Nine/Eleven II 
Der Boiler Room


Ein kanadischer Stock-Promoter bringt kurz vor 9/11 ein Startup an die Berliner Börse, das Techniken zur Terrorabwehr anbietet. Ein Zufall? Die Reise in die Vergangenheit des Mannes enthüllt ein Netzwerk aus Börsenbetrügern, Drogenhändlern und afghanischen Dschihadisten. Koordiniert von einer Bank, die Despoten, Drogenbossen und Terroristen dient. Dies alles mit Wissen der CIA. Der Case zeigt, dass es keine einfachen Erklärungen für die Anschläge vom 11. September gibt.
 

 

Die Herengracht gehört zu den besseren Adressen in der Innenstadt von Amsterdam: hohe Stadthäuser mit Ziegelfassaden und den gestuften Giebeln der holländischen Architektur, dazu der Blick aufs Wasser. Die Häuser stammen aus einer Zeit, in der die niederländischen Republik große Teile des Welthandels beherrschte. Sie importierte Gewürze, Tropenhölzer und Elfenbein aus Ostindien und trieb Handel mit ganz Europa. Das Geschäft war gewinnträchtig, aber riskant. Ein Tropensturm konnte das Vermögen einer Familie über Nacht vernichten. Deshalb wollten die Kaufleute Amsterdams das Risiko auf viele Schultern verteilen, ohne auf die Gewinne zu verzichten: sie gründeten die erste Aktiengesellschaft der Welt, die niederländische Ostindien Kompanie. Der moderne Kapitalismus, der Kapitalmarkt, die Börse - für all das wurde im Amsterdam des 17. Jahrhunderts der Grundstein gelegt. 

 

400 Jahre später ist Amsterdam das weltweite Zentrum des Aktienbetrugs. In den 1980er Jahren locken die laschen Kapitalmarktgesetze der Niederlande Betrüger aus Nordamerika an, die von hier aus wertlose Aktien mit aggressivem Telefon-Marketing in alle Welt verkaufen. Die meisten von ihnen haben sich in der Herengracht angesiedelt, in den Häusern aus der Kolonialzeit. Die Kontore im Erdgeschoss und die Wohnräume darüber erzählen immer noch vom Wohlstand ihrer Erbauer. Sie sind getäfelt mit dem dunklen Holz der Tropen, und auch die Treppen und die Deckenbalken sind aus Mahagoni oder Teak. 

 

Hier sitzen nun die Piraten des Kapitalmarkts, hemdsärmelige Männer im Qualm ihrer Zigaretten, die ihre Opfer per Anruf bedrängen. Ihre Stimmen sind laut und unbeherrscht, sie überlagern sich gegenseitig und bilden den unverwechselbaren Sound des „Boiler Room“. So nennt die Branche ihre Callcenter, das Herzstück des Aktienbetrugs. Der Begriff erinnert an die Kesselräume der alten Dampfschifffahrt mit ihrem Lärm, ihrer Hitze und ihrer stickigen Luft. Der Boiler Room der 80er Jahre ist der Vorläufer der digitalen Scam-Factories unserer Tage in Kambodscha oder Nigeria.

 

Der größte Boiler Room der Herengracht, Europas und vielleicht sogar der ganzen Welt ist eine Firma namens „First Commerce Securities“. 40 oder 50 Telefonverkäufer arbeiten dort. Sie schmeicheln, drohen, winseln, flehen - damit ihre Opfer geben, was sie auf ihren Konten haben. Und wer einmal angebissen hat, wird immer wieder angerufen, mit manipulierten Kursen getäuscht und in ein Spiel gezogen, das oft mit der finanziellen Selbstvernichtung endet. „Pig Butchering“ nennt man das heute. 20 bis 30.000 Anleger ziehen die Verkäufer von First Commerce Securities auf diese Weise über den Tisch, allein die Telefonrechnung beträgt 6 Millionen Dollar pro Jahr⁠1. Später wird der Insolvenzverwalter schätzen, dass das Unternehmen zwischen 100 und 400 Millionen Dollar abgeschöpft hat. Eine gewaltige Summe für die 80er Jahre. Alle paar Wochen kommt der Chef vorbei. Sein Besuch ist immer überraschend und die Reiseroute ist ein Staatsgeheimnis.

