Nine/Eleven III 
Kassandras Dinner


Im Finale der Serie werden wir Zeuge eines geheimen Meetings im Ritz Carlton von Montreal. Hier treffen sich die Männer, die die nordamerikanischen Aktienmärkte manipulieren. Und hier laufen auch die verborgenen Linien zusammen, die Jihadisten, Spekulanten und Regierungen verbinden. 

 

 

Das Ritz Carlton in Montreal ist ein luxuriöser Kasten aus dem frühen 20. Jahrhundert, der inzwischen etwas abgewetzt wirkt. 2008 werden sie ihn für 200 Millionen Dollar renovieren, aber jetzt, im Herbst 2000, hat er noch seinen morbiden Charme. Die Architekten von einst haben dem Hotel eine Reihe von öffentlichen und halböffentlichen Räumen gegeben, die von draußen gut erreichbar sind: die Lobby, der Palmen-Saal, die Bar, das Restaurant und ein paar kleinere Salons. Es ist eine ideale Landschaft für informelle Meetings und wechselnde Gesprächskonstellation.

 

Hierhin hat Irving Kott im Herbst 2000 sein Netzwerk einbestellt⁠1. Der kanadische Finanzjongleur ist jetzt 70. Andere würden in diesem Alter in bunten Klamotten nach Florida fliegen und auf den Tod warten, aber Kott liebt die Deals in den Grauzonen der Kapitalmärkte. Dieses Spiel, das er so gut beherrscht, ist für ihn mehr als Broterwerb - es ist seine Form der Selbstverwirklichung. Catch me if you can. 

 

Wir haben ihn in der vergangenen Folge der 9/11-Serie kennengelernt - als Initiator und Hintermann eines Boiler-Rooms in Amsterdam. Dort vermarkteten Telefonverkäufer wertlose Aktien an naive Anleger in aller Welt. Kott soll damals einen dreistelligen Millionenbetrag abgeschöpft haben und geriet ins Visier niederländischer Ermittler. Weil Kanada seine Bürger nicht ausliefert, verlief die Sache im Sande. Das war Mitte der 80er Jahre. 

 

15 Jahre später arbeitet der Finanzjongleur an neuen Deals. Einer davon ist Mamma.com, ein Startup mit dem Anspruch, die Mutter aller Suchmaschinen zu werden⁠2. Mit ihr will Kott vom aktuellen Hype um Yahoo und Google profitieren, er sucht Partner, die aufspringen auf diesen Zug und die helfen, das Projekt zu promoten, auf dass sie alle gemeinsam neue Millionen abziehen können von den Konten der Kleinanleger.

 

Einer der Gäste im Ritz ist Shafiq Nazerali, auch er ein Finanzjongleur, Stock-Promoter und vor allem Lebemann. Nazerali hat das Handwerk der Aktien-Manipulation von Kott gelernt, damals in Amsterdam. Danach hat er sich erstmal ein schönes Leben gemacht und ein Haus gekauft in Punta del Este, dem Saint-Tropez von Uruguay. Inzwischen lebt er in Vancouver und Zürich, und parkt seine Frau gerne in Aspen, dem St. Moritz der Rockies, wo sie gemeinsam ein Landhaus haben⁠3.

 

„Hey Buddy, what’s up“, sagt Nazerali zu seinem früheren Boss, und er sagt es selbstbewusst, denn er macht inzwischen seine eigenen Millionen-Deals. Sie sitzen in einem der kleineren Räume des alten Hotels, Chesterfield-Sessel im englischen Country-House-Style, in der Luft der Geruch alter Zigarren. 

 

„Can’t complain“, antwortet Kott. Und dann erzählt er ihm von seinem neuen Deal, der Suchmaschine. Aber anders als früher ist Nazerali nicht interessiert. 

 

„I’ve got something in my pipeline“, erklärt er Kott, und er meint damit Imagis Technologies⁠4. Die Firma hat eine Software zur Gesichtserkennung entwickelt und soll Polizei und Sicherheitsbehörden helfen, Straftäter und Terroristen in großen Menschenmengen zu erkennen - auf Bahnhöfen und in Flughäfen vor allem. Die kanadische Royal Mounted Police hat bereits angebissen, es gibt Vorverträge und Absichtsbekundungen. 

