
ORIGIN I
Das Netzwer hinter
Trump & Epstein
Der Präsident und der Sexualstraftäter wurden von einem New Yorker Netzwer gesponsort und in Schlüsselpositionen geschoben. Zentrale Figur dieser Drahtzieher war der Anwalt Roy Cohn, der zugleich für die Regierung und die Mafia arbeitete. Er lieferte bereits in den 50er Jahren die Blaupause für Epsteins Mädchenhandel. Teil I der Origing-Serie untersucht, wie Trumps Aufstieg in diesem Milieu begann.
Zwischen den kantigen Hochhäusern von Midtown Manhattan wirkt das Plaza-Hotel wie ein Schloss aus Disneyland: mit spitzen Giebeln, Erkern und grünem Kupferdach. Drinnen Granitsäulen und Palmen, Art-Deco-Aufzüge und viel vergoldeter Stuck. Der Luxus des Gilded Age, der goldenen Ära des amerikanischen Kapitalismus.
Ein halbes Jahrhundert später ist das Hotel immer noch Treffpunkt der Elite. Wer den großen Auftritt zu schätzen weiß, nimmt den fahnengeschmückten Eingang an der 5th Avenue - vorbei am Doorman hinein in die opulente Lobby.
Der Mann, den wir an diesem Abend des Jahres ’58 folgen, nimmt allerdings den unscheinbaren Seiteneingang in der 58. Straße. Er trägt Anzug und Krawatte, schmales Einstecktuch und die dunklen Haare streng gescheitelt. Was nicht passt, ist die Boxernase. Ansonsten: das Bild eines stromlinienförmigen Juristen. Roy Cohn ist 31, aufstrebender Anwalt und eine der Schlüsselfiguren des 20 Jahrhunderts an der Schnittstelle von Staat und Unterwelt. Im Laufe seines Lebens vertritt er die Mafia, die Politik und die oberen Etagen der Geschäftswelt. Seine folgenreichste Schöpfung aber ist ein Immobilienunternehmer aus Brooklyn: Donald Trump, künftiger Präsident der USA.
Cohn fährt in den zweiten Stock, geht zur Tür 233 und öffnet. Die Suite hat vier Meter hohe Decken, Kronleuchter aus Murano-Glas, einen Marmorkamin und darüber einen Spiegel mit Goldrahmen. Sessel und Wände sind mit hellblauem Stoff bezogen. Vom Salon gehen Türen zu Nebenräumen und Schlafzimmern1. Es ist eine der größten Suiten, die das Plaza zu bieten hat, und für Roy Cohn ist sie ein Arbeitsplatz: hier dirigiert er die Orgien, die das Geheimnis seines Erfolgs sind.
Cohn ist der erste an diesem Abend. Danach kommt Edgar Hoover, Chef des FBI. Er trägt einen Koffer mit seiner Abendgarderobe: Perücke, Pumps und Frauenkleider. Hoover ist zu diesem Zeitpunkt bereits ein schwerer Mann mit einem etwas bulligen Gesicht, das entfernt an Winston Churchill erinnert.
Als nächstes kommt eine Gruppe junger Männer um die 18, alle blond und attraktiv. Es gibt Drinks, man lacht und scherzt, Hoover, inzwischen umgezogen, wird von allen „Mary“ genannt. Dann klopft es wieder und es treten ein: Lewis Rosenstiel und seine Frau Susan. Rosenstiel ist einer der größten Alkohol-Produzenten des Landes, nach heutigen Maßstäben ein Multimilliardär. Cohn ist sein Anwalt, die beiden haben gemeinsame Interessen - geschäftlich wie privat.
Nach einiger Zeit schlägt Gastgeber Cohn vor, zum intimen Teil des Abends überzugehen und verschwindet mit Hoover und den Jungs im Schlafzimmer. Susan Rosenstiel weigert sich mitzukommen.
