
Im Herbst 1989 war Angela Merkel Hilfskraft in einer unbedeutenden Oppositionspartei. Innerhalb weniger Monate stieg sie zur stellvertretenden Regierungssprecherin auf und dann zur Bundesministerin. Diesen Aufstieg verdankt sie einem Netzwerk aus Männern, die für die Stasi und den KGB arbeiteten. Ihr Auftrag: den Einfluss Moskaus zu sichern - auch wenn die DDR untergeht.
In der ersten Folge der Merkel-Serie habe ich rekonstruiert, wie Merkels Weg zur Macht durch die Parteispenden-Affäre freigeräumt wurde. Kohls System der schwarzen Kassen kam 1999 ans Licht und kompromittierte weite Teile der alten West-CDU. Kohls Nachfolger und Merkels Hauptkonkurrent, Wolfgang Schäuble, musste als Bundesvorsitzender zurücktreten, weil er in eine Falle getappt war. Die Parteispenden-Affäre brachte Angela Merkel in eine Pole-Position: erst wurde sie Parteivorsitzende, dann Bundeskanzlerin.
Die Politik, die sie in den 16 Jahren ihrer Amtszeit verfolgte, schwächte Deutschland wirtschaftlich und geopolitisch. Merkel hat die Weichen für die De-Industrialisierung des Landes gestellt. Das ist deshalb erstaunlich, weil die Kanzlerin für ihre analytischen Fähigkeiten bekannt ist und die Folgen ihrer Politik absehen konnte. Warum also hat sie das getan? In welcher Mission war sie unterwegs?
Um Antworten zu finden, müssen wir ziemlich weit in die Vergangenheit gehen. Die Vorgänge, die zu Merkels Aufstieg führten, liegen eine Generation zurück.
Gefährliche Bescheidenheit
Die Öffnung der Mauer ist gerade fünf Tage her. Jürgen Warnke, Minister für wirtschaftliche Zusammenarbeit, ist an diesem 14. November nach Ost-Berlin gekommen, um Kontakte zu pflegen. Hinter dem Alexander-Platz, dem architektonischen Paradestück des Sozialismus, beginnt der Prenzlauer Berg, ein Gründerzeit-Viertel, das das Regime verkommen lässt, weil die Erhaltung zu teuer wäre. Neben Arbeiterfamilien leben hier die Oppositionellen, die Künstler und Non-Konformisten, die die Wohnmaschinen am Stadtrand ablehnen. Die Stuckfassaden bröckeln, es riecht nach Braunkohle und dem Zweitakter-Gemisch der Trabis. Im herbstlichen Nieselregen glänzt das Kopfsteinpflaster. Warnkes Wagen hält vor der Marienburgerstraße 11. (1) Es ist ein Wohnhaus in jenem trostlosen Grau, das typisch ist für die Zeit vor der großen Gentrifizierung. In einer Wohnung im Erdgeschoss befindet sich die Parteizentrale des Demokratischen Aufbruchs.
Das ist der Ort, an dem die politische Karriere Angela Merkels beginnt.
Als Warnke eintrifft, packt sie Computer und Kopierer aus. Warnke fällt die stille Frau mit der Pagenfrisur nicht auf. Er ist gekommen, um mit dem Parteivorsitzenden zu sprechen, Wolfgang Schnur, ein politischer Hoffnungsträger der jungen Opposition. Für die Bonner CDU ein möglicher Bündnispartner bei gesamtdeutschen Wahlen. Der Demokratische Aufbruch verkörpert authentisch das Wende-Feeling, die friedliche Revolution. Der Vorsitzende ist Rechtsanwalt und hat in den letzten zwei Jahrzehnten Wehrdienstverweigerer, Republikflüchtlinge und Bürgerrechtler verteidigt. Zudem sitzt er in diversen Gremien der evangelischen Kirche, die immer schon ein Zufluchtsort für Regimekritiker war. Es ist ein glaubwürdiger Track Record, den Schnur da bietet. (2)
Nur leider ist er eine Fiktion.
Vom Waisenhaus zur Staatssicherheit
Schnur wurde als uneheliches Kind geboren, von seiner Mutter abgegeben und wuchs in Waisenhäusern und bei Pflegeeltern auf. (3) Im Alter von 21 Jahren rekrutierte die Stasi den wurzellosen jungen Mann und ermöglichte ihm eine Karriere als Jurist. Das Justizministerium gab ihm eine der seltenen Lizenzen für eine eigene Kanzlei und dort begann IM „Torsten“ sein doppeltes Spiel: er vertrat Bürgerrechtler und Dissidenten, beeinflusste sie politisch und verriet sie an die Stasi. Manchmal betete er mit seinem Mandanten in der Gefängniszelle und lästerte anschließend bei seinem Führungsoffizier über das „geheuchelte Getue mit einem Gott, an den er ohnehin nicht glaube.“ (4) Mehrmals die Woche lieferte er dem MfS Berichte. Für seinen Einsatz bekommt Schnur die silberne Verdienstmedaille der Nationalen Volksarmee. Am 29. Oktober ´89 wird der Spitzel zum Vorsitzenden des Demokratischen Aufbruchs gewählt und kurz darauf richtet er die Parteizentrale in der Marienburger Straße ein. Plötzlich ist Geld für neue Bürotechnik da und ein Telefonanschluss, auf den man in der DDR sonst Jahre warten muss.
