
Merkel-Komplott III
Die Büchse
der Pandora
Zehn Jahre nach der Wende stellt sich heraus, dass Stasi und KGB die schmutzigen Geheimnisse der Bonner Elite abgehört & protokolliert hatten. Sie konnten damit nicht die Geschichte aufhalten, aber den Weg für Angela Merkel ebnen.
IGeneralmajor Horst Männchen ist das Ohr der DDR, Chef von 2.400 Funkern, Hochfrequenztechnikern und Dechiffrier-Spezialisten, die den Datenverkehr der Bundesrepublik Deutschland rund um die Uhr überwachten. Sie bilden die Hauptabteilung III der Staatssicherheit.
Wie immer dienstags erwartet Männchen die Kanzlerrunde - das ist die Handvoll Spezialisten, die sich mit Helmut Kohl beschäftigen. Die Sekretärin hat Kaffee gekocht - eine Westmarke aus dem Intershop - und auf dem Besprechungstisch liegen DDR-Zigaretten bereit, Marke Club. Auf dem Schreibtisch rückt der General das Foto zurecht, das einen der Höhepunkte seiner Karriere zeigt: Männchen beim Empfang im Staatsratsgebäude neben Honecker und seinem Chef, Erich Mielke, dem Minister für Staatssicherheit. Der Generalmajor trägt die Gala-Uniform der Nationalen Volksarmee, auf die er so stolz ist: mit einem Dutzend Orden und goldenen Achselschnüren, dazu weit ausgestellte Reithosen und Schaftstiefel. (1) Unbefangene Betrachter hätten in seinem Aufzug eine kuriose Mischung aus Operetten-Mode und Faschisten-Ästhetik gesehen, aber Männlichen erkennt in dem Foto nur eins - ein Symbol seiner Macht. Intern gilt er als autoritärer Menschenschinder. (2)
Die Hauptabteilung III betreibt 180 Horchposten und überwacht zehntausende von Telefonanschlüssen in Westdeutschland - Kanzleramt, Ministerien, Konzerne, Medien. Technische Schwachstelle sind die Richtfunkstrecken der Bundespost - die Funkkegel haben eine leichte Streuung, und die reicht den Spezialisten der DDR, sich in die Gespräche einzuklinken.
Die Daten der Außenstellen laufen in Wuhlheide zusammen, einem Waldstück im Südosten Berlins. Hinter Mauern und Stacheldraht verwandeln Schreibkräfte und Analysten Kilometer von Tonband in Protokolle, Dossiers und Lageberichte. Was wichtig ist, landet auf dem Schreibtisch des Generalmajors. Dazu gehört alles, was den Kanzler betrifft - von der großen Politik bis zu den privaten Details. Die Funkaufklärung hört mit, wenn Kohl mit seinem Schneider Volkmar Arnulf spricht, und die Schreibkräfte haben Taille, Brustumfang und Schulterwinkel akribisch notiert. Sie wissen, dass der Spitzname „Birne“, den die Medien Kohl wegen seiner Körperform gegeben haben, gerechtfertigt ist.
„Was gibt es diese Woche aus Bonn?“ - fragt der Generalmajor in die Runde. Sie besteht aus Offizieren, die sich in den Bonner Kosmos eingearbeitet haben. Sie kennen die Intrigen der Parteipolitik, die Ambitionen der Minister, die Seitensprünge und die Zahlungsströme. Sie überwachen nicht nur die Entscheidungsträger, sondern auch deren Gesprächspartner - nicht nur Büros, sondern auch Autotelefone und Privatanschlüsse. Damit haben sie ein Netz über die Zielregion gelegt, das auch Nebengeräusche auffängt.
„Von Kohl selbst haben wir diese Woche nichts wichtiges“, sagt einer der Offiziere. „Aber es gibt da ein Gespräch, in dem er zitiert wird. Und das hat’s in sich.“
Die Funküberwachung Schwerin hat Telefonate des CDU-Bundesschatzmeisters Walter Leisler-Kiep und seines Stellvertreters Uwe Lüthje aufgezeichnet. Darin sprechen die beiden freimütig über Spender, Schweizer Banken und Millionensummen. In einem Gespräch erwähnt Leisler-Kiep den deutschen Kanzler. Kohl habe ihn gefragt: „Haben wir noch irgendwo, irgendwas beiseitegeschafft?“
Nach diesem Zitat schweigt die Runde. Der teerige Geruch der Club-Zigaretten liegt in der Luft. Der Generalmajor schaut hinaus in den Wald, der die anderen Gebäude, die Mauern und den Antennenturm verbirgt. Was für ein Fang, denkt er. Der Kanzler verstrickt in illegale Aktivitäten.
