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Im Auftrag des Drachen II
Der Piraten-Bond.
Von der Wallstreet 
für die Unterwelt

In der zweiten Folge der Drachen-Serie gewinnt der Finanzjongleur Jho Low die Investmentbank Goldman Sachs und den Staatsfonds von Abu Dhabi als Komplizen für die nächste Runde seines Raubzugs. 6,5 Milliarden fliessen in die Kassen von 1MDB - und von dort zum großen Teil weiter auf die Konten der Piraten. Manche von ihnen wollen einfach nur reich werden, andere haben geopolitische Interessen.

 

 

Das Baoli ist der teuerste Strandclub von Cannes, und während der Filmfestspiele die angesagteste Location. Der Club liegt am östlichen Ende der Bucht, von hier sieht man den weiten Bogen der Croisette, die Fassaden des Carlton, des Martinez und der anderen Luxushotels. Abends ist das alles angestrahlt, sogar die Palmen der Promenade und das Palais du Festival, wo die Stars über den roten Teppich laufen. Oberhalb des Trubels liegen die kantigen Türme des alten Forts, die ebenfalls beleuchtet sind.

 

Überall wird gefeiert, aber die teuerste Party des Festivals findet im Baoli statt. Gastgeber ist der junge Malaysier Jho Low, der den Staatsfonds seines Landes um 700 Millionen Dollar erleichtert hat. Exzessive Großzügigkeit hat ihm die Türen in Hollywood geöffnet, aber nun will er eine ernsthafte Rolle spielen - in dieser Traumfabrik.  

 

Deshalb diese Party am Strand von Cannes: Kanye West und Pharell Williams treten auf, es gibt Feuerwerk und Champagner aus Magnum-Flaschen.  Jho Low hat die Filmrechte für „Wolf of Wallstreet“ gekauft. Das ist die Autobiographie eines wilden New Yorker Brokers, der die Welt mit Aktiengeschäften betrügt und das Feiern zum Lebensinhalt macht. Eine Betriebsanleitung für Raubtierkapitalismus. Die Hauptrolle soll Leonardo DiCaprio spielen, Regie Martin Scorsese. Und Produzent wird ein Mann, der noch nie in der Filmindustrie gearbeitet hat: Jho Lows Kumpel Riza Aziz, der Stiefsohn des malaysischen Premierministers.

 

Die großen Hollywood-Studios haben das Projekt zuvor abgelehnt, weil sie den Geist der Vorlage fürchteten: ein Abenteuerfilm mit augenzwinkerndem Verständnis für die Freibeuter des Kapitalmarkts statt einer moralisch sauberen Abrechnung mit dem Bösen. Damit hat Jho Low keine Probleme. 

 

Schon bald sollen die Dreharbeiten losgehen, aber es gibt ein Problem: der Film soll 100 Millionen kosten, und Jho Low steuert auf einen finanziellen Engpass zu. Nach eineinhalb Jahren Leben auf der Überholspur sind die 700 Millionen aus der ersten Phase der Plünderung verbraucht. Es wird Zeit, die Kasse aufzufüllen.

 

Weltreise zu den Tatorten

 

Sechs Milliarden Dollar wird sich Jho Low in den kommenden 15 Monaten besorgen. Um zu verstehen, wie der spektakuläre Raubzug gelingen konnte, müssen wir viele Schauplätze besuchen: die Chefetagen von Goldman Sachs in Hong Kong, die Paläste Abu Dhabis, eine unscheinbare Privatbank in einer Seitenstrasse von Zürich und schließlich die Denkfabriken und Netzwerke, die Chinas Aufstieg begleiten. Diese Reise wird uns zeigen, wie aus einer malaysischen Gaunerei ein Verbrechen von geopolitischer Bedeutung werden konnte.

 

 

Vorbereitungen

 

Das Wahrzeichen von Hong Kong Island ist der Bank of China Tower mit seiner ikonischen Fassade aus Rauten und Dreiecken. Er überragt das Finanzviertel und das Cheung Kong Center, wo Goldman Sachs seine regionale Zentrale unterhält. In einem der oberen Stockwerke sitzt der Deutsche Tim Leissner, Leiter des Investmentbanking in Südostasien. Von seinem Schreibtisch blickt er über Victoria Harbour, wo immer noch einige nostalgische Dschunken anlegen, auf Kowloon mit seinen engen Gassen und Garküchen und den Lions Rock dahinter. Die Silhouette des liegenden Löwen verkörpert den unbeugsamen Unternehmergeist der einstigen Kronkolonie. Doch dahinter beginnt bereits das Reich der Mitte.

