
Fall Hanning 1
Eine Falle
für den Chef-Spion
Als Deutschlands früherer BND-Chef verhaftet wird, sieht alles nach einem Zufallsfund aus. Aber ein Blick in die Ermittlungsgeschichte zeigt: die Verhaftung ist der Ergebnis einer lange geplanten Intrige, in der die Justiz eine entscheidende Rolle spielt. Die Spur der Drahtzieher führt über die Schweiz nach Osten.
Thomas de Maizière ist ein leiser, aber effizienter Bürokrat. Und einer der engsten Vertrauten der Kanzlerin. Nach ihrem zweiten Wahlsieg 2009 macht Angela Merkel ihn zum Innenminister. Er erbt das Ministerium von Wolfgang Schäuble - und damit auch dessen Führungspersonal. Darunter den Staatssekretär für Innere Sicherheit, August Hanning.
Hanning ist Beamter, aber kein willenloser Vollstrecker der Politik, sondern ein selbstbewusster Fachmann mit einer eigenen Agenda. Seine Priorität ist der Kampf gegen den Terrorismus - insbesondere gegen den islamischen.1 Schäuble gibt ihm frei Hand, er weiß, dass Hanning sein Handwerk versteht. Unter Kohl war er Geheimdienstkoordinator gewesen, Schröder hatte ihn zum BND-Chef gemacht, parteiübergreifende Wertschätzung. Schäuble lässt es bewusst zu, dass sein Staatssekretär das Themenfeld auch in der Öffentlichkeit besetzt. „Mr Sicherheit“ nennen sie ihn Berlin.
So viel eigenes Profil schätzt der neue Innenminister keineswegs. Wenige Tage nach seinem Amtsantritt lässt er Hanning zu sich kommen und und verkündet ihm, dass seine Amtszeit am 31. Dezember endet. Eigentlich nichts Ungewöhnliches bei einem Ministerwechsel.
Das Gespräch findet an einem Montag statt. Fünf Tage später hat de Maiziere es sich anders überlegt. Er ruft Hanning auf dem Handy an und teilt ihm mit, dass er fristlos gefeuert ist2. Es folgt eine zweizeilige Pressemitteilung ohne ein Wort des Dankes. Ein Rauswurf mit Nachtreten.
Der Anruf de Maizieres am 6. November 2009 ist der Wendepunkt in Hannings Leben. Bis dahin galt er als treuer Staatsdiener und einflussreicher Strippenzieher. Nicht nur in Deutschland, auch auf internationaler Bühne. Danach verabschiedet er sich ins Milieu der Privatdetektive und Sicherheitsfirmen. Niemand zwingt ihn dazu, er bekommt nach seinem Rauswurf Übergangsgelder und eine Pension von 11.000 Euro. Zudem erbt er die Immobilien der elterlichen Ziegelei. Genug für einen komfortablen Ruhestand in der norddeutschen Provinz. Und darüber hinaus könnte er Beratungsmandate annehmen von guten Adressen wie Siemens oder Daimler. Aber das macht er nicht, er entscheidet sich für die Kreisliga, die Grauzone. Und am Ende dieses Weges wird er dem Nachrichtendienst, den er selbst modernisiert hat, schweren Schaden zufügen.
Die Art und Weise, wie dies geschieht, hat viel mit Hannings eigenen Entscheidungen zu tun. Aber sein Weg ins Verderben zeigt auch Spuren einer geopolitischen Intrige
Das Mauss-Dossier
Jörg Fröhlich ist der oberste Strafverfolger der Hansestadt Hamburg. Kahl rasierter Schädel, scharfe Falten um den Mund, fein gefasste Brillengläser - Fröhlich wirkt asketisch und ernst. Man glaubt ihm gerne, dass Strafverfolgung seine Leidenschaft ist.
Von seinem Büro ganz oben im Justiz-Tower sieht Fröhlich das Panorama der Hansestadt: gleich nebendran den Turm des Michel, dahinter den Hafen, die Elbphilharmonie und im Norden das Rathaus mit dem grünen Kupferdach. Auf all diese Ikonen Hamburgs schaut der Generalstaatsanwalt von seinem hoch gelegenen Penthouse hinab.
