
Wirecard(Teil III)
Testat für ein Phantom - wie der Wirtschaftsprüfer EY beim Fälschen half
Der Raubzug der Wirecard-Akteure war ein strategisch geplantes Unternehmen. Vorausetzung für den Erfolg war die Kooperation des Wirtschaftsprüfers. EY hat über 10 Jahre Bilanzen testiert, die von Grund auf gefälscht waren und eine Gewinn-Illusion schufen. Wie das geschehen konnte - und warum - ist Thema dieser Folge.
Das Milliardenspiel um Wirecard hatte drei Dimensionen: den Aktienmarkt, wo die frühen Investoren Milliarden verdienten; die Bilanzfälschung, die die Grundlage für das Wachstumsmärchen lieferte; und die Abschöpfung im operativen Geschäft, mit der sich die Frontleute der Operation Wirecard ihren Anteil an der Beute sicherten. Von diesen drei Dimensionen war die Bilanzfälschung das zentrale Element. Die Voraussetzung dafür, dass der Kurs explodieren konnte und die Veruntreuung von Hunderten von Millionen verborgen blieb.
Im Kern ist Wirecard also ein Buchhaltungs-Thriller. Und die Hauptrolle spielt darin EY, einer der vier größten Wirtschaftsprüfer der Welt. Höchste Standards, beste Ausbildung - die Elite der Branche ist hier versammelt. Und dennoch setzen die Verantwortlichen von EY ihr Gütesiegel, das sogenannte Testat, Jahr für Jahr unter Bilanzen, die frei erfunden sind - und voller roter Flaggen. Sie ermöglichen damit einen fortgesetzten Milliardenbetrug. Wie das geschehen konnte, wer dabei geholfen hat, und warum eine entscheidende Spur nach Mauritius führt - das ist mein Thema in dieser Folge von Stealth Crime.
James Freis
Am 18. Juni 2020 tritt der Aufsichtsrat der Wirecard AG zu einer Krisensitzung zusammen - wenige Tage vor dem endgültigen Zusammenbruch. CEO Markus Braun beschwört das Gremium: die 1,9 Milliarden, an denen das Schicksal des Unternehmens hängt, seien mit hoher Wahrscheinlichkeit vorhanden. Man werde sie finden. Doch der Aufsichtsrat hat schon zu viele Lügen gehört. Er entlässt Braun und beruft den amerikanischen Compliance-Experten James Freis zum neuen CEO. Der steht schon bereit.
James Freis, Ende Vierzig, hat fünf Jahre lang das Financial Crimes Network im US-Finanzministerium geleitet und anschließend die Compliance-Abteilung der Deutschen Börse. Ein Jurist und engagierter Verbrechensbekämpfer, freundlich im Umgang, aber hart in der Sache.
Am Abend des 18. Juni verlassen die Angestellten der Wirecard AG die Unternehmenszentrale in Aschheim in gedrückter Stimmung. Sie wissen, dass ihr Arbeitgeber am Abgrund steht. Freis bleibt im Gebäude und schaut sich auf der Chefetage um. Marsalek hatte das größte Büro von allen, 110 Quadratmeter, Eckzimmer mit Ausblick nach Südosten. In der Ferne sieht man die Gipfel der Hohentauern, die im letzten Sonnenlicht rötlich schimmern. In einer Ecke steht ein lebensgroßer Pappaufsteller von Donald Trump, es gibt Vodkaflaschen russische Pelzmützen und eine Matroschka-Puppe mit Putin-Gesicht. Trotz der Erinnerungsstücke: Marsalek ist fast nie hier gewesen, sondern meistens auf Reisen. Und wenn er sich in München aufhielt, dann am liebsten in seinem Palais in Bogenhausen, wo er die Partner seiner Nebengeschäfte empfing und anschließend zu Käfer’s einlud. In Bogenhausen gab es den Luxus, den der Funktionsbau in Aschheim nicht bieten konnte.
Brauns Büro, das Freis nutzen soll, ist aseptisch. Nichts lässt auf die Persönlichkeit des Mannes schließen, der über Jahre den Tech-Guru im schwarzen Rollkragenpullover mimte. In Aschheim hatte Braun sich einen separaten Aufzug einrichten lassen - ein direkte Verbindung zur Tiefgarage, wo sein Chauffeur den Maybach in einem abgeschirmten Bereich parkte, damit die Angestellten nicht sehen konnten, ob der Chef im Hause ist.
