftungen, Parteien und Sportclubs. Es ist Geld, das Reputation kauft und Einfluss schafft. Folgerichtig wurde Blavatnik nach einer ganzen Serie solcher Millionenspenden von der Queen zum Ritter geschlagen. 

 

Sir Leon Blavatnik ist in dieser Konstellation der Mann mit der weißen Weste: er ist schon 1978 in die USA ausgewandert, hat eine amerikanische Staatsbürgerschaft und agiert scheinbar unabhängig von Moskau. An den wirtschaftlichen Erfolgen seiner Verbündeten im Putin-Lager partizipiert er über Holding-Strukturen15 - alles so indirekt, komplex und verschachtelt, dass er von den US-Behörden nie sanktioniert wurde. Für Hersov ist es daher völlig unverfänglich, auf einem Empfang des Oligarchen aufzutauchen und sich in ausgelassener Stimmung fotografieren zu lassen16. Oder auch: den Kontakt zwischen Blavatnik und Windhorst herzustellen.

 

Für Windhorst ist Blavatnik der Einstieg in den russischen Markt. Er wird Geschäfte machen mit einer ganzen Reihe von Schlüsselfiguren des Putin-Regimes, der Energiewirtschaft und der russischen Unterwelt. Einer seiner Geschäftspartner ist Igor Yusufov, ehemaliger Energieminister und Gazprom-Vorstand, ein treuer Vasall Putins, der im Verdacht steht, einen unbequemen Geschäftspartner mit Hilfe eines Auftragskillers beseitigt zu haben17. Oder der Oligarch Gavril Yushvaev, der seine Karriere mit einem Raubüberfall begonnen hatte und nach neun Jahren Haft mit Auto-, Getränke- und Goldhandel zum Milliardär wurde18. Gute Kontakte pflegt Windhorst auch zu Matthis Warnig, einem Ex-Spion der ostdeutschen Staatssicherheit, der im Vorstand von Nord-Stream sitzt.19 Nord Stream wiederum ist der Betreiber jener Gaspipeline, die Putin und der deutsche Kanzler Schröder initiiert haben. Als Repräsentant der Sapinda engagierte Windhorst Artem Volynets, die rechte Hand des Aluminiumkönigs Oleg Deripaska, auch er eine der Stützen des Putin-Regimes20. Es sind viele und wichtige Namen, die in Windhorsts russischem Netzwerk eine Rolle spielen. Sie sind ein Indiz dafür, dass Zugang zum innersten Zirkel um Vladimir Putin hat - oder von diesem benutzt wird. 

 

Zwischenbilanz

 

2010 hat Windhorst zwei Firmenpleiten, eine Privatinsolvenz und eine Vorstrafe in seinem Lebenslauf. Im reputationssensiblen Kapitalmarkt eigentlich ein Todesurteil. Aber Windhorst macht weiter. Die Voraussetzungen dafür schafft Robert Hersov. Nach der Katastrophe in Deutschland bietet er seinem Schützling eine neue Plattform in London: Sapinda. In Russland warten neue Geschäftspartner auf Windhorst, die es mit dem Gesetz sowieso nicht so genau nehmen. Und im fernen Malaysia nimmt gerade ein Milliardenbetrug Fahrt auf, von dessen Erträgen ein Teil auf verschlungenen Pfaden Windhorst Konten erreicht. Sein verschachteltes Finanzimperium mit Kontakten in die Hochfinanz und die Unterwelt, ist dafür die ideale Sickergrube. Davon wird die dritte Folge der Windhorst-Serie handeln.

 

Aasgeier des Kapitalmarkts

 

Die Villa in Beverly Hills, auf der Santa Monica Ridge, hat Windhorst selten besucht. Und vielleicht möchte er dort oben auch gar nicht erst heimisch werden, denn inzwischen ist es nicht mehr sicher, dass er das Cinemascope-Panorama vom Infinity-Pool noch lange genießen kann. Am 25. Januar tauchten nämlich Anwälte bei County Superior Court in LA auf und legten einen Stapel Schuldverschreibungen vor, die von Windhorst und seinen zahlreichen Unternehmen ausgegeben worden waren21. Ihr Auftraggeber: die Londoner Icona Capital. Im Dschungel der Kapitalmärkte kann man sie mit guten Recht als Aasgeier bezeichnen: sie verwertet Schuldtitel, die kaum noch Aussicht auf Rückzahlung haben, und bietet dafür 10 oder 20 Prozent des Nennwerts. Im Fall Windhorst zahlt sie  vielleicht 200 Millionen für Papiere, die mal 2,6 Milliarden wert waren. „Distressed Securities“ nennt der Markt solche Schrottpapiere. 