 

Dort macht Goldman Sachs einen wachsenden Teil seiner Umsätze, aber mittlerweile werden auch die asiatischen Tiger interessant: Staaten wie Vietnam, Indonesien, Malaysia. Als die Geschäfte nach der Finanzkrise in Europa und Nordamerika schleppend laufen, gilt Südostasien als neue Zukunftsregion. Leissner will diese Chance für sich nutzen. Er ist 40 Jahre, ehrgeizig und manche Kollegen bescheinigen ihm eine Vorliebe für Abkürzungen. 

 

Malaysias neuer Staatsfonds 1MDB will Kapital sammeln, um eine Reihe von Kohlekraftwerken zu kaufen, bündeln und als Energieversorger an die Börse zu bringen. Kapitalbedarf: etliche Milliarden Dollar. (1) Goldman Sachs soll die Anleihe strukturieren und Investoren finden - so hat es der Mann hinter dem Staatsfonds vorgeschlagen - Jho Taek Low, der Freund des Premiers, der Partylöwe aus Las Vegas, der künftige Film-Finanzier.  

 

Leissner sieht die Rolle Jho Lows durchaus mit Skepsis. Er hat keine offizielle Funktion, agiert aber wie der Chef des Fonds. Die finanziellen Arrangements sind unklar. Für die Compliance von Goldman Sachs alles rote Flaggen. Aber der Malaysier hat der Investmentbank für die Platzierung der Anleihe eine Rekord-Provision angeboten: 190 Millionen, das Zehnfache des üblichen. (2) Weitere Anleihen sollen folgen, Hunderte von Millionen könnten in die Kassen von Goldman fließen. Leissner kalkuliert die Boni, das Prestige, die Karrieresprünge - und schlägt sich auf die Seite des Hochstaplers. 

 

Aber es gibt ein Problem: 1MDB hat kein Credit-Rating, und ohne Rating ist die Anleihe nicht platzierbar. An diesem Punkt kommen Jho Lows alte Verbindungen aus der Schul- und Studentenzeit zum Tragen. Kommilitonen aus der Wharton School haben ihn mit einem Mann zusammengebracht, der mittlerweile einer der mächtigsten Geldverwalter der Golfregion ist: Khadem al Qubaisi, Chef der International Petroleum Investment Company, kurz IPIC, ein Multi-Milliarden-Fonds des Emirats Abu Dhabi, der weltweit investiert. Der Fonds hält substantielle Beteiligungen – unter anderem an DaimlerBenz und Virgin. Am Golf kennt man Al Qubaisi als engen Vertrauten der Herrscherfamilie, gläubigen Moslem und Familienvater, der in makelloser Dischdascha auftritt und keinen Alkohol trinkt. An der Cote d’Azur hat er einen Namen als König der Nacht: in den Clubs zwischen St. Tropez und Nizza tritt er in hautengen T-Shirts auf, die mit Tanga-Girls bedruckt sind und seine Muskeln zur Geltung bringen. Die Haare trägt er zurückgegelt, täglich stemmt er Eisen im Fitness-Studio. Die Nachbarn auf der diskreten Halbinsel Cap Ferrat bringt er mit Bugattis und Ferraris um den Schlaf - und häufig auch mit dem Anblick nordafrikanischer Schönheiten.

 

Al Qubaisi verschafft Jho Low und dem Investmentbanker Leissner einen Termin bei seinem Chef, Sheikh Mansour bin Zayed, Mitglied der Herrscherfamilie, stellvertretender Premierminister, Besitzer von Manchester City und einer der reichsten Männer in der Golfregion. Leissner erzählt dem Sheikh von den großen Plänen des malaysischen Staatsfonds und schlägt ihm vor, für die Anleihe des Fonds zu bürgen. (3) Nicht persönlich, sondern über IPIC, einen der beiden Staatsfonds Abu Dhabis. Im Gegenzug bekäme IPIC natürlich etwas ab von den künftigen Erträgen der Investments. 