An diesem Tag im Mai 2025 hat Fröhlich allerdings wenig Zeit für die Aussicht. Zur Besprechung erschienen ist Oberstaatsanwalt Lars Mahnke, zuständig für Organisierte Kriminalität.
„Vom BND also?“, Fröhlich deutet auf die schmale Akte, die zwischen den beiden Männern auf dem Schreibtisch liegt.
„Ja, delikate Angelegenheit - geht um August Hanning. Sie wissen ja: früher BND-Chef, jetzt mit einer Sicherheitsfirma unterwegs. Hat wohl geholfen, die Entführung der Block-Kinder vorzubereiten.“
Fröhlich blättert in der Akte. Es sind 25 Seiten. Darin steht, dass Hanning im Zusammenhang mit einem Ehestreit mit der Durchführung einer Kindesentführung beauftragt worden sei. Hanning habe dafür eine Sicherheitsfirma aus dem israelischen Geheimdienstumfeld rekrutiert und im Gegenzug sieben Millionen Euro erhalten3.
Verfasst wurden die Vorwürfe von Werner Mauss, einem Mann aus den Grauzonen der Sicherheitsindustrie. Er hat im Auftrag des BKA Verbrecher aufgespürt, deutsche Geiseln in Kolumbien und auf den Philippinen freibekommen; er verhandelt mit Drogenbossen, Terroristen und Kanzleramtsministern. Nebenbei ist er in die CDU-Parteispenden-Affäre verwickelt und taucht in den Panama-Papers auf4. Ein Mann, der als deutscher James Bond auftritt und sich „Privat-Agent“ nennt.
Mauss hatte das Papier Ende Januar an den Chef des Bundesamtes für Verfassungsschutz geschickt. Von dort gelangte es über den BND zur Hamburger Staatsanwaltschaft. Und die war offensichtlich elektrisiert.
Als das Mauss-Dossier eintrifft, steht der zuständige Staatsanwalt Lars Mahnke zwölf Monate vor seiner Pensionierung. Er hat in vielen der großen Verfahren Hamburgs die Anklage vertreten: gegen die organisierte Kriminalität und gegen den KZ-Aufseher in einem der letzten NS-Prozesse auf deutschem Boden.
Doch kein Prozess bringt ihm so viel Aufmerksamkeit wie die Sache mit der Kindesentführung: eine der reichsten Frauen Hamburgs, Erbin der Steakhouse-Kette „Blockhaus“, im Rosenkrieg mit ihrem Ex-Ehemann. Der hat die Kinder nach einem Besuchs-Wochenende bei sich behalten. Das Oberlandesgericht Hamburg spricht Christina Block das Sorgerecht zu, aber der Mann lebt in Dänemark, und die dänischen Behörden setzen den deutschen Gerichtsbeschluss nicht durch. Die Mutter kontaktiert daraufhin Sicherheitsfirmen, die die Kinder irgendwie nach Deutschland bringen sollen. Das geschieht dann auch, in der Silvesternacht 2023/24 - in einer Kommando-Aktion5, die die Kinder schockiert und die Polizei auf den Plan ruft.
Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass Christina Block den Auftrag zur gewaltsamen Entführung erteilt hat, und klagt sie an. Die Presse übernimmt die Linie der Staatsanwaltschaft und stürzt sich mit viel Engagement auf die Steakhouse-Erbin. Es ist, als habe sich die Hansestadt entschlossen, die ungeliebte Aufsteiger-Familie der Blocks zu zerstören. Eigentlich eine lokale Affäre, aber jetzt bekommt die Sache eine bundespolitische Dimension. Ein ex-BND-Chef als Handlanger einer Kindesentführung? Was für ein Fall!
„Ist das Dossier denn verlässlich?“ fragt der Generalstaatsanwalt.