 

Ein Blick in die Bilanz zeigt allerdings, dass Icona Capital gar nicht das Kapital hat, um solche Summen aufzubringen22. Stattdessen sammelt das Unternehmen Kapital von Investoren. Die anonym bleiben, weil sie durch Luxemburger Fonds-Strukturen abgeschirmt werden. 

 

Und jetzt kommt der Trick: Windhorst gilt als insolvent. So steht es in der Wirtschaftspresse. Was aber, wenn der Eindruck täuscht. Wenn der Mythos vom ewigen Pleitier zum Spiel gehört? Wir wissen, dass das Sapinda-Tennor-Imperium 3 bis 4 Milliarden Euro an Schulden gemacht hat, dass dieser gewaltigen Summe aber keine nachweisbaren Verluste gegenüberstehen. Jedenfalls nicht in dieser Größenordnung. Die Milliarden sind im unübersichtlichen Imperium des Mannes, den sie Mausi nannten, versickert. Aber sie haben sich gewiss nicht in Luft aufgelöst. 

 

Nehmen wir nun an - rein hypothetisch - dass die unscheinbare Icona Capital die verborgenen Milliarden entdeckt, im Form von Cash auf Offshore-Konten oder in Immobilien - dann werden aus 200 Millionen plötzlich Milliarden. Während die Gläubiger leer ausgehen. 

 

Mit anderen Worten: die anonymen Investoren können durch den Kauf von Distressed Securities völlig legal in den Besitz von Kapital gelangen, das anderen entzogen wurde: der Nord LB, den Investoren von H2O und den Gläubigern von La Perla, dem italienischen Dessous-Hersteller. Niemand kann ihnen die Erlöse aus der Verwertung gepfändeter Assets streitig machen - egal woher sie ursprünglich stammen - ob aus Veruntreuung, Geldwäsche oder der 5 Milliarden schweren Plünderung eines malayischen Staatsfonds. Wer immer am Ende der Verwertungskette steht, ist auf der sicheren Seite. Und nicht nur das: er verfügt über weißes Geld. Und vielleicht - aber das ist reine Spekulation - standen die anonymen Investoren der Icona Capital bereits helfend im Hintergrund, als Lars Windhorst seine ersten Coups ablieferte. Das wäre dann das perfekte Verbrechen. 

 

 

 

1 Die Besitzverhältnisse werden im Januar 2025 transparent, als die Icona Securitization Opportunities Group LLC vor dem Los Angeles County Superior Court wegen Forderungen gegen Windhorst klagt. Sie richten sich gegen die Summit Property LLC, die Tennor International AG und Lars Windhorst persönlich.

https://trellis.law/case/25smcv00407/icona-securitization-opportunities-group-s-r-l-a-luxembourg-private-limited-liability-company-acting-as-a-compartment-fo-vs-summit-property-llc-a-california-limited-liability-company-et-al?utm_source=chatgpt.com

Laut der im britischen Unternehmensregister Company House veröffentlichten Bilanz.

https://find-and-update.company-information.service.gov.uk/company/13908131/filing-history

3 „Lars Windhorst’s Tennor Holding declared bankrupt“

FT vom 18.6.2025

Abgerufen: 2026-02-11 15:13:0

https://www.ft.com/content/90d007b4-ccc1-4013-9eb0-ede1fe809f38

4 Im Amsterdamer Insolvenzverfahren haben die Behörden Windhorst nachgewiesen, dass er den Unterhalt von Yacht und Privatjet durch Unternehmen seiner Gruppe bezahlen ließ. Inzwischen ist die Yacht „Global“ verkauft; der Unterhalt der beiden Luxusobjekte beträgt jeweils rund 10 Mio. Euro p.a. und kann den Verbleib der Milliarden nicht erklären.