 

Es ist ein abenteuerlicher Vorschlag. Warum sollte ein Staat für einen anderen haften – das gibt es nicht einmal in der EU. Aber der Sheikh befasst sich nicht mit den Details, sondern vertraut seinem Fondsmanager. Qubaisi wiederum verwaltet nicht einfach nur einen staatlichen Fonds, er ist auch dafür verantwortlich, Nebeneinkünfte für den aufwändigen Lebensstil des Sheikhs zu erschließen, die Yachten, die Jets, die Bediensteten. Gleichzeitig benötigt Qubaisi Cash Flow für sein eigenes Luxusleben. 

 

Alle Beteiligten haben ein Interesse, 1MDB Kapital zukommen zu lassen, weil sie mit Rückflüssen rechnen. Und so erhält ein Staatsfonds ohne Substanz und ohne Expertise erst die Rückendeckung von Goldman Sachs, dann die Kreditwürdigkeit eines Emirats und schließlich die Milliarden der Investoren. 

 

 

 

 

Die Bank und die Geopolitik 

 

Bei einer Anleihe-Emission verkauft die Investmentbank das Papier an Investoren und reicht den Erlös nach Abzug der Kosten an den Kunden weiter. Doch bei 1MDB geht Goldman selbst ins Risiko: die Bank will die 1,75 Milliarden Dollar aufs eigene Buch nehmen und an 1MDB auszahlen, bevor sie das Geld von den Investoren eingesammelt hat. So ist der Fonds schneller liquide - und mit ihm die Profiteure im Hintergrund.

 

Der Deal wird von fünf internen Komitees der Investmentbank geprüft. Die Compliance-Experten finden eine ganze Reihe von Warnzeichen: die außergewöhnlich hohen Gebühren für Goldman, die schwer erklärbare Bürgschaft aus Abu Dhabi und schließlich die Rolle des externen Beraters Jho Low. Am Ende aber gibt es grünes Licht. (4) 

 

Der Mann, der alle Bedenken beiseite wischt, ist Gary Cohn, Präsident von Goldman Sachs und die Nummer Zwei hinter dem CEO Lloyd Blankfein. Cohn ist ein kahlköpfiger, breitbeinig auftretender Ex-Trader, dem der Ruf der Skrupellosigkeit anhaftet. (5) Er hat eine spartenübergreifende Einheit eingerichtet, die sich auf Geschäft mit den Staatsfonds von Schwellenländern konzentrieren soll. „Monetizing the State“ heißt das Programm intern - und dem soll nichts im Wege stehen.

 

Doch die strategischen Interessen von Goldman Sachs gehen weit rüber dieses Programm hinaus. Der Deal mit 1MDB findet im Spannungsfeld der Beziehungen zwischen Wallstreet, Beijing und Kuala Lumpur statt. Anders als die Regierung in Washington, sieht die amerikanische Finanzindustrie den Aufstieg Chinas nicht als Bedrohung, sondern als Chance. Die Verlagerung amerikanischer Jobs in das Perlflussdelta würde die Gewinne der US-Konzerne steigern, ihren Börsenwert pushen und damit auch die Nachfrage nach Finanzgeschäften. Zugleich konnten Investmentbanken die chinesische Regierung bei der Privatisierung von Staatskonzernen beraten, und chinesische Unternehmen an die Börse bringen. 

 

Goldman hatte das früh erkannt und setzte 2006 ein Zeichen: ein Board-Meeting im Reich der Mitte. Aus New York reiste das Management der mächtigen Investmentbank an und traf sich im Schatten der Großen Mauer mit Vertretern der chinesischen Regierung und Wirtschaft. (6) Bei Frühlingsrollen und Reiswein erzählten die Chinesen den Bankern die Geschichte des kaiserlichen Admirals Zheng He. Der brach im 15. Jahrhundert mit einer Armada von Groß-Dschunken nach Afrika auf. Aber statt den Kontinent zu kolonisieren oder auszuplündern, kehrte er um und brachte seinem Kaiser eine Giraffe mit. Die Zeitgenossen sahen darin eine Art Einhorn - in China ein Zeichen des Glücks und der friedlichen Herrschaft. Wie keine andere transportiert die Anekdote die Botschaft des friedlichen Aufstiegs Chinas.