 

 

Meister der Marktmanipulation

 

Irving Kott lebt in Montreal, und er ist ein vorsichtiger Mann. Wenn er reist, dann bucht er immer mehrere Flugrouten parallel und entscheidet sich erst in letzte Sekunde, welche er nimmt. Kott fürchtet einen Racheakt der Mafia. Er hat Börsengeschäfte mit der Cotroni-Familie aus Montreal und den Bonnanos aus New York gemacht, und den Gewinn wohl nicht so geteilt, wie es vereinbart war. Und so hat die Cosa Nostra eine Rechnung mit ihm offen. Das hätte er sich eigentlich von vorne herein denken können, aber verstanden hat er es erst an einem Vormittag in Montreal. Er hatte schon in seinem Wagen gesessen, war aber nochmal ausgestiegen, weil er etwas im Haus vergessen hatte. Da explodierte die Autobombe hinter ihm.  

 

Kott kommt also zur Inspektion nach Amsterdam und betritt seinen Boiler Room in der Herengracht. Er ist ein großer Mann, Einstecktuch und Anzug vom Schneider. Im Allgemeinen ist er jovial und freundlich, keine Bedrohung geht von ihm aus, aber er muss auch eine andere Seite haben. Darauf deutet der Blick aus seinen blauen Augen, der bei Bedarf kalt und fixierend werden kann.  

 

Kott begrüßt das Team: seinen Sohn Michael, der ein wachsames Auge auf alles hält; eine attraktive Belgierin mit starkem französischem Akzent und unklarer Funktion; dann die Mitglieder einer arbeitslosen Schauspieltruppe aus London und schließlich eine Domina, die ihre Talente bei unterwürfigen Anlegern erfolgreich einsetzt. Sie ist der Star des Boiler Rooms. Wenn sie abends in den Restaurants der Stadt ihre Erfolge mit teuren Weinen feiern, imitiert die Domina ihre Opfer, und die Runde hat viel zu lachen. Empathie ist an diesem Tisch nicht gefragt⁠2.

 

Mit besonderer Aufmerksamkeit kümmert sich der Chef aus Montreal um zwei Männer mit arabisch-indischer Optik - die Brüder Nazerali.

 

Den einen haben wir schon kennengelernt: Shafiq Nazerali. Wir haben ihn dabei beobachtet, wie er nach Berlin reist, im Schlosshotel Grunewald wohnt und die Berliner Effektengesellschaft besucht, um eine Aktie an deutschen Börsen listen zu lassen - das kanadische Startup Imagis Technologies. Es soll die Gesichtserkennung automatisieren und den Behörden weltweit bei der Terrorabwehr helfen. Das geschieht im Vorfeld der Terroranschläge von 9/11, also im Jahr 2001, und es war das Thema der ersten Folge dieser Serie. Wir haben uns gefragt, wie Shafiq Nazerali auf die Idee kommen konnte, dass die Welt bald Instrumente zur Terror-Abwehr nachfragen würde.  

 

Um das herauszufinden, sind wir - in dieser Folge - weit in die Vergangenheit gereist, in die 80er Jahre - in die Zeit, in der Shafiq sein Handwerk lernt und sein Netzwerk knüpft. Sein Lehrer ist der Mann aus Montreal.

 

Irving Kott, der Überlende des Bombenanschlags, ist Finanzjongleur, einer größten und der raffiniertesten in Nordamerika. Manche nennen ihn einen „Meister der Aktienmanipulation⁠3“, andere einfach einen Betrüger⁠4. Über Jahrzehnte sind die Strafverfolgungsbehörden der USA und Kanadas hinter ihm her, aber festsetzen können sie ihn nie, denn er arbeitet immer mit Strohleuten, die die schmutzige Arbeit für ihn machen. Auch First Commerce Securities gehört offiziell nicht Kott, er ist hier nur Berater⁠5. 