5 ManagerMagazin vom 25.2.2025; „Lars Windhorst: Wer den Milliardenspekulanten stoppen könnte“,

https://www.manager-magazin.de/unternehmen/lars-windhorst-staatsanwaelte-nehmen-kampf-mit-pleitier-auf-a-46e4d5b4-d9f9-4549-8631-f1c3c4c4f3cd

Abgerufen: 2026-03-12 12:49:32

6 Windhorst spendete für die Stiftung der Kanzlergattin und hielt die Festrede zum Galadinner am 25.1.1996 von den Spitzen der deutschen Politik und Wirtschaft.

Berliner Zeitung vom 11.06.2005

„Mit 17 galt Lars Windhorst als br

illanter Unternehmer. Jetzt ist er 27 und hat Millionenschulden. Die Geschichte eines Absturzes“

https://www.mediummagazin.de/download/3067.pdf

7 Die französische Zeitung Le Figaro nennt „Le Bill Gates Allemand“ in einem Artikel aus dem Jahr 1996. 

Zitiert aus der WELT:

https://www.welt.de/print-welt/article650216/Ein-Jungstar-in-Bedraengnis.html?utm_source=chatgpt.com

8 Sein Großvater gründete den Minenkonzern Anglovaal, der sich zu einem der größten Südafrikas entwickelte. In den 90er machte der Börsenwert von Anglovaal knapp 3% der gesamte. Börsenkapitalisierung in Johannesburg aus. 

Wikipedia, Anglovaal Group

https://en.wikipedia.org/w/index.php?title=Anglovaal&oldid=1339635138

Abgerufen: https://en.wikipedia.org/w/index.php?title=Anglovaal&oldid=1339635138

9 Die Verbindungen zu diesen Personen gehen hervor aus einer Bildrecherche bei gettyimages

https://www.gettyimages.ch/search/2/image?phrase=robert+hersov&tracked_gsrp_landing=https%3A%2F%2Fwww.gettyimages.ch%2Ffotos%2Frobert-hersov

10 Neue Westfälische, 20.07.2011

https://www.nw.de/nachrichten/wirtschaft/4747345_Windhorst-narrt-die-NordLB.html

Abgerufen: 2026-03-16 09:03:16

11 Der Tagesspiegel, 04.04.2008, US-Milliadär will bei Air Berlin einsteigen

https://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/us-milliardar-will-bei-air-berlin-einsteigen-1632064.html

Abgerufen: 2026-03-16 10:32:14

12 Tagesspiegel vom 04.04.2008

13 Vekselberg: vom geachteten Geschäftsmann zu einem Paria

Handelszeitung vom 29.02.2025

https://www.handelszeitung.ch/die-vekselberg-saga/wie-viktor-vekselberg-vom-geachteten-geschaftsmann-zu-einem-paria-abstieg-686665

Abgerufen:2026-03-17 09:09:36

14 Die Kaste der russischen Oligarchen entstand in den Wirren der 90er Jahre - nach der Auflösung der Sowjetunion. Der KGB hatte die Entwicklung schon seit Mitte der 80er Jahre vorausgesehen, und Strukturen geschaffen, die sein Überleben auch ohne den kommunistischen Staat ermöglichen sollten. Zu diesen Strukturen gehörte ein Netzwerk aus Agenten, organisierter Kriminalität und Unternehmern, die sich im Rohstoffhandel mit staatlicher Duldung um Hunderte von Milliarden bereicherten und bis heute der verlängerte Arm des Kremls sind. 

Mit der Entstehung der Kaste der Oligarchen beschäftigen sich mehrere Folgen von StealthCrime: Die Spur der Stasi-Millionen, Operation Lutsch, Fishing for Secrets, Grand Theft Autocracy.

15 Blavatnik hält Anteile an der Alfa Access Renowa Holding (AAR), in der Mikhail Friedmann Alfa Group, Vekselbergs Renowa und Blavatniks Access Industries ihre Interessen gebündelt haben. Die Gruppe besitzt Russlands größtes Aluminium-Konglomerat SUAL und hat ihren einstigen Partner BP mit KGB-Methoden aus einem Joint Venture gedrängt. Anschließend wurde es mit einem zweistelligen Milliardengewinn an den russischen Staat verkauft. 