„Wir haben keine Zweifel“, sagt Mahnke. „Der Mann hat schließlich für’s Bundeskriminalamt gearbeitet, und sogar für’s Kanzleramt.“
Was er nicht erwähnt: Das Bundeskanzleramt hat die Zusammenarbeit längst beendet und die deutschen Sicherheitsbehörden angewiesen, Mauss in Zukunft links liegen zu lassen Mauss einzustellen6. Zu unseriös, zu undurchsichtig.
Die Strafprozessordnung gibt der Staatsanwaltschaft viel Spielraum bei der Entscheidung, ob ein Ermittlungsverfahren eingeleitet wird. Aber sie sagt auch, dass eine bloße Vermutung, ein Gerücht nicht ausreicht. Es muss konkrete Anhaltspunkte für eine Straftat geben. Die enthält das Mauss-Dossier nicht. Trotzdem wird ein Verfahren eröffnet, der ehemalige BND-Chef steht von jetzt an unter Tatverdacht.7
Und dann fährt die Staatsanwaltschaft ihr gesamtes Arsenal gegen Hanning auf. Sie schleust einen verdeckten Ermittler in der Sicherheitsfirma ein, in der Hanning Aufsichtsrat ist; sie läßt die Handys abhören und sie durchsucht Büros und Wohnungen an 13 Standorten in Deutschland und der Schweiz8 - darunter Hannings Privathaus.
Es ist ein Aufwand, der sonst für Kapitalverbrechen und organisierte Kriminalität reserviert ist. Die Staatsanwalt hätte gar nicht die Kapazität, jeden vagen Verdacht mit der ganzen Macht des Staates zu verfolgen. Die 220 Staatsanwälte der Hansestadt bearbeiten 300.000 Verfahren pro Jahr, der Berg der offenen Verfahren wächst in den 18 Monaten von Januar ´25 bis August ´26 um 50% - auf 100.000 Fälle9. Und unten im Hafen, in Sichtweise der Strafverfolger, macht die Drogenmafia was sie will. Tonnenweise rauscht das Kokain ins Land, nur ein Prozent der Container werden untersucht.
Damit der Rechtsstaat im Kampf gegen die OK nicht völlig untergeht, muss Generalstaatsanwalt Fröhlich die Ressourcen seiner Behörde sorgfältig einteilen. Warum ist ihm die Verfolgung des pensionierten Beamten Hanning genauso wichtig wie die der Drogen-Mafia?
Beifang
Am 16. September 2025 klingeln die Strafverfolger August Hanning in seinem Wohnhaus in Nordwalde aus dem Bett. Ihre Mission: Beweise zu finden für seine Verwicklung in den Fall Block. Unter den Akten, Computern und Datenträgern, die sie aus dem roten Ziegelhaus tragen, befindet sich kaum etwas zum Fall Block, dafür aber 2000 Dokumente aus der Chefetage des BND. Analysen und Lageeinschätzungen zum Beispiel, die der Dienst für das Bundeskanzleramt erstellt hat. Die Ermittler können eigentlich nicht ahnen, welch kapitaler Fisch ihnen da ins Netz geht, es ist ein Zufallsfund - „Beifang“ wie Juristen sagen. Der Beifang wird ein Jahr später dazu führen, dass Hanning wegen des Verdachts auf Spionage und versuchtem Geheimnisverrat verhaftet wird.
Nachdem die Beweisstücke sicher in der Asservatenkammer eingelagert sind, entschließt sich Staatsanwalt Mahnke, das Dossier des Privat-Agenten Mauss vom LKA prüfen zu lassen. Eigentlich hätte das der erste Schritt sein müssen, vor der Eröffnung des Ermittlungsverfahrens, aber nun geschieht es eben ein halbes Jahr später. Die Ermittler kommen schnell zu dem Ergebnis, dass das Papier keine Substanz hat - ein verleumderisches Pamphlet, möglicherweise ein Akt der Rache, alte Rechnungen alter Männer.10
Damit ist die Rechtsgrundlage für das Verfahren gegen Hanning nicht mehr vorhanden. Mahnke müsste es sofort einstellen. Aber das tut er nicht. Stattdessen läßt er die Stellungnahme des LKA verschwinden. Dabei hilft ihm das Labyrinth der Aktenablage. Die Stellungnahme gehört eigentlich zum Verfahren gegen Hanning, Aktenzeichen 65/10 Js 45/25. Mahnke lässt es aber bei einem anderen Verfahren ablegen, wo es erstmal niemand findet11.