 

Imagis ist das gemeinsame Projekt der Brüder Nazerali. Shafiq ist der jüngere, der Genussmensch im Luxus-Outfit; Altaf der ältere, ernste ist der Stratege mit Verbindungen in die internationale Schattenwelt. Die beiden arbeiten normalerweise an separaten Projekten, aber in diesem Fall, haben sie sich mal wieder zusammengetan. Shafiq und Altaf Nazerali wollen im Kampf gegen den Terrorismus das große Geld machen.

 

 

 

Ihr neues Baby ist an der Börse von Vancouver notiert, es gibt bescheidene Handelsumsätze, aber bald werde die Nachfrage steigen und der Kurs explodieren. Nicht nur in Kanada, sondern auch in Europa, wo Shafiq seinen Schwerpunkt hat. In den ersten beiden Folgen der 9/11-Serie habe ich die Vorgeschichte erzählt.  

 

Kott schaut seinen ehemaligen Schüler nachdenklich an. Sein eigener Deal, Mamma.com, ist im Moment eine der heißesten Börsen-Stories überhaupt. Suchmaschinen sind die Wegweiser des Internets, sie wachsen exponentiell, die Anleger stürzen sich drauf. Keiner weiß im Jahr 2000, wer am Ende das Rennen machen wird, und genau deshalb kann man dem Markt auch Aktien unterjubeln, die nie eine Chance haben werden. Kott hält über seinen Treuhänder in Monaco Millionen von Mamma.com-Aktien. Er wird den Kurs von 4 Dollar auf 13/14 Dollar treiben und daran rund 30 Millionen verdienen⁠5. Es ist ein kalkulierbares Geschäft, aber Terrorabwehr? Wer sollte sowas aufregend finden?

 

Kott kennt seinen Schützling. Er hat ihm beigebracht, dass eine gute Börsenstory immer einen aktuellen Trend treffen muss, und dass es Auslöser braucht, Nachrichten, die den Kurs dann treiben. An dieses Drehbuch hatte sich sein Schüler Shafiq bisher immer gehalten. Und Kott kennt natürlich auch dessen Bruder, Altaf Nazerali. Der war in Amsterdam der Mann für die Geldwäsche gewesen, für die Verbindung zu BCCI, der Bank der Drogenbosse und Geheimdienste⁠6. Die Brüder sind schlau und mit allen Wassern gewaschen. Warum um alles in der Welt, sollten die beiden auf ein so abseitiges Thema setzen?

 

Nun, sagt Shafiq Nazerali, wir leben in einer unsicheren Welt.

 

Kott grinst. „Schau an, Shafiq spielt Kassandra. Ich hoffe die Anleger glauben dir. Die alte Kassandra in Griechenland war ja nicht so erfolgreich.“ Das soll wie ein Scherz klingen, aber Shafiq stimmt nicht ein in das hämische Lachen des alten Mannes. Kassandra ist für ihn die Hellseherin, die den Untergang Trojas richtig vorhergesagt hatte. Nur hatte man ihr leider nicht geglaubt.

 

 

Atlantischer Hummer

 

Die Kellner des Ritz und die Mitarbeiter am Empfang kennen das schon: die Männer, die in der Lobby herumlungern oder in der Bar; die manchmal miteinander reden und oft schweigen; die sich in Zweier- oder Dreiergruppen in Besprechungsräume zurückziehen. Manche haben ein Zimmer oder eine Suite gebucht, andere kommen von draußen und verschwinden zwischendurch im Nebel, der vom Sankt-Lorenz-Strom raufzieht. Ein Workshop der Promoter-Szene ist kein Corporate Meeting mit Programm und schriftlichen Unterlagen. Es ist vielmehr ein Lungern und Lauern. Manchmal scheint es, als warteten die Männer in den Sesseln auf etwas, aber es passiert nichts. Irgendwo in den Nebenräumen werden vielleicht Deals abgeschlossen - per Handschlag und ohne Unterschrift. Shafiq Nazerali verlässt das Ritz und besucht Russel’s, seinen Herrenausstatter in der nahen Rue de la Montagne. Russel’s zählt den Premierminister zu seinen Kunden und bietet seine Stoffe mit der Mischung aus Kompetenz und Servilität an, die auch Nazerali zu schätzen weiß. Hier lässt er seine Anzüge machen, aber manchmal nimmt er auch nur eine der Krawatten mit, die nach Versace aussehen, aber wesentlich exklusiver sind. 