Zu den ersten Amtshandlungen Schnurs gehört eine Personalie: er engagiert die junge Physikerin Angela Merkel als Mitarbeiterin. Unter den Tausenden, die sich im Herbst ´89 gegen das Regime organisieren, fällt seine Wahl ausgerechnet auf diese Frau. Sie hat keinerlei Verbindungen zur Bürgerrechtsbewegung, im Gegenteil, sie war Funktionärin in der FDJ, der Jugendorganisation der Sozialistischen Einheitspartei. Ihr Vater, den sie in der DDR den „Roten Pfarrer“ nennen, ist zwar ein Mann der Kirche, aber auch ein Anhänger des Regimes. In den 50er Jahren ist er mit seiner Familie aus Hamburg in die DDR gezogen, weil er vom sozialistischen Gesellschaftsmodell überzeugt war. Die Wiedervereinigung lehnt er ab.
Nichts im Leben der Angela Merkel deutet darauf hin, dass sie demokratischen Idealen anhängt. Sie ist Mitarbeiterin am Zentralinstitut für Physikalische Chemie, hat eine Doktorarbeit über Quantenchemie geschrieben und gilt als intelligent. Die Wissenschaft vernachlässigt sie ab Herbst ´89 zugunsten der Parteiarbeit. Ihre Vorgesetzten tolerieren die Fehlzeiten - warum, ist nicht bekannt.
In den ersten Monaten vermeidet Merkel politische Aussagen, aber sie wird schnell zur engsten Mitarbeiterin des Parteivorsitzenden. Dann folgen die nächsten Karriereschritte: am 23. Januar wählt sie der Berliner Landesverband zur Pressesprecherin, (5) einen Monat später übernimmt sie diese Funktion für die Gesamtpartei. (6) Wenige Wochen vor den ersten freien Wahlen der DDR ist Merkel damit in einer Schlüsselposition.
Ihr Mentor stürzt genau in diesem Moment ab: Bürgerrechtler entdecken seine Stasi-Akten und Schnur verschwindet von der politischen Bühne. (7) Aber der nächste Steigbügelhalter steht schon bereit. Er ist Vertreter eines Netzwerks, das die Rückendeckung Moskaus hat.
Krisensitzung im Kreml
Am 26. Januar 1990 versammelt Michael Gorbatschow die mächtigsten Männer der Sowjetunion in seinem Arbeitszimmer - darunter Außenminister Schewardnadse, Ministerpräsident Ryschkow, Marschall Achromejew und der Chef des KGB, Wladimir Kryutschkow8.
Gorbatschow eröffnet die Sitzung mit einer schonungslosen Bestandsaufnahme: die DDR entgleite dem Griff Moskaus. Die pro-sowjetischen Kräfte hätten ihre Machtbasis verloren, das gelte auch für den Mann, auf den Moskau bis jetzt gesetzt hatte: Hans Modrow, ein alter Freund des Kremls und des KGB, jetzt Nachfolger Honeckers. Die Einheit Deutschlands, schlussfolgert Gorbatschow, sei nicht mehr zu verhindern. Man könne nur noch versuchen, die Konditionen zu beeinflussen.
Keiner widerspricht. Alle wissen, dass die sowjetische Herrschaft über Osteuropa zu Ende geht. Gorbatschow hatte das nicht gewollt. Im Westen verehren sie ihn wie einen Popstar, weil sie glauben, er bringe Freiheit und Frieden. Aber seine Reformen sollten vor allem das System bewahren. Nun ist die Geschichte ist schneller als sein Plan.
Der KGB-Chef ergreift das Wort. Wladimir Kryutschkow empfiehlt, die eigene Bevölkerung sorgfältig auf den Verlust der DDR vorzubereiten. Dann fügt er hinzu: man müsse die ehemaligen Mitarbeiter des MfS und des KGB aktiv unterstützen. So steht es in dem Gedächtnisprotokoll, das Gorbatschows Berater Anatoli Tschernjajew nach der Sitzung anfertigte. (9) Es ist ein rätselhafter Satz. Und nicht einmal in Gorbatschows innerem Zirkel wissen alle, was der Chefspion damit meint.