Freis hat sich gleich nach der Aufsichtsratssitzung die Bücher geben lassen. Während sich die Nacht über Aschheim senkt, analysiert er die Konto-Auszüge aus den Philippinen. Zunächst fällt ihm auf: keine der beiden Banken, bei denen Wirecard Konten unterhält, hat dem Unternehmen Gebühren in Rechnung gestellt. Warum aber sollte eine Bank auf diese Einnahmen verzichten? Die Konten werden in Euro gehalten, sind also Devisenkonten, und müssten bei dieser Größenordnung in den Bilanzen sichtbar sein.
Sind sie aber nicht. Freis checkt die Abschlüsse der beiden Banken auf deren Websites. Die Bank of the Philippine Islands, BPI, verzeichnet am Stichtag, dem 31. Dezember 2019, unter Fremdwährungskonten nur ein Zehntel der Summe, die Wirecard dort angeblich geparkt hat1. Damit ist der Betrug bewiesen. Ein paar Klicks im Internet und zur Sicherheit eine telefonische Nachfrage in Manila2 - mehr brauchte es nicht, um einen Milliardenkomplott ans Licht zu bringen. Freis fragt sich, warum er der erste ist, der die offensichtlichen Indizien des Betrugs sieht.
Ein paar Monate später, auf der European Compliance and Ethics Conference in München, wird Freis vor internationalen Experten deutlich: „Es gab klare Fehler von externen Parteien, auch solchen mit großen Namen3“. Gemeint ist EY, der Wirtschaftsprüfer, der die Wirecard-Bilanzen von 2009 bis 2019 testiert hat. Seine Testate waren die Voraussetzung für den Betrug. Ähnlich wie die Finanzaufsicht BaFin und die Staatsanwaltschaft München war EY ein Ermöglicher einer langanhaltenden Milliarden-Abzocke.
Anfang 2009
Die Liaison zwischen Wirecard und EY beginnt 2009. Da bekommt der Wirtschaftsprüfer das Mandat für den aufstrebenden Payment Service Provider. Verantwortlicher Partner ist Andreas Lötscher. Er wird das Aschheimer Unternehmen die kommenden 10 Jahre begleiten. In dieser Zeit wächst der Umsatz von 230 Millionen auf 2,8 Milliarden, und der Gewinn von 26 auf über 350 Millionen. Am gewaltigsten aber nimmt der Börsenwert zu: von 100 Millionen auf 24 Milliarden. Weil der Markt den Bilanzen vertraut.
Lötscher trägt also große Verantwortung. Er arbeitet für ein privatwirtschaftliches Unternehmen, hat aber eine Aufgabe, die man eher bei einer Aufsichtsbehörde vermuten würde. Sein Urteil ist das Signal, dem die Öffentlichkeit vertraut. Handelsgesetzbuch und Berufsrecht geben ihm deshalb klare Regeln für den Ablauf der Prüfung vor. Missachtet er sie, drohen Strafen.
Mit diesem Gepäck kommt Andreas Lötscher also bei Wirecard an. Für Markus Braun ist er in diesem Moment der wichtigste Mensch im Universum: Lötschers Kooperationsbereitschaft wird darüber entscheiden, ob Brauns Pläne - und die seiner Hintermänner - in den nächsten 10 Jahren aufgehen können. Also erzählt Braun ihm von seiner Vision: Wirecard als deutscher Technologie-Konzern, auf Augenhöhe mit Silicon-Valley-Stars wie Paypal, expandierend, innovativ und profitabel. Der Payment Service Provider des 21. Jahrhunderts. Die großen Worte kaschieren eine recht banale Wahrheit: Wirecard ist einfach ein Mittler zwischen Konsumenten, Händlern, Kreditkartenorganisationen und Banken. Der Mittler bindet Händler an seine Infrastruktur an, verwandelt Transaktionen in Datensätze und leitet diese an den Issuer weiter. Das ist die Bank, die die Kreditkarte ausgegeben hat, und die am Ende den Händler bezahlt. Für die Zahlungsabwicklung gibt der Händler rund 2 Prozent vom Umsatz ab. Den größten Teil davon schnappt sich die ausgebende Bank, einen weiteren das Kreditkarten-Netzwerk, und der kleine Rest bleibt für Vermittler wie Wirecard - selten mehr als 0,5%.