 

Abends lädt Kott die ganze Bande zu seinem Lieblingsitaliener ein. Der ist spezialisiert auf Seafood aus dem Nordatlantik, es gibt Platten mit Hummer aus Neufundland, Austern, Muscheln und Kaisergranat. Dann erzählt Kott die alten Geschichten aus Amsterdam, aus dem Boiler Room. Seine besten Verkäufer seien die arbeitslosen Schauspieler aus London gewesen, und natürlich die Domina, die so herrlich streng sein konnte, wenn Anleger nicht zahlen wollten. 

 

Shafiq beobachtet seinen Lehrmeister. Er ist mit 70 immer noch eine imposante Erscheinung und beherrscht das Gespräch am langen Tisch. Aber etwas hat sich doch verändert, Kott strahlt eine unterschwellige Nervosität aus. Erst ist es Shafiq gar nicht aufgefallen, beim vierten oder fünften Mal dann aber doch - der Alte streift sich mit der linken Hand über die Brust Richtung Bauch, als wolle er einen Krümel wegwischen. Aber das ist nichts. Und trotzdem immer wieder diese wischende Handbewegung, eine neue Gewohnheit, ein kleiner, aber vielsagender Tick. 

 

 

Die Karawane der Maulesel

 

Möglicherweise hat der Tick etwas mit dem FBI zu tun. Irving Kott hat die 90er Jahre genutzt, um in Kalifornien einen neuen Online-Broker zu etablieren - JB Oxford. Der Broker hilft ihm natürlich dabei, seine berüchtigten Small-Caps an ahnungslose Anleger zu verkaufen. Im Raum steht aber auch der Verdacht, dass JB Oxford dieselbe Aufgabe für andere Stock-Promoter übernimmt, und damit als Dienstleister der organisierten Aktien-Manipulation in Nordamerika auftritt. 

 

Deshalb haben Börsenaufsicht und FBI Kotts Fährte aufgenommen und wollen beweisen, dass er der Hintermann von JB Oxford ist. Sie haben die Büros des Brokers in Beverly Hills durchsucht und die Villa, die Kott in der Nähe gemietet hat. Früher hatte sie mal Cary Grant gehört⁠7.

 

Kott mag ein Meister der Manipulation sein, aber er ist kein Mafioso. Auf der Skala der Kaltblütigkeit, ist er weit entfernt vom Level der New Yorker Cosa Nostra und der anderen Familien. Und so ist er mental auch nicht darauf vorbereitet, dem Staat furchtlos gegenüberzutreten. 

 

Wäre er doch nur aus härterem Holz geschnitzt. 

 

Als der Sancerre seine Wirkung tut, und Kotts Augen schon einen wässrigen Glanz bekommen haben, erzählt er die Geschichte von den beiden Geschäftsfreunden, die so erfolgreich waren. Furchtlos seien sie gewesen, kein Risiko und keine Drohung hätte sie wanken lassen. Die beiden waren Juden wie er und eines Tages habe er sie gefragt, was denn das Geheimnis ihrer Stärke sei. Da hätte der eine der beiden den Ärmel hochgeschoben und ihm ein Tattoo gezeigt - sechs Ziffern auf der welken Haut, das Zeichen der Häftlinge von Auschwitz. „Wer durch die Hölle gegangen ist,“ so der alte Jude, „hat im Geschäftsleben nichts mehr zu fürchten.“

 

 Es ist nicht das erste Mal, dass Kott diese Geschichte erzählt. Er bewundert die Resilienz der beiden, aber er sagt nicht, welche Art von Geschäften sie betrieben haben. Die Geschichte spielt in einem ethischen Niemandsland. 