 

Die Anleger, die den Schauspielern, der Domina und all den anderen schrägen Vögeln und Illusionsverkäufern auf den Leim gehen, schicken meistens Verrechnungsschecks. Die wenigsten Banken würden sie einlösen - zu gefährlich, zu kriminell. Deshalb hat Kott einen Geldboten engagiert. Sein Name: Altaf Nazerali, der ältere Bruder von Shafiq. Er ist verschlossener als sein lebenslustiger Bruder. Auch äußerlich sind die beiden verschieden: der ältere ist schlanker und kleiner, und er trägt einen Goatie im ernsten Gesicht. Die Haarlinie weicht bereits zurück, bald wird er eine Glatze bekommen. 

 

Einmal in der Woche kommt Altaf in die Herengracht, stopft die Schecks bündelweise in seinen Aktenkoffer, fliegt zurück nach Luxemburg und bringt sie in die Rue de la Petrusse, Nummer 140. Es ist ein schmuckloses Bürogebäude mit schmalen Fenstern und heller Kalksteinfassade aus den 60er-Jahren⁠6. Dort sitzt eine Bank, die die schmutzigen Schecks in Kontogeld verwandelt und dieses dann über ein System von Korrespondenzbanken und Tarnfirmen versickern lässt - ein Teil landet regelmäßig in Panama⁠7, wo es unerreichbar ist für die niederländischen Behörden. Die Bank, die die Geldwäsche durchführt, heißt Bank of Credit and Commerce International, kurz BCCI. Heute vergessen, aber in den 80er Jahren war sie die Hausbank der Despoten, der Drogenkartelle, Waffenhändler und Terroristen. Eine weltweit vernetzte Krake mit 400 Filialen in 70 Ländern und einer Bilanzsumme von 25 Milliarden Dollar. Gleich zwei Länder werden später Untersuchungsausschüsse einrichten, um ihre Geschäftspraktiken zu sezieren⁠8. 

 

Diese Bank ist das entscheidende Puzzle-Teil unserer Geschichte. BCCI bildet die Brücke zwischen der Welt des Terrors und der Welt der Kapitalmärkte. Sie verbindet eine Berglandschaft am Hindukusch mit einem Kaufmannshaus in Amsterdam und einem Börsen-Listing in Berlin. BCCI ist die Spur, der wir folgen müssen.

 

 

 

Die Bank der Unterwelt

 

Die Bank of Credit and Commerce International hatte ihr nominelles Hauptquartier in Luxemburg, war aber auch in London und auf den Cayman Islands registriert. Die eigentlichen Entscheidungen fielen aber in Karachi, der Hafenstadt am Arabischen Meer. BCCI war eine pakistanische Schöpfung. Ihre Gründer und Führungsleute waren Pakistaner. 

 

Die ursprüngliche Idee war nicht unsympathisch: eine Bank aus der Dritten Welt für die Dritte Welt. Geführt von Bankern aus dem Süden. Schluss mit weißer Bevormundung und einem Finanzsystem, das den Kolonialismus alter Schule mit neuen Mitteln fortsetzt. 

 

Das war die Ideologie, mit der Gründer Agha Hasan Abedi 1972 antrat, um die Welt zu erobern. Seine Geldgeber waren das Herrscherhaus von Abu Dhabi und die Bank of America, die im Mittleren Osten Fuss fassen wollte. Es gab lächerlich wenig Eigenkapital, aber massive Kundeneinlagen aus der Golfregion - Ölgeld. Der Konkurrenz fiel bald auf, dass die neue Bank ungewöhnlich schnell expandiert und dass sie selbst dort gedeiht, wo andere nur Verluste einfahren. Auch Finanzkrisen scheinen ihr nichts anhaben zu können. Wir konzentrieren uns eben auf ertragreiche Nischenmärkte, sagt Bankchef Abedi. 

 

Ein Euphemismus. Der Nischenmarkt der BCCI war die Geldwäsche. BCCI verarbeitete das Bargeld aus dem Kokain-Export von Pablo Escobar; die Heroin-Erlöse aus Afghanistan und dem Goldenen Dreieck; und die Milliarden afrikanischer und asiatischer Kleptokraten. Zu den prominenteren Kunden gehörten Ferdinand Marcos, der Blutsauger der Philippinen, Saddam Hussein und der saudische Waffenhändler Adnan Kashoggi. Bankchef Abedi kannte viele von ihnen persönlich und wußte auch von den privaten Affären der Mächtigen, denn ihre Zahlungsströme liefen über seine Konten. 

