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Im Auftrag des Drachen III
Ein Angebot, das man nicht ablehnen kann

In der dritten und letzten Folge der Drachen-Serie steigert Jho Low seine Exzesse so weit, dass der 1MDB-Betrug auffliegt - und China einen Hebel in die Hand bekommt.

 

Der Star der Abendauktion von Christie’s in New Yorks Rockefeller Plaza ist  an diesem 15. Mai 2013 ist das Bild „Dustheads“. Es hängt an der Seitenwand des Saals: zwei archaische, kantige Köpfe mit riesigen Augen und verzerrten Zügen auf schwarzem Grund. In ihnen mischen sich Picasso, Tribal Art und Drogentrip auf intensive und zugleich verstörende Art. Gemalt hat es Jean-Michel Basquiat, der in der Bronx aufwuchs und über die Straßenkunst in die oberen Etagen der Kunstwelt gelangte. Ein Banksy der 80er Jahre. 1988 starb er an einer Überdosis Heroin, seitdem steigen die Preise für seine Werke. 2013 liegt der Rekord für einen Basquiat bei 26 Millionen Dollar. Und so hoch liegt auch der untere Schätzpreis, den Christie’s angibt. 

 

Der Auktionssaal ist an diesem Abend voll, die Zuschauer verfolgen, wie der Auktionator mühelos die 30-Millionen-Grenze überspringt. Die wichtigen Bieter sind nicht im Saal, sondern lassen sich von Herren mit Handys vertreten. Jedes Handzeichen von ihnen erhöht den Preis um 500.000 Dollar. Am hinteren Ende des Saals signalisiert ein Christie’s Angestellter dem Auktionator ein neues, spektakuläres Gebot: einen Sprung um eine Million auf  37,5 Millionen Dollar. 

 

Dieser „Jump Bid“ stammt aus einer privaten Lounge, die Christie’s seinen Premiumkunden zur Verfügung stellt - von einem Mann, den wir aus den ersten beiden Folgen der Drachen-Serie kennen: Jho Taek Low, der talentierte Malaysier, der den Staatsfond seines Landes um mehrere Milliarden erleichtert hat. Vor wenigen Monaten hat Goldman Sachs noch mal drei Milliarden für den Staatsfonds mit dem Namen 1MDB eingesammelt. 1,2 Milliarden davon hat Jho Low abgezweigt - für sich, aber auch für den Schirmherren der Betrugsoperation, den malaysischen Premierminister Najib Razak. Der hat mit dem Geld Anfang Mai Wahlen gewonnen und damit die institutionellen Voraussetzungen dafür geschaffen, dass der Fonds weiter gemolken werden kann. 

 

Ein Grund zu feiern. Und so hat Jho Low seine Freunde aus Hollywood praktischerweise gleich mitgebracht - in die Lounge bei Christie’s.  Leonardo DiCaprio ist dabei, der Rapper Swiss Beatz und einige andere. Am Ende fällt der Hammer bei 43,5 Millionen, 49 mit der Kommission des Auktionshauses, und Jho Lows lässt den Champagner bringen. Er hat das Werk eines Underdogs gekauft, eines Künstlers mit afrikanischen Wurzeln, der die Härte der Bronx, die Abgründe der Drogensucht und die dunkle Seite des amerikanischen Kapitalismus thematisiert. Ursprünglich ein rebellisches Statement in Acryl, heute ein Statussymbol wie Privat-Jet und Yacht.  

 

Als der Hammer des Auktionators das Holz trifft, beginnt für Jho Low die letzte, verrückte Phase der Verschwendung. Bereits in den Jahren davor hatte er sich einige Trophäen zugelegt: den Bombardier-Jet für 35 Millionen, das Penthouse des Time Warner Centers am Central Park, mit 30 Millionen damals eines der teuersten Apartments der USA. Aber nach der Platzierung der 3-Milliarden-Anleihe durch Goldman Sachs bekommt Jho Lows rasende Einkaufstour eine neue Dimension: 300 Millionen gibt er innerhalb weniger Monate für Kunst aus und bald darauf 250 Millionen für eine Yacht. 2013 ist das Jahr, in dem seine Karriere ihren Zenit erreicht - als Investor, Partylöwe und Kunstmäzen. 

