ORIGIN II
Der Club der Philanthropen


Die gleichen Netzwerke, die den Aufsteig Trumps förerten, spielen auch in Epsgteins Leben eine entscheidende Rolle. Aus einem mittelmäßigen Mathematikerlehrer ohne Uni-Abschluss machten sie einen weltweit vernetzten Power-Broker mit dem Lifestyle eines Milliadärs. Seine Obsessione waren dabei kein Hindernis, sondern ein Vorteil. 

 

An diesem Abend im Mai ´83 versammelt sich die Geldelite New Yorks im Empire State Room des Grand Hyatt, um einen der ihren zu ehren: Roy Cohn bekommt den „City of Peace Award“, den Jerusalem-Preis. 

 

Am Tisch des Ehrenkomitees sitzt Donald Trump, der Smoking maßgeschneidert, die blonden Haare geföhnt. Wie immer trägt er große Manschettenknöpfe, heute sind sie von Kieselstein-Cord, dem Schmuckdesigner der New Yorker Elite: zwei massiv-goldene Krokodile, die sich einringeln. Die Finger, die aus den Manschetten ragen, wirken dagegen klein und stummelig. Trump hasst seine Hände. Irgendein Schreiber hat sich in einem Artikel für Vanity Fair über ihre Größe lustig gemacht - und Trump weiß nur zu genau, was diese Anspielung bedeutet.1

 

Aber heute können ihm Gehässigkeiten nichts anhaben. Das Grand Hyatt ist sein Werk. Aus einer Ruine hat er eines der luxuriösesten Hotels der Stadt gemacht. Die Spiegelfassade, die Marmor-Lobby, der Empire State Room, der seinen historischen Charakter behalten durfte - all das hat er, Trump, erschaffen. Natürlich nicht ganz allein, sondern mit der Hilfe seines vielfältig vernetzten Mentors.

 

Roy Cohn, Anwalt der Elite und Consigliere der großen Mafia-Familien der Ostküste, wird an diesem Abend geehrt für seinen Einsatz für Israel. Eingeladen hat eine der exklusivsten Organisationen New Yorks:  B’nai B’rith, ein jüdischer Verein, der bereits im 19. Jahrhundert gegründet wurde, und dessen Banking-Section viele der großen Vermögen der Ostküste vereinigt. In der Einladung, die heute noch in der Reagan-Library abrufbar ist, heißt es: Cohn sei ein unbeugsamer Verfechter des Existenzrechts Israels gewesen und habe für die wirtschaftliche und politische Unterstützung des Landes durch die USA gekämpft2. Am Ende der Einladung werden die Gäste aufgefordert, Israel-Anleihen zu zeichnen. 3,2 Millionen Dollar kommen an diesem Abend zusammen. Präsident Ronald Reagan ehrt Cohn mit einem Grußwort, Alfonse D’Amato, Senator des Staates New York, hält die Laudatio. Gekommen sind Medien-Magnaten wie Rupert Murdoch und die Besitzer der New York Times; daneben Unternehmer, Diplomaten und Spitzen-Banker. 

 

Sie alle eint der Einsatz für Israel. Es ist das Jahr ´83, der Jom-Kippur-Krieg ist gerade mal zehn Jahre her; der Frieden mit Ägypten vier. Bis vor kurzem war Israels Existenz immer wieder bedroht: vier Millionen Israelis gegen 60 Millionen Araber.3 Die wichtigste Lebenslinie für das zionistische Projekt ist die Unterstützung durch Washington - politisch, wirtschaftlich und militärisch. Ohne die Waffen aus den USA hätte Israel den Zweifrontenkrieg des Jahres ´73 vielleicht verloren. Dann hätten sich die russischen Panzer Ägyptens und Syriens in Tel Aviv getroffen. 

 

Und so sehen es die Gäste der Gala im Grand Hyatt als ihre Mission an, die Supermacht auf ihrem pro-israelischen Kurs zu halten. Sie sind Bürger der USA, sie können ohne Einschränkung spenden und Lobbyismus betreiben. Sie müssen sich auch nicht registrieren lassen wie alle anderen, die im Auftrag fremder Mächte versuchen, amerikanische Politik zu beeinflussen. Ihre Doppelstellung als Bürger der USA und Mitglieder der Diaspora ist ein strategischer Vorteil. 