Männchen hat sein Leben dem Regime verschrieben: mit 18 zur Stasi, mit 19 in die SED, Funklehrgänge, dann Fernstudium Hochfrequenztechnik, Fernstudium Jura, schließlich Aufstieg an die Spitze der Funkaufklärung - er, der Sohn eines Eisenbiegers. Alles verdankt er der Staatssicherheit. Und nun kann er etwas zurückgeben.
„Die Spendensache hat ab jetzt oberste Priorität“, sagt Männchen. Seine Leute wissen, was die hölzerne Bürokraten-Formulierung bedeutet. Und so beginnen sie ein umfassendes Abhörprogramm gegen den Schatzmeister, seinen Stellvertreter, der Generalvollmacht hat, und den Steuerberater Weyrauch, der für die CDU Treuhandkonten bei der Frankfurter Bank Hauck & Söhne führt. Sie erfahren von den Verabredungen Leisler-Kieps mit dem Waffenhändler Schreiber. Und falls sie Schreiber überwachen, was wir nicht wissen, dann erfahren sie von seinen Stiftungen in Liechtenstein, seinem Treuhänder Giorgio Pellosi, den wir in der ersten Folge der Merkel-Serie porträtiert haben. Sie erfahren von Schreibers Verbindungen zu Franz-Joseph Strauß, von gemeinsamen Briefkasten-Firmen und verdeckten Geschäften. Und wenn sie so weit gekommen sind, dann werden sie feststellen, dass jener Franz-Joseph Strauß sich bereits im Orbit der Staatssicherheit bewegt. Dass er über bayerische Fleischhändler Parteispenden aus DDR-Geschäften bekommt und mit dem Devisenbeschaffer Schalck-Golodkowksi einen Milliardenkredit für die klamme DDR verhandelt. Aber das ist dann nicht mehr die Gehaltsklasse der der Funkaufklärung in Wuhlheide.
Die Protokolle und Dossiers, die Männchens Funkaufklärung produzierte, lagern heute im Stasi-Unterlagen-Archiv - Hunderte von Regalmetern weggeschlossen im Tiefgeschoss. Das Stasi-Unterlagen-Gesetz und die spätere Rechtssprechung argumentieren, dass die Lauschaktionen der Stasi rechtswidrig waren und ihre Ergebnisse der Öffentlichkeit deshalb nicht zugänglich gemacht werden dürfen. Alles andere wäre eine Verletzung der Persönlichkeitsrechte der Belauschten. Das gilt auch für Strafprozesse und Untersuchungsausschüsse. (3)
Das Kohl-Zitat, das den Generalmajor so elektrisiert hatte, findet jedoch den Weg in die Presse. Am 29. März 2000, auf dem Höhepunkt der Parteispendenaffäre veröffentlicht der Tagesspiegel einen Artikel über die Lauschaktion gegen Leisler-Kiep. Die Stasi-Unterlagen-Behörde hatte der Zeitung Zugang zum Archiv gewährt, weil sie die Rechtslage damals anders beurteilte. Der Artikel enthielt zahlreiche Einzelheiten und wurde später gelöscht. Seine Spuren finden sich heute nur noch im Pressse-Echo (4) und im Bericht des Bundes-Datenschutzbeauftragten. (5)
Durch den Artikel des Tagesspiegel kommt ans Licht, dass die Stasi die Zahlungsströme der CDU auf dem Radar hatte, die Beteiligten systematisch abhörte und das ganze System detailgenau dokumentierte. Damit hatte der Geheimdienst den Schlüssel zur Parteispenden-Affäre in der Hand. Und er war in der Lage, Schlüsselfiguren aus der Führungsebene der CDU durch gezielte Indiskretionen aus dem Spiel zu nehmen.
Am 15. Januar 1990 aber endete diese Fähigkeit. Da stürmten Tausende von Demonstranten die Stasi-Zentrale in Lichtenberg. Sie besetzten das Archiv, beendeten die Aktenvernichtung und schufen die Voraussetzungen dafür, dass das Gedächtnis des Unrechtsstaats unter demokratische Kontrolle kam.