 

Doch hinter der glänzenden Fassade droht Unheil. Der Staatsfonds 1MDB hat über zehn Milliarden Dollar Schulden gemacht. Aber statt in Investments zur Entwicklung des Landes floss ein großer Teil des Kapitals in die Offshore-Firmen, Fonds und schwarzen Kassen eines Netzwerks aus Politikern, Bankern und Playboys, das Jho Low dirigiert. 

 

Mindesten 5 Milliarden Dollar hatte das Netzwerk innerhalb weniger Jahre abgeschöpft.⁠ (1) Eine Milliarde investierte Jho Low in Immobilien und Beteiligungen; eine weitere reichte er an den Premierminister und andere Komplizen weiter, eine Milliarde ging für Partys und Lifestyle drauf, eine halbe Milliarde flossen Millionen in Kunst und Yacht. Das restliche Geld versickerte. 

 

Im Jahr 2013 muss Jho Low klar gewesen sein, dass das Loch in der Bilanz des Fonds ein Problem darstellte. Dass irgendwann am Ende der großen Sause Aufdeckung, Prozess und Haft drohten. Was also war sein Plan? Wie wollte er dem Abgrund entkommen?

 

Es gibt drei plausible Antworten auf diese Frage. Erstens: Jho Low hoffte, die tatsächlich existierenden, kleineren Beteiligungen des Fonds im Energiesektor eines Tages tatsächlich zu einer überhöhten Bewertung an die Börse bringen zu können. Zweitens: er vertraute darauf, dass das tief in der politischen Kultur Malaysias verankerte System der Korruption ihn und seine Mittäter weiterhin schützen werde. Drittens: er rechnete damit, im Falle einer strafrechtlichen Verfolgung an einen sicheren Ort fliehen zu können - zum Beispiel nach China, in die Arme des Drachens. 

 

Es war diese dritte Option, die sich schließlich materialisierte. Ob der Exit von Anfang an geplant war, können wir nicht wissen. Aber es gibt etwas in seinem Verhalten, dass durchaus darauf hindeutet. Jho Low tat alles um, aufzufallen - und den Schaden zu maximieren. Seine Partys, seine Immobilien, seine Kunst - all das machte weltweit Schlagzeilen und war so exzessiv, dass der Staatsfonds kollabieren musste. Anders formuliert: Jho Low agierte als Betrüger nicht nachhaltig, sein System war darauf ausgelegt zu explodieren. Und die Trümmer trafen Malaysia. 

 

Der pinke Brillant

Zwei Monate nach der erfolgreichen Auktion mietet Jho Low die 500-Millionen-Yacht „Topaz“ für eine Feier unter Freunden. Das Schiff liegt vor St. Tropez, an Bord sind der Eigner Sheikh Mansour, sein Bruder, der Kronprinz von Abu Dhabi, Sheikh Khaled bin Mohamed bin Zayed Al Nahyan; außerdem zwei Spitzenmanager von Goldman Sachs, die die Platzierung der Piraten-Bonds gesteuert haben: Michael Evans, Vizepräsident in New York, und Tim Leissner, Chef des Investmentbankings in Hongkong⁠. (2) Schließlich der Premierminister von Malaysia, Najib Razak, und seine Ehefrau Rosmah. Sie alle sind zusammengekommen, um die erfolgreiche Platzierung der letzten Milliarden-Anleihe für den malaysischen Staatsfonds zu feiern. Vorgesehen waren die drei Milliarden für den Bau eines neuen Finanzzentrums in Malaysia, aber ein Drittel der Summe ist längst in den Taschen des Premierministers und des Finanzjongleurs gelandet. Und auch ein erheblicher Teil der Yacht, wurde mit Geld aus den Piraten-Bonds bezahlt.

 

Aus ihren Sesseln im Salon blicken die Herren auf das türkis-grüne Wasser der Bucht von Pampelonne zwischen Cap Camara und Cap de St. Tropez. Dort am Strand, in Clubs wie Cinquante Cinq, tummeln sich die, die man auf dem Oberdeck die „kleinen Millionäre“ nennt, Menschen, die sich reich fühlen, aber sich doch keine Yacht kaufen können. 

