1MDB_1


Im Auftrag des Drachen I
Von der Pirateninsel 
in die Weltpolitik

Auf den ersten Blick sieht es aus wie ein normaler Betrug - nur größer als es die Kriminalstatistik erlaubt: ein junger Geschäftsmann entzieht dem Staatsfonds Malaysias erst Millionen, dann Milliarden. Doch seine Helfer gehören zu einer globalen Elite aus Politikern, Beratern und Wallstreet-Bankern. Und die exzentrischen Partys, die der Hochstapler in Hollywood und Las Vegas feiert, sind Teil einer sorgfältig inszenierten Intrige mit geopolitischem Hintergrund.

Penang ist eine verschlafene Insel im Norden Malaysias, unweit der Grenze zu Thailand. In der Hauptstadt Georgetown sind die lokalen Überreste des britischen Empire zu besichtigen: Kirchen und Verwaltungsgebäude mit klassizistischen Giebeln und weißen Säulen, Kolonialvillen, Hafenanlagen und die Bastionen des alten Forts. Der Putz bröckelt und die Farbe blättert in der tropischen Luft, aber selbst im Verfall ist noch zu sehen, dass Georgetown einer der wichtigsten Stützpunkte des Empire in Asien war. Denn von hier aus lässt sich die Straße von Malakka kontrollieren - die Meerenge zwischen Malaysia und Indonesien, die den indischen Ozean mit dem Südchinesischen Meer verbindet - und damit Ostasien mit dem Arabischen Golf, Afrika und Europa. 25% des Welthandels fließen durch dieses Nadelöhr. (1) Früher ein Piratengewässer, heute immer noch ein neuralgischer Punkt der Geopolitik - und die Achillesferse der Herrscher in Beijing. 80% der Ölimporte Chinas kommen durch diese Passage. (2)

 

Auf der einstigen Pirateninsel Penang wächst in den 90er Jahren ein Teenager heran, der schon zu Schulzeiten ein feines Gespür für die Macht des Geldes hat und es virtuos für seine Zwecke einzusetzen weiß: Jho Taek Low, Sohn eines lokalen Textilunternehmers. Er wird Staaten und Investoren um knapp acht Milliarden Dollar erleichtern und in nur fünf Jahren über zwei Milliarden davon für sich verprassen. Einer der größten Freibeuter Asiens. Und einer der schillerndsten Finanz-Artisten der Gegenwart. 

 

Die Spur seiner Taten zieht sich durch die Kunstauktionen, Casinos und Regierungskabinette dreier Kontinente und gipfelt in der Finanzierung der Hollywood-Produktion „Wolves of Wallstreet“ mit Leonardo DiCaprio. Aber Jho Low ist mehr als eine Kühlerfigur des Hedonismus: Er ist ein Akteur der Geopolitik. In seiner Person wird geradezu exemplarisch sichtbar, wie kriminelle und staatliche Interessen verschmelzen können. Der Malaysier aus Penang ist eine Schachfigur im Kampf um die Malakka-Straße und die Rohstoffversorgung Chinas. Sein Aufstieg und seine Hintermänner sind das Thema der neuen Folgen von Stealth Crime. 

 

 

Eintritt in die Weltelite

 

Jho Lows Vater Larry hatte ein paar Millionen mit dem Verkauf seiner Textilfabrik gemacht und war für malaysische Verhältnisse außerordentlich wohlhabend. Doch der Aufstieg der Familie sollte nach seiner Auffassung weitergehen, und so schickte er seinen Sohn zur Ausbildung in den Westen. (3) Zunächst nach Harrows, das britische Internat, das neben Eton die meisten Premierminister hervorgebracht hat; dann auf die Wharton School in Philadelphia, zu deren Alumni Warren Buffet und Donald Trump gehören. Beide, Internat und Uni, sind nicht nur Bildungseinrichtungen, sondern auch Treffpunkte einer internationalen Elite, die hier ihre Netzwerke knüpft. 