Kryutschkows DoomsDay-Plan
Wladimir Kryutschkows Büro liegt in der Lubjanka, einem neobarocken Kasten, der unter Stalin zur Geheimdienstzentrale ausgebaut wurde. Im Keller gibt es noch die Folterkammern für nachdrückliche Befragung, in den oberen Etagen sind die Türen gepolstert, die Teppiche dick und die Möbel wuchtig. Von seinem Schreibtisch schaut der KGB-Chef auf die Ahnenreihe der Generalsekretäre: Stalin, Kruschtschow, Breschnew, Andropov und jetzt Gorbatschow.
Eine Galerie des Verfalls, denkt Kryutschkow - jeder hatte weniger Macht als sein Vorgänger. Und das schlimmste steht noch bevor. Die Daten, die seine Agenten zusammentragen zeichnen ein klares Bild: die Sowjetunion und die Länder des Warschauer Pakts fallen im Wettbewerb der Systeme zurück. Für Kryutschkow ist absehbar, dass die ineffizienten Volkswirtschaften der sozialistischen Bruderstaaten zusammenbrechen werden - und mit ihnen die Vorherrschaft Moskaus und der KPdSU10.
Kryutschkow ist ein nüchterner Technokrat, aber zugleich hat einen romantischen Zug: er glaubt an das Glücksversprechen des Kommunismus und dessen geschichtliche Notwendigkeit. Es ist die Art von Romantik, die schon mal über Leichen geht.
Was macht so ein Mann, wenn sich die Handlungsoptionen verengen?
Seit Mitte der 80er Jahre arbeitet Kryutschkow an seinem Doomsday-Plan. Er ist ein Meisterwerk dialektischen Denkens: Gönne deinem Gegner den Sieg, den Triumph und die Hybris - und schlage ihn mit seinen eigenen Waffen, wenn er sich in Sicherheit wiegt.
Die Waffe des Westens, das ist das Kapital. Und so kreiert Kryutschkow mit ein paar Verbündeten eine Klasse, die sie bisher verachtet haben in der Sowjetunion: die Burschui - die bourgeoisen Kapitalistenschweine. Es sind junge Unternehmer, die Profite machen und reich werden dürfen. Der KGB erlaubt ihnen, den Rohstoffreichtum des Landes anzuzapfen: sie bekommen Öl, Gas und Aluminium zu den Schleuderpreisen, die für Staatskonzerne gelten, und sie verkaufen die Hehlerware auf dem Weltmarkt für’s Zehnfache. (11) Die Gewinne summieren sich im Laufe von zweieinhalb Jahrzehnten auf Hunderte von Milliarden. So hat es der französische Ökonom Thomas Piketti analysiert. (12) Es der größte Reptilienfonds, den ein Geheimdienst jemals geschaffen hat. Das Geld parkt auf den Konten von Offshore-Firmen, wird über Immobiliengeschäfte in New York und London gewaschen und in Unternehmen investiert. Allerdings gehört es den Burschui nicht allein. Kryutschkow hat ihnen Beifahrer in den Wagen gesetzt: Agenten des KGB und Mitglieder der russischen Mafia, harte Burschen, die sich als Rangzeichen achtzackige Sterne aufs Schlüsselbein tätowieren lassen.
Oligarchen, Gangster und Agenten - das ist die Triade, die den Untergang der Sowjetunion überleben soll, weil sie das Kapital, das Netzwerk und das Herrschaftswissen hat, das normalerweise staatlichen Strukturen vorbehalten ist. Es ist die Blaupause für Einfluss-Operationen, die Kryutschkows Erbe Putin heute noch nutzt.
„Für diese Leute“, schreibt die Financial-Times-Journalistin Catherine Belton, „bedeutet das Ende der kommunistischen Herrschaft nicht das Ende der Kampfhandlungen, sondern eine Gelegenheit, sie später unter anderen Vorzeichen fortzuführen“. (13)
Um seine Kreaturen für diesen Kampf zu rüsten, gibt Kryutschkow ihnen ein perfides Werkzeug in die Hand: den Befehl 20-4836/PR aus dem April ´86. (14) Er beschreibt, wie Agenten Mitglieder der Eliten systematisch auf Schwachpunkte scannen, und diese dann nutzen, um sie zu steuern. Dazu gehören Steuersünden, Seitensprünge, Drogen, unorthodoxes Intimleben, strafrechtliche Ausrutscher und Charakterschwächen. Der Befehl enthält einen detaillierten Fragebogen für das psychologische Profiling. Das Programm ist eine Schleppnetzfahndung nach Schwachstellen im Eliten-Milieu. Ein Überläufer des KGB übergab gleich es dem britischen MI6, (15) aber die westlichen Dienste haben die Brisanz des Papiers nicht erkannt.