 

 

Sie war ein Klassiker bei diplomatischen Empfängen und kulturpolitischen Vorträgen - und zugleich Teil eines strategisch geplanten Täuschungsmanövers. Beijing wollte den Westen, solange es ging, über die eigenen Absichten im Unklaren lassen, und instrumentalisierte dazu eine breite Palette von Institutionen, die offiziell der Förderung von Wissenschaft und Kultur dienten. Sie trugen freundliche Namen wie etwa „China Reform Forum“, unterstanden aber direkt oder indirekt dem chinesischen Sicherheitsapparat, genauer dem Ministerium für Staatssicherheit. Der australische Journalist Alex Joske hat diese Bemühungen von ihren Ursprüngen in den 80er Jahren bis heute recherchiert und in seinem Buch „Spies and Lies“ aufgearbeitet. (7)

 

 

Vermittler zwischen den Welten

 

In diesem Netzwerk spielt eine der wichtigsten Goldman-Figuren der Jahrtausendwende eine zentrale Rolle: John L. Thornton, ex Co-Präsident der Bank. Zum Zeitpunkt des Board-Meetings hat er Goldman bereits verlassen und eine Professur an der prestigeträchtigen Tsinghua Universität angenommen, an der auch Xi Jingping studiert hat. Zugleich ist er der China-Berater der Yale-Universität und sitzt im Vorstand eines der wichtigsten Think Tanks der USA - der Brooking Institution. Natürlich berät er auch Goldman Sachs in China-Angelegenheiten, später mehrere US-Regierungen - von Obama bis Trump. Thornton ist einer der wichtigsten Kanäle zwischen den Eliten in China und den USA. Und wie viele andere übernimmt auch er das Narrativ vom friedlichen Aufstieg. 

 

Doch Thornton ist im Visier der chinesischen Geheimdienste. Viele seiner Ansprechpartner an der Universität und in den Thinktanks, arbeiten für das Ministerium für Staatssicherheit. Allen vorweg Thorntons wichtigster Vertrauter auf chinesischer Seite: Zheng Bijian. Er ist Vorsitzender des China Institute of Strategic Studies - und seit Jahrzehnten ein Agent des Ministeriums für Staatssicherheit. Sein Aufgabenfeld: politische Einflussoperationen. (8) Dem Think Tank gehören Wissenschaftler und Politiker aus China und dem Westen an, darunter ehemalige Premierminister aus Japan, Italien und Australien. (9) Die wenigsten von ihnen ahnen, dass sie Schachfiguren in einer Geheimdienstoperation sind, die Chinas aggressiver Expansion eine ideologische Tarnung geben soll.

 

Das ist das geopolitische Umfeld, in dem Goldman Sachs operiert, als die Führungsebene der Bank die Anleihen für 1MDB durchwinkt und alle Bedenken der Compliance beiseiteschiebt. Die Vorstände um Blankfein und Cohn ignorieren, dass die Umstände und die Größenordnung der Finanzierung das Potential haben, Malaysia zu destabilisieren. Und dass eine solche Destabilisierung China Interventionsmöglichkeiten eröffnen könnte - an einem der sensibelsten Punkte der internationalen Handelsschifffahrt.

 

Und so decken sich die Interessen des Hochstaplers Jho Low, der in Las Vegas mit Promis feiert, mit denen der Banker aus New York und der neuen Imperialisten aus Beijing. Es ist eine unwahrscheinliche Allianz, und dass sie existiert, können nur zwei Parteien überhaupt wissen: der Malaysier und der chinesische Geheimdienst.  

