
Wirecard(Teil I)
Die unbekannten Drahtzieher eines Milliarden-Coups
In der Öffentlichkeit gelten Markus Braun und Jan Marsalek als Verantwortliche des größten Betrugs in der Geschichte der Bundesrepublik. Die wahren Profiteure blieben dagegen in Hintergrund. Sie waren schon vor dem Börsengang dabei und versteckten sich hinter Holding-Strukturen. Aber sie haben Spuren hinterlassen - in Geschäftsberichten, Handelsregistern und Börsenumsätzen.
Wirecard ist das wohl größte Wirtschaftsverbrechen in der Geschichte der Bundesrepublik - abgesehen vielleicht vom Cum-Ex-Steuerbetrug. Die Story, die die Öffentlichkeit kennt, geht so: zwei korrupte Konzernlenker erfinden Umsätze und Gewinne, täuschen die Wirtschaftsprüfer mit einem milliardenschweren Fantasie-Konto auf den Philippinen und pumpen so eine Klitsche zum Dax-Unternehmen auf. Während Hunderttausende von Anlegern in eine Fata Morgana investieren, leben die beiden ein Luxusleben und zweigen Millionen für sich ab. Als alles auffliegt, setzt sich einer der beiden Finanzjongleure nach Moskau ab, der andere erwartet seine gerechte Strafe vor einem Münchener Gericht. So die Geschichte, die Medien und Justiz verbreiten. Sie ist nicht falsch - aber sie ist nur die halbe Wahrheit.
In dieser Folge von Stealth Crime werde ich zeigen, dass Jan Marsalek und Markus Braun vermutlich nur die Front-Leute waren; dass die eigentlichen Profiteure nicht im Vorstand, sondern im Kreis der Aktionäre zu suchen sind; dass die Weichen für das Wirecard-Drama schon in den frühen 2000er Jahren gestellt wurden; und dass die vielen Helfer des Milliarden-Betrugs in Medien, Politik, Justiz und Aufsichtsbehörden nicht von den Protagonisten im Vorstand gesteuert wurden, sondern von Netzwerken im Hintergrund.
Das Erste, was Sherlock Holmes am Fall Wirecard stutzig machen würde, ist: dass der Hauptverantwortliche kaum profitiert hat. Markus Braun hielt bis zum Untergang an seinem Aktienpaket fest, er verkaufte noch nicht einmal, als er Geld brauchte, sondern belieh sein Aktienpaket1 und verlor damit ein Vermögen, das zumindest auf dem Papier mal 1,5 Milliarden betragen hatte2. Am Ende konnte er nicht mal seinen Strafverteidiger bezahlen, der ihm daraufhin den Rücken kehrte3.
Über die Motive von Braun kann man nur spekulieren; möglicherweise glaubte er bis zum Schluss an den Erfolg seines Unternehmens. Wichtiger aber ist, dass die Nibelungentreue des CEO, sein eisernes Festhalten an seiner Aktienposition, faktisch die Voraussetzung dafür war, dass Wirecard in turbulenten Zeiten ein Mindestmass an Glaubwürdigkeit behalten konnte. Die sechs Millionen Aktien, die Braun kurz nach dem Börsengang bekommen hatte, hielt er nicht nur, er zog bei Kapitalerhöhungen mit und konnte dadurch seine Quote bis in die Schlussphase4 bewahren. Ein starkes Signal an den Markt. Wer immer vom Aufstieg des Konzerns profitieren wollte, musste sicherstellen, dass sich der CEO genau so verhalten würde.