 

Anfang der 80er Jahre fliegt BCCI-Chef Abedi regelmäßig nach Washington und quartiert sich in der Suite eines Luxushotels ein. Dort empfängt er nach Dienstschluss einen Besucher aus Virginia. Es ist William Casey, Direktor der CIA. Er und sein Chef Ronald Reagan sind zu diesem Zeitpunkt genervt, weil der Kongress verdeckte Operationen der CIA immer wieder mit Hilfe des Haushaltsrechts verhindert. Das bremst den antikommunistischen Feldzug der beiden. Also soll der Geheimdienst unternehmerisch tätig werden, um das Geld für umstrittene Operationen selbst zu verdienen. Nicht die gesamte CIA natürlich, sondern eine separate, geheime Einheit. Verantwortlich für das illegale Unternehmen: Colonel Oliver North, der später vor einem Untersuchungsausschuss des Kongresses alles verrät⁠9. Das Geschäftsmodell seiner Einheit beruhte auf Drogen- und Waffenhandel. Und das waren auch die Kerngeschäftsfelder von BCCI. 

 

Und so wird die pakistanische Bank zum Handlanger der CIA. Sie unterstützt Colonel Oliver North, der verdeckt Waffen an den Iran liefert. Sie führt die Konten des saudischen Waffenhändlers Kashoggi, der wiederum den Colonel bezahlt und damit indirekt auch die rechten Contras in Nicaragua. Sie füllt die Konten des panamesischen Diktators Noriega, der den Drogentransporten aus Kolumbien Geleitschutz gibt, und sie leitet Drogengelder auf Tarnkonten, die dann der CIA zur Verfügung stehen. Die Partnerschaft mit dem amerikanischen Geheimdienst schützt die Bank lange vor strafrechtlicher Verfolgung. 

 

Wer glaubt, BCCI verhielte sich deshalb gegenüber den USA einigermaßen loyal - liegt allerdings falsch. Die Bank ist auch erbitterten Gegnern der Supermacht zu Diensten. So erledigt sie die Geldgeschäfte der iranischen Mullahs und der palästinensischen Terrororganisation Fatah. Deren Boss ist der Star-Terrorist der 80er Jahre: Abu Nidal, zu deutsch „Vater der Zerstörung“. Er ist so gefürchtet, dass er Schutzgeld erpressen kann von den Ölmonarchien am Persischen Golf. 17 Millionen zahlt Abu Dhabis Herrscher Sheikh Zayed al Nahyan auf ein Londoner Konto, das BCCI für die Organisation des Terroristen eingerichtet hat. Das Konto in der vornehmen Sloane Street wird vom MI5 überwacht, man weiß Bescheid, aber niemand schreitet ein. Stattdessen stellt die Bank Kreditbriefe für Nidal aus, mit denen der weltweit Waffen kauft. Ein Untersuchungsbericht des britischen Parlaments ist bis heute unter Verschluss⁠10.

 

Wenn Nidal in London ist, begleitet ihn das „Protocol-Department“ bei Einkäufen in den Nobelkaufhäusern der Stadt. Es ist die Abteilung von BCCI, die sich um die persönlichen Bedürfnisse der Kunden kümmert. In Pakistan ist das Protocol Department dafür zuständig, in den abgelegenen Regionen des Landes minderjährige Mädchen zu rekrutieren, die dann den Royals der Golfmonarchien zur Verfügung gestellt werden. Manchmal sind es 50 oder 60 Mädchen auf einmal, die die zuständige Sachbearbeiterin, Begum Ashgari Rahim, in den Boutiquen von Karachi für ihre neue Aufgabe ausstattet. 

 

So steht es im Untersuchungsbericht des US-Senators John Kerry⁠11. So hat es auch die Financial Times rekonstruiert.⁠12

 

Es ist eine Bank wie aus einem Bond-Roman: ein Netzwerk der Finsternis - im Bund mit allen, die Schlechtes wollen und keine Skrupel haben. Über alle Gräben, Grenzen und Religionen hinweg. Das ist das erstaunliche an BCCI: dass sie den gegensätzlichsten Interessen dient, das Unvereinbare verbindet - eine Meta-Struktur der Gesetzlosigkeit. 