So jedenfalls glaubten sie.
Im Kanzleramt
Das Bonner Kanzleramt ist ein flacher Funktionsbau aus den 70er Jahren. Die Architektur signalisiert Bescheidenheit, die Bundesrepublik will nicht auftrumpfen, sondern keinen Ärger machen. Von hier koordiniert Kanzleramts-Chef Rudolf Seiters die Regierungsarbeit im Schicksalsjahr 1990. Er hält Verbindung zu den Ministerien, organisiert den Dialog mit der DDR-Regierung und den vier Siegermächten, die nun gemeinsam mit den beiden deutschen Staaten über die Wiedervereinigung verhandeln. Nebenbei ist Seiters auch noch Geheimdienstkoordinator. Mit dem Kanzler verbindet ihn seit langen Jahren ein Vertrauensverhältnis. Seiters begnügt sich gerne mit der zweiten Reihe, das macht das Leben mit Kohl einfacher.
„Wir haben einen Überläufer von der Staatssicherheit“, sagt Seiters eines Tages zu Kohl. „Hat sich beim Verfassungsschutz in Köln offenbart. Wurde im Januar aus dem Dienst entlassen und kam gleich danach zu uns.“
Kohl ist eigentlich nicht an den operativen Details der Geheimdienstarbeit interessiert. „Müssen wir uns damit beschäftigen?“
„Sollten wir“, sagt Seiters. „Der Überläufer ist der Chef der Funkaufklärung der DDR. Hat fast jedes Telefonat in Bonn abgehört in den letzten zehn Jahren.“
Kohl schaut ungläubig. „Ich denke, unsere Leitungen sind sicher.“
„Wir haben die Fähigkeiten der Gegenseite unterschätzt.“ Und dann erklärt Seiters, wie die Stasi den Richtfunk der Bundespost angezapft und sogar die Sprachverschleierung geknackt hat - mit West-Technik übrigens, auf dem Schwarzmarkt gekauft.
Helmut Kohl ist in diesem Jahr 1990 mit den großen Fragen der deutschen Einheit beschäftigt, er verhandelt mit den Mächtigen der Welt und denkt in historischen Dimensionen. In Reden beruft er sich auf Bismarck: Man müsse den Mantel der Geschichte ergreifen, sagt er gerne. Und jetzt das - eine kleine, miese Spionage-Geschichte. Kohl ahnt, dass sie Unheil bringen kann.
Vor dem Kanzleramt glänzt die ikonische Bronze-Skulptur von Henry Moore in der Sonne - zwei organische Formen, die ineinander verschränkt sind. Die Schlaumeier von der Presse sehen darin in letzter Zeit ein Symbol der Wiedervereinigung.
„Welche Themenkomplexe sind betroffen?“ fragt der Kanzler.
Seiters formuliert die Antwort vorsichtig: „Es gibt keinen Themenkomplex, der nicht betroffen wäre.“
Helmut Kohl versteht. „Wo liegen die Protokolle?“
Auch jetzt formuliert Seiters vorsichtig: „Wir sind bisher davon ausgegangen, dass die Erkenntnisse der Funkaufklärung im Archiv der Stasi-Zentrale gebunkert wurden. Aber wie es aussieht, existieren Kopien.“
Seiters erklärt: in der Arbeitsteilung zwischen Stasi und KGB konzentrieren sich die Ostdeutschen auf die Bundesrepublik. Aber die Russen, die in ihrer riesigen Residentur in Karlshorst sitzen, bekommen von allen wichtigen Vorgängen eine Kopie. Und die landet dann in Moskau - auf dem Schreibtisch von KGB-Chef Wladimir Kryutschkow.
Ausgerechnet Kryutschkow, denkt Kohl. Der Hardliner hinter Gorbatschow.
„Außerdem“ setzt Seiters die Reihe der schlechten Nachrichten fort, „gibt es wohl auch noch Kopien auf deutschem Boden.“ Der Überläufer habe da eine merkwürdige Geschichte erzählt: Am 28. Februar 1988 versammelt Stasi-Chef Mielke die Führungskader in seinem Besprechungszimmer. Seine Botschaft: das Überleben der DDR sei nicht mehr gewährleistet, die Offiziere sollten sich darauf vorbereiten, den Kampf gegen den Klassenfeind auch ohne staatliche Strukturen fortzusetzen. Ein Doomsday-Befehl. Wichtige Akten sollten auf Mikrofilm kopiert und in wasserdichten Metallkisten verpackt werden. Bereit für den Abtransport am Tag X. Dazu gehörten Klarnamen-Dateien und die Akten der sogenannten „Operativen Personenkontrolle“, also das ganze Kompromat, das die DDR über wichtige Bundesbürger gesammelt hat.