Die kleine Marge steht in einem gewissen Spannungsverhältnis zu den gewaltigen Visionen von Markus Braun. Und es mag sein, dass Andreas Lötscher damals, bei den Kickoff-Meetings, ein wenig skeptisch geschaut hat. Und Braun mag die Skepsis des Prüfers gespürt haben. Aber dann holt er Jan Marsalek in den Konferenzraum: 30 Jahre, IT-Spezialist und frischgebackener COO des Konzerns. Marsalek trägt Maßanzug, militärisch kurze Haare und eine Panerai am Armgelenk, Statussymbol einer gut verdienenden Tech-Elite. Seine Erscheinung - von schmalen Einstecktuch bis zu den manikürten Händen - ist sorgfältig inszeniert, aber durch diesen Firnis schimmert etwas Archaisches, Unkontrollierbares. Auf den Fotos der PR-Abteilung, die die frisierten Jahresberichte schmücken, deutet Marsalek das zynische Lächeln an, das seine Verachtung für die geordnete Welt der Buchhalter erkennen läßt. Marsalek ist ein Spieler, sein Revier ist eine raue Welt.
Die Scheinfirmen
Marsalek, so schwadroniert Braun, wird uns Asien erschließen. Den Kontinent des Wachstums, des Konsums und der bargeldlosen Zahlung. Um die Eroberung der fernen Märkte zu beschleunigen, werde man mit lokalen Partnern zusammenarbeiten - den Third Party Acquirers. Marsalek nickt - und redet nicht viel. Die Außendarstellung überlässt er dem CEO, das gehört zur Arbeitsteilung zwischen den beiden4.
Stattdessen kümmert sich der COO lieber um das operative Geschäft, das heißt in diesem Fall: die Organisation eines Systems von Scheinfirmen zur Simulation von Umsatz und Wachstum. Dazu installiert er drei Unternehmen: die Al Alam in Dubai, geführt von Oliver Bellenhaus; die Pay Easy Solutions in Manila, geführt von Christopher Bauer; und die Senjo Payments in Singapur, aus dem Hintergrund gesteuert von dem Briten James Henry O’Sullivan. Bellenhaus steht heute als Kronzeuge in München vor Gericht; O’Sullivan in Singapur und Christopher Bauer soll kurz nach der Wirecard-Insolvenz in Manila gestorben sein5.
Die drei Herren produzieren die Zahlen, die Braun und Marsalek für ihre Story brauchten: zwischen 2010 und 2015 verdreifacht sich der Umsatz der Wirecard AG von 270 auf 770 Millionen Euro, der Gewinn von 33 auf 140 Millionen. Parallel dazu wachsen allerdings auch die offenen Forderungen gegenüber den asiatischen Partnern - auf rund 300 Millionen. Das legt der berühmte Zatarra-Report der Shortseller Matthew Earl und Fraser Perring Anfang 2016 offen6. Wirecard gerät kurzfristig unter Druck, wehrt sich aber erfolgreich gegen die Vorwürfe - mit Hilfe von PR-Firmen und der Staatsanwaltschaft in München. Dabei setzen sie das zum ersten Mal das Narrativ ein, das sie 2010 mit dem Fall Bosler etabliert haben: dass die Shortseller unlautere Motive verfolgen und ihre Darstellungen deshalb verzerrt sind7. Trotz der erfolgreichen Gegenwehr ist Braun und Marsalek nach der Shortseller-Attacke klar, dass das System der offenen Forderungen an seine Grenzen gekommen ist.
Wenn Kunden nicht zahlen und der Umsatz wie im Bilderbuch wächst, ist das ein klassisches Indiz für Bilanzbetrug. Für Andreas Lötscher ist das Grundkurs-Wissen. Nach seinen Berufsregeln müssten er jetzt Alarm schlagen und das Testat verweigern. Tatsächlich aber tun er das Gegenteil: er zeigt seinem Klienten, wie sich die Regeln umgehen lassen. Wie wäre es, fragt er Braun und Marsalek, wenn die Gebühren der Third Party Aquirers zunächst tatsächlich an Wirecard-Töchter in Europa fließen8, dann aber auf Treuhandkonten in Asien zurückgeschickt werden9. Also: keine offenen Forderungen mehr, sondern reales Geld, reale Gewinne, die allerdings nur kurze Zeit auf europäischen Konten verbleiben. Dafür wachsen in Asien die Reserven. Sie dienen als Sicherheit, falls Kreditkartenkunden einen Kauf rückgängig machen und eine Rückzahlung fordern.10 So die offizielle Begründung.
Ein brillantes Modell: denn Treuhandkonten sind ihrer Natur nach hybride. In der Bilanz werden sie als Vermögen der Wirecard AG verbucht, tatsächlich, aber befinden sie sich nicht in unmittelbarem Zugriff der Gesellschaft, sondern in der Verfügungsgewalt des Treuhänders. EY müsste sich von den kontoführenden Banken in Asien eigentlich eine direkte Saldenbestätigung holen, ohne Umweg über den Klienten. Aber Singapur ist weit, und Manila noch weiter. EY bestätigt die liquiden Mittel, ohne sie gesehen zu haben, als „Cash-Äquivalent“. Und Cash ist die härteste Währung in der Welt der Buchhaltung - eine Größe, die kein Investor hinterfragt.