Kryutschkow dringt gegen Ende seiner Amtszeit tief in den Maschinenraum des Kapitalismus ein. Seine Leute kooperieren im Rohstoffhandel mit Marc Rich, (16) einem der erfolgreichsten Ölhändler seiner Zeit; für Geldwäsche-Operationen gewinnt er den britischen Verleger Robert Maxwell, (17) der gleichzeitig mit dem israelischen Geheimdienst Mossad zusammenarbeitet. Dessen Tochter Ghislane managt als Komplizin von Jeffrey Epstein eine der effektivsten Einflussoperationen, die jemals bekannt geworden ist.
Und in der Kompromat die Schlüsselrolle spielt.
Das strategische Ziel des KGB-Chefs war es, im kapitalistischen Westen Einfluss auf die Schaltstellen von Politik, Wirtschaft und Justiz zu bekommen. Und im Idealfall einzelne Entscheidungsträger kontrollieren zu können. (18)
Zwischen diesem Masterplan Kryutschkows und der Karriere Merkels gibt es tatsächlich Verbindungen. Sie führen über ein Netzwerk treuer Vasallen des Kremls.
Das trojanische Pferd des KGB
In Ost-Berlin herrschte eine Bande verknöcherter Greise, die in einer spießigen Elite-Siedlung wohnten, West-Luxus importierten und den Bezug zum Volk verloren hatten. Kryutschkow und Gorbatschow hatten wenig Vertrauen in Honecker und Co. und versuchten seit Mitte der 80er Jahre Alternativen aufzubauen.
Schlüsselfigur dieser Bemühungen war Markus Wolf, der legendäre Chef des Auslandsgeheimdienstes der DDR. Er war in Moskau aufgewachsen, mit Kryutschkow befreundet und genauso wie der Geheimdienstchef zutiefst überzeugt von der historischen Notwendigkeit des Kommunismus. Niemand war geeigneter als er, die Sache des Kremls in Deutschland zu vertreten.
Aber diese Aufgabe konnte Wolf nicht von seinem Schreibtisch aus erfüllen. Alle seine Aktionen würden Spuren in den Akten der Staatssicherheit hinterlassen; ebenso seine Kontaktpersonen. Ihre Klarnamen würden in der Personenkartei festgehalten werden - und bei einem Zusammenbruch des Regimes in die Hände des Klassenfeindes fallen.
Also ging Wolf im Herbst ´86 überraschend in Pension und zog sich in seine luxuriöse Maisonette-Wohnung zurück, direkt am Spree-Ufer einen Steinwurf vom Palast der Republik. Auffallend an seinem Ruhestand war, dass er immer noch Fahrer, Sekretärin und einen Offizier im besonderen Auftrag zur Verfügung hatte. (19)
Im Auftrag Moskaus baute Wolf von hier ein Netzwerk auf, in dem sich politisch Interessierte und Leute aus der dritten Führungsebene der DDR sammelten, die Reformen, aber keinen Systemwechsel wollten. Keiner war Mitarbeiter der Stasi, alle waren unbelastet und konnten eine politische Erneuerung glaubwürdig repräsentierten, wenn der Druck der Straße eines Tages zu groß würde. In seiner Maisonette-Wohnung sollte Wolf die Grundlage für eine neue Elite schaffen, äußerlich unabhängig, im Herzen jedoch auf Moskau eingeschworen. Die Nomenklatur der DDR hatte keine Ahnung von der Operation, nicht mal Geheimdienstchef Mielke war eingeweiht. Und so hinterließ die „Operation Sonnenstrahl“ keinerlei Spuren in den Akten der Staatssicherheit. (20)
Zum Netzwerk um Wolf gehört auch Hans Modrow, Mitglied des Zentralkomitees und regionaler SED-Chef in Dresden. Wie Wolf hat Modrow enge Verbindungen in den Kreml. Er ist ein strammer Parteigenosse und lässt noch im Oktober ´89 Pläne zur Niederschlagung der Unruhen ausarbeiten. (21) Als die Mauer fällt, positioniert das Moskau-treue Netzwerk Modrow als menschenfreundlichen Reformer - und Nachfolger Honeckers. Für den Fall aber, dass Modrow scheitert, bereiten die Hardliner eine weitere Figur für ihr Schachspiel vor: den ehemaligen Berufsmusiker und Rechtsanwalt Lothar de Maiziere. Im November ´89 machen sie ihn zum Vorsitzenden der Ost-CDU.
De Maiziere ist alles andere als eine Führungsfigur. Er wirkt unsicher und in seiner Unsicherheit auch harmlos. Als Rechtsanwalt hat er Bürgerrechtler und Kriegsdienstverweigerer verteidigt. Er ist in die Netzwerke der evangelischen Kirche eingebunden. Ein Parteiamt hatte er nie inne, das heißt, er hat sich nicht beteiligt an der Demokratie-Simulation der Blockparteien.