„Die Büchse der Pandora“, sagt Kohl. Seiters widerspricht nicht. Später werden die Spezialisten vom Verfassungsschutz Mielkes Vortrag im Stasi-Archiv finden - abgelegt als Geheime Verschlusssache 0008-7/88. (6)
Der Überläufer
Der Mann, der sich dem Kölner Verfassungsschutz offenbart hatte, ist Horst Männchen, der autoritäre Generalmajor aus der Abhörzentrale in der Wuhlheide. Er war immer ein überzeugter Anhänger des DDR-Regimes, führte seinen Laden hart, aber erfolgreich, war anerkannt und Teil einer verschworenen Truppe.
Aber kaum ist er entlassen, läuft er über zum Verfassungsschutz. Kehrtwende über Nacht. Ist das glaubwürdig? Oder war die Preisgabe von Staatsgeheimnissen sein eigentlicher Auftrag? War der Generalmajor vielleicht gar kein Verräter, sondern ein Bote der sich auflösenden Stasi? Einer der erzählen sollte - von den Akten der „Operativen Personenkontrolle“; den wasserdichten Metallkisten; von der Büchse der Pandora? Dann wären seine Stories kein Geschenk für den Verfassungsschutz, sondern eine Drohung an dessen Chefs.
Treffen im Separée
Im Sommer 1990 verhandeln die Regierungen der beiden deutschen Staaten den Einigungsvertrag. Auf DDR-Seite mit dabei ist die stellvertretende Pressesprecherin Angela Merkel. In diese Position bugsiert hat sie Regierungschef Lothar De Maiziere. Der ist, wie sich später herausstellt, nicht nur ein Mitarbeiter der Stasi, sondern ein Werkzeug der Moskau-Fraktion: Hans Modrow, Gregor Gysi und Ex-Spionage-Chef Markus Wolf. Bei wichtigen Entscheidungen muss er Rücksprache mit Gysi halten. (7) Das habe ich in der letzten Folge erzählt.
Merkel erledigt ihre Arbeit zuverlässig und präzise, aber es ist nicht so, dass sie irgendjemandem auffallen würde. Sie bleibt zunächst eine Figur im Hintergrund.
Anfang Oktober findet der große Vereinigungsparteitag der CDU statt - 750 Delegierte aus dem Westen, 250 aus den Neuen Bundesländern. Dazu 1.000 akkreditierte Journalisten. Am Vorabend des Mega-Events lädt die CDU zum Presse-Empfang in den Weinkeller des Hamburger Rathauses ein: Kohl ist anwesend, Mitglieder des Präsidiums, einige Landes-Chefs und Ministerpräsidenten und natürlich Vertreter der Ost-CDU. (8) Die geladenen Journalisten gehören zu den prominenten und einflussreichen Köpfen der Branche.
Der Keller - weißes Gewölbe, schwere Sandstein-Säulen - ist voller Menschen, viele suchen das Gespräch mit Kohl. Er ist der Star des Abends, der Kanzler der Einheit - und der Mann, der Posten zu vergeben hat. In drei Monaten wird das erste gesamtdeutsche Parlament gewählt. Da wollen sich viele in Position bringen.
Für die meisten hat Kohl nur wenig Zeit, doch dann taucht eine schüchterne Frau mit Pagenfrisur auf, und unter den erstaunten Blicken der versammelten Prominenz zieht sich Kohl mit Angela Merkel ins Séparée zurück. Für eine halbe Stunde - ein Ewigkeit an einem Abend, an dem jede Minute zählt. Was hat Kohl zu diesem Schritt bewegt?
Jedenfalls ist das Treffen kein Zufall. Die Regierung De Maiziere hat im Vorfeld die Fäden gezogen, Pressesprecher Matthias Gehler hat Kohls Stab das persönliche Gespräch vorgeschlagen. Kohl muss anfangs skeptisch gewesen sein, jedenfalls läßt er Merkel vor dem Treffen vom BND durchleuchten9 - offensichtlich ohne Befund.