 

„Willst du dich nicht langsam zur Ruhe setzen?“ fragt einer aus der Runde.  „Hast doch genug gebunkert. Allein Amsterdam hätte doch gereicht.“

 

Der Aktienvertrieb aus einem alten Kaufmannshaus in der Herengracht gilt in der Branche der Aktienbetrüger als Kotts Meisterwerk. 400 Millionen hat er nach Einschätzung der Ermittler verdient, und kam am Ende mit einer Strafzahlung von 4 Millionen davon. 

 

„Amsterdam“, sagt Kott, „war anders als ihr denkt. Natürlich hatten wir auch die normalen Anleger an der Angel - wie sonst auch. Aber die meisten waren ein ganz anderes Kaliber, die kamen von BCCI.“

 

Shafiq Nazerali wird unruhig. Er ahnt, was jetzt kommt. Es ist eine von den Stories, die man besser für sich behält. Aber offensichtlich verliert der Alte seinen Biss, wird unvorsichtig und sentimental. 

 

Kott ignoriert Nazeralis mahnenden Blick. 

 

„BCCI hat uns Listen mit Telefon-Nummern geschickt. Kurzer Anruf und die haben sofort gekauft. Waren ja auch keine Anleger.“

 

„Was dann?“

 

„Maulesel. Viele kleine Maulesel. Die haben das Geld der Dealer bei uns investiert. Die Bank hat’s eingesammelt, bisschen Hütchenspiel über mehrere Konten und dann ab nach Panama. Für uns gab’s 20 Prozent.“

 

Maulesel sind, das muss man an diesem Tisch nicht erklären, die Geldkuriere der Drogen-Kartelle. Studenten, Hausfrauen, Rentner - die Bargeld auf ihre privaten Konten einzahlen und so ins Geldsystem einspeisen⁠8. Zehntausende von Kleinbeträgen, die niemandem auffallen. Irgendwo müssen die Kleinbeträge allerdings gebündelt werden. 

 

Der Verkauf wertloser Aktien an anonyme Investoren ist dafür die perfekte Methode, ein eleganter Transfer vom Drogen- in den Kapitalmarkt⁠9. Und so verfolgten die niederländischen Ermittler, die Kott auf der Spur waren, zwar den richtigen Mann, aber das falsche Delikt. Sie glaubten an Anlagebetrug, dabei war es vor allem Geldwäsche. 

 

Natürlich ist das alles lange her, verjährt, vergessen. Trotzdem leichtsinnig, die Gespenster von früher aufzuwecken, denkt Shafiq. Bei BCCI hatte sein Bruder alles gelernt, was er für sein Geschäft wissen musste. 

 

Die Bank of Credit and Commerce war nach außen eine Bank, tatsächlich aber eine kriminelle Organisation. Sie finanzierte Waffen- und Drogenhandel und betrieb Geldwäsche für Terroristen. 400 Filialen in 70 Ländern, 20 Milliarden Dollar Bilanzsumme, Heimatland Pakistan. Dort war sie mit Politik und Militär verwoben. Zu den „Black Operations“ der Bank gehörten Spionage, Menschenhandel, Prostitution und Private Banking für die übelsten Kleptokraten der Welt. BCCI konnte diese Geschäfte über 20 Jahre nahezu unbehelligt verfolgen, weil die Bank mit westlichen Geheimdiensten kooperierte. Im Auftrag der CIA stattete sie die Mudschahedin in Afghanistan mit Geld und Waffen aus.

 

Ans Licht kam das alles, als die Bank 1991 mit großem medialen Getöse zusammenbrach. Ein Kongress-Ausschuß unter der Leitung des Senators John Kerry dokumentierte die vielen hässlichen Details⁠10.