 

 

 

 

Zahltag

 

Im Mai 2012 stellt Goldman das Kapital für die Auszahlung der Anleihe bereit: 1,75 Milliarden minus 190 Millionen für die eigenen Bemühungen. Am 21. Mai überweist Goldman vereinbarungsgemäß 1,55 Milliarden Dollar aus der Finanzmetropole New York an eine unscheinbare Adresse in der Innenstadt von Zürich: Pelikanstrasse 37. (10)  Das Gebäude ist ein schlichter Funktionsbau aus den 60er Jahren, im Erdgeschoss bietet das Fitness-Studio „Hot Shape“ seine Dienste an. In den Obergeschossen residiert die Falcon Private Bank, und hier unterhält der malaysische Staatsfonds eines seiner wichtigsten Konnten. Die Adresse könnte ein Indiz für Diskretion und Understatement sein - oder für nachlassende Geschäftsdynamik. Die Bank hat mehrere Besitzerwechsel hinter sich, seit 2009 gehört sie zum Imperium der International Petroleum Investment Corporation. Das ist der Staatsfonds aus Abu Dhabi, der die Goldman-Anleihe garantiert und damit überhaupt erst ermöglicht hat. Der Chef des Fonds sitzt zugleich im Verwaltungsrat der Zürcher Bank: Khadem Al Quraisi, der Vertraute der Herrscherfamilie von Abu Dhabi, der fromme Moslem und Playboy von der Cote d’Azur. 

 

Kaum sind die 1,5 Milliarden aus New York in der Pelikanstraße angekommen, erhalten die Schweizer Banker von Jho Low die Anweisung, ein gutes Drittel des Betrags, 577 Millionen, weiterzureichen - an eine kleine Bank in Lugano, und zwar auf das Konto einer Firma namens Aabar Investment Ltd.

 

Die Compliance-Mitarbeiter, die den Transfer prüfen müssen, sind nicht nur den arabischen Besitzern der Bank verpflichtet, sondern auch der Schweizer Finanzaufsicht. Und sie entscheiden sich, erst einmal misstrauisch zu sein: Aabar ist im Offshore-Paradies British Virgin Islands registriert - weiße Strände, düstere Klienten - da müsse man schon mal fragen, welchem Zweck die Zahlung denn diene. Jho Low erklärt die Hintergründe: wie die Herren wüssten, wurde die 1MDB-Anleihe freundlicherweise von Abu Dhabi garantiert, genauer vom Staatsfonds IPIC. Und der habe eine Tochtergesellschaft namens Aabar Investments. Die Zahlung an Aabar stehe im Zusammenhang mit der Garantie. Eine Art Abschlagszahlung auf künftige Gewinne, eine Gratifikation für die Risikoübernahme. Die Compliance-Leute sind noch nicht ganz überzeugt und schauen sich zur Sicherheit das Handelsregister an: dort stoßen sie auf einen bekannten Namen: Geschäftsführer von Aabar ist Khadem Qubaisi, Chef des Staatsfonds von Abu Dhabi. Dann ist ja alles gut, denken sich die internen Aufseher und lassen die Überweisung durchgehen.

 

Doch die Gesellschaft auf den British Virgin Islands mit dem Konto in Lugano ist nicht, was sie zu sein vorgibt. Hinter der Aabar Investment steckt keineswegs eine staatliche Investmentgesellschaft, sondern der Architekt des malaysischen Geldkarussells: Jho Taek Low. Er hat den Namen des milliardenschweren Originals für eine Briefkastenfirma geklont, um die Banken zu täuschen und Anti-Geldwäsche-Regeln zu umgehen. (11) Mehrere Schichten von Offshore-Firmen schützen seine Identität vor neugierigen Blicken. 

 

Nichts davon wäre möglich gewesen ohne Khadem Al Quabaisi. Er hat am Golf die Staatsgarantie besorgt, in der Schweiz die Bank für die Geldwäsche, und in der Karibik verleiht sein Name einem Firmen-Klon den Anschein von Glaubwürdigkeit. Und nun ist Zahltag für all diese Anstrengungen: von den knapp 600 unterschlagenen Millionen fliessen 400 auf die Konten seiner Offshore-Firmen. (12) Das klingt nach viel, aber Al Qubaisi muss einiges abgeben: 166 Millionen gehen an die Deutsche Bank. Die hat die neue Luxusyacht von Sheikh Mansour bin Zayed finanziert und wartet schon ungeduldig auf die Ratenzahlungen. 500 Millionen kostet der schwimmende Palast, zwei Heli-Pads inklusive. Gebaut von der deutschen Lürsen-Werft. Danach bleiben Al Qubaisi gute 200 Millionen übrig. Er wird sich neue Bugattis und Villen kaufen. Und ein paar körperbetonte T-Shirts von Philipp Plein - damit das viele Training nicht unbemerkt bleibt.