Der zweite im Bunde ging anders vor: Jan Marsalek war für das Asiengeschäft verantwortlich gewesen und hatte sich durch Scheingeschäfte und überteuerte Unternehmenskäufe einen Notgroschen in dreistelliger Millionenhöhe verschafft- wie Insolvenzverwalter Michael Jaffé vermutet5. Das ist schon mal besser als nichts. Aber wenn wir das große Bild betrachten, dann stehen die Beute der Hauptverdächtigen in keinem Verhältnis zur wahren Dimension des Skandals. Braun und Marsalek kreieren über Jahre und mit großem Aufwand Fantasie-Guthaben in Höhe von 1,9 Milliarden Euro. Dieses Guthaben ist die buchhalterische Grundlage für die Fiktion vom exponentiellen Wachstum des Unternehmens, und diese Fiktion läßt den Aktienkurs explodieren. Auf dem Höhepunkt des Hypes ist Wirecard 24 Milliarden Euro wert - und verdrängt die Commerzbank aus dem DAX. Der entscheidende Hebel des betrügerischen Gesamtkunstwerks Wirecard entsteht also im Aktienmarkt. Die Unterschlagungen und Tricksereien, mit denen sich Marsalek und Braun mutmaßlich bereichert haben - sie sind Peanuts im Vergleich zum großen Spiel mit der Marktkapitalisierung. Wer vor 2005 bei Wirecard einstieg, konnte aus Millionen Milliarden machen. Die Indizien und Kennziffern für diese wundersame Geldvermehrung befinden sich in 14 öffentlich einsehbaren Datensätzen: den Geschäftsberichten der Wirecard AG von 2004 bis 2018.
Machtübernahme
Die Trompete am Berliner Lützow Platz ist eine der beiden bekannten Jazzbars der Stadt, Treffpunkt von Fans, Musikern und Prominenten. Sie gehört dem Schauspieler Ben Becker, der sich hier gerne unter’s Publikum mischt. Am Abend des 9. November 2000 stehen aber nicht Swing und Bebop auf dem Programm, sondern Pole-Dance und nackte Haut. Das Boulevardblatt B.Z. berichtet später, dass mit fortschreitender Stunde immer mehr Hüllen gefallen seien, und die Showgirls schließlich „alle Hemmungen verloren“ hätten. Höhepunkt des Artikels sind Wortspiele, in denen der Unterschied zwischen erotischen und musikalischen Praktiken verschwimmt.6
Gefeiert wird an diesem Abend die Einführung des amerikanischen Erotik-Magazins „Hustler“ auf dem deutschen Markt. Anlass ist die Fachmesse „Venus 2000“, Gastgeber der Münchener Multi-Unternehmer Paul Bauer-Schlichtegroll. Er hat die deutschen Rechte für das Magazin erworben und will den Content im Internet vermarkten. Schlichtegroll ist damals 37 Jahre, ein hemdsärmeliger Typ, der immer eine Spur zu laut auftritt, den Raum dominiert und ungerne Kompromisse macht. Heute würde man sagen: ein Vertreter toxischer Männlichkeit. Schnell erkennt er, dass der Schlüssel für’s Online-Geschäfte effiziente Bezahlsysteme sind.
Die hat Schlichtegroll zwar nicht, aber er identifiziert ein Unternehmen, das die Lücke schließen könnte: die Wirecard AG, Standort ebenfalls München, gegründet vom IT-Unternehmer Detlev Hoppenrath. Er ist technisch zwar weit vorne, hat aber wenig Talent für’s Marketing. Seine Firma kämpft deshalb mit finanziellen Schwierigkeiten. In der Not hat sie den Unternehmensberater Markus Braun engagiert, der nach kurzer Zeit in den Vorstand aufgerückt ist. Braun ist im Umgang mit anderen unbeholfen, wird schnell nervös und kratzt sich dann gerne am Hinterkopf7. Ein Mann ohne Charisma, aber von unbändigem Ehrgeiz getrieben. Mit ihm verbündet sich Schlichtegroll. Nachdem die beiden ein paar Monate zusammengearbeitet haben, ist Wirecard insolvent. Der Porno-Unternehmer kann Wirecard für 500.000 Euro aus der Insolvenzmasse kaufen8.