 

Der Premier ist guter Laune. Er hat die Wahl gewonnen, wenn auch knapp, seine Zukunft scheint gesichert und er kann weiterhin seine schützende Hand über den Staatsfonds halten, der ihm und seiner Frau ein Leben in Luxus erlaubt. Najib Razak entwirft Visionen für sein Land. Das Finanzzentrum sei erst der Anfang. Den Bankern macht er Hoffnung auf neue Geschäfte, die Sheikhs aus dem al Nahyan-Clan animiert er, in Malaysia zu investieren. Es ist die Sitzung einer Piraten-Gang - vor der Ferienkulisse der europäischen Oberschicht. Aber jeder von ihnen hat einen anderen Kenntnisstand. Der Kronprinz weiß nichts vom Betrug, sein Bruder will es nicht so genau wissen, solange sein Luxus finanziert wird. Der Vizepräsident aus New York darf es nicht wissen, sein Mann in Hongkong weiß es dagegen genau; der Premier weiß, dass der Fonds geplündert wird, aber er kennt das Ausmaß nicht.

 

Najib Razak ist eine der Schlüsselfiguren der 1MDB-Affäre. Seine Rückendeckung hat die Plünderung des Staatsfonds überhaupt erst ermöglicht. Wie viele korrupte Politiker, wollte er sich mit den Mitteln des Fonds einen Wettbewerbsvorteil in der Politik verschaffen. Aber es gab ein weiteres Motiv: das Bedürfnis, seine Ehefrau Rosmah zufriedenzustellen. 

 

Rosmah war in einer der neun Adelsfamilien aufgewachsen, die im Wechsel den König Malaysias stellen. Allerdings gehörte sie nicht zum inneren Kreis der Familie, so dass der Reichtum für sie ständig sichtbar, aber nie verfügbar war. 

 

Als Ehefrau des Premiers legt sie im späteren Leben ein schier unstillbares Bedürfnis nach Luxus an den Tag. Ihre berüchtigten Shopping-Trips führen sie immer wieder in die Flagship-Stores von Hermés, Cartier und Louis Vuitton, nach Hongkong, Paris und New York. Manchmal kann der Jet des Premiers das Gepäck kaum fassen, und nie ist es genug. Rosmah ist 2013 eine Frau in mittleren Jahren mit kräftiger Statur und entschlossenem Gesichtsausdruck. Ihre dunklen Haare lässt sie zu einer Mähne auftoupieren, was ihr etwas Löwenhaftes verleiht. Zum Unglück für ihr Land ist sie durchsetzungsstark. Der Premier schlägt ihr keinen Wunsch ab, was Malaysia am Ende Hunderte von Millionen kosten wird. 

 

Jho Low weiß, dass der Weg ins Herz des Premiers über Rosmah führt. Ihre größte - und teuerste - Leidenschaft sind Brillanten. Je größer desto besser. Und so hat Jho Low beschlossen, den Aufenthalt vor St. Tropez mit der Übergabe einer funkelnden Trophäe zu krönen. 

 

Dafür fliegt eine der prominentesten Schmuckdesignerinnen der USA ein - Lorraine Schwartz, Hoflieferantin von Hollywood. Sie bringt einen seltenen Brillanten mit: 22 Karat, Farbe: pink, Farbqualität: vivid, was man am besten mit „leuchtend“ übersetzen kann. Bei der Präsentation auf der „Topaz“ funkeln Rosmahs Augen vor Begeisterung. Auf schwarzem Samt liegt der Stein vor ihr und strahlt mit magischer Intensität. Schliff, Farbe und Reinheit tragen zu dem Effekt bei. In diesem Stein auf schwarzem Samt verdichtet sich für Rosmah das eigene Leben - der Aufstieg vom Aschenputtel an die Spitze der Gesellschaft. 