 

Diese Bank war also der Stall, aus dem Shafiqs älterer Bruder kam. Er hatte für eine Reederei gearbeitet, die als logistischer Arm des Bankimperiums galt⁠11 und im Verdacht stand, den Waffen- und Drogenschmuggel für das Imperium abzuwickeln. Kaum hatte Altaf Nazerali bei Kott angeheuert, schleuste er eine Reihe von BCCI-Leuten in Kotts Laden ein. Wer letztlich den Aktienvertrieb in Amsterdam kontrollierte - der kanadische Finanzjongleur oder die kriminelle Bank - läßt sich heute nicht mehr sagen. Sicher ist nur, dass Altaf Nazerali für die Zahlungsströme verantwortlich war und sich täglich mit einem der führenden BCCI-Leute traf.⁠12  Das spricht für eine enge Verbindung. Endete sie, als die Bank zusammenbrach? Oder funktionierten die Netzwerke der Schattenbank auch nach ´91 weiter?

 


 

Koranschulen

 

Pakistan, das schmale Land im Indus-Tal, fühlte sich immer schon erdrückt vom übermächtigen Nachbarn Indien. 1,5 Milliarden Menschen, die meisten Hindus und dem Islam nicht gerade freundlich gesonnen. Die größte Angst des pakistanischen Militärs: dass Indien in Afghanistan Fuß fassen und so das eigene Land in die Zange nehmen könnte. Pakistans Geheimdienst ISI entwickelt deshalb einen Plan: Gotteskrieger mit Allahs Wort auf den Lippen sollten die Ambitionen des hinduistischen Feindes in Afghanistan blockieren und zur Vorkämpfern der pakistanischen Interessen werden. 

 

Zu diesem Zweck rekrutierte der ISI Jugendliche in den Stammesgebieten an der afghanischen Grenze und steckte sie in eigens dafür geschaffene Koranschulen⁠13. Die produzierten Generationen von Gotteskriegern: die Armee der Reinen, die Indien von Kaschmir bis Mumbai mit Terror überzog;⁠14 die Mudschahedin der Sowjetzeit, schließlich die Taliban, die erst Osama bin Laden beherbergten und 2021 dann die Amerikaner zum Teufel jagten. 

 

Aber der Pakt mit dem Terror hatte Nebenwirkungen: die fanatisierten Männer aus den Koranschulen waren keine willenlosen Objekte; sie ließen sich nicht einfach nur führen, sondern sie wirkten auf ihre Führungsoffiziere und Sponsoren zurück. Schleichend islamisierte sich der Geheimdienst selbst und mit ihm ein Teil der pakistanischen Militärführung⁠15. 

 

Damit aber entstand ein toxisches Geflecht aus Islamisten, Drogenhändlern und Staatsapparat. BCCI war die zentrale Drehscheibe für die Geldflüsse dieses Systems gewesen - zu einer Zeit, als der schillernde Altaf Nazerali hier seine Lehrjahre absolvierte. Als die Bank dichtgemacht wurde, hörten die Geschäfte mit Opium und Waffen nicht auf. Der Kampf um die Macht in Afghanistan ging weiter und der pakistanische Geheimdienst sponserte weiterhin die Taliban. Er verhinderte auch nicht, dass sich Osama bin Laden sich ein Jahrzehnt lang in Pakistan verstecken konnte - in der Garnisonsstadt Abbottabad unter den Augen des Militärs⁠16. Die Netzwerke der Schattenbank müssen also den Untergang des Unternehmens überlebt haben.

 

 

Kassandra 

 

Beim Italiener in Montreal geht das Abendessen zuende. Shafiq ist froh, dass niemand neugierige Fragen gestellt hat über die alten Geschichten aus Amsterdam.