Wolf und Modrow aber wissen, dass der harmlose Lothar De Maiziere im Nebenberuf ein Mitarbeiter der Stasi ist. Schon sein Vater hat für den Geheimdienst geschnüffelt. Alle Faktoren zusammen machen den Rechtsanwalt in den Augen der Hardliner zu einer idealen Marionette - zunächst als CDU-Vorsitzender, später vielleicht als Ministerpräsident.
Comimg Out
Im Januar ´90 will sich das Volk nicht mehr mit Reform-Kosmetik zufriedengeben. Auf den Straßen von Leipzig und Berlin fordern sie freie Wahlen - und die deutsche Einheit. „Wir sind ein Volk“ heißt es nun.
Das ist der Zeitpunkt, an dem Gorbatschow versteht, dass sich die DDR nicht mehr retten lässt, und er zu der bekannten Krisensitzung in den Kreml ruft. Vier Tage später lässt er Modrow nach Moskau kommen und diktiert ihm die neue Marschroute. (22) Am 1. Februar fliegt Modrow zurück und stellt im internationalen Pressezentrum der DDR seinen Vier-Stufen-Plan vor. Titel: „Für Deutschland - einig Vaterland“. (23)
An diesem Tag wird allen klar, dass die Wiedervereinigung kommt. Es ist auch der Tag, an dem Angela Merkel Farbe bekennt. Bis jetzt war sie eine Leisetreterin in den Bahnen der bestehenden Ordnung. Plötzlich präsentiert sie sich als pro-kapitalistische Konservative und Kohl-Anhängerin. (24) Das Coming Out der künftigen Kanzlerin.
Ende Februar kommt die Stasi-Vergangenheit von Wolfgang Schnur ans Licht. (25) Merkels Mentor tritt zurück, bei den Wahlen zur Volkskammer bekommt die Partei die Quittung für den Verrat: 0,9% der Stimmen. Damit ist das Demokratische Forum Geschichte, und die Karriere von Angela Merkel ist eigentlich vorbei. Aber noch am Wahlabend passiert überraschendes.
Lothar De Maiziere feiert in Berlin Mitte zunächst den Wahlsieg der CDU. Spät am Abend lässt er Presse und Polit-Prominenz hinter sich, fährt in den Prenzlauer Berg und betritt gleich hinter der Ho-Chi-Minh-Straße die sozialistische Even-Location „Zur Mühle“. Dort gibt es Kegelbahn und Cafeteria, die SED hat hier Ü-30-Parties für Singles veranstaltet. Getanzt wurde auf braunem Linoleum-Boden. Heute sitzen hier die Genossen vom Demokratischen Aufbruch und lecken ihre Wunden.
Auch De Maiziere will an diesem Ort Partner für die Zukunft suchen. Zeugen berichten, dass er auch mit Angela Merkel spricht. (26) Kurz darauf macht er sie zur stellvertretenden Regierungssprecherin. Ist er aus eigenem Antrieb in die Alte Mühle gekommen? Oder haben sozialistische Kräfte die Fäden gezogen - wie früher bei den Ü-30-Partys?
Die plausibelste Antwort finden wir in den Abhörprotokollen der Stasi: als De Maiziere ein halbes Jahr zuvor für den CDU-Vorsitz nominiert wird, trifft er Gregor Gysi, den Vorsitzenden der Ostberliner Rechtsanwaltskammer. Gysi ist eine Stütze des Regimes und zugleich ein Verbündeter von Markus Wolf. In dem mehrstündigen Gespräch, das die Stasi aufzeichnet, instruiert Gysi seinen Kollegen in einigen politischen Grundsatzfragen und legt ihm nahe, bei schwierigen Entscheidungen, ihn, Gysi zu kontaktieren. De Maiziere stimmt zu. (27)
Gehören Personalfragen zu diesen schwierigen Entscheidungen? Immerhin werden durch sie langfristige Weichen gestellt. Es ist deshalb schwer vorstellbar, dass der unsichere De Maizière Schlüsselpositionen seiner Regierung ohne Zustimmung des Kreises um Wolf - und damit des Kreml - besetzt hat.
Fassen wir den Ablauf noch mal zusammen: Merkels Eintritt in die Politik wird von einem Mann gefördert, der seit seiner Jugend für die Staatssicherheit arbeitet. Als er über seine Vergangenheit stürzt, steht der nächste Steigbügelhalter bereit - auch er ein Werkzeug des DDR-Geheimdienstes. Und nicht nur das: er seht zugleich im Dienst eines Kreml-nahen Netzwerks, das eine zentrale Rolle in Kryutschkows Masterplan spielt. Markus Wolf und Hans Modrow sollen dazu beitragen, dass der KGB seinen Einfluss in Deutschland auch dann behält, wenn die staatliche Ordnung der DDR zusammenbricht. Der Kommunikationsstrang von Kryutschkow über Wolf zu De Maizière und schließlich zu Merkel ist eine der roten Flaggen in der Karriere der künftigen Kanzlerin.