 

Den pinken Solitär wird Lorraine Schwartz mit kleineren Brillanten zu einem Collier kombinieren, Endpreis: 27 Millionen Dollar. Bezahlt von Jho Low, der weiß, dass ihm der Premier dafür ewig dankbar sein wird. Das Collier ist bei weitem nicht das einzige Stück für die First Lady. Ihre Juwelensucht kostet Jho Low - und damit am Ende den malaysischen Steuerzahler - insgesamt 200 Millionen Dollar.  

 

 

Aufdeckung

 

Während der Premier, seine Frau und Jho Low mit den übrigen Komplizen  vor St. Tropez Geldregen und Wahlsieg feiern, zieht sich im fernen Malaysia ein politischer Sturm zusammen. Er wird den maroden Staatsfonds zum Einsturz und Najib Razak am Ende ins Gefängnis bringen.  

 

1MDB hat zu diesem Zeitpunkt über zehn Milliarden Dollar Schulden angehäuft und kann die Löcher in der Bilanz kaum noch verschleiern. Im Juli 2013 berichtet das Online-Portal „Sarawak-Report“⁠ (3) erstmals über die Piraten-Bonds und die außerordentlichen Gewinne von Goldman Sachs. In Folge-Artikeln schildert das Portal das Luxus-Leben Jho Lows sowie seine Rolle bei der Produktion von „Wolf of Wallstreet“. Das Portal wirft die Frage auf, ob Gelder des malaysischen Staatsfonds für die Finanzierung der Extravaganzen abgezweigt worden sind. 

 

Der Bericht ermutigt Whistleblower. Weitere Details sickern an die Öffentlichkeit, aber das ganze Ausmaß des Skandals bleibt zunächst im Dunkeln. Im Juli 2015  folgt dann ein Paukenschlag: das Wallstreet Journal veröffentlicht eine Titelgeschichte über 1MDB. Die Journalisten Bradley Hope und Simon Clark berichten, dass 680 Millionen Dollar aus den British Virgin Islands auf einem privaten Konto des malaysischen Premierministers gelandet sind⁠. (4) Und sie bringen diese Zahlung in Zusammenhang mit der Schweizer Falcon Private Bank, mit dem Staatsfond von Abu Dhabi und der Quelle der Gelder, Malaysias Staatsfonds 1MDB. Damit steht ein wesentlicher Teil der Transaktionskette, die Jho Low zur Verschleierung seiner Operation aufgebaut hat, im Licht der Öffentlichkeit.  

 

Der Bericht mobilisiert die Justiz mehrerer Länder: in der Schweiz beginnen die Behörden Ermittlungen gegen die Falcon Private Bank, die später zu Lars Windhorst führen⁠. (5)  In den USA rekonstruieren FBI und Justizministerium die Geldflüsse. Die ursprüngliche Tat, die Veruntreuung des Fondsvermögens, fand zwar auf malaysischem Boden statt und fiel damit nicht unmittelbar in den Zuständigkeitsbereich der US-Justiz. Aber die Beute bestand aus US-Dollar. Da Dollar-Überweisungen immer über amerikanische Korrespondenzbanken abgewickelt werden, hinterließen die Transaktionen Jho Lows verfolgbare Spuren im US-Bankensystem.

 

So kann das FBI die Verbindungen zwischen dem Staatsfonds, dem System der Offshore-Firmen und dem Luxusleben Jho Lows herstellen und auch nachweisen, wo der Finanzjoungleur das Geld aus den Piraten-Bonds investierte. 

 

Am 20. Juli 2016 treten die Ermittler vor die Presse und geben eine erste Schätzung des Gesamtschadens: 3,5 Milliarden Dollar. (6)  Gewaschen und reinvestiert in Kunstwerke, Beteiligungen und Luxus-Immobilien. Und die will das Justizministerium nun beschlagnahmen lassen. Alles in allem Assets im Wert von gut einer Milliarde Dollar, die dem rechtmäßigen Eigentümer zurückgegeben werden sollen. 

 

Die Klage ist ein zivilrechtlicher Schritt, aber er deutet strafrechtliches Unheil an. Jho Low hat bereits 2015 angefangen, die USA und Europa zu meiden, seinen 34. Geburtstag im November 2015 feiert er nicht mehr in Las Vegas oder Hollywood, sondern auf seiner Yacht vor der Küste Südkoreas. Danach verliert sich seine Spur. 