Schlichtegroll fokussiert den Zahlungsdienstleister schnell auf den Markt, den er kennt: Erwachsenen-Unterhaltung. 2002 macht das Unternehmen schon 72 Millionen Euro Umsatz - und 9 Millionen Gewinn.9 Die Margen in den dunkleren Zonen des Internets sind hoch. Intern sind die Rollen klar verteilt: der laute Bauer führt das Kommando, der menschenscheue Braun folgt. Sein Assistent ist ein junger Programmierer, der als 20jähriger Schulabbrecher bei Wirecard angefangen hatte: Jan Marsalek. Die beiden Wiener verstehen sich blendend.
2003 brechen die Umsätze im Porno-Geschäft wegen gesetzlicher Einschränkungen ein, Wirecard weicht auf den Markt der Glücksspiele - Online-Casinos, Poker-Webseiten, Sportwetten aus. Dann bereitet Schlichtegroll den Börsengang vor. Normalerweise ist das mit einer gründlichen Durchleuchtung verbunden: Banken und Wirtschaftsprüfer checken die Bilanzen, das Geschäftsmodell, die Risiken. Die Ergebnisse stehen später im öffentlichen Prospekt. Genau das wollte Schlichtegroll offensichtlich vermeiden. Statt eines regulären Börsengangs bereitet er einen Reverse Take Over vor - die Übernahme einer börsennotierten Unternehmensleiche.
Börsengang durch die Hintertür
Seine Wahl fällt auf die Infogenie AG, eine der vielen Blüten des Neuen Marktes, die mit dem Platzen der Dotcom-Blase abgestürzt sind. Das Unternehmen hatte Rechtsberatung per Telefon angeboten und Gebühren über die Telefonrechnung eingezogen. In zwei aufeinanderfolgenden Schritten sichert sich Schlichtegroll die Mehrheit der Aktien. Das geschieht durch Kapitalerhöhungen, aber Schlichtegroll zahlt nicht Geld, sondern mit Unternehmen, die sich in seinem Besitz befinden. Kapitalerhöhung gegen Sacheinlage - nennen das Investmentbanker. Vehikel dafür ist seine Beteiligungsgesellschaft, die EBS-Holding. Im ersten Schritt bringt die EBS ihre Tochter Click2Pay in den Börsenmantel ein, im zweiten die Wirecard AG. Zweimal Kapitalerhöhung gegen Sacheinlage, Schlichtegroll erhält dafür viele neue Aktien der Infogenie AG, die Altaktionäre werden an den Rand gedrängt, der Vorstand ausgewechselt. Der neue CEO heißt Markus Braun. Am 14. März 2005 werden die Änderungen ins Handelsregister eingetragen - aus Infogenie wird die Wirecard AG. Das Unternehmen hat einen Börsenwert von 120 Millionen Euro. Es gibt 52 Millionen Aktien, und fas alle gehören der EBS Holding: 92,5%10.
Im Geschäftsbericht 2004 schreibt das Unternehmen vollmundig, Wirecard könne „aufgrund seines einzigartigen Leistungsportfolios … eine klare Führungsrolle im weltweiten Markt für elektronische Zahlungsabwicklung beanspruchen“11. Der Vorstand beschwört damit die Vision eines internationalen Players nach dem Vorbild von Paypal. Ab diesem Zeitpunkt wird es in den Jahresberichten der Wirecard AG nur noch nach oben gehen - bei Umsatz, Gewinn und natürlich den Visionen. Der Kurs wird von 2 Euro auf fast 200 steigen.
Doch an diesem fulminanten Aufstieg wird Schlichtegroll nicht partizipieren. Er hat das Fundament gelegt, Firmen gekauft, Talente gesammelt und das Geschäft angeschoben. Aber jetzt - wo die Wachstumsstory die große Öffentlichkeit erreichen soll - da steigt er aus. Von 90 auf null Prozent in 18 Monaten. So steht es in den Geschäftsberichten12 der Wirecard AG. Wohin die Aktien gehen, lesen wir dort nicht.