Wenige Woche später empfängt Kohl Merkel im Bonner Kanzleramt und fragt sie, ob sie sich mit Frauen gut verstehe.(10) Da weiß er schon, dass er sie als Ministerin für Frauen und Jugend ins Kabinett holen wird.
Die Büchse der Pandora
Zehn Jahre später, in jenem schicksalhaften Winter 99/2000, in dem Merkel die Führungsriege der CDU abräumt und die Zügel übernimmt, bestätigen sich die dunklen Ahnungen, die Helmut Kohl damals im Kanzleramt hatte, als ihn sein Geheimdienstkoordinator über die Aussagen des Überläufers unterrichtete. Kohl wusste, dass ihn die Abhörprotokolle verwundbar machten.
Als der Tagesspiegel im April 2000 über die Abhörpraxis der Stasi berichtet und aus Telefonaten zitiert, läuft Kohl dagegen Sturm. Er diskreditiert vorsorglich alles, was noch kommen könnte, als Fälschung der Stasi und droht, mit allen juristischen Mitteln gegen die Öffnung des Stasi-Archivs vorzugehen. Bis zum Bundesverfassungsgericht. (11)
Bernd Schmidbauer, der nächste Geheimdienstkoordinator nach Rudolf Seiters, bezeichnet die Akten als „Büchse der Pandora“ und fügt düster hinzu: „Wenn wir die jetzt aufmachen, gibt es kein Halten mehr.“ Und aus dem Rentnerleben meldet sich der einstige Abhör-Chef und Überläufer Horst Männchen mit einer Warnung zurück: „Die Spendenaffäre ist doch nur der Anfang. Da könnten noch ganz andere Dinge rauskommen.“ (12)
Doch der Worst Case bleibt aus. Weil so viele der politisch Verantwortlichen ein Interesse an Diskretion haben, einigen sich die großen Fraktionen im Bundestag darauf, die Akten im Giftschrank zu lassen. Auch Gerhard Schröder ist mit dieser Lösung einverstanden.
Noch mal gut gegangen. Aber die Aufregung, die der Artikel des Tagesspiegel auslöste, zeigt, dass die Abhör-Akten ein machtvolles Instrument waren.
Doch die Staatssicherheit beschränkte sich nicht darauf, die Geheimnisse der Parteienfinanzierung abzuhören. Der Geheimdienst der DDR griff aktiv ins Geschehen ein, indem er indirekt die Kassen der bundesdeutschen Parteien füllte. Die Spur des Geldes führt in jene oberbayerische Postkartenlandschaft, in der der das ZDF seine rührseligsten Heimatserien dreht.
Die Viehhändler
Das Ferienhaus liegt auf einer Anhöhe bei Rosenheim, bayerischer Landhaus-Stil mit Tor, Auffahrt und farbenfrohen Geranienkästen. Am 5. Mai 1983 wartet hier Franz-Joseph Strauß auf seinen Gast. Der kommt in einem gepanzerten BMW der bayerischen Staatsregierung: Alexander Schalk-Golodkowski, Stasi-Offizier, Schwarzmarkthändler und oberster Devisenbeschaffer der DDR. (13) Sein Reich ist die Kommerzielle Koordinierung, eine mafiöse Staatsfirma, die Gefangene verkauft, mit Waffen handelt und Technologie schmuggelt.
Strauß, stiernackig und reaktionär, mustert sein sozialistisches Gegenüber: ein großer Mann mit einem etwas aufgeschwemmten Gesicht, das vom guten Leben zeugt. Seine Vorfahren waren zaristische Offiziere, und Schalck-Golodkowski hat das Talent für’s Befehlen geerbt. Ein Mann der Macht.
„Willkommen in Oberbayern,“ sagt der Ministerpräsident. Er hat in dem anderen einen Gleichgesinnten entdeckt.
Und auch Schlack-Golodkowski gefällt, was er sieht: einen Mann, der den konservativen Hardliner gibt, der aber für Geld und Macht auch mal seine Prinzipien verrät.