 

„Let’s call it a day“ sagt Irving Kott. Als sie hinaustreten in die kühle Nacht, legt der Finanzjongleur die Hand auf die Schulter seines einstigen Schülers. Er fühlt den butterweichen Stoff des Kaschmirmantels von Russel’s unter seiner Hand. „Keine Angst vor der Dunkelheit, Kassandra? Die Nacht ist doch so undurchsichtig wie die Zukunft, oder?“

 

 

Der geplatzte Traum

 

Ein Dreiviertel Jahr später bohren sich die Jets von American und United Airlines in die Zwillingstürme und das Pentagon. Die Mitarbeiter von Cantor Fitzgerald, die wir in der ersten Folge besucht haben, handeln bis zur letzten Sekunde mit amerikanischen Staatsanleihen. Alle 658 sterben. Wer aber ahnte, dass etwas Schreckliches geschehen würde, konnte genau über diese Männer milliardenschwere Wetten auf einen Zinssturz abschließen. Der trat nämlich ein, als die Notenbank der geschockten Wirtschaft mit billigem Geld unter die Arme griff. Niemand hätte bei einem so indirekten und komplexen Investment Verdacht geschöpft.

 

Andere waren weniger vorsichtig. Sie setzten mit plumpen Put-Optionen auf fallende Kurse von Airlines und Versicherern und verdienten damit zweistellige Millionen-Beträge. 

 

Und die Nazerali-Brüder? Ihr Startup erlebte keineswegs den großen Sprung, den die beiden spätestens nach dem Einschlag der Jets erwartet hatten. So viel Vorbereitung, so wenig Belohnung. Aber sie wären keine Nazeralis, wenn sie sich nicht auch in dieser Situation zu helfen gewusst hätten: wie aus dem Nichts taucht plötzlich das Übernahmeangebot eines Investmentfonds auf, der für Imagis Technologies  fast das Doppelte des Börsenwerts bietet⁠17. Handelsvolumen und Kurs steigen, was Altaktionäre für einen profitablen Ausstieg nutzen können. Dass der Fonds bald schon sein Angebot zurückzieht und Zweifel auftauchen, ob er jemals das Kapital für seine Offerte hatte - das ist sicherlich keine Überraschung. 

 

Die ziemlich auffälligen Wetten auf einen Kurs-Crash bei Airlines haben Stirnrunzeln und Nachforschungen ausgelöst. Aber wie in der ersten Folge beschrieben fand das FBI keine Anhaltspunkte für Insider-Trading und stellte die Ermittlungen ein. Die Identität der Investoren blieb geheim, und so mussten alle Versuche, Querverbindungen zwischen den Anschlägen und den auffälligen Transaktionen zu finden, aussichtslos bleiben. 

 

Und weil das so war, haben wir uns in den drei Folgen der 9/11-Serie auf eine Reise in die Außenbezirke des Kapitalmarkts begeben. Weg von der New Yorker Börse und dem Optionsmarkt von Chicago, hinein in eine Welt, die von Journalisten weniger gut ausgeleuchtet wird. Eine Welt, in der die Identität der Akteure nicht von staatlichen Organen geschützt wird, wenn die Öffentlichkeit mal zu neugierig wird.

 

Und dort sind wir fündig geworden. Die Nazerali-Brüder, die mit ihrem Anti-Terror-Startup ein außergewöhnliches Gespür für das richtige Timing bewiesen haben - sie hatten zu Beginn ihrer Karriere im Umfeld des Jihadismus gearbeitet. Kein direkter Kontakt mit den Tätern, kein Handshake mit Osama bin Laden, aber doch Kooperation mit den Strukturen, die die afghanischen Gotteskrieger unterstützen - mit Drogenhandel und Geldwäsche.

 

Wenn diese Verbindungen im - sagen wir - „Rotlichtmilieu“ der Kapitalmärkte existierten, könnten sie dann vielleicht auch in der Park-Allee existiert haben? Könnten große Finanzinstitutionen hier einen unlauteren Vorteil gehabt haben? Oder ist eine Analogie zwischen dem schmuddeligen Stock-Promoter-Milieu und der elitären Hochfinanz unzulässig?