Kann es sein, dass einer der größten und angesehensten Wirtschaftsprüfer der Welt, seinem Mandanten erklärt, wie er seine Bilanzen am effektivsten manipulieren kann? Dass er damit einen milliardenschweren Betrug ermöglicht, der sonst kurz vor der Entdeckung gestanden hätte?
Die Antwort ist ausgesprochen eindeutig. Denn im Oktober 2019 wird Konkurrent KPMG mit einer Sonderprüfung beauftragt. Die Spürnasen von der Forensik fliegen auch zu den Tatorten in Asien, sprechen mit Komplizen und protokollieren ihre Gespräche - unter anderem mit Christopher Bauer, der den Wirecard-Partner Easy Pay in Manila steuert. Er war Zeuge der Verhandlungen zwischen EY und Wirecard und erzählt den KPMG-Ermittlern, dass es die EY-Leute waren, die den Ausweg über die Treuhandkonten vorschlugen. Fünf Monate später ist der Zeuge Bauer tot, gestorben an einer Blutvergiftung - wie die philippinischen Behörden erklären.
Bauers Version wird gestützt von einem Papier, das EY erarbeitet hat: das sogenannte „Concurrence Memorandum“ vom 3. März 2016. Das Papier beschreibt das Drittpartnergeschäft und belegt, dass der Wirtschaftsprüfer genau wusste, was in Asien gespielt wurde. Der Untersuchungsausschluss kommt zu dem Schluss, dass EY „die für die Aufblähung der Bilanz mitursächliche Bruttobilanzierung des Drittpartnergeschäfts“ vorgeschlagen hat11.
Zunächst sind die Beträge auf den Treuhandkonten klein: 57 Millionen Euro 2015, 347 Millionen 2016, dann 437 Millionen, eine Milliarde und 2019 die berühmten 1,9 Milliarden.12 Zu diesem Zeitpunkt stammen 50% des Wirecard-Umsatzes aus dem Drittpartnergeschäft, und sogar 90% des Gewinns. Es sind diese Zahlen, die das Fundament der Börsenstory bilden - und die Plünderung der Anleger ermöglichen. Erst ganz zum Schluß wird den Prüfern mulmig. Zu groß sind die Summen, zu wacklig das Kartenhaus.
Motivation von EY
Der Untersuchungsausschuss des Bundestags wirft EY „schwere Versäumnisse“ vor. Die Prüfer hätten keine „hinreichend kritische Grundhaltung“ gehabt13. Das ist eine Verharmlosung. Sie klingt fast wie die Selbstrechtfertigung von EY: man habe zu sehr vertraut, sei arglistig getäuscht worden - und überhaupt seien die Betrüger viel zu raffiniert gewesen.
Eine Legende, die völlig an der Wirklichkeit vorbeigeht. Die erfahrenen Prüfer konnten die Amateurfälscher um Marsalek wahrscheinlich von Anfang an durchschauen und fanden ihren Methoden so plump, dass sie ihnen mit professionellem Rat unter die Arme griffen. Dabei wurden Andreas Lötscher und sein späterer Kollege Matthias Dahmen über Jahre von der Geschäftsführung gedeckt; Indizien deuten darauf hin, dass die Unterstützung bis zum CEO in New York reichte.14Dafür muss es gewichtige Gründe gegeben haben.
EY ist als Partnerschaft organisiert und hierarchisch aufgebaut. An der Basis der Pyramide wird hart gearbeitet und mäßig verdient, an der Spitze winken Millionengehälter. Das ist das Partner-Level. Wer dort ankommen will, muss Leistung bringen, nicht nur Qualität, sondern auch Umsatzvolumen. Wer nicht liefert, fliegt - „Up or out“ ist der Leitsatz der Branche. Der harte Konkurrenzkampf sorgt für Konformitätsdruck. Auf der Ebene der Juniors würde kaum jemand einem Teamleiter und Partner widersprechen. Aber auch die Partner stehen unter Druck. Lötscher und Dahmen mussten liefern - vor allem Umsatz. Sie hatten deshalb eine starke Motivation, ihren Mandanten Wirecard zu halten und nicht allzu kritisch zu prüfen. Das erklärt wenigstens zum Teil ihre Unterstützung für Braun und Marsalek.