Neben Strauß steht der Gastgeber: Josef März, Freund des bayerischen Ministerpräsidenten - und Geschäftspartner der DDR. Seit Jahren bekommt er von Schalcks Kommerzieller Koordinierung Schlachtvieh zu Discountpreisen. Die Margen sind so hoch, dass seine Gebrüder März KG zu einem der größten Player im deutschen Fleischmarkt wird und Brauerei-Konzerne wie Henninger und Kulmbacher schlucken kann.
Natürlich kommt die Vorzugsbehandlung nicht umsonst. Die Gebrüder März betreiben gemeinsam mit Schalcks Kommerzieller Koordinierung Briefkastenfirmen in Madrid und Berlin, die einen Teil der Handelsgewinne abschöpfen und dafür Hochtechnologie und Embargo-Güter für die DDR kaufen. (14) Die Praxis wird in den 90er Jahren Gegenstand mehrerer Untersuchungsausschüsse. (15) Darüber hinaus nutzen die Brüder die Gewinne, um die Kassen der Union mit großzügigen Spenden zu füllen.(16) Regelmäßig und über Jahre. So entsteht eine Einflusszone, ermöglicht durch die Discountpreise der Kommerziellen Koordinierung. Die März-Brüder sind ein Brückenkopf der DDR im konservativen Herzland des Klassenfeindes. Sie dienen, wie es Schalk-Golodkowski intern beschreibt den „übergeordneten politischen Interessen der DDR“. (17)
Für ihren Gönner haben die März-Brüder das Treffen auf in ihrem Landgut gerne arrangiert.
„Wollen sie Ihre BND-Akte sehen?“ frotzelt Strauß. „Ich habe Ihre auch dabei“, gibt Schalck zurück. (18) Die beiden haben ihren Ton gefunden und einigen sich auf einen Kredit von einer Milliarde D-Mark für die schwächelnde Wirtschaft der DDR. Helmut Kohl wird zustimmen. Der Deal ist erstaunlich, weil er in einem Umfeld großer geopolitischer Spannungen erfolgt, die mit der Stationierung von Mittelstreckenraketen in Zentraleuropa zu tun haben.
Das Treffen bei Rosenheim ist der Auftakt zu einem intensiven Dialog zwischen Schalck und Strauß und weiteren Schlüsselfiguren der Union. Als Schalck-Golodkowski im Dezember ´89 um sein Leben fürchtet, ist es Wolfgang Schäuble, damals Innenminister, der Schalck vor seinen eigenen Genossen rettet. Er arrangiert eine vorübergehende Haft, räumt strafrechtliche Probleme aus dem Weg und sorgt dafür, dass Schalck und seine Frau sicher in Bayern ankommen. Dort übernimmt das Netzwerk der Familie Strauß und der Brüder März die weitere Versorgung: Bargeld, Villa und Rechtsbeistand. (19)
Der Milliardenkredit für den Osten, die Spendenflüsse in die Gegenrichtung und die diskrete Hilfe am Ende - das alles sind Indizien dafür, dass es weitreichende gemeinsame Interessen und gegenseitige Abhängigkeiten gab zwischen der Staatssicherheit im Osten und den Christdemokraten im Westen. Es ist das Umfeld, in dem der Aufstieg Merkels stattfindet.
Die Puzzle-Steine
Ich habe diese Serie mit dem Verdacht begonnen, dass Angela Merkel von den Verlierern des Kalten Krieges für eine Karriere in der deutschen Politik positioniert wurde. Und dass es ihre Mission war, die wirtschaftliche und geopolitische Position Deutschlands zu schwächen.
Wie seriös ist dieser Verdacht?
In der Geopolitik wie in der Kriminalität gilt: wenn sich eine Macht durch eine verdeckte Operation substantielle Vorteile verschaffen kann; wenn sie gleichzeitig über die Mittel verfügt, ihren Plan umzusetzen und wenn die Nachteile bei einem Scheitern gering sind - dann hat der Verdacht Substanz. Er beschreibt ein Risiko.
Den meisten Menschen ist das Denken in Risiko-Kategorien fremd. Im Alltag erscheint es paranoid, im Journalismus erfüllt es schnell den Tatbestand der Verleumdung und vor Gericht zählt der Beweis.
In Regierungszentralen, Militärstäben und Geheimdiensten aber ist die Risiko-Analyse Grundlage vieler Entscheidungen. Wahrscheinlichkeit und Plausibilität müssen den Beweis ersetzen, weil man sonst handlungsunfähig wird und zu spät kommt im Leben.