Das alles wissen wir, weil ein Untersuchungsausschuss des Staates New York zwölf Jahre später die Verbindungen zwischen Lewis Rosenstiel und der Mafia untersucht - und dabei auch seine Frau befragt2. Ein Teil der Protokolle ist bis heute unter Verschluss, aber Susan Rosenstiel hat ihre Aussagen gegenüber dem Journalisten Anthony Summers wiederholt und mit einer eidesstaatlichen Erklärung untermauert.3
Rosenstiel hatte den Grundstein für sein Alkohol-Imperium in den Jahren der Prohibition gelegt. In einem Konsortium mit Mafia-Größen wie Frank Costello, Mayer Lansky und dem Al-Capone-Vertrauten Joe Fusco schmuggelte Rosenstiel in großem Umfang Alkohol aus Kanada in die USA.4
Eine illustre Gesellschaft. Dem Journalisten Anthony Summers sagt Susan Rosenstiel später, mit ihrem Mann zu leben sei wie in der „Kommandozentrale des Organisierten Verbrechens“ zu leben.5
Hexenjagd
Der New Yorker Staatsanwalt John Klotz hat die damals verfügbaren Informationen zusammengetragen und kam zu dem Schluss, dass die Blaue Suite im Plaza Hotel zur Infrastruktur eines Netzwerks der sexuellen Erpressung gehörte6. Nach Klotz Erkenntnis organisierte Cohn junge Männer und Minderjährige und brachte sie mit einflussreichen Persönlichkeiten zusammen, die danach immer ein offenes Ohr für seine Anliegen hatten.
Cohn bekannte sich zu diesem Modus Operandi - im Gespräch mit einem Ermittler. Das war James Rothstein, Chef der Abteilung Menschenhandel bei der New Yorker Polizei. Juristische Folgen hatte das nicht, aber Rothstein erzählte einem Journalisten später von der Aussage. Zitat:
„Cohns Job war es, die Jungs zu handeln. Sagen wir, du hattest da einen General, einen Admiral oder einen Kongressabgeordneten, der aus der Reihe tanzte. Dann war es Cohns Aufgabe, ihm eine Falle zu stellen, damit er wieder pariert.7“
Betrieb Cohn die Blue-Suite-Sessions nur für sich und das eigene Geschäft? Oder gab es Profiteure im Hintergrund? Drahtzieher, die den ehrgeizigen, makellos gekleideten Anwalt benutzten?
Cohns Kanzlei - Sax, Bacon & Bolan - war eine sogenannte Boutique, nicht groß, aber exklusiv. Sie arbeitete für Unternehmer, altes Geld, Verlage wie Condé Nast, die Erzdiözese New York, Promis - und für die großen Mafia-Familien der USA: die Gambinos, die Bonannos und die Genovese. In Steuer- und Glücksspielverfahren vertrat er Anthony Salerno,8 den sie „Fat Tony“ nannten. Zu seinem Netzwerk gehört aber auch die Unterwelt-Legende Meyer Lansky. Der hatte das National Crime Syndicate gegründet, die Dachorganisation der amerikanischen Mafia-Familien. Der Kreis um Cohn war also die Elite der Unterwelt, die Brennkammer des Verbrechens.
Für diese Männer waren die Erkenntnisse aus dem Plaza, das Wissen um die privaten Schwächen und Verfehlungen von Politikern, Behördenchefs oder Staatsanwälten ein effektives Mittel, um ihre Interessen durchzusetzen - von der Baugenehmigung über den Steuernachlass bis zur Vermeidung von Strafverfahren. Und Edgar Hoover, der das FBI aufgebaut und über vier Jahrzehnte geprägt hatte, und der eigentlich ihr hartnäckigster Gegner hätte sein sollen - dieser Mann fraß ihnen mutmaßlich aus der Hand. Jedenfalls betrieb er die Verfolgung des National Crime Syndikates nur halbherzig, obwohl Presse, Kongress und lokale Polizeibehörden seit Ender der 40er Jahre vor der Gefahr warnten.9
Aber Cohn arbeitet keineswegs nur für die Unterwelt, sondern auch für das politische Establishment der Vereinigten Staaten. Dem Ermittler Rothstein sagt er, die „Operation Blue Suite“ sei Teil des „anti-kommunistischen Kreuzzugs“10 gewesen.
Im Washington hatten seit 1953 die Republikaner die Macht, mit Präsident Eisenhower an der Spitze. Im Kongress dirigierte der fanatische Senator Joseph McCarthy die Kampagne gegen alle, die im Verdacht standen, links zu sehen: Schriftsteller, Journalisten, Hollywoodstars. Der Öffentlichkeit wurde das als Teil der geopolitischen Auseinandersetzung mit der Sowjetunion verkauft. Tatsächlich war die Hexenjagd auf Kommunisten ein Instrument im Kampf um die Macht in Washington.
Cohn war in seiner Washingtoner Zeit als rechte Hand von McCarthy Teil dieses Kulturkampfs gewesen, nun lieferte er aus New York die Munition, mit der Freund und Feind auf Linie gebracht werden konnten. So interpretiert der Ermittler Rothstein seine Aussage.
Wenn das stimmt, dann war die Blue Suite ein Ort, an dem sich die Interessen des Staates und des organisierten Verbrechens trafen. An dem sich Mafia und Polizei oder Geheimdienst nicht bekämpften, sondern kooperierten. Auf den ersten Blick mag das ein überraschender Befund sein. Aber er passt nahtlos in eine lange Reihe von Ereignissen.