Dieses Verfahren hat Hanning selbst initiiert. Er klagt gegen die Durchsuchung und will damit die Auswertung der beschlagnahmten Datenträger stoppen. Natürlich weil er weiß, wie brisant deren Inhalt ist.
Das klingt alles kompliziert, bürokratisch und verwirrend. Aber die Schlussfolgerung ist einfach und klar: die Hamburger Staatsanwaltschaft nutzt alle Möglichkeiten und Geschäftsordnungstricks, um die Hausdurchsuchung bei Hanning durchzuführen und die Auswertung der Datenträger auch dann noch fortzusetzen, als die Rechtsgrundlage dafür längst entfallen ist. Und sie tut dies, obwohl ihre Ressourcen knapp sind und ihr das organisierte Verbrechen auf der Nase rumtanzt. Die Motive für dieses Verhalten sind unklar.
Ein Gebiss für den zahnlosen Tiger
Der Bundesnachrichtendienst wird von den Kollegen in Langley, London und Paris nicht wirklich ernst genommen. Das liegt auch daran, dass der Dienst ziemlich zahnlos ist. Er darf Informationen sammeln, aber den Gegner nicht angreifen. Also keine Sabotage-Akte, keine Killer-Kommandos, keine Gegen-Attacken auf russische Hacker und nordkoreanische Cyber-Piraten.
Im Mai 2025 schreiben SPD und CDU in ihren Koalitionsvertrag, dass sie den BND fit machen wollen für den hybriden Krieg. Der zahnlose Tiger soll ein Gebiss bekommen. Insbesondere im Cyber-Space. Als der neue BND-Präsident Martin Jäger im September ´25 in sein Amt eingeführt wird, bekräftigt Friedrich Merz, dass der Geheimdienst international handlungsfähiger werden soll12. Er macht die Aufrüstung des BND zur Chefsache. Ein Jahr später beschließt das Kabinett planmässig die Gesetzesvorlage zur Stärkung des BND - nur Tage, nachdem russische Drohen den Leipziger Flughafen angegriffen haben.
Kurz darauf wird Hanning verhaftet - wegen Verdachts auf Spionage und versuchten Landesverrat. Die Verhaftung geschieht nicht still und leise, sondern im Blitzlichtgewitter der Kameras. Die Staatsanwaltschaft hat vorab die Presse informiert. Die Bilder vom Chef-Spion, der aus dem Haus geführt und zu einem Polizeifahrzeug gebracht wird, gehen um die Welt13. Sie sind wirkungsvoll und sie lösen sofort Debatten aus. Der AfD und einigen Rechtsexperten liefern sie die Munition, um einen Stop der BND-Reform zu verlangen. Gravierender aber ist die Reaktion der Amerikaner. Deren Geheimdienste wollen nun prüfen, welche Informationen sie überhaupt noch mit dem BND teilen wollen. Damit ist der deutsche Geheimdienst in einer kritischen geopolitischen Lage entscheidend geschwächt.
Alles Zufall?
Hanning und die Detektive
Gefeuert. Der Staatssekretär schaut nachdenklich auf das Display seines Handys. Nach Jahrzehnten im Dienst plötzlich ohne Job und ohne Macht. Der Minister war kurz angebunden gewesen: „Völlig inakzeptabel“, hatte er gesagt und die neue Welle von Publicity gemeint. In den Tagen nach dem Kündigungsgespräch hatte gleich drei Zeitungen Hanning portraitiert, darunter Süddeutsche und Tagesspiegel. Das war wohl zuviel für de Maiziere.