Im Mai 1990, am Vorabend des Parteitags der West-CDU, trifft Angela Merkel zu ersten Mal den Kanzler der Einheit, Helmut Kohl. Die Begegnung findet im Hamburger Ratskeller statt, beide ziehen sich zu einem Gespräch unter vier Augen zurück. Weder Kohl noch Merkel haben jemals etwas über den Inhalt des Gesprächs mitgeteilt. (28)
DDR-Geld in CDU-Kassen?
Sieben Monate später, nach der ersten gesamtdeutschen Bundestagswahl, macht Kohl Merkel zur Ministerin für Frauen und Jugend. Am Kabinettstisch trifft sie auf Lothar De Maiziere, aber dessen Karriere neigt sich dem Ende entgegen. Seine Stasi-Vergangenheit sickert gerade an die Öffentlichkeit.
Die Lage ist zunächst nicht eindeutig. Im November ´89 hat die Stasi eine Gruppe von zwölf IMs definiert, deren Akten vernichtet werden sollten. Zu dieser Gruppe gehörten die Förderer von Angela Merkel, Wolfgang Schnur und Lothar De Maiziere. Unter den Zehntausenden von Informellen Mitarbeiten, waren diese beiden so wichtig, dass sie unter allen Umständen geschützt werden sollten. Die Säuberung war allerdings unvollständig, De Maiziere konnte als „IM Czerny“ identifiziert werden. (29)
De Maiziere tritt mit einem Paukenschlag zurück: er behauptet, die Bundeszentrale der CDU habe sich am Vermögen der Ost-CDU bereichert und sich 26 Millionen D-Mark unter den Nagel gerissen. Das mag auf den ersten Blick wie die Rache eines Enttäuschten aussehen.
Tatsächlich aber verzeichnen die Rechenschaftsberichte der CDU in den Wendejahren eine bemerkenswerte Verbesserung der Bilanz: 1989 hat die Partei über 70 Millionen D-Mark Schulden, Ende ´92 sind es nur noch 12. (30) Heribert Prantl, gelernter Staatsanwalt und Investigativ-Reporter der Süddeutschen Zeitung nennt das „eines der größten Mysterien der bundesdeutschen Parteiengeschichte“. (31)
Die Rechenschaftsberichte der CDU zeigen eindeutig, dass die Partei innerhalb von drei Jahren einen Vermögenszufluss von mindestens 60 Millionen Euro hatte. Sie betrieb in dieser Zeit ein System der schwarzen Kassen, das von Unternehmern, Waffenhändlern und Geldwäschern gefüttert wurde. Die Tarnfirmen der DDR nutzten die gleichen Strukturen, die auch den Treuhändern der CDU zur Verschleierung der Zahlungsflüsse dienten. Gab es hier Berührungspunkte? Die Aussage De Maiziere könnte ein Hinweis in diese Richtung sein.
Wenn es aber einen Zusammenhang zwischen dem Zusammenbruch der DDR und dem plötzlichen Reichtum der CDU gibt, dann hätte Helmut Kohl davon gewusst. Der Mann, der zum nächsten großen Förderer von Angela Merkel wird.
Und deshalb kehren wir in der dritten und letzten Folge der Merkel-Serie noch mal zu den Parteifinanzen zurück. Und zu den Zahlungsströmen zwischen Ost und West.
Fußnoten
1 Reuth, Ralf Georg; Günther Lachmann. Das erste Leben der Angela M. (p. 193). (Function). Kindle Edition.
2 https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Wolfgang_Schnur&oldid=259020955
3 Wikipedia
https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Wolfgang_Schnur&oldid=259020955
Abgerufen: 2026-07-01 10:50:11
4 Zitiert nach:
Reuth, Ralf Georg; Günther Lachmann. Das erste Leben der Angela M. (p. 173). (Function). Kindle Edition.
5 „Der DA-Aktivist Stefan Dachsel erinnert sich noch gut an den Auftritt der Frau beim Gründungsparteitag im Jugendclub »Gérard Philipe« im Ost-Berliner Stadtteil Treptow. »Es wurde ein Pressesprecher gesucht. Angela Merkel stand von sich aus auf und sagte, sie würde das machen. Sie ist dann auch gewählt worden«[53] – wenn auch nur knapp.“
Reuth, Ralf Georg; Günther Lachmann. Das erste Leben der Angela M. (p. 215). (Function). Kindle Edition.