 

Er gilt nicht nur für B’nai B’rith, den Veranstalter des Ehrenabends für Roy Cohn, sondern für ein breites Spektrum jüdischer Wohltätigkeitsorganisation von der Jewish Federation of North America bis zum Jewish World Congress. Es ist ein vielschichtiges Geflecht von Vereinen und Komitees, mit unterschiedlichen Schwerpunkten, aber einem gemeinsamen Interesse: den Bestand des Staates Israel zu sichern.

 

Die Herren im Black-tie-Outfit, die Damen in Abendroben, Regierungsvertreter, CEOs, die Erben großer Vermögen - es ist ein respekteinflößendes Publikum, das ins Grand Hyatt gekommen ist, um Cohn zu ehren. Aber der Glanz kann nicht verdecken, dass diese Elite dunkle Seiten hat. Da ist Cohn selbst, zu dessen Mandanten mehrere der großen Familien der Mafia gehören; da ist Donald Trump, der von Cohn gecoacht wurde und der nun seinen Trump-Tower für die Geldwäsche-Operationen der Russen zur Verfügung stellt. Da sind die Pritzkers, die sich ihre Hotelkette von einem mafia-nahen Pensionsfonds finanzieren ließen; die Bronfmans, deren Alkohol-Imperium im Nebel der Prohibition entstand. Und da ist schließlich die prominentesten Hervorbringungen dieser Elite: Jeffrey Epstein. 

 

 

Bärendienst

 

Mitglied im Ehrenkomittee dieses Abends ist der Investmentbanker Alan Greenberg, Chef von Bear Stearns. Aus dem unbedeutenden Broker hat er innerhalb weniger Jahre eine der profitabelsten Banken der Wallstreet gemacht. Mit Mut zum Risiko, aggressiven Handelsstrategien - und einer neuen Personalpolitik. Im Gegensatz zu Goldman Sachs oder Merill Lynch verzichtete er auf die glattgebügelten Havard-Absolventen aus gutem Hause. „Ich will sie arm, smart und gierig“, sagte Greenberg4. Er ist ein bulliger Glatzkopf Mitte 50, dem auch als CEO noch der Stallgeruch des Trading-Floors anhaftet. 

 

Greenberg gebührt das Verdienst, Jeffrey Epstein für die Wallstreet entdeckt zu haben. Epstein unterrichtete Mathematik an der Dalton School. Das ist eine Privatschule auf der Upper East Side, deren Gebühren der Höhe eines mittleren Angestelltengehalts entsprechen. Ein Tummelplatz der New Yorker Elite. Unter den Schülern galt Epstein als Klaviervirtuose und Mathematik-Genie. Der Vater eines Dalton-Schülers machte Greenberg auf den talentierten Lehrer aufmerksam, und der stellte ihn prompt ein. Epstein entsprach Greenbergs Kriterien: ein Arbeiterkind aus Coney Island, nicht verwöhnt, keine Manieren, aber hungrig und getrieben von dem unbedingten Willen zum Aufstieg. 

 

Greenberg protegiert den Newcomer. Dass seine Uni-Abschlüsse gefälscht sind - egal. Dass er sein Spesenkonto für private Ausgaben nutzt - verziehen. Dass die Börsenaufsicht wegen Insider-Handels ermittelt - unangenehm, aber kein Beinbruch. Greenberg gibt Epstein einen Klaps auf die Finger, in Form einer Abmahnung und einer kleinen Geldstrafe, den Jahresbonus zahlt die Bank trotzdem aus. 

 

Es sind Epsteins Lehrjahre an der Wallstreet. Greenbergs Leute bringen ihm das Handwerk des Aktiengeschäfts bei und geben ihm Einblick in den Handel mit Devisen und Derivaten. Er lernt die Sprache der Trader, die ihm später helfen wird, sich als Hedgefonds-Manager und Finanzgenie zu präsentieren.5 Mit dieser Legende erklärt er dann seinen Reichtum und tarnt sein eigentliches Geschäft.