 

In dieser Disziplin war Jho Low außerordentlich erfolgreich. Ausgestattet mit dem üppigen Spesenkonto seines Vaters machte er sich einen Namen als Gastgeber extravaganter Partys in den angesagten Clubs von London und New York. Zu seinem Freundeskreis gehören bald Royals aus den Golfmonarchien und die einflussreichen Berater, die die Erträge aus dem Ölgeschäft verwalten. Das Netzwerk schafft die Voraussetzungen für die Milliardendeals, die bald folgen sollen. 

 

 

Der saudischen Prinz 

und sein verführerisches Angebot

 

2009 befindet sich Malaysia im Umbruch: seit Jahrzehnten haben die Wähler die seit dem Ende der Kolonialzeit regierende UMNO immer wieder mit Zwei-Drittel-Mehrheit im Amt bestätigt. Aber mit der Globalisierung bildet sich in den urbanen Zentren eine neue Mittelschicht, die die Korruption und die Ineffizienz des alten Systems nicht länger tolerieren will. 

 

Viele von ihnen sind ethnische Chinesen und Inder, die für die wirtschaftliche Dynamik des Landes verantwortlich sind. Sie lehnen ein politisches System ab, das ethnische Malaysier bevorzugt, islamischen Regeln folgt und viel informelle Macht bei den zwölf Adelsfamilien konzentriert, die abwechselnd den König stellen. Die Mehrheit der UMNO wankt. (4) 

 

In dieser Situation löst die Partei den glücklos agierenden Premierminister ab und ersetzt ihn durch einen Mann, der als Wirtschaftsliberaler und Hoffnungsträger gilt: Najib Raza. Er ist 46 Jahre alt, seit Jahren Minister auf wechselnden Kabinettsposten und stammt aus einer der privilegierten Familien des Landes. Der Nepotismus, das System der Korruption und der gekauften Loyalitäten - all das gehört auch für Razak ganz selbstverständlich zum Werkzeug des Machterhalts. Insofern ist der Neuanfang, den die UMNO mit ihm verkündet, eher ein Täuschungsmanöver als ein Wendepunkt. 

 

Am 9. April wird Najib Razak vom diensthabenden König in einer Palastzeremonie vereidigt. 

 

Fünf Monate später folgt er einer Einladung an die französische Riviera: Familienurlaub auf der 70-Meter-Yacht RM Elegant - mit Luxus-Suiten, Konzertflügel und einem Art-Deco Dining-Room. Arrangiert hat den Trip ein Freund der Familie, den Najibs Stiefsohn in London kennengelernt hat: der ehemalige Internatsschüler Jho Low aus der malaysischen Provinzstadt Penang. Er bezahlt Miete, Catering und Treibstoff aus eigener Tasche - alles in allem eine knappe Million für eine Woche Cruisen. Und er ist sich sicher, dass das ein gutes Investment ist. 

 

In den gleichen Gewässern kreuzt zu dieser Zeit auch die Alfa Nero, ebenfalls eine Superyacht, ebenfalls gechartert. An Bord gibt sich der saudische Prinz Turki bin Abdullah dem schönen Leben hin. Er ist ein Sohn des saudischen Königs, ein ehemaliger Luftwaffenpilot mit Schnauzbart und Rayban, jetzt in privaten Geschäften unterwegs. Auch er gehört zum Freundeskreis des Freibeuters von Penang. 

 

Jho Low arrangiert ein Treffen an Bord der Alfa Nero. Najib kommt mit Frau und Kindern, Prinz Turki begrüßt seine Gäste herzlich. Die Atmosphäre ist entspannt, man sitzt auf komfortablen Sofas und schaut aufs Mittelmeer. Najibs Frau Rosmah fühlt sich von der Anwesenheit des saudischen Prinzen stimuliert und scherzt mit ihm. Sie trägt ein Shirt mit schwarz-weißem Leoparden-Print. Es gibt Fruchtsäfte, alles alkoholfrei, und ein Fotograf macht Aufnahmen. (5)

 

Najib nimmt Turki als Vertreter des Königreichs wahr, die beiden sprechen über die Wirtschaftsbeziehungen ihrer Länder und diskutieren, wie man diese intensivieren könnte. Najib ist beeindruckt von den Verbindungen Jho Lows; er sieht die Chance, Zugang zu den Schatzkammern des Mittleren Ostens zu bekommen, um sein Land zu entwickeln. Was er nicht weiß: Prinz Turki ist einer von 20 Söhnen des Königs, er hat keinerlei politische Funktion, und die Konturen seines Vermögens sind nebulös. Sein wichtigstes Asset ist die Explorationsfirma PetroSaudi, die in Argentinien und Turkmenistan über Bohrrechte verfügt.  Ob Malaysia nicht Interesse an einem Joint Venture habe, fragt der Prinz den Premier. Der zeigt sich offen.