 

In Kuala Lumpur scheinen die Tage von Najib Razak gezählt zu sein. Doch der Premier zieht einen letzten Joker.

 

Vier Monate nachdem das US-Justizministerium die Öffentlichkeit mit der Größenordnung des Schadens schockiert hat, reist der malaysische Premierminister nach Beijing. Er wird dort vom Staats- und Parteichef Xi Jingping mit allen Ehren empfangen. Der groß gewachsene Chinese zeigt gegenüber dem Premier des kleinen Landes die undurchdringliche Höflichkeit, die typisch für ihn ist. Die Politiker und ihre Delegationen unterschreiben insgesamt zehn Verträge zur politischen und wirtschaftlichen Zusammenarbeit.⁠ (7) 

 

Malaysia kauft chinesische Kriegsschiffe, China erhält Zugang zu den Häfen an der Straße von Malakka und investiert in strategisch wichtige Infrastruktur-Projekte. Dazu gehören neue Eisenbahnlinien, eine Pipeline, Industrieanlagen und der Ausbau bestehender Häfen. Gesamtvolumen des Pakets: 34 Milliarden Dollar, finanziert von Beijing⁠. (8) 

 

Das Vertragswerk verschiebt die Einflusszonen an der Straße von Malakka. Malaysia, das bisher sorgfältig versucht hatte, die Balance zwischen den Mächten zu wahren, und im Zweifelsfall eher Richtung Westen tendierte, wird Teil der Neuen Seidenstraße, mit der das Reich der Mitte sein globales Imperiums aufbaut. Für Xi ein Triumph, für Malaysia ein Akt der Selbstaufgabe. Wie konnte das passieren? Was waren die Motive hinter dem Schwenk?

 

Das Angebot

Die Antwort auf diese Fragen gibt das Wallstreet Journal am 9. Januar 2019.  Der Zeitung wurden Dokumente aus dem Büro des malaysischen Premierministers zugespielt: die geheimen Anhänge zu den Verträgen mit Beijing - und die Protokolle der Verhandlungen. Aus den Dokumenten geht hervor, dass China Najib Razak in aller Offenheit angeboten hat, seine Probleme mit dem überschuldeten und zahlungsunfähigen Staatsfonds 1MDB zu lösen. Chinesische Milliarden sollten die Löcher in der Bilanz stopfen. Bedingung: China bekommt Zugriff auf die strategische Infrastruktur Malaysias⁠. (9)

 

Auf chinesischer Seite leitete Xiao Yaqing die Delegation, Chef der mächtigen Asset Supervision and Administration Commission. Sie übt die Eigentumsrechte über alle chinesischen Staatsunternehmen aus und untersteht direkt dem Staatsrat. (10)  In der Sitzung vom 28. Juni 2016 teilt Xiao seinen malaysischen Gesprächspartnern mit, dass die Angelegenheit von Präsident Xi Jingping und Premierminister Li Keqiang persönlich genehmigt worden sei und damit höchste Priorität genieße. Die geplanten Verträge seien ihrer Natur nach politisch, sollten aber in der Öffentlichkeit als „marktgetrieben“ wahrgenommen werden.⁠ (11) 

 

Struktur des Deals: chinesische Unternehmen bauen Pipelines, Eisenbahnlinien und Hafenanlagen und stellen ihre Leistung der malaysischen Regierung in Rechnung. Nicht zu Marktpreisen, sondern mit einem Aufschlag von 100%. Die East Coast Railway Line kalkulieren die Chinesen mit 16 Milliarden, tatsächlich kostet das Projekt weniger als die Hälfte. Der Differenzbetrag soll über Umwege an 1MDB fließen, um das Milliarden-Loch zu stopfen⁠ (12), das Jho Taek Low hinterlassen hat. Das Geld ist keineswegs ein Geschenk Beijings an seinen neuen Vasallen, sondern ein Kredit. Malaysia und seine Steuerzahler sollen die aufgeblähte Anleihe mit Zins und Zinseszins zurückzahlen. So ist sehen es die Verträge vor. Kreditgewährung ist in der chinesischen Außenpolitik immer auch ein Herrschaftsinstrument. 