 

Greenberg kümmert sich aber auch um das gesellschaftliche Leben seines Protégés. Bei einem Dinner platziert er ihn neben seiner 20jährigen Tochter und überhaupt stellt er dem Newcomer das Who-is-Who der New Yorker Gesellschaft vor. Als CEO einer der erfolgreichsten Banken der Wall Street ist er gut vernetzt, vor allem aber spielt er eine zentrale Rolle im Fundraising für Israel. Jedes Jahr spendet er eine Million Dollar für United Jewish Appeal. Genauso regelmäßig laden Greenberg und seine Frau Kathryn zum Empfang in ihre Wohnung an der Upper East Side und sammeln Dutzende von Millionen für Hilfsprogramme in den USA und Israel6. Die Gäste bezeichnen sich gerne als Philanthropen, als Menschenfreunde, die ihr Geld in den Dienst einer noblen Sache stellen. In diesen Kreisen wird der talentierte Mr. Epstein herumgereicht. Eines Abends spielt er bei einem Empfang im New Yorker Haus des britischen Unternehmers James Goldsmith eine Klaviersonate von Beethoven. Ein Gast ist so fasziniert, dass er Epstein eine „magnetische Wirkung“ attestiert. Und er fügt hinzu: „Besonders auf die schönen Töchter mächtiger Männer.“7

 

Es sind Angehörige dieses Milieus der jüdischen Philanthropie, die Epstein ab Ende der 80er Jahre Kapital für sein Missbrauchs-Imperium zur Verfügung stellt. 

 

 

Die Mega Group

 

Beim Gala-Dinner im Empire-State-Saal des Grand Hyatt ist der offizielle Teil vorbei, die Reden sind gehalten und Roy Cohn, der Preisträger, geht von Tisch zu Tisch und hält Small Talk mit den Gästen. Sein Smoking sitzt, die Reihe der Perlmuttknöpfe pimpt seine Erscheinung. Aber bei aller Eleganz strahlt Cohn etwas Abgründiges aus. Das liegt nicht nur an seiner Boxernase. Es ist, als ob - wie durch Osmose - etwas vom dunklen Karma seiner Klienten auf ihn übergegangen ist. 

 

Der Mann, den er jetzt begrüßt, bildet dazu einen Kontrast: offenes Lächeln, kultivierte Ausstrahlung. Die dunklen Locken kämpfen mit einem strengen Scheitel um die Deutungshoheit. Ronald Lauder ist 39, Erbe des Kosmetik-Konzern Estée Lauder und auf dem Weg, eine der wichtigsten Figuren in den Netzwerken der jüdischen Diaspora zu werden. Beim Aufstieg Epsteins wird er eine Schlüsselrolle spielen. Aber zuvor macht er eine Erfahrung, die ihn grundlegend verändert.

 

Als Lauder das Dinner besucht8, ist er Staatssekretär im Pentagon. Drei Jahre später schickt Reagan ihn als Botschafter nach Wien. Kurt Waldheim, der ehemalige Generalsekretär der UN, will dort gerade Österreichs Präsident werden. Der Weg ins höchste Amt des Staates scheint geebnet, da veröffentlicht der Jewish World Congress Dokumente über Waldheims Vergangenheit im Zweiten Weltkrieg. Im Raum steht der Verdacht, dass er an Kriegsverbrechen der Wehrmacht auf dem Balkan beteiligt gewesen ist. Weltweit fordern Regierungen und Bürgerrechtler Waldheim zum Rückzug auf. 

 

Doch Waldheim zeigt sich unbeugsam, und die Österreicher wählen ihn mit satter Mehrheit zum Präsidenten. „Jetzt erst recht“ - ist die Stimmung im Land. Österreich präsentiert sich der Welt als eine Nation, in der der Flirt mit dem Faschismus kein Makel ist - und damit auch der Antisemitismus nicht. 

 

Ronald Lauder verweigert Waldheim den Antrittsbesuch in der Hofburg9, was Diskussionen in Washington auslöst. Bei Lauder, der bisher in der abgeschirmten Welt der Upper East Side gelebt hat, löst die Waldheim-Affäre etwas aus: er erkennt, dass es nur Zufall war, dass er in New York geboren wurde, und nicht in den Ghettos Osteuropas. Dass er nicht als frierender Junge aus einem Zug in Auschwitz ausgeladen wurde.    

 

„Waldheim hat mich zum Juden gemacht,“ sagt er später gegenüber dem Guardian. „Ich kam nach Wien als assimilierter Jude, und als ich ging, war ich mir meiner Identität viel stärker bewußt.“10

 

Und nicht nur das. Lauder wird zum Aktivisten. Nach seiner Rückkehr in die USA übernimmt er Funktionen in einflussreichen Organisationen und wird schließlich Präsident des World Jewish Congress. 