6 Reuth, Ralf Georg; Günther Lachmann. Das erste Leben der Angela M. (p. 222). (Function). Kindle Edition.
7 DER SPIEGEL, 11.03.1990
„Das war ´ne Topquelle“
https://www.spiegel.de/politik/das-war-ne-top-quelle-a-e81cbd1c-0002-0001-0000-000013497766
Abgerufen: 2026-07-13 08:52:19
8 Michael Gorbatschow und die deutsche Frage. Sowjetische Dokumente 19986-91
München 2011
ISBN: 978-3-486-58654-1
S.286-91
9 Ebda.
10 Der KGB hatte bereits Mitte der 80er Jahre erkannt, dass die Sowjetunion den Wettbewerb der Systeme verliert. Bereits unter Andropov, dann verstärkt unter Kryutschkow bereitete sich der sowjetische Geheimdienst auf den Zusammenbruch vor.
Belton, Catherine. Putins Netz. Wie sich der KGB Russland zurückholte und dann den Westen ins Auge fasste: (p. 88 folgende). (Function). Kindle Edition.
11 „Das war der Auftakt zur Plünderung des sowjetischen Staates und auch der Auftakt eines Bündnisses zwischen dem KGB und der organisierten Kriminalität“ - schreibt die Catherine Belton, Autorin der Finan cial Times,
Belton, Catherine. Putins Netz (p. 91). (Function). Kindle Edition.
12 Der französische Ökonom Thomas Piketty schätzt, dass durch den Rohstoffhandel zwischen 1990 und 2015 rund 400 Milliarden Dollar aus Rußland geschleust worden sind. Die Zahl gilt in Fachkreisen inzwischen als realistisch.
Piketti und seine Kollegen haben ihren Befund in einem sogenannten Working Paper des National Bureau of Economic Research veröffentlicht. Titel: „From Soviets to Oligarchs - Inequality and Property in Russia“. Die Studie wurde später einem Peer Review unterzogen und im Journal of Economic Inequality veröffentlicht, dass heißt, ihre wesentlichen Befunde sind wissenschaftlich ernst zu nehmen.From Soviets to Oligarchs - Inequality and Property in Russia, 1905 - 2015; Filip Novokmet, Thomas Piketty, Gabriel Zucman, Working Paper 23712; National Bureau of Economic Research, Cambridge 2017;
http://www.nber.org/papers/w23712
Piketty und seine Kollegen haben ihren Befund in einem sogenannten Working Paper des National Bureau of Economic Research veröffentlicht. Titel: „From Soviets to Oligarchs - Inequality and Property in Russia“. Die Studie wurde später einem Peer Review unterzogen und im Journal of Economic Inequality veröffentlicht, dass heißt, ihre wesentlichen Befunde sind wissenschaftlich ernst zu nehmen.
13 Die britische Journalistin Catherine Belton schildert diesen Plan in ihrem Buch „Putins Netz“: „Das sowjetische Weltreich war verloren, aber die progressiven Kräfte beim Auslandsgeheimdienst wussten, dass für die Planwirtschaft in der Auseinandersetzung mit dem Westen ohnehin nicht viel zu holen war. Für diese Leute bedeutete das Ende der kommunistischen Herrschaft nicht das Ende der Kampfhandlungen, sondern eine Gelegenheit, sie später unter anderen Vorzeichen fortzuführen.
Belton, Putins Netz, P. 100-101 (Funktion) Kindle
14 S. 25,
Comrade Kryuchkov’s Instructions, Top Secret Files on KGB Foreign Operations, 1975- 1985; Edited by Christopher Andrew and Oleg Gordievsky; Stanford 1993
15 Der Verräter war der Resident des KGB in sowjetischen Botschaft in London. Er veröffentlichte später gemeinsam mit dem Historiker Christopher Andrew das Buch:
Conrad Kryuchkovs Instructions, Top Secret Files on KGB Foreign Operations, 1975- 1985; Edited by Christopher Andrew and Oleg Gordievsky; Stanford 1993
16 Die Kooperation zwischen KGB und Rich beschreibe ich in der History-Serie von Stealth Crime; Titel der Folge: „Grand Theft Autocracy“
Ein Teil des Inhalt beruht auf einem Bericht des Schweizer Geheimdienstes.