Hanning schaut aus dem Fenster - Herbstwald im Dämmerlicht. Es ist eine abgelegene Location, ein Wellness-Hotel südöstlich von Berlin, rustikal und gemütlich, viel Holz an den Wänden, ein beliebter Fluchtpunkt der Hauptstadt-Elite. Nach der Sauna wartet der Sternekoch. Der Anruf hat Hanning an einem Freitagnachmittag erwischt. Es hätte ein entspanntes Wochenende werden sollen. Aber jetzt? Zwei Jahre vor der Pensionierung wird es schwierig werden mit einer neuen Aufgabe für den Staatssekretär a.D.
Immerhin hat er Zeit zum Nachdenken. Und zum Telefonieren. Hanning wählt die Nummer eines Mannes, der wohl sein engster Vertrauter und Verbündeter ist: sein Büroleiter und persönlicher Assistent im Ministerium. Schon beim BND war hatte er für ihn gearbeitet. Alle Termine, alle Vorlagen für’s Kanzleramt - alles war über den Schreibtisch des Büroleiters gegangen.
„Manfred, es gibt Neuigkeiten. Meine Zeit im Ministerium ist zu Ende.“
Hannings Büroleiter entspricht in keiner Weise den Klischees, die von Geheimdienstlern im Umlauf sind. Mitarbeiter beschreiben ihn als jovial und herzlich. Das Büro pflastert er mit Fotos seines Labradoodles14. Möglicherweise etwas einsam, aber über sein Privatleben ist nichts bekannt.
„Und was wirst du nun tun?“ fragt der Hundefreund.
„Das besprechen wir bei Gelegenheit“, sagt Hanning. „Ich nehme an, du gehst zurück in die Chausseestraße?“
„Tja, das werde ich wohl machen, im Ministerium hält mich jedenfalls nichts“, antwortet der Büroleiter.
Beim BND nennen sie ihn Augner.15 Der Dienst hatte ihn ans Innenministerium ausgeliehen, damit er Hanning begleiten konnte, und jetzt - nach Hannings Abgang - kehrt er zurück. Aber nicht sofort in die Chefetage. Zwei Jahre dauert es, bis Augner wieder Büroleiter wird - und Einsicht in alle Akten bekommt.
Irgendwann nach dem Rauswurf müssen Hanning und Augner vereinbart haben, dass sie jenseits der offiziellen Kanäle zusammenarbeiten wollen. Dass Augner die Lageberichte und Analysen, die für den BND-Chef und das Kanzleramt bestimmt sind - dass er die an Hanning weiterreicht. Die Bundesstaatsanwaltschaft, die gegen die beiden ermittelt, vermutet, dass sie den Geheimnisverrat von langer Hand vorbereitet haben.
Möglicherweise hilft der Geheimnisverrat Hanning, sich weiterhin so zu fühlen, als sei er Teil des exklusiven Informationskartells der Dienste, er sei er weiterhin privilegiert und mächtig. Und wenn das seine Motivation ist, dann hat Hanning etwas von den Figuren John le Carrés. Die waren keine Star-Agenten, sondern tragische Charaktere, denen das Leben in der Schattenwelt die Fähigkeit genommen hatte, mit sich selber im reinen zu sein.
Unfaires Spiel
Während Augner also zum BND zurückkehrt, sucht sich Hanning Aufgaben in der freien Wirtschaft. Ins Geschäft kommt er mit einer Hamburger Sicherheitsfirma, der Prevent AG. Sie wird geführt von Thorsten Mehles, einem ehemaligen Beamten des LKA Hamburg, der sich als Experte für organisierte Kriminalität, Korruption und Wirtschaftsstraftaten präsentiert. Mehles arbeitet vor allem für große Unternehmen.