Ihr Vorgesetzter, Deutschland-Chef Hubertus Barth, hatte eine andere Perspektive. Für seine Performance kam es nicht auf das einzelne Mandat an, sondern auf den Gesamtumsatz. 2016 hatte er die Devise ausgegeben, den DAX zu erobern, wo bis dahin die Konkurrenten KPMG und PwC dominierten. Innerhalb weniger Jahre verdoppelte EY die Zahl der Mandate und gewann prestigeträchtige Kunden wie VW und Deutsche Bank. In dieser Liga war Wirecard ein Kunde unter anderen - und bei weitem nicht der wichtigste. Kein verantwortlich handelnder CEO hätte die Reputation und den wirtschaftlichen Erfolg seines Unternehmens für eine Truppe von Hasardeuren riskiert.
Barth aber tat es. Und er war über die Risiken informiert.
Ende 2015 berichtet die Financial Times das erste Mal über ein 250-Millionen-Loch in der Bilanz. „House of Wirecard“ heißt die Serie, und sie wird für die Geschäftsführung von EY zum Thema. Wenige Monate später verstärkt der Zatarra-Report die Verdachtsmomente. Im Mai 2016 bekommen die Prüfer zudem Post von einem Whistleblower. Inhalt: die Führungsebene von Wirecard hätte sich durch überteuerte Unternehmenskäufe um Hunderte von Millionen bereichert. Das Papier nennt Summen, Firmen und Strohleute, nur bei den Verantwortlichen bleibt es unscharf - es seien Mitglieder des „Senior Managements“15. Das Papier hat Sprengkraft, Lötscher reicht es an Deutschland-Chef Hubertus Barth weiter.
Barth ist ein schlanker, fast asketischer Mann Mitte Vierzig. Aschblonde Haare, gut geschnittenes, aber unauffälliges Gesicht mit kräftig gerahmter Hornbrille. Wenn eine Agentur einen Technokraten aus dem Middle-Management casten müsste, würde sie ihn wählen. Barth ist seit 10 Jahren bei EY und hat es in dieser Zeit zum Deutschlandchef gebracht. Weltweit macht der Beratungs- und Prüfkonzern 30 Mrd. Dollar Umsatz, Wirecard trägt dazu gerade mal ein Tausendstel bei16. Peanuts sozusagen.
Damit liegt die Abwägung für Barth klar auf dem Tisch: ein kleines Mandat um jeden Preis halten und damit den Ruf des Konzerns riskieren inklusive milliardenschwerer Mandate - oder auf Abstand gehen. Eigentlich ist die Sache klar, aber Barth trifft eine rational schwer nachvollziehbare Entscheidung: die vier Testate für die Jahre 15/16/17 und 18 werden unter seiner Führung ohne Einschränkung erteilt. Und das, obwohl sich die Vorwürfe des Whistleblowers erhärten.
Das Haifischbecken
Um seinen Aufklärungswillen zu demonstrieren gibt Jan Marsalek im Herbst 2016 eine forensische Untersuchung bei EY in Auftrag. Barth reicht den Auftrag weiter an den Bereich Fraud Investigation. Das ist die Ermittlungsabteilung bei EY, unter der Führung von Christopher Muth. Das Projekt bekommt den Namen „Ring“ - was sinnvoll ist, denn hier wie bei Wagner geht es um die Macht der Gier, den Fluch des Goldes und um jene Hybris, die in den Untergang führt.
Was die Ermittler finden, erinnert dann aber eher an Brechts Mackie Messer als an Wagners Nibelungen: Am 10. Februar gründen unbekannte Herren in Port Louis, der Hauptstadt von Mauritius, den Emerging Markets Investment Fund 1A, kurz EMIF17. Ihre Identität verbergen sie hinter einer lokalen Offshore-Gesellschaft. Kurz nach der Gründung kauft der Fonds für 35 Millionen Euro drei indische Reise-Payment-Anbieter, die sogenannte Hermes-Gruppe. Vier Wochen später übernimmt Wirecard die Gruppe für 320 Millionen - ein Aufschlag von fast 900 Prozent.