 

Das Angebot ist ein gut gespielter Doppelpass. Denn zuhause in Malaysia hat Jho Low längst die Strukturen für einen solchen Deal geschaffen. Er hat Najib Razak davon überzeugt, einen eigenen Staatsfonds zu gründen - nach dem Vorbild der reichen Golfmonarchien. Malaysia habe zwar nicht das Kapital, um den Fonds zu füllen, aber die nötigen Milliarden könne man sich ja auf den internationalen Kapitalmärkten beschaffen. Der Fonds, so Jho Low, solle in Tourismus und erneuerbare Energien investieren. Zugleich könne der Fonds ein Vehikel der politischen Finanzierung sein. Gewinne könnten in einen Wohltätigkeitsfonds fließen, aus dem der Premier Gefolgsleute und Wähler bezahlen könne, um die Popularität seiner UMNO-Partei wiederherzustellen. (6)

 

Es ist eine Struktur, die Najib Razak überzeugend findet. Er genehmigt den Fonds und setzt ein willfähriges Management ein. Im Hintergrund trifft Jho Low alle Entscheidungen, aber der Öffentlichkeit bleibt seine Rolle verborgen.  Der Fonds heißt „One Malaysia Development Berhard“, kurz 1MDB. Um die leeren Kassen zu füllen, platziert der Fonds eine islamische Anleihe unter malaysischen Pensionsfonds. Volumen: 1,4 Milliarden Dollar, garantiert vom Staat. Auf dieses Geld haben es Prinz Turki und Jho Low abgesehen.

 

Wenige Tage nach dem Meeting auf der Alfa Nero schreibt Prinz Turki dem malaysischen Premierminister unter dem Briefkopf der saudischen Regierung.  Der Brief skizziert die Rahmenbedingungen für die Kooperation: Das Gemeinschaftsunternehmen solle auf den British Virgin Islands gegründet werden, Turkis PetroSaudi werde ihre Bohrrechte in Argentinien und Turkmenistan einbringen, Wert 2,5 Milliarden; Malaysia solle eine Milliarde Cash einschießen und dafür 40% der Anteile bekommen. (7)

 

Die amerikanische Großkanzlei White & Case macht aus dem Vorschlag einen Vertragstext nach britischem Recht und produziert eine Präsentation mit zahlreichen Graphiken und Geldflüssen, die dem windigen Unternehmen einen Anschein von Respektabilität geben. Ein international anerkannter Ölexperte produziert ein Gutachten, das den Wert der Bohrrechte mit 3,6 Milliarden Dollar veranschlagt. (8) Sechs Wochen nach dem Treffen an der Riviera genehmigt der Vorstand des malaysischen Entwicklungsfonds das Investment. 

 

Dann kommt der Tag der Überweisung. Am Morgen des 30. September treffen die Instruktionen von 1MDB bei der Deutschen Bank in Kuala Lumpur ein: 300 Millionen sollen auf das Konto des frisch gegründeten Joint Ventures bei J.P.Morgan Suisse fließen. Weitere 700 Millionen an die exklusive Privatbank Coutts in Zürich, bei der damals auch die Queen Konten unterhält. Die Überweisung erscheint der Compliance allerdings verdächtig: die Verträge mit 1MDB erwähnen sie mit keinem Wort, außerdem fehlt der Name des Empfängers - ein Verstoß gegen grundsätzliche Anti-Geldwäsche-Regeln. Doch Jho Low setzt die Banker unter Druck und rechtfertigt die Überweisung als interne Kreditverrechnung zwischen den Beteiligten. Am Ende des Tages fließen 700 Millionen Dollar malaysischer Pensionsgelder an eine Adresse, die Royals genauso herzlich begrüßt wie Offshore-Firmen. 