Im August 2005 springt das Handelsvolumen der Wirecard-Aktie von wenigen Hunderttausend auf 8 Millionen Stück pro Monat, sinkt dann leicht ab und erreicht 2006 neue Höchstwerte. Das plötzliche Anspringen und die Peaks in 2006 fallen zeitlich mit dem Ausstieg von Schlichtegrolls EBS Holding zusammen. Ein Indiz dafür, dass die Holding in den breiten Markt verkauft. So soll es aussehen, falls später mal irgendjemand nachrecherchiert - Finanzaufsicht oder Medien.
Doch der Ausstieg über den Markt ist eine falsche Spur. Eine Verkaufswelle dieses Ausmaßes, 90% der Aktien innerhalb kurzer Zeit, hätte den Kurs dramatisch belastet. Tatsächlich aber zeigt der Chart das Gegenteil: die Wirecard-Aktie steigt von 2 auf 7 Euro. Und das trotz eines zweiten Belastungsfaktors: Während Schlichtegroll ausstieg, sammelte Wirecard von Investoren 58 Millionen Eigenkapital ein. Ausgeschlossen, dass beide Prozesse parallel verlaufen und keine Spur in der Kursentwicklung hinterlassen. Deshalb war das steigende Handelsvolumen wohl nicht Indiz eines Ausstiegs, sondern eines Täuschungsmanövers: da wollte jemand den Eindruck erwecken, die Aktien werden über den Markt verkauft, während sie tatsächlich auf einem ganz anderen Weg verschoben wurden. Darauf deutet eine Veröffentlichung im Bundesanzeiger.
Am 9. Dezember 2005, neun Monate nach dem Börsengang, macht die EBS-Holding dort eine notarielle Urkunde bekannt. Sie ist ein Tauschangebot: Gesellschafter der EBS können ihre Anteile zurückgeben und erhalten dafür Wirecard-Aktien. Das Angebot ist ungewöhnlich, aber rechtlich einwandfrei. Zuvor hatte die EBS bereits den größten Teil ihrs Stammkapitals an ihre Gesellschafter ausgekehrt. Sie ist damit innerhalb kürzester Zeit völlig entkernt worden und verschwindet wenige Jahre später durch Liquidation13.
Damit wissen wir, wo sich die 48 Millionen Wirecard-Aktien, die Schlichtegroll akkumuliert hatte, Ende 2006 befinden: rund 6 Millionen musste er als Incentive an den neuen CEO Markus Braun abgeben; die übrigen 42 befinden sich in den Händen der alten EBS-Gesellschafter. Keiner von ihnen hat sich bei der Finanzaufsicht BaFin gemeldet, das heißt alle neuen Aktionäre liegen unterhalb der Meldeschwelle von drei Prozent. Sie bleiben also anonym.
Die Spur der unbekannten Hintermänner
Die Ausschüttung der Wirecard-Aktien im Rahmen eines notariellen beglaubigten Hinterzimmer-Deals ist eine Rote Flagge. Ein Indiz dafür, dass es neben EBS-Gründer Schlichtegroll weitere Akteure gab. Strippenzieher im Hintergrund, die sich unbemerkt von der Öffentlichkeit die Verfügungsgewalt über einen Großteil des Aktienkapitals verschafft haben - und damit die eigentlichen Profiteure des Milliardenbetrugs waren. Die Abfolge der Transaktionen, ihr effizientes Zusammenspiel und der lautlose Abgang - all das trägt nicht die Handschrift eines hemdsärmeligen Porno-Unternehmers, sondern eher die eines erfahrenen Investmentbankers. Eines Mannes, der mit chirurgischer Präzision arbeitet und keine Skrupel kennt.
Mit dieser Hypothese im Hinterkopf gehen wir die Frühgeschichte des Betrugs noch mal durch: Schlichtegroll läßt die EBS Holding 1998 in Handelsregister München eintragen - und zwar als Aktiengesellschaft.14 Die Anteilsscheine werden als Inhaberaktien ausgegeben - wer die Urkunde in der Hand hält, ist ihr Eigentümer.15 Und er kann sie in den Nuller Jahren weitergeben oder verkaufen, ohne dass dies irgendeine Spur im Handelsregister hinterläßt. Damit steht Schlichtegroll das perfekte Vehikel für den diskreten Transfer von Beteiligungen zur Verfügung. Erst 2015 schließt der Gesetzgeber diese Schlupflöcher - aber da ist die EBS Holding längst aus dem Handelsregister gelöscht.