Der Eigentümer des Fonds ist zwar nicht bekannt, aber er wird in Verhandlungen vertreten durch James Henry O’Sullivan, jener O’Sullivan, der den Wirecard-Partner Senjo in Singapur betreibt18. Ein bulliger Mann mit Rasputin-Bart, Spiegelbrille und bunten Hemden, dem der Ruf außergewöhnlicher Rüpelhaftigkeit vorauseilt. In Singapur fährt er einen weißen Rolls Royce und lebt er in einer Villa mit Haifisch-Aquarium.19 Marsalek und Sullivan kennen sich seit den frühen Zehner Jahren aus der Welt der Glücksspiel-Finanzierung. Sie gehen gemeinsam auf die Jagd und feiern gerne zusammen - zum Beispiel den vierzigsten Geburtstag des Briten in einem Luxus-Hotel an der Küste von Mosambik20. O’Sullivan, den das FBI schon wegen Geldwäsche im Visier hatte, soll den Gewinn aus dem Indien-Deal abgeschöpft und einen Teil über Offshore-Firmen an die Wirecard-Chefs weitergeleitet haben.21
Die Indizien für die Veruntreuung sind dicht, aber die endgültigen Beweise befinden im Ausland - und auf Marsaleks Computer. Marsalek verweigert EY den Zugriff, und erklärt das Projekt „Ring“ schließlich für beendet. Für die Vorwürfe, so lässt er verkünden, hätten sich keine Belege gefunden.
Die Forensiker bei EY mögen das anders sehen, aber der Verdächtige ist zugleich der Auftraggeber, und so hören sie auf, weiter zu bohren. Aber sie informieren ihre Prüfer-Kollegen. Die wären jetzt verpflichtet, in ihrem Testat auf die Ungereimtheiten hinzuweisen. Tun sie aber nicht. Mit Wissen - und stillschweigender Billigung - durch den Deutschlandchef Hubertus Barth wird die völlig unrealistische Bilanz des Jahres 2016 ohne Einschränkung testiert22. Wie viele Indizien und Zeitungsberichte müssen noch auftauchen, bis Barth wankt - in seiner Nibelungentreue zu Markus Braun und Jan Marsakek?
Am 6. Februar 2019 bekommt der Deutschland-Chef Post aus Singapur, ein Paket voller Dokumente mit einem Begleitschreiben. Es stammt von Pav Gil, der 2017 als Anwalt von Wirecard Asia-Pacific angeheuert wurde und direkt an den Vorstand in Aschheim berichtete. Das Schreiben ist anonym, Gil ist Whistleblower, sein Gewissen hat ihn zu diesem Schritt getrieben. Die Verträge, Emails und Excel-Sheets belegen, wie Wirecard Singapur in Kooperation mit Marsaleks Buddy O’Sullivan ein boomendes Asiengeschäft simuliert und den Cash-Bestand der Treuhandkonten frei erfunden hat.23
Es sind Beweise, die EY nicht ignorieren kann. Aber statt das Mandat niederzulegen, holt sich Deutschland-Chef Barth Rückendeckung für die Fortsetzung - und zwar vom Staat. EY und die anderen großen der Branche werden wegen ihrer Bedeutung für das Funktionieren der Wirtschaft von einer Aufsichtsbehörde kontrolliert, die dem Wirtschaftsministerium untersteht: der APAS.
Dort also ruft Barth an. Die Beamten fragen ihn, ob er eine strafrechtlich relevante Meldung machen wolle. Nein, sagt Barth, es ginge nur um einen informellen Austausch. Deshalb wird auch nichts protokolliert, eine schriftliche Kommunikation findet nicht statt. Barth und Kollegen schildern das Problem, aber sie vermeiden hässliche Details, bleiben auf der Abstraktionsebene. Und fügen hinzu, man werde umfangreiche Massnahmen ergreifen, um die Qualität der Prüfung zu sichern24. Die Aufseher hören sich die Ausführungen an - und machen nichts.
Nach dem Telefonat kann Barth sagen, er habe die Behörden informiert. Diese hätten keine Notwendigkeit für einen Eingriff gesehen. Und so erhält Wirecard ein weiteres Jahr ein Gütesiegel für seine Bilanz. Marsalek kann weitere 250 Millionen abschöpfen und die die Aktionäre der ersten Stunde weitere Milliarden am Aktienmarkt einsammeln.
EY findet nicht die Kraft, den Skandal aufzudecken, es bedarf einer Sonderprüfung durch den Konkurrenten KPMG. Den Todesstoß versetzt schließlich James Freis, der nur eine kurze Nachtsitzung braucht, um den Beweis für den Betrug zu finden.