 

Das Konto bei Coutts in Zürich gehört keineswegs dem Joint Venture, an dem 1MDB beteiligt ist, sondern einer frisch gegründeten Briefkastenfirma auf den Seychellen. Ihr Name: Good Star Ltd. Der Standort Seychellen ist mit Bedacht gewählt, denn der Inselstaat im Indischen Ozean ist eine der wenigen Jurisdiktionen weltweit, die Inhaberaktien erlauben. Das Schöne an Inhaber-Aktien ist, dass sie keine Spuren im Handelsregister hinterlassen: wer immer die Aktie in den Händen hält, ist der Eigentümer des Unternehmens. Im Fall von Good Star ist Jho Teak Low - der Ideengeber des Fonds und Freund der Familie von Najib Razak.

 

230 Millionen überweist seine Offshore-Firma an den saudischen Prinzen und seine Helfer. Dann ist es Zeit zu feiern.

 

 

Partytime

 

Im November 2009 wird Jho Low 28 und zelebriert das Ereignis mit einer Serie von Parties in Hollywood und Las Vegas. (9) Höhepunkt ist ein Abend im Ceasar’s Palace. An den Pools räkeln sich die attraktivsten Models des Landes, Dompteure führen Nummern mit Tigern und Löwen vor, Kellner schleppen Magnum-Flaschen Champagner heran - Crystal von Louis-Roederer für 1.000 Dollar die Flasche. In kleineren Runden gibt es auch die raren Jahrgänge für das 50fache. Die Dekoration, das Fingerfood, die Performances - alles ist bis ins Kleinste geplant. Jho Low hat dafür einen der exklusivsten Party-Veranstalter der Welt engagiert: die Strategic Hospitality Group, heute die TAO Group, die unter anderem die Marquee-Clubs in New York, Vegas und Singapur betreibt. Sie haben auch die Models organisiert, von denen jedes einzelne aussieht, als sei es einem Katalog von Victoria Secret entsprungen. 

 

Die wichtigsten Gäste aber sind die Stars: Leonardo DiCaprio erscheint mit zerknautschter Baseball-Kappe, daneben Paris Hilton, Kim Kardashian und viele andere Schauspieler, Rapper und Musiker. Sie alle bilden nach wenigen Monaten die Entourage des Finanz-Artisten, den sie in Hollywood für einen malaysischen Prinzen halten. Oder einfach nur für den Sohn eines rätselhaften asiatischen Milliardärs. Aber die Celebrities kommen nicht umsonst: Paris Hilton kassiert 250.000 Dollar pro Auftritt, DiCaprio bekommt Gemälde von Picasso; bekannte Models nehmen als Goodie manchmal Birkin Bags nach Hause mit - die ikonischen Hermés-Taschen, die der Kofferhändler jenen Stammkunden zuteilt, die nicht nach Preisen fragen. 

 

An manchen Abenden spielt Jho Low Baccarat. Es ist ein Kartenspiel mit kompliziertem Scoring-System, aber anders als Poker beruht es nur auf Glück. Baccarat funktioniert mir großem Hebel und belohnt - oder bestraft - die Wagemutigen. An manchen Abenden verliert Jho Low mehrere Millionen an die Bank. Einmal beobachtet ihn Paris Hilton dabei. Sie ist selbst eine Menge Reichtum gewohnt, aber die Gleichgültigkeit, mit der Jho Low siebenstellige Summen verliert, macht sie fassungslos. 

 

Genau deshalb spielt Jho Low Baccarat - wie der James Bond der frühen Fleming-Romane - als Ausdruck lässiger Überlegenheit. Heute ist es das Spiel russischer Oligarchen, asiatischer Tycoons und ölexportierender Araber. 

 

In den acht Monaten von Oktober 2009 bis Juni 2010 gibt Jho Low auf diese Weise 85 Millionen Dollar aus - für Champagner und Casinos, Privatjets und Yacht-Charter, für Playmates und Celebrities.(10)  Innerhalb kurzer Zeit schaffte er es, von einem Nobody zu einer Figur des internationalen Jetsets zu werden. 