Operation Underworld
Im Zweiten Weltkrieg fürchtete die amerikanische Marine, dass Agenten der Nazis in den Häfen an der Ostküste Fuß fassen und Sabotage-Akte verüben könnten. Deshalb beschloss die Naval Intelligence, zur Abwehr der Gefahr mit der Mafia zusammenzuarbeiten. Die kontrollierte die Hafenarbeiter und damit auch die Sicherheitslage vor Ort. Die Geheimdienstler sprachen also mit dem Chef des National Crime Syndicate, Meyer Lansky, und seinem Kumpel Lucky Luciano, der noch in Haft saß. So begann die „Operation Underworld“.11 Aus der lokalen Initiative wurde bald eine geopolitische Strategie: nach dem Krieg exportierten die Amerikaner Lucky Luciano und andere Mafiosi nach Europa und setzten sie in den Häfen und Industriestätten Südeuropas als Kampftruppe gegen Gewerkschafter und Kommunisten ein. Im Gegenzug konnten die Gangster weitgehend unbehelligt ihren Geschäften nachgehen. Aus dieser Kooperation entwickelte sich zum Beispiel die French Connection, die über den Hafen von Marseille Europa mit Heroin versorgte.
So fing es an. Im Vietnamkrieg tolerierte die CIA den Drogenhandel im Goldenen Dreieck, um ihren antikommunistischen Verbündeten in Laos zu helfen. Dabei ging um um die Finanzierung von Operationen gegen den Vietcong12.
Im Iran-Contra-Skandal der 80er Jahre kooperierte die CIA mit Waffenhändlern und Drogenbossen von Middle East bis Südamerika, um ein System der Schattenfinanzierung zu schaffen. Es ermöglichte der Regierung Reagan, Operationen durchzuführen, die der Kongress nicht finanzieren wollte.13
Gleichzeitig hielt die CIA im eigenen Land Kontakt zu Call-Girl-Diensten, die Minderjährige an zahlungswillige Kunden in Washington lieferten: an Diplomaten, Politiker, Geschäftsleute. Einer der Dienstleister war „Fantasies Unlimited“ aus einer Kleinstadt in Virginia. Die Menschenhändler verkauften Informationen über die Vorlieben ihrer Kunden an CIA, MI6 und Mossad. Aufgedeckt wurde die Operation von einem Untersuchungsausschuss des Staates New York14.
Warum erzähle ich diese alten Stories? Sie sind 40, 50 Jahre her, die meisten Protagonisten sind tot. Was gehen uns die Skandale von gestern an?
Sehr viel. Die Serie der alten Fälle zeigt uns, dass die Zusammenarbeit zwischen Staat und Mafia kein Ausrutscher war, sondern oft Ausdruck gemeinsamer Interessen, vielleicht sogar kultureller Nähe. Jedenfalls können wir mit diesem Wissen nicht mehr davon ausgehen, dass der amerikanische Staat und das Organisierte Verbrechen entgegengesetzte Pole sind. Eher gleichen sie einem Hufeisen. Dieser Befund galt in den 80er Jahren - und er gilt heute noch.
Relevant für die Gegenwart sind einige der alten Fälle aber auch, weil sie die Blaupause lieferten für Jeffrey Epstein15. Statt einer Hotelsuite nutzte er seine Häuser in New York, Miami und auf der Karibik-Insel Little St. James. Das Geld für die Tatorte und die Privatjets kam aus Cohns Umfeld. Davon später. Cohn selbst konzentrierte sich unterdessen auf ein anderes Talent: den jungen Immobilien-Unternehmer Donald Trump.
Beginn einer Freundschaft
Trump war in den 70er Jahren der Laufbursche seine Vaters. Er musste die Mieten in dessen herunter gekommenen Wohnblöcken in Queens und Brooklyn einsammeln und wurde von ihm schikaniert und gedemütigt. Handlungsspielraum hatte er kaum. Und solange der despotische Vater lebte, würde sich daran nichts ändern. Trump Junior brannte darauf, sich beweisen zu können.
Roy Cohn ist in dieser Zeit auf dem Gipfel seiner Karriere. Abends hält er Hof in einem Club auf der Upper East Side: Members only, unten Tanzfläche, oben Dining. Dort hat Cohn einen zentralen Tisch. Oft teilt er ihn mit seinen Freunden von der Mafia; Klienten und Geschäftsfreunde kommen vorbei - auf ein Wort oder einen Drink.