In der Aufarbeitung des Skandals verlieren die beiden zuständigen Prüfer Andreas Lötscher und Matthias Dahmen ihren Job. Ihre Handlungen lassen sich möglicherweise aus den Zwängen der Hierarchie bei EY verstehen, dem Druck, sich unterzuordnen und Umsatz zu machen. Bei Deutschland-Chef Barth liegen die Dinge aber anders: er hätte sein Unternehmen gerade aus Gründen der Profitoptimierung vor Wirecard schützen müssen. Das Mandat beenden, die Reputation retten. Stattdessen deckt er den Betrugskonzern und steuert EY in eine Krise: die APAS verhängt eine Geldbuße und ein zweijähriges Verbot, neue Mandate anzunehmen. Wirecard-Aktionäre klagen auf Schadensersatz, Kunden springen ab.
Alles absehbare Risiken. Warum geht Bart sie ein? Wie bei den Staatsanwälten in München und den Chefs der Finanzaufsicht Bafin sind die Motive der Entscheidungsträger nicht nachvollziehbar. Sie schaden nicht nur ihren Institutionen - sondern auch ihren eigenen Karrieren. Welchen Einflüssen muss ein Mensch ausgesetzt sein, damit er seine eigenen Interessen ignoriert? Und welche Netzwerke sind in der Lage, Hierarchieketten in mehreren Institutionen gleichzuschalten?
Hubertus Barth wird Anfang 2021 von seinem Posten abberufen. Steigt aber bald ins europäische Management von EY auf. Strippenzieher des Aufstiegs ist Carmine Di Sibio, New Yorker Chef des Konzerns. Seine implizite Botschaft: Barth hat alles richtig gemacht25.
Doch Di Sibiu ist bei weitem nicht der einzige Unterstützer auf Top-Level. Lobbyisten, Regierungsmitglieder und die ersten Adressen der Finanzindustrie haben dazu beigetragen, dem Betrug den Weg zu ebnen. Damit beschäftige ich mich in der vierten und letzten Folge der Wirecard-Serie.
Wer keine Folge mehr verpassen will: einfach Stealth Crime abonnieren. Das hilft mir natürlich auch, die kritischen Inhalte dieser Serie weiter zu verbreiten.
1 Handelsblatt, 22.01.2021
Interview mit James Freis
Abgerufen am 06.05.2026, 15:15:04
2 „Bei der schnellen Aufklärung half auch ein glücklicher Zufall: Eine ehemalige Bürokollegin von Freis bei der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) arbeitete zur selben Zeit als Chefjuristin bei einer der Manila-Banken. Freis konnte sie noch in der Nacht anrufen und seine gravierenden Erkenntnisse gegenprüfen.“
Holtermann, Felix. Geniale Betrüger: Wie Wirecard Politik und Finanzsystem bloßstellt (p. 190). (Function). Kindle Edition.
3 Holtermann, Felix. Geniale Betrüger: Wie Wirecard Politik und Finanzsystem bloßstellt (p. 191). (Function). Kindle Edition.
4 „Vor größerem Publikum macht allein Braun die Ansagen und Marsalek nickt. »Marsalek hat das, was Braun sagt, nicht vor anderen infrage gestellt«, sagt ein Berater. Er ist zwar für das Kerngeschäft der Firma verantwortlich, stiehlt Braun aber nie die Show.“
ter Haseborg, Volker; Bergermann, Melanie. Die Wirecard-Story: Die Geschichte einer Milliarden-Lüge – Das Buch zum Dokumentationsfilm von ARD und Sky (p. 159). (Function). Kindle Edition.
5 Die philippinischen Behörden meldeten im August 2020, dass Bauer an einer Blutvergiftung gestorben sei. Später tauchten Indizien auf, dass der Wirecard-Partner unter falscher Identität in Vietnam lebe. Dazu gab es 2022 eine Anfrage an die Bundesregierung.
ManagerMagazin, 13.08.2020
Bundestagsdrucksache 20/2931
Anfrage des Abgeordneten Christian Leye, S.27
https://dserver.bundestag.de/btd/20/029/2002931.pdf
6 https://viceroyresearch.org/publications/zatarra-research-investigations-wirecard-reports
7 Vgl. Teil II der Wirecard-Serie: „Wie die Behörden zu Komplizen wurden“: Tobias Bosler veröffentlichte 2008 den ersten kritischen Research zu Wirecard. Weil er in anderen Fällen gegen Transparenzpflichten verstoßen hatte, konnte Wirecard Boslers Angriff als kriminelles Manöver diskreditieren und damit ein Narrativ zur Abwehr aller späteren Shortseller-Attacken etablieren.