 

Nachschlag

 

Die vielen Mitwisser und Handlanger zehren am Gewinn. Nachdem alle bedient sind, ist der Architekt des Geld-Karussells alles andere als saniert. Im Herbst 2012 sollen die Dreharbeiten für „Wolf of Wallstreet“ beginnen, da sind schon die nächsten 100 Millionen fällig. Und nebenbei geht das aufwändige Gesellschaftsleben in Las Vegas und Hollywood weiter. 

 

Insofern überrascht es nicht, dass Jho Low Appetit auf weitere Milliarden hat. Kaum ist die erste Anleihe ausgezahlt, wird die nächste vorbereitet. 1MDB soll weitere Kraftwerke kaufen, Abu Dhabis Staatsfonds gibt weitere Garantien, Goldman Sachs besorgt die Investoren - nochmal 1,75 Milliarden zu fristgerecht geliefert im Oktober 2012. 

 

Ist es jetzt genug? Keineswegs. 

 

Im Jahr 2013 meldet ein Mann Bedarf an, der bisher eher im Hintergrund gewirkt hatte: Najib Razak, Premierminister Malaysias, oberster Aufseher des Staatsfonds 1MDB und Schutzpatron des Finanzkarussells. Nach vier Jahren im Amt muss er sich zur Wahl stellen - und die Bevölkerung ist nicht zufrieden. Die Regierung Najibs Razaks steht auf der Kippe - und damit das Schicksal Jho Lows und seiner Mitverschwörer. Der Premier ist sich sicher, dass er seine Wähler mit finanziellen Wohltaten überzeugen kann.

 

Und so stellen sie ein neues Großprojekt in den Raum: drei Milliarden für ein neues Finanzzentrum in Malaysia, wie üblich garantiert von Abu Dhabi, eingesammelt von Goldman Sachs und weiterverteilt von Jho Low und 1MDB. Von der gewaltigen Summe landen knapp 700 Millionen Dollar auf einem Konto der AM-Bank in Kuala Lumpur. Inhaber ist ein gewisser „MR“, und das ist Najib Razak, der Premier, der mit dem Rücken zur Wand steht.

 

 

Kriminelle Diskretion

 

Alles zusammen hat Goldman Sachs 6,5 Milliarden Dollar für den Piraten-Bondeingesammelt. 3,8 Milliarden davon wurden über Falcon gewaschen (13), die unscheinbare Privatbank in der Zürcher Pelikanstrasse. Das Institut über dem Fitness-Studio „Hot Shape“ ist eine Drehscheibe der internationalen Geldwäsche. Wie die Schweizer Finanzaufsicht später herausfindet, wurde von hier aus auch der deutsche Finanzjongleur Lars Windhorst bedient. Er war, neben Jho Low und Khadem Al Qubaisi, einer der wichtigsten Kunden der Bank. So steht es in einem Untersuchungsbericht, den der Wirtschaftsprüfer KPMG für die Finanzaufsicht erstellt. (14)

 