An einem Abend im Oktober ’73 ist es Donald Trump, der an den Tisch kommt und das Gespräch sucht16. Cohn sieht einen großen, blonden Mann mit blauen Augen, der großspurig auftritt und selbstsicher wirkt. Einer, der sich nicht schämt für seinen maßlosen Ehrgeiz, seine Gier und sein Geltungsbedürfnis. Cohn beschließt, diesen Mann zu seinem Projekt zu machen. Ihn zu formen nach seinen Vorstellungen und ihn ganz nach oben zu bringen. Schon früh flüstert Cohn seinem Schützling diese Idee ein. Ohne Cohns diabolisches Mentoring wäre Trump nie Präsident geworden.
Zunächst hilft der Anwalt bei einer kleineren Streitsache, die sich um Rassendiskriminierung bei Vermietungen dreht. Als die Streitsache eskaliert, befasst sich das Justizministerium mit dem Fall, und Cohn versucht, eine hohe Beamtin17 einzuschüchtern. Das funktioniert zwar nicht, aber Cohn erklärt seinem Schützling das Prinzip: nie zurückweichen, immer angreifen, immer Furcht verbreiten.
Und er fährt fort:
„Wenn du die schmutzige Wäsche eines Müllmanns kennst, ist das nichts“, erklärt Cohn, „aber bei einem Richter oder einem CEO fängt die Sache an, Spaß zu machen. Ihre miesen, kleinen Geheimnisse sind mehr wert als jeder Insider-Trade.
„Und wenn jemand sauber ist?“ fragt Trump.
„Zeig mir den CEO, der keine Leichen im Keller hat. Aber gut, nehmen wir an, es gibt ihn, den Milliardär ohne Sünde. Wenn du alles hast, und die Speichellecker dir jeden Wunsch von den Augen ablesen, weiß du, was dann kommt? Ich werde es dir sagen: Die Langeweile. Schwarze, tödliche Langeweile. Dann ist es so weit. Du brauchst den Kick - du willst die Grenzen testen. Und dann - dann bist du Teil von uns.“
Das Echo dieser Worte findet sich 25 Jahre später in der Widmung wieder, die Trump ins Geburtstagsbuch von Jeffrey Epstein schreibt.18
„There must be more to life than having everything“ - schreibt er da. Gefolgt von Anspielungen auf gemeinsame Geheimnisse, die niemals altern. Umrahmt von der Silhouette einer nackten Frau.
Dass Macht zu Grenzüberschreitungen verleitet - diesen Gedanken Cohns versteht der junge Trump sofort. Er passt zu seinen Träumen. Er will Brooklyn hinter sich lassen, den Vater, die Tristesse der Ziegelbauten. Trump will Manhattan erobern. Und er ahnt jetzt, wie das funktionieren könnte.
Das Gesellenstück
Neben dem Grand Central Terminal, der Kathedrale des Eisenbahnzeitalters im Zentrum New Yorks, rottet das riesige Commodore-Hotel vor sich hin. In den Eingängen hausen Obdachlose, die Hälfte der Räume steht leer, im Erdgeschoss arbeitet ein Massage-Salon19. Aus dieser Ruine soll ein Hotelpalast werden - das ist die Vision, die Trump für sein erstes großes Projekt hat.
Außer seinem Ehrgeiz hat der Jung-Unternehmer wenig zu bieten: weder Kapital, noch Erfahrung. Für ein Immobilienprojekt, das nach heutigen Maßstäben viele Hundert Millionen Dollar erfordert, eine aussichtslose Position. Aber mit Cohns Hilfe stemmt der Nobody aus Brooklyn eines der ehrgeizigsten Bauprojekte jener Jahre.
Cohn bringt zunächst die Milliardärs-Familie Pritzker an den Tisch. Die Pritzkers stammen aus Chicago. Der Großvater hat dort in den 30er Jahren als Anwalt die Leute um Al Capone beraten. Eine Generation später bekommen die Pritzkers Zugang zum Central States Pension Fund. Der verwaltet das Geld der LKW-Fahrer und Transportarbeiter, der sogenannten „Teamsters“. Die Teamsters sind ein klassisches Einflussgebiet der Mafia. Deren Leute sitzen in der Verwaltung des Fonds und sind behilflich, wenn Mitglieder des National Crime Syndicate legale Investments finanzieren wollen - zum Beispiel Casinos in Las Vegas. Der Pensionsfonds ist die Bank der Mafia.