8 Zielfirmen:…
9 „Ein Protokoll der konkurrierenden Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG legt nun nahe, dass EY sogar zur Einrichtung solcher Konten geraten habe. Demnach sagte Christopher Bauer, der mittlerweile verstorbene Chef der Wirecard-Partnerfirma PayEasy im März 2020 bei einem Treffen in Manila: »Diese Umstellung wurde von den Jahres- und Konzernabschlussprüfers der WD (Ernst & Young GmbH Wirtschaftsprüfungsgesellschaft) angeraten.« Bei dem Treffen waren auch der inzwischen flüchtige Vizechef Jan Marsalek sowie der EY-Partner Martin Dahmen anwesend. Dahmen habe nicht widersprochen, heißt es in der KPMG-Notiz.“
DER SPIEGEL, 09.12.2020
Abgerufen: 08.05.2026, 16:35:43
10 Prüfbericht der KPMG
11 Bericht des Untersuchungsausschusses, S. 448, S. 1621
12 Die Zahlen wurden in verschiedenen Artikeln von der Financial Times veröffentlicht und vom Journalisten Felix Holtermann in seinem Buch zusammengefasst.
Holtermann, Felix. Geniale Betrüger: Wie Wirecard Politik und Finanzsystem bloßstellt (p. 68). (Function). Kindle Edition.
13 Untersuchungsbericht, S.1621
14 „Neben der persönlichen Verantwortung bei der Geschäftsführung von EY Deutschland sieht der Ausschuss auch eine Mitverantwortung der globalen Leitung von EY. Der Chairman von EY global, Herr Di Sibio, hat am 14. September 2020 ein Schreiben an alle Mandanten von EY gerichtet, in dem jegliche Verantwortung EYs zurückgewiesen und EY als Opfer eines Betruges dargestellt wurde. (…)
Auch äußert der Ausschuss sein Unverständnis darüber, dass die weltweite EY-Führung weiter an Herrn Barth als Mitglied der deutschen Geschäftsführung festhält und ihm eine neue Rolle auf europäischer Ebene zubilligt.“
Untersuchungsbericht, S.1630
15 Bericht des Untersuchungsausschusses, S. 1622
16 Aussage von Hubertus Barth vor dem Untersuchungsausschuss am 19.3.2021; Untersuchungsbericht S. 443
17 Süddeutsche Zeitung, 07.10.2020
Wirecad-Ermittler verzweifeln am Mauritius-Rätsel
https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/wirecard-mauritius-raetsel-millionen-deal-1.5055619
Abgerufen: 2026-04-28 07:00:39
18 Financial Times
14.03.2023
The high-living entrepreneur brought low by his links to Wirecard
https://www.ft.com/content/a1753466-8924-40b2-8521-d5caa373e828?syn-25a6b1a6=1
Abgerufen: 2026-05-09 15:58:29
19 Financial Times, ebda.
20 Financial Times, ebda.
Fotos zeigen Marsalek und Sullivan nach Abschluss des Indien-Deals am Konferenztisch und bei einem gemeinsamen Restaurant-Besuch.
21 Financial Times, The high-living entrepreneur
22 Intern wurde bei EY Anfang 2017 darüber diskutiert, ob die Indizien der Sonderprüfung und die mangelnde Kooperation von Braun und Marsalek als „Prüfhemmnis“ angesehen werden soll. Was ein Testat ohne Einschränkung verhindert hätte. In diesen Prozess wurde EY-Deutschland-Chef Barth eingebunden, u.a. durch eine Email vom 29.3.2017. Am Ende wurde das Testat im April ohne jede Einschränkung erteilt.
Untersuchungsbericht, S.443ff
23 Financial Times, 20.05.2021
Wirecard’s reluctant whistleblower tells his story: The tried to destroy me
Abgerufen: 15:16:52, 10-05.2026
24 Die Meldung strafrechtlich relevanter Vorgänge im Kontext der Bilanzprüfung regelt eine EU-Verordnung, die Thema des Telefonats war.
„Den Hinweis, dass es sich bei dem Telefonat explizit um keine Meldung nach Art. 7 der Verordnung (EU) Nr. 537/2014 handelt, zeigt gerade, dass EY nur sicherstellen wollte, dass die APAS über die Information verfügt, dass die Vorwürfe prüferisch adressiert werden und man sich noch auf der erste Stufe der Prüfung von Unregelmäßigkeiten befand.“
Untersuchungsbericht, S.1651ff
25 Dazu stellt der Untersuchungsausschuß fest:
„Weiterhin drängt sich dem Ausschuss aufgrund des Verhaltens des CEOs von EY global, Herrn Carmine Di Sibio, der Schluss auf, dass dieses Verhalten jedenfalls unter Billigung der globalen Leitung stattgefunden hat.
Untersuchungsbericht, S.1620