Windhorst war ein Protegé des deutschen Alt-Kanzlers Kohl, hatte Verbindungen zu Schlüsselfiguren des Putin-Regimes und wurde 2009 in Berlin wegen Betrugs verurteilt. (15) Danach war er damit beschäftigt, einen Neustart zu schaffen – und zwar weitgehend ohne Eigenkapital. Ab 2012 beeindruckte er die Finanzwelt mit einem der teuersten Büros im Londoner Edelbezirk Mayfair und legte sich eine Yacht zu. (16) Beobachter wunderten sich damals über den kometenhaften Aufstieg, aber heute ist klar, dass Windhorst Gelder aus der Plünderung des malaysischen Staatsfonds erhielt. Nach dem Ermittlungsbericht von KPMG stammte das Kapital vom Konto 5558890 bei der Falcon Bank. (17) Inhaber: Khadem Qubaisi. Der schickte es von dort über eine Reihe von Zwischenstationen an den Global Opportunity Fund. Das klingt seriös und institutionell, aber der Luxemburger Fonds war ein Vehikel, das die Falcon Bank allein für Al Qubaisi eingerichtet hatte. Andere Investoren gab es nicht. Die Investmentpolitik des Fonds aber war sehr speziell: der Global Opportunity Fund investierte nahezu ausschließlich in Unternehmen von Lars Windhorsts Sapinda Gruppe. (18) Pro Investment oft zweistellige Millionenbeträge. Damit steht die Falcon Private Bank an der Schnittstelle zweier Netzwerke, die ihren Lebensunterhalt mit der Veruntreuung von Milliardensummen verdienen. Beide Netzwerke arbeiten international und haben geopolitische Verflechtungen. Die Schweizer Finanzaufsicht urteilt 2016, dass der Finanzstandort Zürich „in nie da gewesenem Ausmaß missbraucht worden“ sei. (19) 2022 wird die Bank geschlossen. 

 

Lars Windhorst aber wendet sich dem nächsten Opfer zu. Als sich die Schlinge um 1MDB 2015 zuzieht, verlagert er seine Aufmerksamkeit auf den britisch-französischen Hedgefonds H2O. Diesem erfolgreichen und 30 Milliarden schweren Vehikel entzieht er im Laufe der nächsten Jahre 2,6 Milliarden Euro, die dann im Labyrinth seines Firmenkonglomerats versickern. (20)

 

Die Durchleuchtung der Falcon Bank durch KPMG zeigt, dass es Querverbindungen gibt zwischen asiatischen und europäischen Geldwäsche-Operationen - möglicherweise ein System kommunizierender Röhren, von dem wir noch nicht wissen, wie und zu welchem Zweck es entstanden ist. 

 

Während die Akteure des 1MDB-Skandals ihre jeweils eigenen Interessen verfolgen - und am Ende alle scheitern werden - gibt es einen, dem das sich entfaltende Chaos in die Hände spielt: Beijing. Geduldig wartet das Reich der Mitte darauf, dass der Skandal um 1MDB die Öffentlichkeit erreicht. Damit die Piraten-Anleihe aber ihre volle zerstörerische Kraft entfalten kann, muss Jho Low ein letztes Mal die Bühne betreten. In einer letzten Runde irrationaler Verschwendung wird er den Schaden für Malaysia maximieren und die politische Architektur des Staates an der Straße von Malakka ins Wanken bringen. Davon erzählt die nächste und letzte Folge der Drachen-Serie.

 

Fussnoten

1 Wallstreet Journal, 01.04.2016

Authorities Investigating Malaysia’s 1MDB Fund Focusing on Bond Proceeds

https://www.wsj.com/articles/authorities-investigating-malaysias-1mdb-fund-focusing-on-bond-proceeds-1459541896

Abgerufen: 12.06.2026;11:10:39

2 For the first two tranches of the 1MDB Bonds Goldman Sachs received $300m in fees.

 

Wallstreet Journal, 22.03.2026

Goldman-1MDB Probe zeroes in on Bond Deals

https://www.wsj.com/articles/goldman-1mdb-probe-zeroes-in-on-bond-deals-1458664052

Abgerufen: 12.06.2026;11:17:53

3 Hope, Bradley; Wright, Tom. Billion Dollar Whale: The Man Who Fooled Wall Street, Hollywood, and the World (English Edition) (p. 177). (Function). Kindle Edition.

4 Hope, Bradley; Wright, Tom. Billion Dollar Whale: The Man Who Fooled Wall Street, Hollywood, and the World (English Edition) (p. 183). (Function). Kindle Edition.

5 Cohn ist Vorsitzender des „Client and Business Standard Commitees“, ein Ausschuss, der die Normen für das weltweite Geschäft festlegt - quasi das Gewissen der Bank. Zugleich ist Cohn für eines der umstrittensten Manöver der Bank verantwortlich:

 

„At Goldman, both Blankfein and Gary Cohn, the bank’s president, who would go on to serve as President Donald Trump’s chief economic adviser, pushed subprime debt products, which the bank continued to market in the run-up to the crisis. But fearing a crash in home prices, with many Americans unable to keep up on their mortgage payments, Goldman itself had bet against the market—a trading strategy that later came to be known as the “Big Short.”