 

Nicht im Scheinwerferlicht steht ein privater Club, dem Lauder ebenfalls beitritt. Er besteht aus 20 der einflussreichsten jüdischen Unternehmer der USA. Es sind Männer, die sich mit reiner Charity unterfordert fühlen und eine neue Generation von Führungskräften ausbilden wollen. Ein Leadership-Programm für Israel. Etwas Strategisches, das die Ausrichtung der israelischen Politik und die israelisch-amerikanischen Beziehungen langfristig beeinflussen soll. Hunderte von Leuten, die heute Spitzenpositionen in Justiz, Verwaltung und Armee haben, kommen aus den Förderprogrammen des Clubs. Die Mitglieder sind sich einig, dass nur ein starkes Israel auch ein sicheres Israel ist. Nie mehr Opfer sein. „The era of the quiet jew is over“ - sagt Lauder11. Die Öffentlichkeit erfährt jahrelang nichts von der Initiative. Erst 1998 berichtet der Wall Street Journal12 - eher zufällig - über den Herren-Club und nennt auch den merkwürdigen Namen, den sie sich gegeben haben: „Mega Group“. 

 

Dieser „Club der Philanthropen“ ist der Schöpfer von Jeffrey Epstein als Power Broker. Epsteins hatte sich nach seinen Lehrjahren bei der Investmentbank Bear Stearns mit allerlei dubiosen Geschäften mehrere Millionen zusammengerafft, war aber in der Finanzwelt eine kleine Nummer. Das ändert sich schlagartig, als er Leslie Wexner kennenlernt, Mitgründer der Mega-Group.

 

 

Die Vollmacht

 

Wexner ist ein Selfmademan. Aus einem kleinen Modeshop im Mittleren Westen hat er eines der großen Textil-Imperien der USA gemacht hat. Zu seinem Portfolio gehören das Dessous-Label „Victoria’s Secret“ und die Jugendkultmarke Abercrombie & Fitch. Beide bekannt geworden durch den exzessiven Einsatz spärlich bekleideter Models beiderlei Geschlechts. 

 

1987 engagiert der Milliardär Jeffrey Epstein als Finanzberater. Bald geht er noch einen Schritt weiter: er unterschreibt eine Generalvollmacht für Epstein. Das Dokument ist notariell beglaubigt und öffentlich einsehbar13. Epstein kann in vollem Umfang über Wexners Vermögen verfügen; er darf das Kapital Wexners in Trusts und Unternehmen einbringen; Kredite geben, Immobilien übertragen, Verträge in seinem Namen unterschreiben. Eine solche Vollmacht gibt man - wenn überhaupt - nur den engsten Verwandten oder Ehepartnern. Wexner aber liefert sich damit einem Mann aus, den er nur oberflächlich kennt. 

 

Es ist einer der rätselhaftesten Vorgänge in der gesamten Epstein-Affäre. Im Laufe der Jahre zahlt Wexner nach Schätzungen des Wall Street Journals über 200 Millionen Dollar für die Dienste des Finanzjongleurs.14 Aber das ist nur die Spitze des Eisbergs. Epsteins Residenzen in New York, Miami, Paris, Texas und in der Karibik, die Privatjets und die Aber-Millionen, die Epstein an Elite-Unis und Forschungseinrichtungen ausschüttet15 - all das zusammen erfordert weit mehr Ressourcen als die 200 Millionen, die Epstein offiziell erhielt. Deshalb muss es zwischen dem Vermögen Wexners und dem Spinnennetz Epsteins weit größere Transfers gegeben haben - in bar oder als Sachvermögen. 

 

Wexner ist der wichtigste Ansprechpartner Epsteins in der Mega Group. In den Epstein-Files des Justizministeriums taucht sein Name 1.300-mal auf. Aber auch zu den anderen Mitgliedern hält Epstein Kontakt: zu Ronald Lauder, dem Kosmetik-Erben, den Brüdern Charles und Edgar Bronfman, Erben des Spirituosen-Konzerns Seagram, und Laurence Tisch, Chef und Mehrheitsgesellschafter des TV-Senders CBS.16 In den Emails, die das Department of Justice online gestellt hat, geht es um Verabredungen, Meinungsaustausch, Organisatorisches. Im Fall von Lauder hält die Verbindung mit Epstein bis in die Endphase. Noch 2017 verabreden die beiden ein Abendessen mit Woody Allen. 