Als Schlichtegroll in der Berliner Jazzbar den Einstieg ins Internetgeschäft feiert, ist seine Gesellschaft für die großen Pläne unterkapitalisert. Um im Finanzmarkt ernst genommen zu werden, erhöht sie ihr Kapital 2002 und 03 in zwei Schritten von 84.000 auf 4,6 Millionen - eine Verfünfzigfachung16. Das Geld dafür kommt aus den Rücklagen, das heißt aus den üppigen Gewinnen dieser Jahre. Dadurch demonstriert die EBS Holding, dass sie ihr Wachstum selbst finanzieren kann und keine externen Investoren braucht. Die Shareholder-Struktur von EBS wird in der Öffentlichkeit deshalb auch nie ein Thema.
Dann der Börsengang: bei einem regulären IPO strukturieren Gründer, Investoren und Banken den Kreis der Aktionäre so, dass Fonds, Ankerinvestoren und Free Float in einem ausgewogenen Verhältnis zueinanderstehen. Eine gesunde Mischung aus strategischen und kurzfristigen Investoren, aus Institutionen und Management soll Liquidität, Stabilität und gute Corporate Governance sichern. Wenn das Unternehmen an die Börse geht, steht die Struktur bereits, und sie ist für alle transparent.
Ein Revers Take Over á la Wirecard erlaubt es dagegen, die Aktien bis zum Listing in einer Hand zu konzentrieren und erst danach zu verteilen. Die nachgelagerte Distribution hilft, die Identität der neuen Aktionäre vor der Finanzaufsicht und dem Markt zu verbergen. Dass Schlichtegroll den Großteil der Wirecard-Aktien in der Hand der EBS Holding sammelte, diente also nicht unbedingt seinem persönlichen Ehrgeiz, sondern war die Voraussetzung dafür, dass anonyme Aktionäre an die Stelle der Holding treten konnten.
Dafür spricht auch die Geschwindigkeit der Distribution. Als die Wirecard AG am 15. März 2005 offiziell in den Börsenmantel von Infogenie schlüpft, hält die EBS noch 92,5% des Aktienkapitals, am Ende des Jahres ist der EBS-Anteil auf 24,5% gefallen. 2006 sind es noch 9,6%, danach erscheint die Holding nicht mehr auf der Liste der Aktionäre.
Obwohl also 42 Millionen Wirecard-Aktien an die Gesellschafter der EBS Holding ausgekehrt wurden, meldet sich keiner der frischgebackenes Wirecard-Aktionäre bei der Finanzaufsicht. Kein Aktionär hat demnach mehr als drei Prozent. Die Drei-Prozent-Grenze liegt nach den Kapitalerhöhungen der Wirecard AG bei 2,4 Millionen Stücken. Um unter dieser Schwelle zu bleiben, musste Schlichtegroll die Aktien also an mindestens 17 Empfänger verteilen17.
Ein Schwarm von Offshore-Firmen
Wer aber waren die Empfänger? Hier helfen uns steuerliche Überlegungen weiter: durch das Tauschgeschäft konnte die EBS ihre Kursgewinne weiterreichen, ohne selbst Steuer zahlen zu müssen. Die Empfänger aber hätten einen zweistelligen Millionenbetrag an das Finanzamt überweisen müssen - und wären damit aktenkundig geworden. Ausländische Kapitalgesellschaften dagegen nicht: Ihre Kursgewinne und Kapitalerträge sind nur im Staat ihres Sitzes steuerpflichtig - etwa in einer Offshore-Location mit viel Verständnis für Diskretion.