 

Es ist ein Leben wie im Rausch, und man könnte annehmen, dass der junge Malaysier dieses Leben in vollen Zügen genießt - Exzesse inbegriffen. Aber Jho Low ist kein Puff Daddy und auch kein 50-Cent, sondern ein zurückhaltender, etwas pummeliger Mann mit einem runden Pfannkuchengesicht, das niemandem auffällt. In Gesellschaft wirkt er eher unbeholfen. Stephanie Larimore, ein Model, das es in den Nuller Jahren auf die Titelseite des Playboy geschafft hatte, begegnete Jho Lows auf einer seiner ersten Partys.  Er sei höflich, aber schüchtern gewesen, schöne Frauen hätten ihn verunsichert, er wusste oft nicht, was er sagen sollte, und habe ihr dann plötzlich Schokolade angeboten. Die kleinen Würfel in Goldfolie seien sein Favorit - so Jho Low zu dem Playboy-Model. (11) 

 

Tatsächlich sind die Parties für Jho Low Arbeit. Er ist der Choreograf dieses Ballets der Schönen und Reichen, nicht der Darsteller im Rampenlicht. Es geht ihm nicht um Spaß, sondern um Repräsentation. Die Inszenierung hilft Jho Low, sich wichtig und akzeptiert zu fühlen, aber sie hat auch eine strategische Funktion: Seine Nähe zu den Stars der amerikanischen Unterhaltungsindustrie verschafft ihm die glamouröse Aura, die ihm die Türen im Mittleren Osten öffnet - und damit zum unermesslichen Reichtum der Ölstaaten. Es sind diese Quellen, die ihm helfen sollen, die Kassen des malaysischen Entwicklungsfonds zu füllen.

 

 

Das Malakka-Dilemma

 

Während Jho Low feiert, verschieben sich einige tektonischen Platten der Geopolitik. China ist seit den Reformen von Deng Xiaoping über 20 Jahre lang in halsbrecherischem Tempo gewachsen, und es ist absehbar, dass das Reich der Mitte die USA als Weltmacht herausfordern wird. 

 

Die USA haben das verstanden. Im Herbst 2011 erklärt Präsident Obama in einer programmatischen Rede vor dem australischen Parlament: „Die USA sind eine pazifische Macht, und wir sind hier, um zu bleiben“. Der strategische Schwerpunkt der USA verschiebt sich vom Atlantik zum Pazifik - „Pivot to Asia“ nennen das die amerikanischen Medien. Rund um China haben die USA nach dem Zweiten Weltkrieg eine Kette von Stützpunkten und Verbündeten aufgebaut, um die Expansion Chinas zu begrenzen: sie reicht von Südkorea, über Japan, Taiwan und die Philippinen bis nach Australien. 

 

Dreh- und Angelpunkt der strategischen Planungen in Washington wie in Beijing aber ist die Straße von Malakka. Sie ist das Nadelöhr, durch das ein Großteil des chinesischen Handels fließt, ein sogenannter „Choke Point“, der das Reich der Mitte verwundbar macht. Die Straße ist 1000 Kilometer lang, die schiffbare Rinne an ihrer engsten Stelle nur drei Kilometer breit. Das südliche Ufer dominiert Indonesien, das seit einem kommunistisch inspirierten Putschversuch in den 60er Jahren Distanz zu China hält. Das nördliche Ufer wird von Malaysia beherrscht, ein Land das lange Zeit zwischen den Blöcken lavierte. Aber der neue Premier Najib Razak neigt den USA zu und bemüht sich um Obama. Eines Tages spielen die beiden eine Runde Golf auf Hawaii, Najib Razak empfindet das als Krönung seiner Karriere.

 

Für Beijing ist es alarmierend. Bereits seit 2002 sind sich Partei- und Militärführung darin einig, dass sie Auswege aus dem sogenannten „Malakka-Dilemma“ finden müssen. Dazu gehört der Ausbau der Marine, die Expansion im Südchinesischen Meer und vor allem: die Belt & Road Initiative. Mit Transportkorridoren über Land will China alternative Routen erschließen. Im regionalen Fokus liegen Myanmar und Pakistan, aber die Ausläufer des Plans reichen bis nach Athen und Düsseldorf. 