 

Dass Beijing dieses Instrument in die Hand bekommt, ist das Verdienst von Jho Low. Er ist im Herbst 2015, nach der letzten großen Party auf seiner Yacht, von den Radarschirmen des gesellschaftlichen Lebens in den USA und Europa verschwunden. 

 

Wenige Monate später taucht er außerhalb der Reichweite westlicher Behörden wieder auf. Seine neue Adresse: die Residenz des luxuriösen Peninsula Hotels in Shanghai mit Blick auf die ikonische Skyline der Stadt⁠.  (13)

 

Jho Low ist jetzt Gast der chinesischen Regierung. Sie toleriert den flüchtigen Betrüger nicht nur, sondern macht ihn zum Instrument ihrer geopolitischen Ambitionen. Jho Low wird betreut von einem der mächtigsten Männer der chinesischen Geheimdienst-Architektur: dem stellvertretenden Minister für Innere Sicherheit, Sun Lijun.⁠(14)   Er fungiert als Verbindungsmann zum Regierungsapparat. Als Gegenleistung erwarten Sun und seine Vorgesetzten, dass Jho Low ihm sein Heimatland - und dessen Premier - auf dem Bambustablett liefert. 

 

Aus dieser Situation heraus meldet sich Jho Low 2016 bei seinem Mentor in Kuala Lumpur und macht ihm ein Angebot, das der nicht ablehnen kann. 

 

 

Hybrides Spiel

Die Unterschrift des malaysischen Premiers unter einem Vertrag, der sein Land chinesischen Interessen ausliefert, ist das Ergebnis einer Kette von unwahrscheinlichen Ereignissen. Sie beginnt auf der einstigen Pirateninsel Penang an der Straße von Malakka, wo ein junger Mann aufwächst, der auf eine große Zukunft hofft. Sie führt über ein britisches Internat in die Netzwerke internationaler Eliten, zu den Palästen der Golfmonarchien, in die Chefetagen von Wallstreet und in die Traumfabrik Hollywoods. Mit dem Ergebnis, dass in den Kassen eines korrupten Schwellenlandes zehn Milliarden Dollar fehlen und dem politisch Verantwortlichen China als letzte Rettung erscheint. 

 

Jho Low hat diesen Parcours, der ja aus sehr verschiedenen - und sehr herausfordernden - Milieus besteht, mit Bravour gemeistert. Ein Mann, den Frauen als schüchtern und unbeholfen beschreiben, der Charme und Esprit vermissen lässt, und der auch nicht mit markanten Gesichtszügen punkten kann. Eigentlich ist Jho Low eine unscheinbare Figur. Damit fehlen ihm viele der Eigenschaften, die die Virtuosen seines Fachs immer ausgezeichnet hat. 

 

Jho Lows Erfolg war zutiefst unwahrscheinlich. Kann es also sein, dass jemand hilfreich in sein Schicksal eingegriffen hat? Türen aufstieß, die sonst geschlossen bleiben? Dass Jho Low also nicht aus eigener Kraft zu einem der größten Betrüger der Finanzgeschichte wurde, sondern Schachfigur in einer geopolitischen Intrige war? Dass also der 1MDB-Skandal von Anfang an einem Drehbuch folgte?

 

Gut belegt ist, dass China die Gelegenheit, die Jho Low bot, ergriff und nutzte. Ob er aber von Anfang an ein Geschöpf des chinesischen Geheimdienstes war - wissen wir nicht. Allerdings lassen zwei Sachverhalte aufhorchen.

 

Erstens: die Investmentbank, die die institutionelle Mechanik für den Piratenbond zur Verfügung gestellt hat, ist zugleich diejenige unter den Wallstreet-Banken, die Vorreiter im China-Geschäft war - Goldman Sachs. Präsident und CEO der Bank gaben trotz aller Bedenken der Compliance grünes Licht für den Piraten-Bond. Zentrale Akteure der Bank sind in Netzwerke des chinesischen Geheimdienstes eingebunden - wie ich in Folge zwei belebt habe. Und ohne Goldman hätte das 1MDB-Debakel nie die Größenordnung erreicht, die Malaysia schließlich ins Wanken brachte. 