Einer der wichtigsten Kunden des ex-Polizisten ist die HSH-Nordbank, die durch die Finanzkrise in gerade eine Schieflage geraten ist. Bank-Chef Nonnenmacher muss radikal sparen und will Vorstandskollegen loswerden. Das ist wegen der Abfindungen leider sehr teuer und so soll die Prevent AG dabei helfen, Gründe für fristlose Entlassungen zu finden. Schon bald entdeckt Privatdetektiv Mehles kinderpornografisches Material auf dem Rechner eines Managers. Die Staatsanwaltschaft kommt jedoch ziemlich schnell zu dem Schluss, dass der Manager Opfer einer Intrige geworden ist16. Dass Mehles der Drahtzieher war, kann sie aber nicht beweisen. Sicher ist, dass der Detektiv innerhalb eines Jahres sieben Millionen Euro von der Bank kassiert hat.17
Auch der Auftraggeber gerät ins Visier der Staatsanwaltschaft. Bankchef Nonnenmacher hat während der Finanzkrise Milliarden auf Offshore-Konten verschoben und muss sich vor Gericht verantworten. Zudem hat die HSH Nordbank einen Windpark der Ndrangheta finanziert: 225 Millionen für ein Groß-Projekt in Kalabrien, das die Gangster für Geldwäsche nutzten18, und das der Bank ein weiteres Ermittlungsverfahren einbringt.19
Die Affäre um den Banker und den Detektiv, ihre Methoden und ihr Umfeld - das alles ist ein Sumpf der Skrupellosigkeit. Als der durch die Untersuchungen der Staatsanwaltschaft Hamburg offensichtlich wurde, wäre es für August Hanning Zeit gewesen, die Zusammenarbeit mit seinen neuen Geschäftspartnern zu beenden. Man muss kein Sicherheitsexperte sein, um die Risiken zu erkennen. Aber Hanning steigt nicht aus, sondern wird zu einer zentralen Figur des Netzwerks.
Als die Prevent AG nach der Kinderporno-Intrige Insolvenz anmelden muss, gründen die gleichen Akteure eine neue Detektei: System 360. Sie gönnen sich ein schickes Büro in der Berliner Schlüterstraße, gleich um die Ecke von Ku’damm. Es ist die Gegend der Edelitaliener und der Rolexhändler. Und sie gründen nicht nur eine Firma, sondern gleich mehrere mit ähnlichen Namen, manche in Deutschland, manche in der Schweiz und alle vielfach untereinander verbunden und verschachtelt. Es ist ein wenig unübersichtlich, aber vielleicht ist das ja auch der Zweck. Denn an der Spitze der Pyramide steht eine Schweizer AG, und das Schweizer Rechtssystem schützt die Identität der Aktionäre. Deshalb kann kein deutsches Handelsregister Auskunft darüber geben, wer wirklich das Sagen hat bei System 360.
Eines aber offenbart die Schweizer Webseite der Firmengruppe mit großen Stolz: der Präsident des Verwaltungsrats ist Dr. August Hanning. Die Schweizer Mutter, die bis 2021 die Mehrheit an der deutschen System 360 GmbH hielt, hat ihren Sitz in Luzern, und wirbt mit dem Motto „Fine Swiss Consulting“. Das klingt beeindruckend, allerdings beschränkt sich die Schweizer DNA des Unternehmens auf den Briefkasten, den sie in Luzern unterhält.
Tatsächlich verbirgt sich hinter dem noblen Auftritt ein Kontakthof russischer Interessen. Das ist möglicherweise der entscheidende Punkt in der gesamten Affäre Hanning. Er hilft uns, Ordnung zu bringen in das Chaos aus Rosenkrieg und Kindesentführung, Juristen-Tricks und Geheimdienst-Intrigen. Indizien sprechen dafür, dass August Hanning nach seinem Rauswurf 2009 in den Orbit von Oligarchen geraten ist - und damit in den Einflussbereich des Kremls. Es mag sein, dass er sich damit persönliche Vorteile verschaffen wollte. Vieles deutet aber auch darauf hin, dass ehemalige Chef-Spion benutzt wurde, um die Stellung des BND im Spiel der Geheimdienste zu schwächen. Zu einem Zeitpunkt, der kaum kritischer sein könne.
Die Indizien für diese Intrige - und für die Verwicklung Russlands - werde ich in der nächsten Folge präsentieren.