Aus diesen Umständen ergibt sich das Profil der mutmasslichen Wirecard-Profiteure: ein Schwarm von Kapitalgesellschaften, im Ausland registriert, von Treuhändern verwaltet und möglicherweise durch eine Holding-Struktur zusammengehalten. In einer solchen Konstruktion kann hinter den 17 Empfängern der Wirecard-Aktien eine sehr kleine Gruppe stehen, oder sogar ein einzelnes Individuum - der Blofeld der Kapitalmärkte. Und der kann - getarnt durch Offshore-Strukturen - durchaus ein Deutscher sein.
Hätte sich dieser Aufwand gelohnt? Berechnen wir einfach den Gewinn. Erster Schritt: Der Einstiegspreis. Schlichtegrolls EBS hatte die Mehrheit am Börsenmantel der alten Infogenie AG durch die Einbringung eigener Tochtergesellschaften18 erworben. Für Wirecard hatte EBS 500.000 Euro bezahlt, bei Click2Pay ist der Kaufpreis nicht bekannt, dürfte aber im niedrigen einstelligen Bereich gelegen haben. Bei großzügiger Rechnung hat die EBS Holding weniger als 4 Millionen Euro für die Aktien bezahlt. Ein Schnäppchenpreis, der viel mit der Insolvenz von Wirecard zu tun hat. Aber auch mit den Bewertungsspielräumen, die bei Kapitalerhöhungen gegen Sacheinlage entstehen.
Nehmen wir an, der Kreis der anonymen Aktionäre bestand aus strategischen Denkern, die nicht sofort Kasse machen, sondern die Kursentwicklung ausreizen wollten. Ausreizen heißt: die Aktien so lange zu halten, bis der Chart die exponentielle Phase erreicht, die den Höhepunkt und gleichzeitig das Ende eines Trends ankündigt. In diese Phase trat Wirecard 2017 ein. Der Kurs vervierfachte sich innerhalb von 12 Monaten von 50 auf knapp 200 Euro. Wer zwischen 2017 und 2020 systematisch und gestaffelt verkaufte, wird einen mittleren Verkaufspreis von 120 Euro erzielt haben. Bei 42 Millionen Aktien19 macht das 5 Milliarden Euro. Selbst wenn die anonymen Aktionäre nur ein Kursniveau von 70 Euro realisierten, wären es noch 3 Milliarden gewesen. Das 1000fache des Einstiegspreises.
Die Rechnung zeigt, dass die eigentlichen Gewinner der großen Bilanz-Manipulation genau dort saßen, wo die Öffentlichkeit nur Verlierer vermutet: im Kreis der Aktionäre. Richtig ist, dass viele verloren und sehr wenige gewonnen haben.
Der Mann, der den Grundstein für Wirecard gelegt hat, gibt nicht nur seine Aktien ab, er zieht sich 2009 auch aus dem Aufsichtsrat zurück. Die EBS Holding läßt er 2013 liquideren und ein Jahr später aus dem Handelsregister löschen. Jahre bevor der Wirecard-Skandal öffentlich wird, hat der Weichensteller die Spuren der Vorgeschichte verwischt. Auch Fotos gibt es von ihm nicht. Der Mann ohne Gesicht macht die Bühne frei, für Markus Braun und Jan Marsalek, die beide kein Problem mit Öffentlichkeit haben.
Aber der Aufstieg von Wirecard wäre ohne die zahlreichen externen Helfer undenkbar gewesen: die Wirtschaftsprüfer, die Finanzaufsicht, Analysten, Staatsanwälte und Politiker. Sie alle haben ihren Teil dazu beigetragen, dass Wirecard trotz aller Verdachtsmomente immer weiter machen konnte.
Das Netzwerk der Ermöglicher ist so weit gespannt, dass es weit über die Kapazität der beiden Hauptverdächtigen hinausgeht. Markus Braun und Jan Marsalek waren skurrile Figuren. Sie hatten weder die soziale Reichweite noch das das Format, Teile der deutschen Funktionselite in ihren Bann zu ziehen. Damit Wirecard funktionieren konnte, bedurfte es eines Netzwerks im Hintergrund, das ganz andere Möglichkeit hatte, Eliten-Verhalten zu steuern.