 

 

Gotteskrieger

 

Eine der geopolitisch folgenreichsten Operationen führte BCCI in ihrem Heimatland durch. Pakistan ist seit jeher ein fragiles Gebilde. Historisch und kulturell gehört das Land im Indus-Tal zum indischen Subkontinent, gegründet wurde es als muslimisches Konstrukt, beherrscht wird es vom Militär, zerrissen ist es von ethnischen Konflikten. 

 

In den zerklüfteten Bergen des Hindukusch, an der Grenze zu Afghanistan sitzen die rebellischen Paschtunen, die sich keiner Regierung beugen. Ihre Stammesgebiete im North Western Frontier District liegen außerhalb der Reichweite Islamabads. Ein Land ohne Gesetz - und zugleich die Transitstrecke für das Opium aus Afghanistan.

 

Es kommt über die steilen Kehren des Kyberpass mit Toyota-Pickups und bunt bemalten Nissan-Trucks und wird in den Hinterhof-Laboren von Peschawar oder Karachi zu Heroin verarbeitet. Für Pakistan ist der Drogenhandel in den 80er Jahren einer der größten Wirtschaftssektoren und die Quelle vieler Vermögen. Fast ein Viertel des Bruttosozialprodukts stammte aus der Produktion chemischer Träume, die Profiteure sitzen in Wirtschaft, Regierung und Geheimdienst.⁠13

 

Die Bank aber, die den Strom des schmutzigen Geldes kanalisiert und in den internationalen Geldkreislauf einspeist, ist BCCI. Zu ihren Kunden gehören nicht nur die Mitglieder des pakistanischen Establishments, sondern auch ein paar raue Gesellen aus Afghanistan⁠14. Es sind Warlords, die lokale Fürstentümer errichtete haben und gegen die Russen behaupten; und vor allem die Gotteskrieger der verschiedenen islamistischen Milizen. 

 

Sie alle finanzieren sich mit dem Verkauf von Opium. Ein wesentlicher Teil der Drogengelder fließt in Waffen für den Kampf gegen die Sowjetunion, das Imperium der Ungläubigen, das verzweifelt versucht, seine Herrschaft über Afghanistan aufrecht zu erhalten. Die Rechnungen für Kalaschnikows, Panzerfäuste und Sprengstoff-Fallen werden von den Konten der BCCI beglichen⁠15.

 

Diese Logistik will nun auch CIA-Chef William Casey nutzen. Geld verdienen mit Drogen und Waffen - das ist das eine. Seine andere Mission: den Sowjets zuzusetzen in Afghanistan. Für beides braucht er die Bank der Unterwelt. Und so treffen Casey und der BCCI-Chef in einer Hotelsuite in Washington eine Vereinbarung: im Auftrag der CIA sollen Gelder aus Saudi-Arabien über Oman nach Karachi fließen - und von dort in die Berge des Hindukusch⁠16. Es ist die abgelegene Weltgegend, die als eine der Geburtsstätten des islamistischen Terrors gilt. Hier formieren sich die Taliban, hier ist Al Quaida zu Gast und hier plant Osama bin Laden die Anschläge von 9/11.

 

Ali Nazerali 

 

Ali Nazerali, der ältere der beiden Brüder, der die Anleger-Schecks aus Amsterdam nach Luxemburg gebracht hat, ist dort Geschäftsführer der Asset International Management, eingetragen in Handelsregister Luxemburg unter B-20-18-9. Die Gesellschaft hält die Anteile am Boiler Room in der Herengracht und dient dazu, den wahren Besitzer abzuschirmen: Irving Kott hat ein großes Bedürfnis an Diskretion. 