Swiss Intelligence: The connection between the FSB and organized Crime; Kap. 4.1
https://tbcarchives.org/fsb-and-organized-crimes-connection-analytical-report-english-translation/ downloaded 28.01.26, 14:18:35
Die internationale Operation „Spiderweb“, in der europäische und US-Strafverfolgungsbehörden Behörden kooperierten, kommt zu dem Ergebnis, dass Marc Rich einer der Gründer von Nordex war und dass Nordex eine zentrale Rolle in Geldwäsche-Operationen des KGB und der russischen Mafia spielt. Dies steht in einem Bericht von Interpol, den die Washington Times zitiert.https://www.washingtontimes.com/news/2002/jun/21/20020621-032133-6702r/
Download am 14.02.2026, 19:30:15
17 Maxwells Kooperation mit dem Kreml habe ich in der Folge „Maxwells toxische Erbe“ beschrieben.
18 Nach Aussage eines ehemaligen KGB-Offiziers sind die Schwarzgeldoperationen die mächtigste Waffe, die Russland jemals geschaffen hat: »Atomwaffen kann man nicht jeden Tag benutzen, Schwarzgeld schon. Es kann verwendet werden, um das westliche System von innen zu zersetzen."
Zitiert nach Catherin Belton, Putins Netz, (pp. 504-505). (Function). Kindle Edition.
19 Wolf ist die Hauptfigur der StealthCrime-Folge „Operation Sonnenstrahl“.
20 Das Bundesamt für Verfassungsschutz kam in einem vertraulichen Dossier zu dem Schluss, dass der sowjetische Geheimdienst in den 80er Jahren geheime Strukturen geschaffen hatte, die „die gute Aussichten auf eine weitere Verwendung in der sich konstituierenden neuen Bundesrepublik hatten.“ Zu dieser Erkenntnis kam die Behörde nicht durch Stasi-Akten, sondern durch die Befragung von Zeugen.
Bundesamt für Verfassungsschutz, Erkenntnisse über eine geheime KGB-Struktur in Deutschland, zitiert nach Förster, Stasi-Millionen S. 30
21 Ausgelöst durch das Kennwort „Badeofen“ sollten Einheiten der NVA „feindlich-negative Kräfte“ in Sportstadien internieren.
DER SPIEGEL, 11.04.1993
https://www.spiegel.de/politik/kennwort-badeofen-a-cf8e9a07-0002-0001-0000-000013679913
Abgerufen: 19.07.2026; 14:42:27
22 „Ihm war bedeutet worden, ohne offizielle Begleitung zu kommen. Am 30. Januar empfingen ihn Gorbatschow, Ministerpräsident Ryschkow und Außenminister Schewardnadse im Kreml. Was sie dem »guten Freund«, der ein ungeschminktes Bild der Lage in der DDR rapportierte, nun eröffneten, hatte der Sowjetführer mit KGB-Chef-Krjutschkow, seinem Chefberater in Sachen Perestroika Alexander Jakowlew und anderen ein paar Tage zuvor noch einmal erörtert[60]: Die SED sei am Ende.“
Reuth, Ralf Georg; Günther Lachmann. Das erste Leben der Angela M. (pp. 217-218). (Function). Kindle Edition.
24 Den abrupten Wechsel dokumentiert die Merkel-Biogaphie der beiden Autoren Ruth und Lachmann.
Reuth, Ralf Georg; Günther Lachmann. Das erste Leben der Angela M. (p. 220). (Function). Kindle Edition.
25 DER SPIEGEL, 11.03.1990
https://www.spiegel.de/politik/das-war-ne-top-quelle-a-e81cbd1c-0002-0001-0000-000013497766
Abgerufen: 2026-07-13 08:52:19
26 Reuth, Ralf Georg; Günther Lachmann. Das erste Leben der Angela M. (p. 238). (Function). Kindle Edition.
27 „Er wolle sich durchaus mit ihm beraten, wenn er glaube, politisch schwierige Entscheidungen treffen zu müssen«, heißt es in dem Vermerk abschließend. Mit anderen Worten: Der künftige Vorsitzende der Ost-CDU hatte seinem Freund, dem Wolf-Ersatzmann Gysi, wie es der Gorbatschow-Berater Falin ausdrückt, die Rolle seines Politikberaters angetragen.“
Reuth, Ralf Georg; Günther Lachmann. Das erste Leben der Angela M. (p. 236). (Function). Kindle Edition.
28 Reuth, Ralf Georg; Günther Lachmann. Das erste Leben der Angela M. (p. 263). (Function). Kindle Edition.
29 DER SPIEGEL, 09.12.1990
https://www.spiegel.de/politik/ehrlich-treu-zuverlaessig-a-807574d2-0002-0001-0000-000013501875
Abgerufen: 2026-07-22 11:15:47
30 Rechenschaftsberichte der im Bundestag vertretenen Parteien von 1989 bis 1993
31 Das Zitat stammt aus „Helmut Kohl, die Macht und das Geld“, wurde aber einer Rezension des Tagesspiegels entnommen:
https://www.tagesspiegel.de/politik/cdu-spendenskandal-die-macht-und-der-geldbeutel-708010.html
Abgerufen: 2026-07-01 10:19:20