In der nächsten Folge werde ich die Strukturen dieses Netzwerks durchleuchten. Die Auffälligkeiten und Widersprüche in den Entscheidungen von Banken, Finanzaufsicht, Regierung und Wirtschaftsprüfern. In den Medien wird es gerne so dargestellt, als seien die Mitglieder dieser Funktionselite einem kollektiven Hype erlegen: der Wunschvorstellung, dass mit Wirecard endlich ein Fin-Tech-Unternehmen aus Deutschland den Weg an die Weltspitze schafft.
Doch diese Legende geht an derWirklichkeit vorbei: in den oberen Etagen der Finanzwelt wussten alle, dass Wirecard ein Kartenhaus war. Die Entscheider der großen Banken, Fonds und Versicherungen machten alle einen Bogen um das Unternehmen - das zeigt auch die Aktionärsstruktur. Unwahrscheinlich, dass dies ausgerechnet den Watchdogs der Finanzaufsicht verborgen geblieben sein soll. Offensichtlich hatten sie ein Motiv wegzuschauen. Ein Incentive - oder eine Drohung aus dem Hintergrund.
1 2017 gewährte die Deutsche Bank Braun ein Darlehen von 150 Mio. Euro und nahm die Hälfte seiner 7prozentigen Beteiligung an Wirecard als Sicherheit. Als Zweifel am Geschäftsmodell des Unternehmens lauter wurden, trat die Deutsche Bank von ihrem Engagement zurück und wurde von der Oldenburgischen Landesbank abgelöst.
Financial Times, 09.07.2020
The tiny German Bank that bet big on Markus Braun
https://www.ft.com/content/19f4970b-eac6-4b44-9d80-77334c4b4321?syn-25a6b1a6=1
Abgerufen: 2026-04-15 08:36:57
2 2024 meldete die MB Beteiligungsgesellschaft, in der Markus Braun sein Vermögen gebündelt hatte, Insolvenz an. Die Aktiva der Holding bestanden im wesentlichen aus Aktien der Wirecard AG, die mit der Insolvenz 2020 wertlos geworden waren.
DER SPIEGEL, 24.2.2024
https://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/markus-braun-persoenliche-vermoegensverwaltung-von-ex-wirecard-chef-pleite-a-350ee4a0-3162-4b1b-b778-0f6cab820f78
Abgerufen: 2026-04-13 14:40:48
Ein Sachverständigengutachten aus dem Jahr 2025 geht davon aus, dass Vermögenswerte ins Ausland verbracht wurden. Ihre Höhe steht allerdings in keinem Verhältnis zum früheren Wert der Beteiligung an Wirecard.
Abgerufen: 2026.04.13.14:56:52
3 ManagerMagazin, 05.06.2024
Kein Geld mehr - Verteidiger von Ex-Wirecard-Chef legt Amt nieder
Abgerufen: 2026.04.15, 08:35:10
4 Die Höhe von Brauns Beteiligung an Wirecard ergibt sich aus den Geschäftsberichten der Wirecard AG von 2005 bis 2019.
Die Berichte sind abrufbar unter www.deutsche-boerse.com
Das erste Berichtsjahr ist 2004:
Abgerufen: 8.4.2026, 09:52:04
5 Der Insolvenzverwalter der Wirecard AG schätzt, dass Jan Marsalek dem Unternehmen dreistellige Millionenbeträge durch fragwürdige Kredite und überteuerte Unternehmenskäufe entzogen und teilweise auf eigene Konten transferiert hat.