 

Ali Nazerali gilt als der wichtigste Strohmann des Kanadiers. Zugleich ist er der Verbindungsmann zur Bank der Unterwelt, BCCI. Sein Ansprechpartner dort ist Kazem Naqvi, eine der Führungsfiguren der Bank. Fast täglich kommt er rüber vom Hauptquartier am Boulevard Royale in Nazeralis Büro. Das sagt ein Mitarbeiter später gegenüber den niederländischen Ermittlern aus.⁠17

 

Die täglichen Besuche können Ausdruck einer innigen Bromance sein, oder aber Indizien für eine tiefergehende Kooperation. Für letzteres sprechen die personellen Verflechtungen zwischen Bank und Boiler Room. Mindestens drei leitende Mitarbeiter kommen aus dem Umfeld von BCCI - entweder waren sie zuvor Banker, oder sie arbeiteten für Tochtergesellschaften - zum Beispiel die  Gulf Group⁠18. Das war der Logistik-Arm der Bank, der im Handel mit Waffen und Drogen nützlich war. 

 

Bevor Altaf Nazerali bei Irving Kott anheuerte, arbeitete er für diese Gruppe. Gegenüber Mitarbeitern prahlt er damit, in diesem Job Waffen nach Afrika geliefert zu haben⁠19.  

 

Schnittmengen

 

In der Herengracht in Amsterdam arbeiten in den 80er Jahren also Aktienbetrüger Seite an Seite mit Personen, die zuvor für BCCI gearbeitet haben. Die Bank ist nach den Erkenntnissen des Kerry-Reports in Geldwäsche, Bestechung, Drogen- und Waffenhandel, Terrorismus-Finanzierung, Steuerhinterziehung und Prostitution verwickelt. Sie ist in dieser Zeit der global wichtigste Finanzdienstleister der Unterwelt und zugleich Kooperationspartner von Geheimdiensten. 

 

Das entscheidende Detail für unser Story aber ist: BCCI befindet sich in einer Dreiecksbeziehung mit der pakistanischen Regierung und dem Jihad. Die Bank finanziert die Jihadisten, die der Geheimdienst der Regierung fördert, um sie als Instrument im Kampf um Kaschmir und in Afghanistan zu nutzen. Es ist das Milieu, das später die Attentäter von 9/11 hervorbringt. Damit waren im lauten Boiler Room in der Herengracht alle Elemente versammelt, die man braucht, um Terror in Kursgewinne zu verwandeln. 

 

Wenige Monate vor 9/11treffen sich die Schlüsselfiguren des Boiler Rooms in einem Hotel in Montreal. Dieses Treffen werde ich in der nächsten Folge rekonstruieren.

 

 

Fussnoten

1 Das Supreme Court von British Columbia hat sich in einem Zivilprozess im Jahr 2016 mit den Aktivitäten von Ali Nazerali und Irving Kott befasst. In diesem Prozess klagte Nazerali gegen die Betreiber des Investigativ-Portals „Deep Capture“ wegen Verleumdung und gewann. Der Richter kam zu dem Schluss, dass die Journalisten eine Reihe von Anschuldigungen gegen Nazerali nicht belegen konnten. Das Urteil dokumentiert den Lebensweg und die geschäftlichen Aktivitäten von Nazerali recht umfassend. Diejenigen Aussagen, die Nazerali nicht bestritten hat, werden von Stealth Crime verwendet. 

 

Supreme Court of British Columbia, Nazerali vs. Mitchell, 2016 BCSC 810, Justice Affleck

https://de.scribd.com/doc/311756013/altaf-nazerali-vs-mark-mitchell-et-al-reasons-for-judgment

Abgerufen: 27.09.2026; 08:05:33

2 Die Details der Boiler-Room-Operation wurden von Irving selbst so dargestellt, in mehreren Gesprächen mit dem Autor zwischen 1999 und 2004.

3 „Irving Kott, qui est mort en 2009, est décrit comme un maître de la manipulation frauduleuse des penny stocks.“

https://www.tvanouvelles.ca/2018/06/20/un-mysterieux-financier-lie-a-la-firme-de-pot-que-preside-martin-cauchon-1?utm_source=chatgpt.com

Abgerufen: 28.09.2026; 08:36:48

4 Irving Kott hat in der Berichterstattung der nordamerikanischen Presse eine breite Spur hinterlassen.

https://time.com/archive/6730112/the-secret-life-of-jb-oxford/?utm_source=chatgpt.com