 

Eine gute Frage. Die pakistanische Bank of Commerce and Credit war ja nicht nur die Bank der Unterwelt, sondern auch Partner der US-Regierung. Ihre Geschäfte wurden von Washington und London zumindest teilweise gedeckt. Und BCCI hatte Verbindungen zur Wallstreet. Einer ihrer wichtigsten Partner dort war die Investmentbank Bear Stearns, deren damaliger Chef der entscheidende erste Förderer von Jeffrey Epstein war - wie StealthCrime-Hörer wissen.

 

Es gibt also erstaunliche Überschneidungen dieser unterschiedlichen Milieus. Hier - wie auch in vielen anderen Folgen von StealthCrime - können wir Indizien für die Hufeisentheorie erkennen. Dass Staat und Unterwelt, Eliten und Gangster nur scheinbar unerbittliche Gegenspieler sind. Dass sie oft ganz ähnliche Interessen teilen und sich - zumindest in der Dimension der Geopolitik - oft auf derselben Seite der Geschichte wiederfinden.

 

 

1 Irving Kott war Thema von Folge 2 der 9/11-Serie. Er hatte in den 80er Jahren einen sogenannten Boiler Room gegründet, ein Call Center, das von Amsterdam aus wertlose Aktien an Anleger in aller Welt vertrieb. Das Unternehmen hieß First Commerce Securities. Die Einnahmen von FCS wurden von BCCI gewaschen, Verbindungsman zu der Bank der Unterwelt war Altaf Nazerali, der Bruder des hier porträtierten Shafiq Nazerali. Beide arbeiteten in der 80er Jahren für Kott.

Kotts Aktivitäten gerieten in den Fokus der Presse und wurden Gegenstand von Ermittlungen der niederländischen Staatsanwaltschaft. Sie waren auch Thema des Buchs „False Profits - The Inside Story of BCCI, the World’s Most Corrupt Financial Empire; Boston, New York 1992

Auf diesem Buch der Investigativ-Journalisten Peter Truell und Larry Gurwin beruhen Teile der Darstellung in dieser Podcast-Folge.

2 Die Suchmaschine existiert heute nicht mehr. Daher führt der Link ins Leere.

3 Diese Aussage beruht auf persönlichen Gesprächen, die der Autor zwischen 2000 und 2008 mit Shafiq Nazerali und Irving Kott führte.

4 Das Unternehmen war ursprünglich nur an der Börse von Vancouver gelistet. Shafiq Nazerali nutzte allerdings seine Kontakte zur Berliner Effektengesellschaft, um die Aktie im wenig regulierten Freiverkehr von Berlin und Frankfurt listen zu lassen. Das Listing und das damit verbundene Netzwerk war Thema der Folge 1 der 9/11-Serie.

5 Diese Zahl geht auf ein Gespräch zurück, das ich mit dem Treuhänder im November 2024 in Monaco geführt habe.

6 Die Details der Geldwäsche-Operation und der Kooperation mit BCCI Luxemburg waren Thema der Folge 2 der 9/11-Serie. 

Die kriminellen Aktivitäten der Bank wurden von einem Ausschuss des US-Kongresses untersucht. Der Bericht ist öffentlich:

https://irp.fas.org/congress/1992_rpt/bcci/01exec.htm?utm_source=chatgpt.com

Abgerufen: 28.09.2026; 10:47:59

7 Die Los Angeles Times berichtete im Jahr 2000 über den Fall:

https://www.latimes.com/archives/la-xpm-2000-feb-16-fi-64743-story.html

Abgerufen: 22.20.2026; 14:30:53

 

Im Jahr 2004 bekennt sich Kott schuldig, einen wesentlichen Einfluss auf JB Oxford gehabt zu haben und akzeptiert eine Geldstrafe von 1 Million Dollar.

https://www.latimes.com/archives/la-xpm-2004-aug-29-fi-petruno29-story.html

Abgerufen: 22.10.2026; 14:38:03

8 Money Mules sind ein weit verbreitetes Instrument der Organisierten Kriminalität. Die britische Financial Conduct Authority schätzt die Zahl der aktiven Geldkuriere allein in Großbritannien auf 230.000 im Jahr 2026.

https://www.fca.org.uk/publications/multi-firm-reviews/money-mules-activity-cashing-out-findings

Europol veröffentlicht regelmäßig Statusberichte zur OK, in denen Money Mules eine Rolle spielen. https://www.europol.europa.eu/publication-events/main-reports/iocta-2026-evolving-threat-landscape

9 Während früher der Verkauf  von Aktien an anonyme Anleger das Vehikel für das Bündeln illegaler Gelder war, ist es heute vielfach der Vertrieb wertloser Crypto-Coins. Scams wie One-Coin, FTX oder Quadriga müssen als Verdachtsfälle gelten.