 

Die historische Kontinuität ist bemerkenswert. Epstein und die Herren vom Club der Philanthropen kooperieren über drei Jahrzehnte. Nur Ghislaine Maxwell war so lange an Epsteins Seite.  

 

 

Ein Mann mit Zukunft 

 

Lauder wohnt in einem der luxuriösen Apartmentgebäude an der Upper East Side, die in den 20er Jahren im Art-Deco-Stil gebaut wurden - 740, Park Avenue. Die Wohnungen haben einen großzügigen Repräsentationsbereich mit Bibliothek, Salons und Kaminen. Hier empfängt Lauder regelmäßig Politiker und Mitglieder der Finanzelite. 

 

Ab Oktober ´84 ist ein neues Gesicht dabei: der 35jährige Benjamin Netanyahu, Israels neuer Botschafter bei den Vereinten Nationen. Ein Falke, der den Iran in seinen Reden heftig attackiert und Israel als Licht der Demokratie in einem Meer der Finsternis preist. Netanyahu gehört der rechten Likud-Partei an und er ist ehrgeizig. Schon Anfang der 80er Jahre hat er verkündet, dass er eines Tages Premierminister werden wird. 

 

Lauder führt Netanyahu in die Netzwerke der jüdischen Großspender ein. Viele von ihnen teilen die Hardliner-Positionen des Botschafters und so entsteht hier Mitte der 80er Jahre ein Kreis von Unterstützern, die Netanyahus Partei finanzieren und seinen Aufstieg über Jahrzehnte begleiten werden. Zu diesen Unterstützern gehören neben Gastgeber Lauder weitere Mitglieder der Mega-Group, allen voran die Bronfman-Brüder aus der Spirituosen-Dynastie. 

 

Die Mitglieder der jüdischen Elite in den USA, die wir am Anfang dieser Folge bei der Preisverleihung im Grand Hyatt kennengelernt haben, die sich in der Mega Group versammeln und beim Kosmetik-Erben in der Park-Avenue treffen, haben das gemeinsame Ziel, die Existenz des Staates Israel zu sichern. Viele von ihnen sind überzeugt, dass Israel nur mit der Hilfe Washingtons dauerhaft überleben kann.17 So formuliert es auch die pro-israelische Denkfabrik Washington Institute for Near East Policy. 

 

Kann es also sein, dass die Freunde Israels Epstein als Mittel im Kampf um Einfluss und Unterstützung benutzt haben? Dass er ein Lockvogel war, angesetzt auf die Mächtigen im Land? Seine schrägen Obsessionen machten ihn jedenfalls zu einem authentischen Vertreter der sexuellen Grenzüberschreitung. Er musste sich nicht verstellen, sondern nur ausleben, was ihn umtrieb. Nichts ist überzeugender als wahre Leidenschaft. 

 

Einige Puzzle-Teile sprechen durchaus für die These, dass Epstein vom Club der Philanthropen instrumentalisiert wurde, um Mitglieder der amerikanischen Elite zu kompromittieren und schließlich steuerbar zu machen. Aber etwas passt nicht zu diesem Verdacht: um Epsteins Lifestyle auf das nötige Level zu bringen, hätte der Dessous-Milliardär Wexner ihm keineswegs die merkwürdige Vollmacht über das eigene Vermögen geben müssen. So etwas macht man nur, wenn man nicht der Herr des Verfahrens ist, sondern selber nur ein Instrument. Wurde der Milliardär Wexner also gezwungen, Epstein zu unterstützen?

 

Ein Jahr bevor Epstein in Wexners Dienste tritt, gerät dessen Anwalt Athur Shapiro wegen Steuerhinterziehung ins Visier der Justiz. Einen Tag vor seiner geplanten Aussage vor einer Grand Jury wird er von einem roten BMW verfolgt und mit zwei Schüssen in den Kopf ermordet. Das FBI erkennt darin die Handschrift der Mafia und ermittelt auch in Richtung Wexner und dessen Umfeld. Verdacht der Beamten: das Mordopfer hatte für Wexners Firmen-Imperium illegale Steuersparmodelle entwickelt und war nun zur Gefahr geworden. Der Mord wird nie aufgeklärt, aber seitdem schwebt ein Verdacht über Wexner.18

 