Abgerufen: 28.09.2026; 08:31:39

5 False Profits - The Inside Story of BCCI, the World’s Most Corrupt Financial Empire; Boston, New York 1992

S. 174 f.

6 In der Rue de la Petrusse 140 residierte in den 80er Jahren die Banque de Commerce et de Placement. Die Bank leitete die Gelder der Anleger weiter an ihre Muttergesellschaft, die Bank of Commerce and Credit International, BCCI. BCCI wurde  1991 wegen Geldwäscheverdacht geschlossen und war Gegenstand zweier Untersuchungsausschüsse in Washington und London. Die Geschichte der Bank haben die Journalisten Peter Truell und Larry Gurwin rekonstruiert:

False Profits - The Inside Story of BCCI, the World’s Most Corrupt Financial Empire; Boston, New York 1992

S.175

7 Die Bank in der Rue de la Petrusse war die Luxemburger Filiale der Schweizer Banque de Commerce et de Placement, die wiederum eine Tochter der Bank of Commerce and Credit International war, der BCCI. BCCI wurde  1991 wegen Geldwäscheverdacht geschlossen und war Gegenstand zweier Untersuchungsausschüsse in Washington und London. Die Geschichte der Bank haben die Journalisten Peter Truell und Larry Gurwin rekonstruiert:

False Profits - The Inside Story of BCCI, the World’s Most Corrupt Financial Empire; Boston, New York 1992

S.175

8 Eine der umfassendsten Darstellungen der kriminellen Aktivitäten der BCCI ist ein Untersuchungsbericht des US-Senats aus dem Jahr 1992: „The BCCI Affair“.

https://irp.fas.org/congress/1992_rpt/bcci/01exec.htm?utm_source=chatgpt.com

Abgerufen: 28.09.2026; 10:47:59

9 Senate-Report 216, Iran-Contra Investigation Report, S.332

 

„North testified that as early as 1984 Casey wanted to establish an offshore entity capable of conducting operations in furtherance of U.S. foreign policy that was “stand-alone”—financially independent of appropriated funds and, in turn, Congressional oversight.“

 

https://donohueintellaw.ll.georgetown.edu/sites/default/files/assets/reportofcongress87unit.pdf

10 False Profits, S. 101

11 https://irp.fas.org/congress/1992_rpt/bcci/04crime.htm

Abgerufen: 12.10.2026; 20:40:54

12 Financial Times:

https://bccibank-insights.com/sites/default/files/uploads/files/Behind%20Closed%20Doors-%20Special%20feature%20articles%20on%20BCCI%20published%20in%20the%20Financial%20Times%209-16%20November.pdf

Abgerufen: 12.10.2026; 20:41:32

13 Die Bedeutung von Drogenhandel und -produktion im Pakistan der 80er Jahre wurde in einer Studie der ETH Zürich aus dem Jahre 2011 untersucht.

https://css.ethz.ch/en/publications/journal-articles/details.html?id=%2Fd%2Fr%2Fu%2Fg%2Fdrugs_and_instability_conundrum

14 Die Verbindungen zwischen BCCI und den afghanischen Warlords wurde in einer Studie der Stiftung Wissenschaft uns Politik aus dem Jahr 2011 untersucht. Die Studie kommt zu dem Schluß: “The financial profits were processed mainly by the Pakistani Bank of Credit & Commerce International (BCCI).” S. 11

 

https://www.swp-berlin.org/publications/products/research_papers/2011_RP04_mss_ks.pdf

15 https://content.time.com/time/subscriber/article/0,33009,973732-3,00.html

Abgerufen: 12.10.2026; 20:44:39

16 https://ic911.org/complete-timeline/1984-and-after-bcci-dominates-supply-chain-of-cia-supplies-and-weapons-meant-for-mujaheddin/

12.10.2026; 20:46:43

17 False Profits, S. 175

18 Joseph El Gamal wechselte von der Bank zu Nazeralis Asset International Management; der Niederländer Walter J. Bonn wechselte von einem Logistik-Ableger der Bank, der Gulf Group, zu First Commerce Securities, dem Boiler Room in Amsterdam;  Sinan A. Raouff wechselte von ebenfalls von einem Logistik-Ableger und wurde „Supervisory Director“ von First Commerce Securities.

False Profits, S. 175/76

19 False Profits, S.176

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