In seiner Spätphase verlor das sowjetische Imperium die Kontrolle über Osteuropa und es gab keine realistische Option, diesen Prozess aufzuhalten - weder durch Unterdrückung noch mit militärischen Mitteln. Alles lief auf die Wiedervereinigung hinaus. Aber für die Moskauer Elite war es eine Horror-Vorstellung, dass der Aggressor des Zweiten Weltkriegs wieder zur führenden Macht in Zentraleuropa aufsteigt. Starke Kräfte im Kreml und im KGB hatten ein Interesse daran, Einfluss in Deutschland zu behalten.
Dazu erteilten KGB-Chef Kryutschkow und seine Vasallen in Ostberlin eine Reihe von Befehlen, die das Überleben von Agenten in einer kapitalistischen Umgebung sichern sollten. Der strategischen Vision folgten also konkrete, operative Schritte. Heute wissen wir, dass damit die Voraussetzungen geschaffen wurden für den Aufstieg Kreml-gesteuerter Oligarchen in die Eliten des Westens.
Als Glücksfall für die Geheimdienste der Bruderstaaten erwies sich die verbreitete Neigung westdeutscher Politiker, das Gesetz zu ignorieren. Die Stasi konnte über ihre Funkaufklärung einen riesigen Fundus an Belastungsmaterial aufbauen. Das betraf nicht nur Parteispenden und schwarze Kassen, sondern auch Bestechung, Waffenhandel und Steuerhinterziehung.
Das Verhalten von Helmut Kohl in der Parteispenden-Affäre des Jahres 2000 zeigt, dass er die Daumenschrauben der sozialistischen Geheimdienste und ihrer Nachfolger kannte. KGB und Co. hatten also die Mittel, das Verhalten des Kanzlers zu beeinflussen.
Im Raum steht außerdem die Frage, wie die CDU ihre 72 Millionen D-Mark Bankschulden zwischen Ende ´89 und Ende 92 abbauen konnte. Journalisten der Süddeutschen Zeitung haben das als „eines der großen Mysterien der bundesdeutschen Parteiengeschichte20“ bezeichnet. Nach Lothar De Maiziere kam das Geld aus dem Osten. Es wäre nicht der einzige Zahlungsstrom gewesen: Schon im Jahrzehnt davor flossen Spenden aus Schalck-Golodkowskis Schattenreich über die Viehhändler März an die Union. Sollte sich dieser Zahlungsstrom neue Wege gesucht haben, als Milliarden aus Schalcks Firmen offshore versickerten? Und wenn ja: was war die Gegenleistung für die Großzügigkeit?
Angela Merkel selbst hat keine Stasi-Vergangenheit. Das war die Voraussetzung für ihren Erfolg. Ihre ersten beiden Förderer aber arbeiten für den Geheimdienst, einer indirekt sogar für Kreml und KGB. Der dritte, Helmut Kohl, hatte seine ganz eigenen Albträume und Verpflichtungen.
Ihren eigentlichen Durchbruch verdankt Angela Merkel aber der Parteispenden-Affäre. Sie entfaltet durch die Kombination von alten Stasi-Akten und neuen Intrigen genau die Wucht, die die Konkurrenz ausschaltet. Da passen viele Puzzle-Steine zusammen.
Also Schuldspruch für Merkel?
Natürlich nicht.
Aber die Datenpunkte dieser Serie zeigen, dass Angela Merkels Aufstieg aus Geheimdienstperspektive ein Risiko bedeutete.
Und die 16 Jahre ihrer Kanzlerschaft haben den Verdacht nicht entkräftet.