Auch die Brüder Bronfman waren kein unbeschriebenes Blatt. Im Laufe der 90er und Nuller Jahre wurde gegen sie mehrfach wegen illegaler Wahlkampffinanzierung und anderer Straftaten ermittelt. Schwerer aber wiegt der Verdacht, dass ihr Vermögen ursprünglich aus der Kooperation mit dem organisierten Verbrechen stammt. Die Eltern der Bronfman-Brüder hatten in der Prohibitionszeit mit Alkohol gehandelt und dabei mit jenen Mafia-Familien kooperiert, die später auch zu den Klienten des Anwalts Roy Cohn gehörten, unter anderem der Genovese-Familie. Jener Cohn, der in unserer Anfangsszene mit einem Preis geehrt wurde und der Mentor des jungen Donald Trump war. Das alles wissen wir, weil sich Finanzbehörden, FBI und mehrere Senatsausschüsse bis Anfang der 80er Jahre immer wieder mit der Familiengeschichte der Bronfmans befasst haben.19

 

Die Sponsoren Epsteins hatten offensichtlich ihre eigenen dunklen Seiten und boten Angriffsflächen. 

 

Ein Zufallsfund

 

Im Januar ´97 hört der amerikanische Geheimdienst NSA ein Telefongespräch zwischen der Mossad-Zentrale in Tel Aviv und einem ihrer Agenten in Washington ab. Thema des Gesprächs ist ein Brief des amerikanischen Außenministers an PLO-Chef Yassir Arafat. Der Brief ist brisant, es geht um Garantien der Amerikaner und den Abzug der israelischen Armee aus Hebron. Die Mossad-Zentrale verlangt eine Kopie für Premier Netanyahu, der Agent sagt dazu wörtlich: „Der Botschafter will, dass ich zu Mega gehe, um eine Kopie zu bekommen.“ Tel Aviv antwortet: „Das ist keine Sache, für die wir Mega einsetzen.“ Die NSA hält „Mega“ für einen Tarnnamen, denn die Mega-Group ist zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht in der Öffentlichkeit bekannt.20

 

Erst viele Jahre später stellen Journalisten einen Zusammenhang her und kommen zu dem Schluss, dass der Mossad die Mega Group für geheimdienstliche Zwecke benutzt haben könnte. Dadurch bekommt das Sponsoring des Sexualstraftäters Epstein eine völlig neue Dimension. 

 

Wenn die führenden Figuren der Mega Group Verbindungen zum organisierten Verbrechen hatten, im Dienst des Mossad standen und den Hardliner Netanyahu finanzierten, dann waren ihre philanthropischen Ziele wohl nur ein Cover. Dann dienten Epsteins Taten nicht nur seinen eigenen Obsessionen, sondern vor allem den Interessen Israels. Und dann war der Sexualstraftäter und Power Broker Teil einer wesentlich umfassender angelegten Strategie, die Supermacht USA an die Kette zu legen. Sie zu einem Bündnispartner zu machen, der auch dann nicht wankt, wenn er seinen eigenen Interessen schadet. Das ist die hohe Kunst der Manipulation. 

 

Der Tatort ist ein Milieu, in dem sich die gleichen Akteure über Jahrzehnte immer wieder begegnen und in dem sich politische, geschäftliche und manchmal auch sehr private Interessen überschneiden. Da ist Donald Trump, der in seinen frühen Jahren von Roy Cohn trainiert wird, einem Anwalt der Mafia und Mitglied der pro-israelischen Netzwerke in New York. Trump, der als Präsident im Interesse Israels einen Krieg gegen den Iran führt, der nicht zu gewinnen ist und Amerika schwächt. Da ist der Dessous-Unternehmer, der Epstein finanziert und damit die Villen, in denen Mitglieder der US-Elite im Orgien-Modus gefilmt werden können. Da ist der Kosmetik-Erbe, der den künftigen Premier Israels in die New Yorker Gesellschaft einführt und der Epsteins Dinner-Parties bis zum Ende besucht. Da ist schließlich Epstein selbst, der von einem Freund des Mafia-Anwalts und Trump-Mentors Cohn in die Finanzwelt geholt wurde; der mit Trump Parties feiert und der mit dem israelischen Ex-Geheimdienstchef und Außenminister Ehud Barak eng befreundet ist. Epstein, dessen Komplizin über Jahrzehnte Ghislaine Maxwell war, Tochter des Verlegers Robert Maxwell, der Israel bei der Beschaffung von Nuklear-KnowHow half und der mit einem Staatsbegräbnis am Ölberg geehrter wurde.21 Am Grab stand damals auch jener Ehud Barak, mit dem Epstein privat, politisch und geschäftlich verbunden war22

 

Was für ein Netzwerk!