Als die Pritzkers 1957 ihr erstes Hotel kaufen, kommt das Geld aus dieser Quelle. Für das zweite ebenfalls, und das dritte auch. So bauen die Pritzkers in atemberaubendem Tempo eine Hotelkette auf, die heute zu den weltweit größten gehört: das Hyatt-Imperium. Das FBI hat die Finanzierung Anfang der 60er Jahre untersucht, Aktenzeichen 92-505320 - allerdings ohne juristische Konsequenzen. Der FBI-Chef hieß Edgar Hoover.
Und nun soll das Commodore am Grand Central ebenfalls ein Hyatt-Hotel werden - in einem Joint Venture mit Donald Trump. Trotz der prominenten Unterstützung zögern die Banken, Trumps Anteil zu finanzieren. Das Projekt rechnet sich nicht. Es sei denn, die Stadt New York gewährt den Hotel Steuervorteile.
Und genau das passiert. In einem Geflecht von Abhängigkeiten, Vorteilsgewährung und Wahlkampfspenden gelingt es dem Duo Trump und Cohn, einen überraschend hohen Steuerrabatt herauszuschlagen: 160 Millionen Dollar verteilt auf 40 Jahre.21
Den ersten Auftrag des Projekts, Entkernen und Abriss, vergibt Trump an die Firma Cleveland Wrecking. Sie gehört über Strohmänner der Mafia-Familie der Scarfos. Der zweite wichtige Auftrag, Beton, geht an North Berry und Transit Mix. Die Firmen sind Teil des New Yorker Concrete Clubs, der von den fünf Mafia-Familien der Stadt gesteuert wird. Der Club verteilt Aufträge an Unternehmer, nimmt 2% Kommission und garantiert die Kooperation der Gewerkschaften, zu denen selbstverständlich auch die Teamsters gehören22.
Damit vereint das Trumps erstes Projekt alle Ebenen, die für StealthCrime typisch sind: Staat, organisierte Kriminalität und Unternehmertum.
Am 25. September 1980 wird das Grand Hyatt eröffnet. Außen bronziertes Spiegelglas, in der Lobby polierter Marmor und blitzendes Messing. Ein Wasserfall rauscht über mehrere Stockwerke. Trump hat seinen Stil gefunden. Und seinen Modus Operandi.
Iran-Contra-Affäre
Während das Grand Hyatt seiner Vollendung entgegengeht, bemüht sich der Schauspieler Ronald Reagan, Präsident zu werden. Cohn unterstützt Reagans Team mit Logistik und Kontakten. Reagans Wahlkampfmanager William Casey ruft in dieser Zeit fast täglich bei Cohn an. Dass erzählt Cohns Telefonistin später der Presse23. Casey hat eine Geheimdienstbiografie. Als Staat und Gangster im Kampf gegen die Nazis zusammenfanden, arbeitete er für den CIA-Vorläufer OSS24.
Nach seinem Sieg ernennt Reagan Casey zum Chef der CIA. Es ist die Zeit, in der vor der Haustür der USA das Gespenst der Revolution umgeht. In Nicaragua haben die linken Sandinisten einen skrupellosen Diktator aus dem Amt gejagt und arbeiten am Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft. Reagan will dem ein Ende machen - durch Waffenhilfe für rechte Rebellen. Aber der Kongress verweigert die Mittel, und so bekommt Casey die Aufgabe, eine „private Finanzierung“ zu organisieren. Daraus entsteht das Dreiecksgeschäft aus Waffenhandel, Drogenschmuggel und Geldwäsche, das später als Iran-Contra-Affäre weltweit bekannt wird. Es ist eines der schmutzigsten Kapitel der amerikanischen Geschichte. Cohn unterstützt die verfassungswidrige Operation gleich zweifach: er organisiert die mediale Unterstützung durch Rupert Murdoch25, dessen Imperium später zur Propaganda-Maschine für Donald Trump wird. Und er nimmt einen neuen Mandaten an: den saudischen Waffenhändler Adnan Kashoggi, Hoflieferant der CIA in der Iran-Contra-Affäre26.
Trump entwickelt in der Zwischenzeit sein Casino in Atlantic City, das weitere Berührungspunkte mit dem organisierten Verbrechen schafft, und er baut den Trump Tower an der Fifth Avenue. Den Zement bestellt Trump wie gewohnt beim Concrete Club der New Yorker Mafia27. Das fünfstöckige Atrium - Marmor, Gold und Wasserfall - ist ein Signal an seine Zielgruppe.
Kurz nach Baubeginn bringt Roy Cohn bereits den ersten Käufer: Robert Hopkins, ein Geschäftsmann, der für die Lucchese-Familie New Yorks größte illegale Glücksspiel-Operation betreibt. Zum Closing kommt er mit einem Aktenkoffer in Trumps Büro und kippt 200.000 Dollar auf den Tisch - die Anzahlung für ein zwei-Millionen-Apartment.28 Seine hundert Spielsalons wird er später aus dem Trump Tower steuern.