 

Es ist der neue Parteichef und Staatspräsident Xi Jingping, der die Strategie bald nach seinem Amtsantritt 2013 verkündet. (12) Er kleidet die strategischen Absichten Chinas in die Sprache der Kooperation und verspricht potenziellen Partnern Investitionen in Infrastruktur und Wirtschaft. Tatsächlich steht hinter seinen freundlichen Worten die eiserne Entschlossenheit, die Welt nach den Vorstellungen Chinas zu formen. Besonders die regionalen Machtverhältnisse hat er dabei im Visier. 

 

Zwei Jahre nach Xi Jingpings Rede gerät Malaysia in eine schwere Krise.  Zunächst sind es nur Gerüchte, dann einzelne Leaks, schließlich Berichte des Wallstreet Journals und Ermittlungen des FBI: der Staatsfonds 1MDB ist mit über acht Milliarden Dollar verschuldet und hat keinen entsprechenden Gegenwert in der Bilanz. (13) Das Geld ist versickert. Der Gesamtschaden für das Land wird auf 18 Milliarden Dollar geschätzt, ein Schock für die Malaysier, ihre Währung stürzt ab. Obama, der vor kurzem noch mit Najib Razak Golf gespielt hat, geht auf Distanz, so wie die meisten westlichen Regierungen. Malaysia, eben noch ein aufstrebender Asian Tiger, gilt jetzt als korrupte Bananenrepublik.

 

 

Die helfende Hand

 

Nur ein Land hat keine Angst vor Nähe: China. Das Reich der Mitte bietet dem taumelnden Premier einen Ausweg aus dem Skandal: chinesische Milliardeninvestitionen - offiziell in Malaysias Infrastruktur. Tatsächlich aber soll ein Teil des Geldes die Kassen des ausgeplünderten Staatsfonds füllen.  Jho Taek Low, der den Staatsfonds erst ins Leben gerufen und dann ausgeplündert hat, ist inzwischen ein strategisches Asset der Chinesen. Er lebt in einer Villensiedlung in Shanghai und steht unter dem Schutz des Ministeriums für Öffentliche Sicherheit, einem der mächtigen Geheimdienste Chinas. (14)

 

Die Kooperation zwischen Geheimdienst und Finanzjongleur wird 2016 offensichtlich. Unklar ist, wie lange sie zu diesem Zeitpunkt schon besteht. War Jho Low von Anfang an ein Instrument Beijings, eingesetzt um die politische Kaste Malaysias in die Arme Xi Jingpings zu treiben?

 

Auffallend ist, dass Jho Low seine Coups mit großer Dreistigkeit durchgezogen hat. Und dass er sie ohne Angst vor Entdeckung in aller Öffentlichkeit feiert. Als ob er weiß, dass es für ihn einen Exit gibt.

 

Die 700 Millionen, die er über PetroSaudi abgezogen hat, waren erst der Anfang. Um ein Land wie Malaysia ins Wanken zu bringen, bedurfte es ganz anderer Summen. Und schon bald nach den exzessiven Partys in Las Vegas und Hollywood, macht sich Jho Low an die Arbeit. Von jetzt an geht es um Milliarden. Und als Handlanger genügen nun nicht mehr abgehalfterte arabischen Prinzen. Es sind Mitglieder der internationalen Finanzelite, die ihm dabei helfen, Malaysia in die Schuldenfalle zu treiben. Wie der Freibeuter aus Penang diesen Kurs navigiert - das ist das Thema der nächsten Folge. 

 

Fußnoten

1 https://en.wikipedia.org/wiki/Strait_of_Malacca

2 https://moderndiplomacy.eu/2025/07/08/the-malacca-dilemma-chinas-achilles-heel/

3 Now, he was about to send his youngest son to one of the world’s premier boarding schools. It was a decision that would catapult Low into the exclusive club of the world’s richest people.