 

Am 18. Februar 2026 sitzt Leslie Wexner vor einem Untersuchungsausschuss des Repräsentantenhauses. Der Ausschuss will herausfinden, warum Wexner mit Epstein zusammenarbeitete und was die Natur dieser Zusammenarbeit war. Wexner ist 88 Jahre alt, er sitzt vor dem Gremium in einer schwarzen Lederveste, ein älterer Mann ohne Attitude, leicht irritiert vom juristischen Prozedere, fast etwas hilflos. Allerdings begleiten ihn drei Anwälte.23  

 

Wieviel Zeit denn vergangen sei zwischen dem ersten Kennenlernen und dem Tag, an dem Wexner Epstein engagierte, will der Ausschuss wissen. Wexner weicht aus, kann sich nicht genau erinnern. Meint schließlich, es sei wohl ein Jahr gewesen. Klar wird, dass Wexner sich unwohl fühlt und genau weiß: zwischen der kurzen Bekanntschaft und der immensen Verantwortung, die er Epstein übertrug, gibt es eine Diskrepanz, die er nicht erklären kann. 

 

Im Grunde genommen sei er einfach naiv gewesen und dem Weltmeister des Betrugs auf den Leim gegangen, erklärt Wexner dem Ausschuss. 

 

Und dann kommt er allmählich in Fahrt. Dass Epstein nach eigenen Angaben für die Rothschilds gearbeitet habe, wie er Zugang zu den Models bei Victoria’s Secret bekam. Sein Anwalt greift mehrfach ein und rät zur Zurückhaltung. Aber Wexner lässt sich nicht bremsen. Je länger er redet, desto größer wird das Risiko, dass ihm Details rausrutschen, die nicht für die Öffentlichkeit bestimmt sind. Und so zischt ihm der Anwalt schließlich ins Ohr: 

 

„I will fucking kill you if you answer another question with more than five words.“

 

Kamera und Mikro zeichnen die Szene auf, Wexner grinst verlegen und versucht den Eindruck zu erwecken, das Ganze sei ein Scherz. Der Rentner in der Lederweste sieht plötzlich gar nicht mehr aus wie ein Milliardär, der alles unter Kontrolle hat.

 

 

FUSSNOTEN

 

1 https://www.vanityfair.com/culture/2015/10/graydon-carter-donald-trump?utm_source=chatgpt.com

Abgerufen: 14.09.2026; 10:33:02

2 https://www.reaganlibrary.gov/public/digitallibrary/whormsubject/me001/40-654-12019891-024-009-2018.pdf

3 Anfang der 80er Jahre hatte Israel rund 4 Millionen Einwohner, die Nachbarn Ägypten, Jordanien, Syrien und Libanon zusammen 60 Millionen.

4 New York Times, 16.12.2025

Scams, Schemes, Ruthless Cons: The untold Story of How Jeffrey Epstein Got Rich

https://www.nytimes.com/interactive/2026/06/16/magazine/jeffrey-epstein-death-final-days.html

Abgerufen: 05.09.2026; 10:30:45

5 Eric Weinstein, Mathematiker, Ökonom und Managing Director bei Thiel Capital, sagte gegenüber Steven Bartlett in „Diary of a CEO“, dass Epstein ein „schräger Typ“ gewesen sei, der behauptete, einen milliardenschweren Devisenfonds zu managen, aber keine Ahnung von dem Geschäft hatte.

Transskript des Podcasts

https://pickscribe.com/de/v/I-iyGGPabpI

Abgerufen: 06.09.2026; 08:48:41

6 Die Website der UJA meldet 2008 eine Spende von 41 Millionen Dollar aus dem Greenberg-Event.

https://www.jta.org/2007/10/26/ny/federation-fete?utm_source=chatgpt.com

Abegrufen: 0609.2026; 09:49:59

7 New York Times, 16.12.2025

Scams, Schemes, Ruthless Cons

8 Die Anwesenheit Lauders beim B´nai Brith Dinner ist durch die Einladungsliste der Reagan Library dokumentiert.

9 https://www.worldjewishcongress.org/en/85th-anniversary/my-vision-of-the-jewish-future?utm_source=chatgpt.com