 

Zweitens: Über die Geldwäsche-Drehscheibe Falcon Private Bank in Zürich wurden Gelder aus dem malaysischen Staatsfonds in den Kreislauf eines europäischen Betrugssystems geschleust: in das Sapinda-Imperium des Deutschen Lars Windhorst. Dieser Mann, der Milliarden abschöpfte und Geschäfte mit ehemaligen Stasi-Agenten und Putin-Oligarchen betrieb, hatte am Anfang seiner Karriere einen chinesischen Mentor: den Elektronik-Importeur Ming Rong Zhang, der in den 90er Jahren in Düsseldorf gemeldet war und danach spurlos verschwand⁠. (15) 

 

Die Plünderung des malaysischen Staatsfonds fügt sich also nahtlos in die Gesamt-Strategie der Neuen Seidenstraße ein, sie wird begünstigt von der Beeinflussung der Wallstreet-Elite durch den chinesischen Geheimdienst, und sie steht in Verbindung mit einer europäischen Betrugs-Operation, deren Geburtshelfer ebenfalls ein Chinese war. 

 

Die Querverbindung zum Windhorst-Komplex könnte ein allererstes Indiz dafür sein, dass Jho Low kein isolierter Einzelfall ist, sondern Teil einer komplexen und geographisch weit verzweigten Operation ist, die geopolitische Ziele verfolgt. Es ist ein Verdacht, den ich an dieser Stelle, nicht weiter verdichten kann. Für die weiteren Folgen von STEALTH CRIME wollen wir ihn aber im Hinterkopf behalten.

 

Selbst wenn China die 1MDB-Affäre nicht strategisch geplant hat: der Fall Jho Low zeigt exemplarisch, dass staatliche und kriminelle Strukturen effektiv kooperieren können, um ihre jeweiligen Ziele zu erreichen. Und dass solche Kooperationen ein zentrales Element hybrider Kriegsführung sind. 

 

Die Strategie, Allianzen und Machtverhältnisse nicht mit dem Schwert, sondern mit List zu verändern, paßt dabei perfekt zu den Lehren des chinesischen Feldherrn Sunzi, der Kollegen und Kaisern empfahl: „Die höchste Vollendung der Kriegskunst ist es, den Feind ohne Kampf zu besiegen.“

 

 

Fußnoten

1 Die erste Schadensschätzung veröffentlichte das US-Department of Justice im Juli 2016 im Rahmen einer Klage auf Beschlagnahmung von Vermögenswerten und nannte eine Zahl von 3,5 Mrd. US-Dollar. 

DoJ, Verified Complaint for Forfeiture

https://www.justice.gov/d9/press-releases/attachments/2020/07/01/download_assets_falcon_private_bank_lmtd_complaint.pdf

Abgerufen: 21.6.2026, 09:45:47

 

2017 korrigierte das DoJ die Zahl auf 4,5 Mrd. US-Dollar;

https://www.nytimes.com/interactive/2017/06/16/world/asia/1mdb-malaysia-complaint.html

 

In einem investigativen Standardwerk über den 1MDB-Skandal schätzen die Autoren den Gesamtschaden 2019 auf 5,1 Mrd. US-Dollar und listen auch den Verbleib auf. 

Hope, Bradley; Wright, Tom. Billion Dollar Whale: The Man Who Fooled Wall Street, Hollywood, and the World (English Edition) (pp. 228-229). (Function). Kindle Edition. 

 

2026 schätzen Hope & Wright den Schaden dann auf 7,65 Mrd. US-Dollar.

„Whale Hunting“ , 17.05.2026

https://whalehunting.projectbrazen.com/the-pandas-last-play-jho-lows-audacious-bid-for-a-trump-pardon/

Abgerufen: 25.5.2026, 20:06:37

2 Die Szene beschreiben Hope & Wright in „Billion Dollar Whale“

Hope, Bradley; Wright, Tom. Billion Dollar Whale: The Man Who Fooled Wall Street, Hollywood, and the World (English Edition) (pp. 235-237). (Function). Kindle Edition.