Das ist der Anfang. Als nächstes kommt der russische Mafia-Boss David Bogatin und kauft gleich fünf Luxus-Apartments auf einmal.29 Ihm folgen zahlreiche Russen mit Verbindungen zur organisierten Kriminalität. Sie alle nutzen die großen Schlupflöcher in der amerikanischen Geldwäsche-Regulierung und zahlen in bar oder über Strohleute und Briefkastenfirmen. Trump will nie wissen, woher das Geld kommt, und so fließen mindestens 1,5 Milliarden Dollar aus dubiosen Quellen in Trumps Projekte30. Sein protziger Turm an der 5th Avenue wird so zu einem Brückenkopf der russischen Mafia in den USA.
Die 80er Jahre sind die Zeit, in der der Chef des russischen Geheimdienstes KGB beschließt, in großem Stil Kapital zu exportieren, um seine Organisation auf den Untergang der Sowjetunion vorzubereiten. Vladimir Kryutschkov nutzt dafür ein Netzwerk aus Agenten, Unternehmern und Mafiosi, das den Westen unterwandern soll31. Aus diesen Kreisen kommen Trumps Kunden. Und Moskau erkennt schon in den 80er Jahren, dass seine Charakterschwächen viel Potential bieten.
In Cohns Netzwerk überschneiden sich die Interessen von Staat und Mafia, von Geheimdiensten und Geschäftswelt, Waffenhandel und Geopolitik. Seine Biografie ist ein Beleg für Hufeisen-Theorie: dass es jenseits unseres Alltags eine Welt gibt, in der die Gegensätze verschmelzen.
Cohn hat seine Verbindungen skrupellos zu seinem eigenen Vorteil eingesetzt, aber sein größtes Projekt hatte etwas geradezu Altruistisches: Der Aufstieg von Donald Trump. Cohns Mann sollte es an die Spitze schaffen. Und gegen alle Wahrscheinlichkeit erreichte seine Kreatur ihr Ziel.
Doch Trump ist nur eine der beiden Figuren, die aus Cohen Netzwerk hervorgingen und verheerende Wirkung entfalteten. Die andere ist Jeffrey Epstein. Er wurde von Cohns engsten Freunden gefördert und später mit jenen Milliarden versorgt, die Epsteins Einfluss-Operation ermöglichten. Was einst als geselliger Abend in der Blue Suite des Plaza begonnen hatte, das machte der Mädchenhändler und Power Broker zu einer globalen Strategie.
Wie es dazu kam und wessen Interessen das alles nützt - damit beschäftigt sich die nächste Folge von StealthCrime.
Cohn starb im Jahr ’86 an Aids. Trump ließ ihn am Ende seines Lebens fallen.
FUSSNOTEN
1 Die Beschreibung der Suite stammt von Susan Rosenstiel, die mit ihrem Mann an einem der Abende teilnahm.
Alyse, Whitney. One Nation Under Blackmail - Vol. 1: The Sordid Union Between Intelligence and Crime that Gave Rise to Jeffrey Epstein, VOL.1 (English Edition) (p. 97). (Function). Kindle Edition.
2 Die Untersuchung wurde vom New York State Joint Legislative Committee on Crime durchgeführt. Der Abschlussbericht, Dokument 26/1971, fasst die Ergebnisse auf 101 Seiten zusammen.
Abgerufen: 24.08.2026; 09:27:32
3 Lewis Rosenstiel hat seine Frau nach ihren Aussagen gegenüber dem Untersuchungsausschuss wegen Verleumdung verklagt. Susan Rosenstiel, nach ihrer Scheidung Susan Kaufman, hat die Aussagen gegenüber Summers mit einer eidesstattlichen Erklärung untermauert.
Anthony Summers, Official and confidential - the secret Life of J. Edgar Hoover
S.291 ff
New York: Pocket Star Books, 1994
https://archive.org/details/officialconfide000summ.
4 James P. Kelly, Chef-Ermittler eines Kongress-Ausschusses, sagte in New York aus, Rosenstiel habe während der Prohibition zu einem „consortium“ gehört, das Alkohol von Samuel Bronfmans kanadischen Betrieben kaufte und illegal in den USA vertrieb. Zu dieser Gruppe rechnete er neben Rosenstiel Meyer Lansky, Joseph Fusco und Joseph Linsey.
Abgerufen: 24.08.2026; 09:41:56
5 Zitiert nach Alyse, Whitney. One Nation Under Blackmail - Vol. 1: The Sordid Union Between Intelligence and Crime that Gave Rise to Jeffrey Epstein, VOL.1 (English Edition) (p. 93). (Function). Kindle Edition.