Abgerufen: 08.09.2026; 08:57:33

10 The Guardian, 26.01.2026

https://www.theguardian.com/world/2020/jan/26/auschwitz-memorial-ronald-lauder-world-jewish-congress-call-to-halt-antisemitism?utm_source=chatgpt.com

Abgerufen: 08.09.2026; 09:02:53

11 Seine Haltung fasst Ronald Lauder anläßlich der Verleihung „Guardian of Zion“-Preises 2016 zusammen. 

https://www.worldjewishcongress.org/en/news/the-era-of-the-quiet-jew-is-over-ronald-lauder-lays-out-vision-for-future-of-jewish-people-6-2-2016?utm_source=chatgpt.com

Abgerufen: 11.09.2026; 08:35:41

12 WJS, 04.05.1998

Titans of Industries join forces to work for Jewish Philanthropy

https://archive.ph/cg7w8

Abgerufen: 07.09.2026

13 https://de.scribd.com/document/429893851/Leslie-H-Wexner?utm_source=chatgpt.com

Abgerufen: 09.09.2026; 10:41:22

14 Wall Street Journal, 18.02.2026

Der Artikel nennt die Gesamtsumme von 200 Mio., die Wexner an Epstein gezahlt haben will. Dies sagt Wexner vor einem Untersuchungsausschuss des Kongresses aus, betont aber gleichzeitig, dass er von Epstein betrogen worden sei. 

https://www.wsj.com/search?query=Jeffrey+Epstein+Wexner+200+million&utm_source=chatgpt.com

Abgerufen: 10.09.2026; 08:07:43

15 Allein die Harvard University listet in ihrem Bericht zu den Epstein-Spenden für den Zeitraum 1998 bis 2007 über 9 Mio. Dollar auf.

https://www.harvard.edu/president/news-and-statements-by-president-bacow/2020/report-regarding-jeffrey-epstein-s-connections-to-harvard/?utm_source=chatgpt.com

Abgerufen: 10.09.2026; 08:04:00

16 https://www.justice.gov/epstein

Abgerufen: 10.09.2026; 08:33:59

17 Die pro-israelische Denkfabrik Washington Institute for Near East Policy schreibt: „It is unclear if the country would survive without American support.“

https://www.washingtoninstitute.org/policy-analysis/beyond-mowing-grass-us-and-israeli-strategy-middle-east?utm_source=chatgpt.com

Abgerufen: 13.09.2026; 10:52:32

18 Der Untersuchungsbericht des FBI ist hier abrufbar:

https://archive.org/details/shapiromurderfilecomplete1/mode/2up

Abgerufen: 13.09.2026; 17:54:49

19 Die Investigativ-Journalistin Whitney Webb schildert die Familiengeschichte der Bronfmans in ihrem zwei-bändigen Werk „One Nation under Blacktail“. 

 

Sie kommt zu dem Schluss:

„There is reason to speculate as to whether the sole intention of the Mega Group was focused on philanthropy. The main reason to suspect that ulterior motives may hide behind the group’s “philanthropic” mission is because many of the group’s members, including its founders Wexner and Bronfman, have direct and indirect ties to organized crime and/or intelligence networks that have been explored in this book.“

 

Alyse, Whitney. One Nation Under Blackmail - Vol. 1: The Sordid Union Between Intelligence and Crime that Gave Rise to Jeffrey Epstein, VOL.1 (English Edition) (p. 200). (Function). Kindle Edition.

20 Das Abhörprotokoll veröffentlicht die Washington Post im Mai 1997.

https://archive.org/details/shapiromurderfilecomplete1/mode/2up

Abgerufen: 13.09.2026; 18:21:55

21 Siehe dazu: StealthCrime - Maxwells Erbe

22 https://www.aljazeera.com/news/2025/12/9/israels-ex-pm-ehud-barak-and-jeffrey-epstein-had-close-relationship-emails-reveal?utm_source=chatgpt.com

Abgerufen: 14.09.2026; 11:05:49

 

https://apnews.com/article/epstein-israel-us-barak-politics-5709588906fb10cd51bb49f30a9825d2

Abgerufen: 14.09.2026; 11:06:31

23 Die knapp 5-stündige Befragung wurde vom Komitee als Video veröffentlicht.

https://www.youtube.com/watch?v=QFZQxsZFZoo

Abgerufen: 14.09.2026; 11:08:45

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