3 Sarawak-Report, Wikipedia

https://en.wikipedia.org/wiki/Clare_Rewcastle_Brown?utm_source=chatgpt.com

Abgerufen: 26.06.2026;18:04:53

4 WSJ, 02.07.2015

Investigators believe Money flowed to Malaysian Leader Najib’s Account amid 1MDB-Probe

https://www.wsj.com/articles/malaysian-investigators-probe-points-to-deposits-into-prime-ministers-accounts-1435866107

Abgerufen: 2026-06-22 14:36:49

5 FINMA, Medienmitteilung vom 11.10.2016

„Falcon wegen 1MDB-Verfehlungen sanktioniert“

https://www.finma.ch/de/~/media/finma/dokumente/dokumentencenter/8news/medienmitteilungen/2016/10/20161011-mm-falcon.pdf?sc_lang=de&hash=7D11693875106E183043D79F4E7FD111

Abgerufen: 12.06.2026;14:09:03

 

BusinessInsider, 22.02.2022

Deals mit dem Geldwäscher: Was wußte Hertha-Investor Lars Windhorst über die schmutzigen Millionen, die in sein Firmenreich geflossen sind?

https://www.businessinsider.de/wirtschaft/was-wusste-hertha-bsc-investor-lars-windhorst-ueber-millionen-aus-illegalen-geschaeften-die-in-seine-firmen-flossen-p4/

Abgerufen: 26.06.2026;18:13:38

6 DoJ, Verified Complaint for Forfeiture, 20.07.2015

https://www.justice.gov/d9/press-releases/attachments/2020/07/01/download_assets_falcon_private_bank_lmtd_complaint.pdf

7 The Guardian, 01.11.2016

Malaysian PM to sign significant Defence Deal with Chian amid US strains

https://www.theguardian.com/world/2016/nov/01/malaysia-najib-razak-defence-deal-china-beijing-visit

Abgerufen: 2026-06-24 08:34:18

8 Ebda.

9 WJS, 09.01.2019

China Offered to Bail Out Troubled Malaysian Fund in Return for Deals

https://www.wsj.com/articles/how-china-flexes-its-political-muscle-to-expand-power-overseas-11546890449

Abgerufen: 2026-06-25 17:11:35

10 https://en.wikipedia.org/wiki/State-owned_Assets_Supervision_and_Administration_Commission_of_the_State_Council

11 Die Unterlagen wurden mehreren Medien zugespielt. Die investigative malaysische Website Sarawak-Report veröffentlichte bereits 2016 Fotos der Dokumente.

„Najib’s Secret Deal with China to pay off 1 MDB“  26.07.2016

http://www.sarawakreport.org/2016/07/outrage-najibs-secret-deal-with-china-to-pay-off-1mdb-and-jho-lows-debts-shock-exclusive/

Abgerufen: 2026-05-26 09:11:51

 

Die beiden WSJ-Reporter Tom Wright und Bradley Hope haben die Geschichte des Deals auf ihrer Website „Whale Hunting“ mehrfach aufgearbeitet. Sie berufen sich dabei auf Dokumente, die sie während ihrer Arbeit für das WSJ verwendet hatten.

„Jho Low’s audacious bid for a trump pardon“, 17.05.2026

https://whalehunting.projectbrazen.com/the-pandas-last-play-jho-lows-audacious-bid-for-a-trump-pardon/

Abgerufen: 2026-05-25 20:06:37

12 Sarawak Report, 26.07.2016

WSJ, 09.01.2019

13 Hope, Bradley; Wright, Tom. Billion Dollar Whale: The Man Who Fooled Wall Street, Hollywood, and the World (English Edition) (p. 322). (Function). Kindle Edition.

14 Whale Hunting, 17.05.2026

Jho Low’s audacious bid

https://whalehunting.projectbrazen.com/the-pandas-last-play-jho-lows-audacious-bid-for-a-trump-pardon/

Abgerufen: 25.6.2026, 11:00:56

15 Die Presse, 20.07.2016

https://www.diepresse.com/5054368/lars-windhorst-der-mann-der-milliarden-jongliert

Abgerufen: 26.06.2026;15:14:02

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