1 Die Süddeutsche Zeitung beschrieb 2009 anlässlich des Abgangs von August Hanning seine Leistungen als BND-Chef und Staatssekretär. Er habe die Modernisierung des Nachrichtendienstes vorangetrieben und war entscheidend daran beteiligt, nach 2001 wirksame Strukturen zur Terrorabwehr zu schaffen, darunter das Terror-Abwehrzentrum in Berlin-Treptow. Außerdem sorgte er dafür, dass die Terrorismus-abteilungen des BKA und des Bundesamtes für Verfassungsschutz nach Berlin verlegt wurden. Er sei zugleich Bürokrat als auch Top-Fachmann gewesen, auch auf der großen internationalen Bühne - „ein Technokrat … und doch ein großer Strippenzieher.“
https://www.sueddeutsche.de/politik/staatssekretaer-im-innenministerium-hanning-hoert-auf-1.146082
Abgerufen: 06.11.2026; 10:15:44
2 Den Anruf schildert FOCUS online am 23.11.2009.
https://www.focus.de/magazin/tagebuch/schlechter-umgang-mit-guten-leuten-tagebuch_id_1883277.html
Zuvor hatte der SPIEGEL berichtet, dass Hanning zu Jahresende ausscheiden sollte.
Diese Verabredung annullierte de Maiziere mit seinem Anruf vom 6. November.
Abgerufen: 06.11.2026; 10:28:32
3 Das Mauss-Dossier behauptet, Hanning habe die israelische Sicherheitsfirma CGI Group mit der Entführung beauftragt. Sie gehört Ya’akov Peri, einem früheren Chef des israelischen Inlandsgeheimdienstes Shin Bet.
Tatsächlich waren weder CGI noch Peri waren in die Entführung involviert.
Das Dossier, das von den Behörden als „Konvolut Mauss“ bezeichnet wird, wurde von dem Investigativ-Journalisten Lars Winkeldorf eingesehen.
Abgerufen: 02.11.2026; 08:05:34
4 Süddeutsche Zeitung
Abgerufen: 06.11.2026; 10:32:59
5 Die Entführung wurde von Mitarbeitern der israelischen Sicherheitsfirma Cyber Cupula unter der Führung des israelischen Ex-Agenten David Barkey durchgeführt. Barkey stand vor der Entführung in Kontakt mit Christina Block. Der Inhalt ihrer Absprachen ist umstritten und Gegenstand des laufenden Prozesses.
Abgerufen: 06.11.2026; 10:38:31
6 Die Anweisung, die Kooperation mit Mauss einzustellen, erteilte 1998 der damalige Kanzleramtsminister Frank-Walter Steinmeier, heute Bundespräsident.
7 Die Vorgänge, die zur Eröffnung des Ermittlungsverfahrens gegen Hanning führten, hat der Journalist Lars Winkelsdorf untersucht:
https://larswinkelsdorf.substack.com/p/exklusiv-hamburger-justiz-in-der
Abgerufen: 06.11.2026; 10:48:39
Abgerufen: 06.11.2026; 10:51:51
Abgerufen: 06.11.2026; 10:43:21
10 Winkelsdorf; ebda.
11 Winkelsdorf, ebda.
Abgerufen: 06.11.2026; 10:54:22
13 https://www.tagesschau.de/investigativ/ndr-wdr/bnd-hanning-100.html
Abgerufen: 06.11.2026; 10:55:39
14 FOCUS, Der Fall des August Hanning, erst verlor er seinen Einfluss, jetzt könnte er alles verlieren
Abgerufen: 06.11.2026; 10:58:46
15 FOCUS, Der Fall des August Hanning
16 STERN: Im Reich der Schattenmänner
https://www.stern.de/sicherheitsfirma-prevent-ag-im-reich-der-schattenmaenner-3525190.html
Abgerufen: 06.11.2026; 11:06:50
Abgerufen: 04.11.2026; 07:44:12
18 https://www.ovb-online.de/rosenheim/durchsuchung-ex-stadtrat-3229942.html
Abgerufen: 04.11.2026; 07:58:32
Angerufen: 04.11.2026; 08:01:54