 

Hope, Bradley; Wright, Tom. Billion Dollar Whale: The Man Who Fooled Wall Street, Hollywood, and the World (English Edition) (p. 19). (Function). Kindle Edition.

4 Zur Krise der UMNO 2008/09 und zur Rolle Najib Razak als vermeintlicher Retter siehe:

https://eastasiaforum.org/2009/05/02/najibs-challenges-and-umnos-survival/?utm_source=chatgpt.com

5 „As he took in the opulence of the Alfa Nero, cruising off the coast of Monaco in the French Riviera, Prime Minister Najib Razak was under the impression the yacht belonged to a son of Saudi Arabia’s king, Abdullah Abdulaziz Al Saud. With a movie theater and a huge swimming pool that transformed into a helipad, the 269-foot boat, estimated to be worth $190 million, was an impressive sight.“

 

Hope, Bradley; Wright, Tom. Billion Dollar Whale: The Man Who Fooled Wall Street, Hollywood, and the World (English Edition) (p. 61). (Function). Kindle Edition.

6 Financial Times, 10.02.2019

1MDB explained: timeline of Malaysia’s financial scandal

https://www.ft.com/content/fce8018c-2b4e-11e9-88a4-c32129756dd8?syn-25a6b1a6=1

Abgerufen: 30.5.2026, 13:52:48

7 Hope, Bradley; Wright, Tom. Billion Dollar Whale: The Man Who Fooled Wall Street, Hollywood, and the World (English Edition) (p. 66). (Function). Kindle Edition

8 Der Experte war Edward Morse, ein ehemaliger Analyst bei Lehman Brothers, der als einer der weltweit führende Fachleute für die Bewertung von Ölfeldern galt.

 

Hope, Bradley; Wright, Tom. Billion Dollar Whale: The Man Who Fooled Wall Street, Hollywood, and the World (English Edition) (pp. 71-72). (Function). Kindle Edition.

9 „At that moment, in late 2009, Low had access to more liquid cash than almost anyone on earth—and he wasn’t shy about spending it.“

 

Hope, Bradley; Wright, Tom. Billion Dollar Whale: The Man Who Fooled Wall Street, Hollywood, and the World (English Edition) (p. 84). (Function). Kindle Edition.

10 Hope, Bradley; Wright, Tom. Billion Dollar Whale: The Man Who Fooled Wall Street, Hollywood, and the World (English Edition) (p. 87). (Function). Kindle Edition.

11 He’s intimidated by women. Why have they hired us to be here? Larimore thought.

 

Hope, Bradley; Wright, Tom. Billion Dollar Whale: The Man Who Fooled Wall Street, Hollywood, and the World (English Edition) (p. 83). (Function). Kindle Edition.

12 Stiftung Wissenschaft & Politik, Oktober 2018,

The Belt and Road Initiative: China’s New

Geopolitical Strategy?

https://www.swp-berlin.org/publications/products/projekt_papiere/Zhang_BCAS_2018_BRI_China_7.pdf

Abgerufen: 30.5.2026, 14:09:24

Hintergrund-Literatur:

Nagedé Rolland, China’s Eurasian Century? Political and Strategic Implications of the Belt and Road Initiative.

May 2017, National Bureau of Asian Research, 

ISBN 978-1939131508

13 Wallstreet Journal, 02.07.2015

Investigators believe Money flowed to Asian Leader Najib’s Accounts Amid 1MDB Probe

https://www.wsj.com/articles/malaysian-investigators-probe-points-to-deposits-into-prime-ministers-accounts-1435866107

Abgerufen: 30.05.2026; 14:17:09

14 Die Verbindungen zwischen Jho Low und der chinesischen Regierung wurden von einem in London ansässigen, aber auf Malaysia fokussierten Investigative-Magazin veröffentlicht:

Sawarak-Report, 13.05.2026

$3 Billion China-Malaysia Deal Was ‘Brokered By Jho Low’

https://www.sarawakreport.org/2026/05/3-billion-china-malaysia-deal-was-brokered-by-jho-low-exclusive/

Abgerufen: 30.05.2026; 14:26:45

 

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