Fußnoten
1 https://de.wikipedia.org/wiki/Horst_Männchen
2 Der Tagesspiegel, 09.04.2000
https://www.tagesspiegel.de/politik/der-glaserne-riese-ein-bericht-uber-das-lauschen-bei-kohl-669940.html
Abgerufen: 2026-07-26 10:42:33
3 Tätigkeitsbericht des Bundesbeauftragten für den Datenschutz vom 13.03.2001
Bundestagsdrucksache 14/5555
S.42ff
https://dserver.bundestag.de/btd/14/055/1405555.pdf
Abgerufen: 28.07.2026; 08:40:21
4 DER SPIEGEL, 02.04.2000
https://www.spiegel.de/politik/so-viele-leckere-sachen-a-4699ce76-0002-0001-0000-000016098317
Abgerufen: 2026-07-25 14:23:06
NDR: Interview mit dem Chefredakteur des Tagesspiegel in der Sendung „Panorama“
Abgerufen am 26.07.2026; 10:31:42
5 Bericht des Bundesdatenschutz-beauftragten vom 13.03.2001; Bundestagsdrucksache 14/5555
https://dserver.bundestag.de/btd/14/055/1405555.pdf
Abgerufen: 26.07.2026; 10:35:49
6 Das Referat ist nicht im Internet abrufbar, sondern befindet sich im Archiv der Stasi-Unterlagenbehörde unter dem Titel „Referat auf der Dienstbesprechung zur Mobilmachungsarbeit im MfS“, 26.2.1988; Verschlusssache, MfS-Nr. GVS 0008-7/88, BStU.
Der Inhalt ist in einem Artikel der Zeitschrift „Aus Politik und Zeitgeschichte“ vom 22.01.1993 wiedergegeben:
https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/archiv/536357/die-geheimen-lager-der-stasi/
Abgerufen: 31.07.20026; 13:28:43
7 Details in Folge II der Merkel-Serie.
8 DIE WELT, 02.12.2018
Abgerufen: 31.07.2026; 13:34:51
9 DIE WELT, 02.12.2018
https://www.welt.de/regionales/hamburg/article184878308/CDU-Parteitag-So-schliesst-sich-Angela-Merkels-Hamburger-Kreis.html
Abgerufen: 2026-07-30 16:11:0
10 Merkel hat die Besprechung in einer Rede geschildert, die sie am 27. September 2012 bei einer Veranstaltung des Konrad-Adeanuer-Hauses zu Ehren Helmut Kohls hielt.
Abgerufen: 03.08.2026; 10:32:50
11 DER SPIEGEL, 02.04.2000
https://www.spiegel.de/politik/so-viele-leckere-sachen-a-4699ce76-0002-0001-0000-000016098317
Abgerufen: 2026-07-25 14:23:06
12 Ebda.
13 Schlack-Golodkowski hatte sich in seinem Dienst-Citroen zu einem Parkplatz an der Transit-Strecke Berlin - Hof fahren lassen und war dort in den BMW der Bayern umgestiegen.
Quelle:
14 Norbert F. Plötzl, Das Schattenreich des Alexander Schalck-Golodkowski. Vom Entstehen und Verschwinden der DDR-Milliarden
München 2025
S. 140/41
15 Im Bundestag untersucht ein Ausschuss die Geschichte der Kommerziellen Koordinierung und die Operationen von Alexander Schalk-Golodkowski:
Drucksache 12/7600 vom 27.05.1994
https://dserver.bundestag.de/btd/12/076/1207600.pdf
Im bayerischen Landtag untersucht einweiterer Ausschuss parallel die Verbindungen Schalk-Golodkowskis zu Franz-Jospeh Strauß und der Bayerischen Staatsregierung
https://www.bayern.landtag.de/fileadmin/www/ElanTextAblage_WP12/Drucksachen/0000016500/12-16598.pdf
16 Andreas Förster, Die Spur der Stasi-Millionen,
Berlin 1998
S. 81
17 DER SPIEGEL, 03.11.1991
https://www.spiegel.de/politik/wenns-passt-langen-wir-zu-a-ccb3c0e1-0002-0001-0000-000013490855
Abgerufen: 2026-07-25 14:51:00
18 Das Zitat geht zurück auf einen Berichtet der Süddeutschen Zeitung vom 22.06.2015
Abgerufen: 02.07.2026; 10:44:06
19 Schalck-Golodkowski greift auf keines der Auslandskonten zu, die er und seine Kommerzielle Koordinierung im Westen eingerichtet haben. Stattdessen gewähren ihm die Brüder März einen Kredit in Höhe von 600.000 D-Mark und stellen ihm eine Villa am Tegernsee zur Verfügung.
Juristische Unterstützung kommt von Max Strauß und seinem Sozius Bardia Khadjavi-Gontard, die in München eine Wirtschaftskanzlei betreiben.
20 Zitiert nach einer Rezension im Tagesspiegel, 31.08.2000
https://www.tagesspiegel.de/politik/cdu-spendenskandal-die-macht-und-der-geldbeutel-708010.html
Abgerufen: 2026-07-01 10:19:20