6 Burton Hersh, Bobby and J. Edgar: The Historic Face-off between the Kennedys and J. Edgar Hoover That Transformed America (New York: Basic Books, 2008), 88.
Zitiert nach:
Alyse, Whitney. One Nation Under Blackmail - Vol. 1: The Sordid Union Between Intelligence and Crime that Gave Rise to Jeffrey Epstein, VOL.1 (English Edition) (p. 112). (Function). Kindle Edition.
7 John W. DeCamp, The Franklin Cover-up: Child Abuse, Satanism, and Murder in Nebraska (Lincoln, Neb: AWT, 1992), 179.
Zitiert nach:
Alyse, Whitney. One Nation Under Blackmail - Vol. 1: The Sordid Union Between Intelligence and Crime that Gave Rise to Jeffrey Epstein, VOL.1 (English Edition) (p. 112). (Function). Kindle Edition.
Abgerufen: 24.08.2026; 14:33:10
9 Das TIME-Magazine hat die Verbindungen zwischen Hoover und der Mafia 1975 in einer Cover-Story rekonstruiert.
Abgerufen: 26.08.2026; 08:21:53
Hoover leugnete die Existenz einer landesweiten Mafia-Organisation und sprach von Einzeltätern und lokalen Gangs.
Mehrere Skandale der 50er Jahre rückten seine Untätigkeit ins Licht der Öffentlichkeit, darunter das Mafia-Meeting in Apalachin 1957, das vom FBI ignoriert, aber von der lokalen Polizei aufgedeckt wurde.
https://en.wikipedia.org/wiki/Apalachin_meeting
Abgerufen: 26.08.2026; 08:27:21
10 Alyse, Whitney. One Nation Under Blackmail - Vol. 1: The Sordid Union Between Intelligence and Crime that Gave Rise to Jeffrey Epstein, VOL.1 (English Edition) (p. 100). (Function). Kindle Edition.
11 Die Kooperation zwischen Navy und Mafia ist gut dokumentiert, sogar durch Untersuchungen der Navy selbst.
Abgerufen: 30.08.2026; 15:50:40
Eine umfassende Darstellung liefert ein Sachbuch, das auf der Auswertung des Herland-Reports aus dem Jahr 1954 beruht:
Rodney Campbell, The Luciano Project: The Secret Wartime Collaboration of the Mafia and the U.S. Navy, New York: McGraw-Hill, 1977.
12 Die CIA hat diesen Aspekt des Vietnamkrieges selbst aufgearbeitet:
https://www.cia.gov/resources/csi/static/CIA-Air-Ops-Laos.pdf?utm_source=chatgpt.com
Abgerufen: 30.08.2026; 16:02:55
13 Final Report of the Independent Counsel for Iran/Contra Matters
https://irp.fas.org/offdocs/walsh/?utm_source=chatgpt.com
Abgerufen: 30.08.2026; 16:06:40
14 Quelle für die CIA-Kooperation mit „Fantasien Unlimited“ sind die Recherchen von Whitney Webb:
One Nation Under Blackmail – Vol. 2: The Sordid Union Between Intelligence and Organized Crime that Gave Rise to Jeffrey Epstein Vol. 2 (English Edition) (p. 47). (Function). Kindle Edition.
Die Original-Quelle des Untersuchungsberichts findet sich im Web-Archiv:
https://web.archive.org/web/20190225212253/https:/disobedientmedia.com/dm/NY_Sex_Trafficking.pdf
https://web.archive.org/web/20190225212253/https:/disobedientmedia.com/dm/NY_Sex_Trafficking.pdf
Abgerufen: 26.08.2026; 09:56:46
15 Die amerikanische Investigativ-Journalistin Whitney Webb kommt zu dem Schluss:
„Epstein’s involvement with intelligence during this period and his subsequent sex trafficking activities suggest that these operations, as well as those practiced by top officials at BCCI, may have served as a sort of blueprint for Epstein’s own, subsequent sex trafficking/sex blackmail operation with Ghislaine Maxwell, daughter of the intelligence-connected Robert Maxwell.“
Webb, Whitney Alyse . One Nation Under Blackmail – Vol. 2: The Sordid Union Between Intelligence and Organized Crime that Gave Rise to Jeffrey Epstein Vol. 2 (English Edition) (p. 47). (Function). Kindle Edition.