10 https://irp.fas.org/congress/1992_rpt/bcci/01exec.htm?utm_source=chatgpt.com

Abgerufen: 28.09.2026; 10:47:59

11 Die Reederei, für die Altaf Nazerali arbeitete, war die Gulf Group der pakistanischen Gokal-Familie. Mit 240 Schiffen war sie in den 80er Jahren eines der größten Schifffahrtsunternehmen weltweit.

Es wurde nahezu ausschließlich mit Krediten der BCCI finanziert. Die Kredite hatten ein Gesamtvolumen von rund 1,4 Milliarden Dollar und überstiegen das Eigenkapital der Bank um das zweifache. Das Schicksal der Bank und  der Reederei waren dadurch unauflöslich aneinander geknüpft. 

False Profits, S. 185f

 

Nazerali arbeitete für eine Tochtergesellschaft der Gulf Group in Luxemburg, bevor er zu first Commerce Securities wechselte.

False Profits, S. 174f

12 False Profits, S.175

13 https://www.nytimes.com/2021/11/25/world/asia/pakistan-taliban-afghanistan-madrasa.html

Abgerufen: 22.10.2026; 15:16:33

14 Die „Laschkar-e-Taiba“ ist eine Terror-Organisation, die von pakistanischem Staatsgebiet aus operiert und für die Befreiung Kaschmirs kämpft.Sie ist u.a. verantwortlich für die Anschläge von 2008 in Mumbai, bei denen 166 Menschen ums Leben kamen.

https://en.wikipedia.org/wiki/2008_Mumbai_attacks

Abgerufen: 22.10.20026; 15:13: 21

15 Dies bestätigt eine Untersuchung des Institute for National Strategic Studies der National Defvense University der USA aus dem Jahr 2009:

 

„The Pakistani army and the Inter-Services Intelligence Directorate remain essential for the  security and stability of Pakistan. Both organizations have deliberately embraced Islamic radicalism as a means to address the conventional military gap between Pakistan and India.

(…)

When talking about the radicalization of both the ISI and the army, it is important to understand one crucial fact: the army has embraced that radicalism by choice.”

https://www.files.ethz.ch/isn/110220/SF247.pdf?utm_source=chatgpt.com

Abgerufen: 22.10.2026; 15:20:51

16 https://time.com/archive/7051680/osama-bin-ladens-pakistan-hideaway/

Abgerufen: 22.10.2026; 15:24:42

17 Das Übernahmeangebot kam am 6. März 2002 von der Bostoner Pembridge Group und betrug 4,10 US-Dollar pro Aktie, in Summe etwa 65 Millionen. 

 

Der Vorgang war Gegenstand eines Zivilprozesses vor dem Supreme Court von British Columbia und ist im Urteil auf S.37 dokumentiert.

 

Supreme Court of British Columbia, Nazerali vs. Mitchell, 2016 BCSC 810, Justice Affleck

https://de.scribd.com/doc/311756013/altaf-nazerali-vs-mark-mitchell-et-al-reasons-for-judgment

Abgerufen: 27.09.2026; 08:05:33

Information icon

Wir benötigen Ihre Zustimmung zum Laden der Übersetzungen

Wir nutzen einen Drittanbieter-Service, um den Inhalt der Website zu übersetzen, der möglicherweise Daten über Ihre Aktivitäten sammelt. Bitte überprüfen Sie die Details in der Datenschutzerklärung und akzeptieren Sie den Dienst, um die Übersetzungen zu sehen.