ManagerMagazin, 19.11.2020,
Codename „Armageddon“: Wie der flüchtige Ex-Wirecard-Vorstand Jan Marsalek Millionen aus dem Unternehmen abzweigte
https://www.manager-magazin.de/unternehmen/wirecard-wie-jan-marsalek-millionen-aus-dem-unternehmen-abzweigte-a-00000000-0002-0001-0000-000174057119
Abgerufen: 2026-04-07 11:28:01
6 ter Haseborg, Volker; Bergermann, Melanie. Die Wirecard-Story: Die Geschichte einer Milliarden-Lüge – Das Buch zum Dokumentationsfilm von ARD und Sky (p. 12). (Function). Kindle Edition.
7 Die Autoren Melanie Bergermann und Volker der Haseborg haben mit zahlreichen Zeugen und Weggefährten der Hauptakteure gesprochen und in ihrem Buch „Die Wirecard-Story“ ein atmosphärisch dichtes Bild der frühen Jahre gezeichnet.
8 Der Gründer der Wire Card AG, Detlev Hoppenrath, erstattete damals Strafanzeige, weil er vermutete, dass Bauer-Schlichtegrollund Markus Braun die Firma gezielt in die Insolvenz getrieben haben. Das Verfahren wurde eingestellt.
Holtermann, Felix. Geniale Betrüger: Wie Wirecard Politik und Finanzsystem bloßstellt (p. 32). (Function). Kindle Edition.
9 ter Haseborg, Volker; Bergermann, Melanie. Die Wirecard-Story: Die Geschichte einer Milliarden-Lüge – Das Buch zum Dokumentationsfilm von ARD und Sky (p. 32). (Function). Kindle Edition.
10 Geschäftsbericht 2004, S.18
11 Geschäftsbericht 2004, S.14
12 Dies geht aus den Geschäftsberichten der Wirecard AG 2004-07 hervor:
Geschäftsbericht 2004, Wire Card AG, S. 18
Geschäftsbericht 2005:
Geschäftsbericht 2006:
Geschäftsbericht 2007:
https://companiesmarketcap.com/annual-reports/45876.ar.en.2007.pdf
13 Die Herabsetzung des Kapitals von 4,6 Mio. auf 84.000 Euro erfolgt im September 2005; die Umwandlung der AG in eine GmbH im November. Das Tauschangebot wird am 9.12.2005 notariell beglaubigt.
https://www.bundesanzeiger.de/pub/de/suchergebnis?5
Abgerufen: 2026.04.13, 09:45:02
14 Die ursprüngliche Firmierung ist Entertainment Print Media AG, dann Electronic Billing Systems AG und ab 2002 EBS Holding AG.
Holtermann, Felix. Geniale Betrüger: Wie Wirecard Politik und Finanzsystem bloßstellt (p. 30). (Function). Kindle Edition.
North Data,
https://www.northdata.de/ebs%20Holding%20GmbH,%20Grasbrunn/Amtsgericht%20München%20HRB%20159522
15 Aktiengesetz, §10
https://dejure.org/gesetze/AktG/10.html
Seit 2015 müssen Inhaberaktien bei einer Sammelstelle hinterlegt und im Transparenzregister gemeldet werden, so dass sie nicht mehr zur V Verschleierung von Besitzverhältnissen dienen können.
16 North Data,
https://www.northdata.de/ebs%20Holding%20GmbH,%20Grasbrunn/Amtsgericht%20München%20HRB%20159522
17 Von den 48 Mio. Wirecard-Aktien der EBS gingen rund 6 Mio. an Braun; gleichzeitig wurde das Kapital der AG 2005 und 06 in zwei Schritten von 62 auf 81 Mio. erhöht. Damit lag die 3%-Schwelle bei 2,4 Mio. Aktien.
18 Dies geht aus den Geschäftsberichten der Wirecard AG 2004-07 hervor:
Geschäftsbericht 2004, Wire Card AG, S. 18
Geschäftsbericht 2005:
Geschäftsbericht 2006:
Geschäftsbericht 2007:
https://companiesmarketcap.com/annual-reports/45876.ar.en.2007.pdf
19 Nach Abzug der rund 6 Mio. Aktien für Braun blieben der EBS 42 Mio. zur Verteilung an die Gesellschafter.