16 Roy Cohns Cousin hat die Szene für das Magazin „Frontline“ beschrieben.
https://www.pbs.org/wgbh/frontline/interview/david-marcus/?utm_source=chatgpt.com
Abgerufen: 30.08.2026; 15:17:52
Trump beschreibt das erste Treffen in „The Art of The Deal“, betont aber, dass Cohn auf ihn zugekommen sei.
Donald J. Trump / Tony Schwartz
The Art of the Deal
Random House, New York, 1987
S.56
17 Elyse Goldweber, damals als Anwältin im DoJ-Department for Fair Housing. In einem Interview mit „Frontline“ hat sie Cohn aggressive Einschüchterungsmethoden beschrieben.
https://www.pbs.org/wgbh/frontline/interview/elyse-goldweber/?utm_source=chatgpt.com
18 Der Original-Text:
„Voice Over:
There must be more to life than having everything.
Donald
Yes there is, bit I won’t tell you what it is.
Jeffrey
Nor will I, since I know also what it is.
Donald
We have certain things in common, Jeffrey.
Jeffrey
Yes we do. Come to think of it.
Donald
Enigmas never age, have you noticed that?
Jeffrey
As a matter of fact it was clear to me the last time I saw you.
Donald
A pal is a wonderful thing. Happy Birthday - and may every day be another wonderful secret.
Donald J. Trump“
https://www.bbc.com/news/articles/cvgqnn4ngvdo
Abgerufen: 29.08.2026; 08:12:51
19 The New Yorker,
20 Die FBI-Akte beschäftigt sich mit dem Mafia-Anwwalts Sidney Korshak im Zusammenhang mit dem Tatverdacht des „Raketeerings“, also der Erpressung. Teil der Untersuchung sind Korshaks geschäftliche Verbindungen zur Pritzker-Familie und die Finanzierung der Hyatt-Hotels durch den Teamster Pensionsfonds.
https://vault.fbi.gov/Sidney%20Korshak/Sidney%20Korshak%20Part%2001/view
21 The New Yorker, The Mentor - How Roy Cohn taught Donald Trump everything
03.08.2026
https://www.newyorker.com/magazine/2026/08/10/roy-cohn-profile
Abgerufen: 30.08.2026; 16:12:49
22 Trumps Kooperation mit Firmen aus dem Einflussbereich der Mafia hat der Journalist Wayne Barret untersucht:
Trump - the Deals and the Downfall, New York 1992
Text abrufbar unter:
https://toba60.com/wp-content/uploads/2025/07/Trump-Wayne-Barrett-Z-Library_organized.pdf
Weitere Quelle:
https://www.themarshallproject.org/2016/04/27/trump-and-the-mob?utm_source=chatgpt.com
23 Das erzählt Cohns Telefonistin Christine Seymour später dem Magazin „The New Yorker“
Abgerufen: 29.08.2026; 10:14:27
24 https://www.reaganlibrary.gov/archives/speech/nominations-cabinet-members?utm_source=chatgpt.com
Abgerufen: 30.08.2026; 08:00:21
Abgerufen: 30.08.2026; 07:57:44
26 https://www.reaganlibrary.gov/archives/speech/nominations-cabinet-members?utm_source=chatgpt.com
Abgerufen: 30.08.2026; 08:05:18
27 Der Zement-Lieferant S&A Concrete wurde von den Mafia-Familien Genovese und Gambino betrieben. Die Verbindung zu deren Chefs, Anthony Salerno und Paul Castellano, stellte RoyCohn her. Nach Aussagen des Ermittlers Wayne Barrett arrangierte er ein Treffen im Wohnzimmer seines Hauses.
Salerno.
Unger, Craig. House of Trump, House of Putin: The Untold Story of Donald Trump and the Russian Mafia (English Edition) (p. 25). (Function). Kindle Edition.
28 „When he met Trump at the closing, he opened his briefcase and approximately $200,000 in cash spilled out on Trump’s conference table.“
Unger, Craig. House of Trump, House of Putin: The Untold Story of Donald Trump and the Russian Mafia (English Edition) (p. 15). (Function). Kindle Edition.
29 Wayne Barrett, Trump: The Greatest Show on Earth: The Deals, the Downfall, the Reinvention (New York: Regan Arts, 2016).
Abgerufen: 30.08.2026; 11:26:49
31 Die Hintergründe habe ich in mehreren Folgen über Stasi und KGB beschrieben.
Einer der ersten Vertreter dieser These ist Fritz W. Ermarth, ein strategischer Analyst der CIA und Vorsitzender des National Intelligence Council. Er hat seine Thesen in einem Artikel für „The National Interest“ zusammengefasst:
https://nationalinterest.org/legacy/seeing-russia-plain-839
Abgerufen: 30.08.2026; 11:206:43