 

Hope, Bradley; Wright, Tom. Billion Dollar Whale: The Man Who Fooled Wall Street, Hollywood, and the World (English Edition) (p. 120). (Function). Kindle Edition.

6 Die Ausrichtung auf China hatte Goldman-CEO Hank Paulson vorbereitet, bevor er 2006 als Finanzminister nach Washington wechselte. Sein Nachfolger Lloyd Blankfein reiste mit zahlreichen Kollegen 2006 nach Beijing, um die symbolische Sitzung an der Großen Mauer abzuhalten.

7 Alex Joske, Spies and Lies - How China’s greatest covert operations fooled the world.

Richmond, Australia, 2022

ISBN 9781 74379 799 0

8 Alex Joske, Spies and Lies - How China’s greatest covert operations fooled the world.

Richmond, Australia, 2022

ISBN 9781 74379 799 0

S. 154/55

9 Website des CISS:

https://www.cssm.org.cn/html/en_about_cssm.html

Abgerufen: 08.06.2026; 11:09:27

10 Der Ablauf der Platzierung der drei Bonds durch Goldman Sachs und anschließenden Geldwäsche-Operationen sind dokumentiert in der Klage des DoJ zur Beschlagnahmung von Vermögen aus dem 1MDB-Fall.

 

FBI / Department of Justice, Complaint CV20-5914

https://www.justice.gov/d9/press-releases/attachments/2020/07/01/download_assets_falcon_private_bank_lmtd_complaint.pdf

Abgerufen: 10.6.2026, 10:56:57

11 Ebda.

12 Dazu gehört u.a. das Konto der Vasco Investment Services Ltd. Bei der Edmund de Rothschild Bank in Luxemburg 

Hope, Bradley; Wright, Tom. Billion Dollar Whale: The Man Who Fooled Wall Street, Hollywood, and the World (English Edition) (p. 191). (Function). Kindle Edition.

13 DoJ Complaint

S. 60ff

https://www.ft.com/content/525eb0c4-26f8-3534-af16-e1ca61dc1463?syn-25a6b1a6=1

14 Der Untersuchungsbericht von KPMG wurde von der Schweizer Finanzaufsicht FINMA nicht veröffentlicht, sickerte aber an die Presse durch.

 

DIE WELT, 20.01.2022

Lars Windhorst: Der Weg des schmutzigen Geldes führt zum Wunderkind

https://www.welt.de/wirtschaft/plus236340659/Lars-Windhorst-Der-Weg-des-schmutzigen-Geldes-fuehrt-zum-Wunderkind.html

Abgerufen: 2026-02-23 15:53:01

15 DER SPIEGEL, 18.12.2009

Lars Windhorst muss 3,5 Millionen Euro zahlen

https://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/ex-wunderknabe-lars-windhorst-muss-3-5-millionen-euro-zahlen-a-667948.html

Abgerufen: 12.06.2026;11:38:41

16 Financial Times, 18.12.2024

Lars Windhorst and H2O: Scanda, Spies and the Superyacht

https://www.ft.com/content/c6ac8856-6423-4081-8eda-7c8f6d07efe2?syn-25a6b1a6=1

Abgerufen: 12.06.2026;11:41:10

17 DIE WELT, 20.01.2022

Lars Windhorst: Der Weg des schmutzigen Geldes führt zum Wunderkind

https://www.welt.de/wirtschaft/plus236340659/Lars-Windhorst-Der-Weg-des-schmutzigen-Geldes-fuehrt-zum-Wunderkind.html

Abgerufen: 2026-02-23 15:53:01

18 Ebda

19 FINMA, Medienmitteilung vom 11.10.2016

„Falcon wegen 1MDB-Verfehlungen sanktioniert“

https://www.finma.ch/de/~/media/finma/dokumente/dokumentencenter/8news/medienmitteilungen/2016/10/20161011-mm-falcon.pdf?sc_lang=de&hash=7D11693875106E183043D79F4E7FD111

Abgerufen: 12.06.2026;14:09:03

20 Siehe dazu Teil 1 der Windhorst-Serie „Catch me if you can“

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