Quellen:

https://www.underminers.info/publications/blavatnikputinsoligarch

Abgerufen: 2026-03-14 16:05:45

https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Wiktor_Felixowitsch_Wekselberg&oldid=264112113

Abgerufen: 2026-03-17 08:49:59

https://www.theguardian.com/business/2011/may/17/aar-billionaire-oligarchs

Aberufen: 2026-03-17-15:55:10

16 Ein entsprechendes Foto mit seiner Frau entstand im Mai 2012 auf Blavatniks Yacht „Odessa“ bei einem Empfang anlässlich der Festspiele von Cannes.

https://www.gettyimages.ch/search/2/image?phrase=robert+hersov&tracked_gsrp_landing=https%3A%2F%2Fwww.gettyimages.ch%2Ffotos%2Frobert-hersov

17 Hintergrund des Mordes waren Konflikte um Anteile an der norwegischen Werft Aker Yards, der u.a. zwei deutschen Werften gehörten. Die Anteile an Aker wurden über die luxemburgische FLC West Holding gehalten, die wiederum Briefkastenfirmen auf Zypern und den British Virgin Islands gehörte. Zu ihren UBOs gehörten Energieminister Yusufov, der Mafia-Pate Gennady Petrov und Andrei Burlakov, der 2011 in einem Restaurant in Moskau erschossen wurde. Der Mörder Gagiev Aslan gestand die Tat nach seiner Verhaftung in Wien. Er gehörte ebenso wie das Opfer zu Petrovs Gang. Der Werften-Deal hatte ein Volumen von 290 Mio. Euro, von denen die Credit Suisse 200 Mio. finanziert hatte. 

Quellen:

RuMafia: „Dark backers and millions in offshore accounts: what oligarchs Vtaly and Igor Yusufov are keeping silent about“

https://rumafia.io/news/35206-dark_backerc_and_millions_in_offshore_accounts_what_oligarchs_vitaly_and_igor_yusufov_are_keeping_silent_about

Abgerufen: 11.3.2026, 15:13:25

Financial Times:

H2O backing helped Windhorst settle suit tied to ex-Putin minister

https://www.ft.com/content/e710c20c-b444-11e9-bec9-fdcab53d6959?syn-25a6b1a6=1

Abgerufen: 2026-03-18 10:15:34

Wikipedia: Igor Yusufov

https://en.wikipedia.org/w/index.php?title=Igor_Yusufov&oldid=1307925194

Angerufen: 2026-03-11 15:17:42

18 Gavril Yushvaev: Russisches Inkasso, Handelsblatt 24.02.2024

https://www.handelsblatt.com/unternehmen/management/russisches-inkasso-hat-sich-lars-windhorst-mit-dem-falschen-angelegt/100108910.html

Abgerufen: 2026-02-11 14:34:16

 

„Yushvaev was supposed to take over shares in the surgical robotics company Avateramedical from Windhorst for 65 million euros, so that the latter could sell them on to third parties with the „substantial profit“ for the benefit of both. The deal fell through.“

 

Börsen Zeitung vom 28.5.25

„Gavril Yusufov: Windhorst's mysterious business partners“

https://www.boersen-zeitung.de/english/windhorsts-mysterious-business-partners

Abgerufen: 2026-03-11 10:16:57

 

1980 wurde Yushvaev wegen eines bewaffneten Raubüberfalls zu 9 Jahren Haft verurteilt. 

https://rucriminal.info/en/dosje/71

Abgerufen: 2026-03-11 10:29:5

19 Financial Times, 14.08.2019

H2O backing helped Windhorst settle suit tied to ex-Putin minister

Abgerufen: 2026-03-18 10:15:34

20 Financial Times, 14.08.2019

21 Die Daten zur Klage sind auf der Plattform Trellis Law abrufbar.

https://trellis.law/case/25smcv00407/icona-securitization-opportunities-group-s-r-l-a-luxembourg-private-limited-liability-company-acting-as-a-compartment-fo-vs-summit-property-llc-a-california-limited-liability-company-et-al

Abgerufen: 2026-03-18 12:29:18

22 Laut Nord Data hat Icona Capital Ltd. 5 Mitarbeiter und eine Bilanzsumme von 200.000 Pfund.

https://www.northdata.de/Icona%20Capital%20Ltd·,%20London/Companies%20House%2013856859

Abgerufen: 18.03.2026, 15:35:16

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